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Von Frankreich lernenWie man Rechtsextreme stoppt

Das Urteil gegen Le Pen in Frankreich heißt für Deutschland: Die AfD muss endlich verboten werden. Kaum Vorstellbares ist jetzt möglich.

Ein Weiterso, wie es unter Merz und Klingbeil zu befürchten ist, führt zum Wahlsieg der AfD in wenigen Jahren

L etztens stand – mal wieder – ein doofer Kommentar in der Zeitung. Der Autor – total naiv – freute sich, dass die Ampel endlich Geschichte sei und nun etwas Neues beginnen könne. Genau das Richtige, wenn Sie gerade frisches Material gesucht haben, um es auf Social Media mit einer klugen Einschätzung zu teilen: „Typisch taz, geht gar nicht.“

Besagter Kommentar erschien am 6. November, wenige Stunden nachdem Olaf Scholz verkündet hatte, dass er Finanzminister Christian Lindner entlassen werde, und war von mir.

Fünf Monate und eine Bundestagswahl später ist nicht mehr viel übrig vom Gefühl der Befreiung. Die schwarz-rote Koalition ist noch nicht mal im Amt und fühlt sich schon so alternativlos und mittig an, als gäbe es sie seit 16 Jahren. Und just in dieser Woche erschien eine Umfrage, nach der die AfD stärkste Partei ist. Die Union steht zwar zusammengenommen noch einen Hauch von ein bis zwei Prozentpunkten vor ihr, aber zieht man die Werte für die CSU in Bayern ab, steht die AfD von Alice Weidel erstmals vorne.

Was tun? Die Parteien der sogenannten Mitte haben seit über zehn Jahren gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, den Aufstieg des Rechtsextremismus zu verhindern. Sie haben jahrelang versucht, die AfD etwa in der Migrationspolitik zu kopieren, und sind gescheitert. Was bisher über das Programm der künftigen Regierung bekannt ist, nährt nicht die Hoffnung, dass sie es sein wird, die die Demokratie vor dem Faschismus retten wird. Sie will die Grenzen dichtmachen, ein paar Geschenke verteilen, die Rente noch ein paar Jahre sichern und ansonsten vor allem aufrüsten.

Politik könnte das Leben materiell verbessern

Man könnte zur Abwechslung ja versuchen, die AfD mit progressiver Politik kleinzukriegen. Es wäre dringend nötig, ihren Wählern zu zeigen: Es gibt Alternativen zum Kurs der vergangenen Jahre, Politik ist handlungsfähig und kann dein Leben materiell verbessern. Aber für eine antifaschistische Wirtschaftspolitik, für dringend nötige Umverteilung und eine fortschrittliche Erzählung gibt es aktuell keine Mehrheit.

Wenn die Möglichkeiten, den Faschismus politisch zu bekämpfen, wenig erfolgreich sind, bleibt der Rechtsweg, Frankreich ist ihn diese Woche gegangen. Mag sein, dass das Urteil gegen Marine Le Pen ihre Partei nicht langfristig aufhält, dass ihr Ziehsohn Jordan Bardella sogar gefährlicher ist, weil er jung ist und nicht ihren Namen trägt. Aber doch geht von dem Urteil ein wenig Hoffnung aus: Man kann Rechtsextreme, die den Rechtsstaat verachten, mit den Mitteln ebendieses Rechtsstaats bekämpfen.

Für Deutschland bedeutet das Urteil, dass endlich die AfD verboten werden muss. Vor der Wahl lehnten viele Konservative und Sozialdemokraten das Verbot ab, man würde damit in den Wahlkampf eingreifen. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr. Und wenn der Verfassungsschutz es immer noch nicht schafft, ein Gutachten vorzulegen, weil sich die Partei schneller radikalisiert, als die Beamten tippen können, dürfte es reichen, die täglichen Zeitungsberichte meiner KollegInnen über die AfD auszuschneiden und nach Karlsruhe zu schicken.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Ein AfD-Verbot mag aktuell kaum vorstellbar sein – aber das galt bis eben auch für eine Reform der Schuldenbremse. Merz hat gezeigt, dass er seine Haltung ändern kann, wenn es drauf ankommt. Natürlich würde ein Verbot das Problem des Rechtsextremismus nicht lösen. Aber es würde den demokratischen Parteien Luft verschaffen, es mit einer politischen Lösung zu versuchen. Ein schwarz-rotes Weiterso, wie es sich derzeit abzeichnet, führt dagegen zum Wahlsieg der AfD in wenigen Jahren.

Glauben Sie nicht? Ich hoffe, Sie haben recht und können mir auch diese Kolumne bald unter die Nase reiben.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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50 Kommentare

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  • Man mag darüber streiten ob das ein guter Weg zum Erfolg ist, ich zweifle daran sehr. Wer eine Kandidatin per Gerichtsbeschluss stoppt der verhindert vielleicht, dass eine demokratische Entscheidung zu ihren Gunsten, getroffen werden kann. Das ändert jedoch nichts an der Gesinnung der Wähler, ganz im Gegenteil, es birgt das Potenzial ihre Sicht der Dinge weiter zu konsolidieren.

    Von daher halte ich auch die Überschrift des Artikels für verfrühte Siegesgewissheit, wer gewinnt und wer verliert wird sich nach der Wahl zeigen.

  • Man nehme ein Urteil aus einem Land mit anderen Gesetzen, das zu einem anderen Thema gefällt wurde (Le Pens Partei wurde nicht verboten) und übertrage es auf Deutschland. Seriös ist das nicht.

    Zudem wissen wir noch nicht mal, wie es sich auswirken wird. Aktuell ist es immer noch möglich, dass die Berufung dazu führt, dass sie doch noch Präsidentin wird.

  • Zustimmung in einem Punkt: Jordan Bardella hätte - wenn Marine Le Pen tatsächlich nicht kandidieren dürfte - wohl beste Chancen, 2027 Präsident zu werden. Seine Umfragewerte sind bisher (noch!) fast gleich gut wie die seiner Chefin, und wer ihn einmal live im französischen TV erlebt hat, wird es wohl bestätigen können: Der Mann ist eine grosse politische Begabung, kommt nicht nur als sympathischer, idealer Schwiegersohn rüber, sondern auch als kompetenter und fast immer sachlich bleibender Diskussionspartner...

  • Natürlich bin ich für ein AFD-Verbot, allerdings ist die AFD heute erst einmal gleichauf mit der CDU. Tja. Was ist denn bitte mit dem seit Jahren angekündigten inhaltlichen Stellen geworden?

    • @Leningrad:

      Inhaltlich Stellen. Ja, gern. Versuchen Sie das mal bei Menschen, die glauben, dass die Brandstifter bei der Feuerwehr sitzen... Uli Hannemann, bitte:



      taz.de/Die-Wahrheit/!6077303/

  • Das Argument mit dem "Luft verschaffen" finde ich ganz gut, aber ein Verbot würde auch viele "gefühlte Märtyrer" schaffen und die Zustimmung für Rechtsradikale weiter erhöhen. Leider. Welcher Effekt würde überwiegen?



    Uns fehlen dringend Bildung und fähige Politiker.

  • Die AfD verbieten? Eine Partei die nach aktuellen Umfragen bei 24% steht? Ein trumpischer Ansatz. So tötet man die Hydra nicht. Bei aller Symphatie für den Wunsch, diese Partei in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen, aber dann formiert sich eine neue Partei mit dem gleichen Programm und geht auf Stimmenfang. Was wäre gewonnen? Nichts! Man muss den Unmut in großen Teilen der Bevölkerung beseitigen, nicht das Ablassventil verstopfen wollen.

  • Wer bringt den Antrag auf das Verbot der AfD auf den Weg? Schade, dass wir als einfache StaatsbürgerInnen das nicht können. Sofort muss der AfD Verbotsantrag auf den Weg. (Naja, obwohl sich das ein bisschen so anfühlt wie die Dummheit zu verbieten, was ja auch nicht geht.) Dennoch - es ist eine Chance, den noch demokratischen Staat mit den gegebenen Mitteln zu schützen.

  • Natürlich muss eine Partei verboten werden, deren Ziel die Zerstörung die Demokratie ist. Und endlich muss das Instrument des Erfolgs der AfD zerstört werden: ihre Propaganda. Wer ein wenig auf Facebook unterwegs ist, stösst permanent auf rechtes Geschwafel mit unzähligen Likes von Fake-Accounts. Dagegen kann man etwas tun.

  • Pardon, das überzeugt mich nicht. Die Quintessenz des Artikels ist: Man könnte die AfD erfolgreich politisch bekämpfen. Aber dafür gibt es keine Mehrheiten, dagegen stehen Interessen. Also verbieten wir die AfD einfach. Dann können wir es immer noch politisch versuchen.



    .



    Warum sollte das dann aber noch jemand wollen, der jetzt schon bei 25% AfD die nötigen Maßnahmen scheut?



    .



    Nehmen wir das für die AfD zentrale Thema Migration. Eine antifaschistische Migrationspolitik müsste m.E. zuerst da ansetzen, wo Zuwanderung in den Kommunen Probleme verursacht: Wohnraum, Schulen, Arbeitsmarkt, Spracherwerb etc. Die Botschaft müsste sein: Wir werden auf absehbare Zeit ein Einwanderungsland sein. Das ist auch ökonomisch sinnvoll. Wir sehen, dass ihr vor Ort konkrete Probleme habt, das aufzufangen. Wir werden den Schalter umlegen und die Probleme angehen, vor allem das Wohnungsproblem.



    .



    Das müsste eine politische Priorität sein, um die AfD politisch zu stoppen. Ein Verbot der AfD wäre nur weiße Salbe und würde die Probleme nicht lösen. Es könnte vielmehr zunächst so weitergewurstelt und zusätzlich exklusiv die Rüstungsindustrie bedient werden.

  • Ich hätte nichts gegen ein AfD-Verbot und es wäre auch absolut gerechtfertigt.

    Der nachhaltigere Weg ist, wie beschrieben, eine aktive und zukunftsfähige Wirtschafts- und Sozialpolitik.

    Aber anscheinend ist Schwarzrot entschlossen, alles immer weiter schleifen zu lassen und nur die Taschen der Infrastruktur- und Rüstungsmilliardäre weiter mit Steuergeldern zu füllen.

    Traumszenario: Das richtige tun UND Parteiverbot ;-).

  • "Die Parteien der sogenannten Mitte haben seit über zehn Jahren gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, den Aufstieg des Rechtsextremismus zu verhindern."

    Nicht nur die Parteien "der sogenannten Mitte".

    Auch die linken Parteien haben offenkundig genauso versagt.

    • @rero:

      Welche Masse an linken Parteien, die nicht zur "sogenannten Mitte" gehören haben denn jetzt versagt?

  • Das eigentliche Problem, welches von der afd ausgeht, ist doch nicht deren (dümmlicher und selbstschädigender) Populismus..sondern deren kriminelle und Menschen verachtenden Elemente und Strömungen. Woraus sich durchaus Überschneidungen mit dem kriminellen Verhalten von Le Pen ergeben..







    Leider wird die afd aber zunehmend als gleichzeitig radikale wie auch scheinbar harmlose Alternative zur CDU wahr genommen..ein äußerst gefährlicher Trugschluss.!







    Igendwie beschleicht mich dabei das Gefühl, hier wird das Kinderspiel: *wer hat Angst vorm schwarzen Mann* in neuem Gewande aufgeführt. Denn mittlerweile kann man überall Kommentare lesen, die glauben, wenn man dieses oder jenes tut..oder nicht tut, würde das immer nur die afd stärken. Aber wieso.? Rational ist das jedenfalls nicht.



    Wird hier also an irgendwelche Urängste aus Kinderzeiten appeliert.?







    Vlt kann mal jede❤️r nach seinem/ihren inneren *schwarzen Mann/Frau* schauen..das könnte mehr Klarheit und Rationalität in die Thematik bringen..

    Nazis muss man mit Selbstbewußtsein, Entschiedenheit und Rückgrat begegnen.. Denn erst auf solcher Basis kann ein Verbotsverfahren mit Mut und der nötigen Entschlossenheit geführt werden.

  • 1. Ging es in Frankreichs um einen Rechtsverstoss und nicht um Extremismus.



    2. Haben wir eine rechte Mehrheit im Parlament und bekommen anscheinend wieder linksgrüne Politik. Das werden sich die rechten Wähler nicht bieten lassen. Es würde sicher schnell eine Nachfolgepartei geben.



    Was bleibt? Umerziehung? Diktatur des Proletariats?



    Doch nicht im Ernst!

    • @Carsten S.:

      Kleiner Nachtrag: Ihr Punkt 1 stimmt natürlich … das Urteil gegen Le Pen ist ein schlechtes Beispiel, wenn man für ein AfD-Verbot plädiert.

    • @Carsten S.:

      Definieren Sie „linksgrüne“ Politik vor dem Hintergrund dessen, was uns in den nächsten vier Jahren politisch erwartet.

    • @Carsten S.:

      Der Staat muss Zähne zeigen, denn die AfD ist gegen die BRD gerichtet und sie hat die Kraft, dies auch umzusetzen. Die NPD würde ja nur nicht verboten, weil sie zu schwach für ihre Umsturzpläne war. Dies liegt bei der AfD nicht vor. Das Gros der AfD-Unterstützer sind wie immer klassische Mitläufer, auf deren Reaktion kann man ruhig mal abwarten, wenn der sprichwörtliche Knüppel der Staatsmacht auf ihre Partei niedersaust.

      • @FancyBeard:

        Die NPD wurde nicht verboten weil nicht festzustellen war, was an ihr Staat bzw. Anti-Staat ist.

        TAZ vom 15.05.2015:



        “Elf V-Leute in Spitzenämtern.”

        Die AfD ist da natuerlich immun bzw. die Dienste sind lernfaehig.

        (hust hust)

  • Die Schuldenbremse wurde ausschließlich für Militrisierungskosten über 1% des BIP gelockert. Geht man von einem Soll von 2% aus, und einem Bundeshaushalt von 10% des BIP, so sind das gerade einmal 10% Entlastung des Bundeshaushalts. Das ist nicht nichts, aber eben auch nicht den großen Herausforderungen der Gegenwart angemessen. So weit musste Merz sich also gar nicht verbiegen, den Klimawandel erkennt nicht nicht als nennenswertes Problem an und will in mit lächerlichen 100 Mrd über 12 Jahre bekämpfen.

    Ausgerechnet gegen eine rechte Partei, die die Positionen seines rechten Lagern in der CDU salonfähig macht wird Merz sicherlich ncihts unternehmen. Die sind ja potenzielle Mehrheitsbeschaffer und Drohkulisse gegen die Mitte. Der Mann hat sich noch nie als staatstragend, verantwortungsbewusst oder auch nur pietätsvoll gezeigt. Billiger ist es da, gegen Omas gegen rechts zu schießen. Passt halt besser zu einem rechten Opa.

    Fazit: Eher geht ein Söder zur Anti-Nazi-Demo, als dass ein Merz die AfD verbietet.

  • Ein Verbotsverfahren ist schlicht ein Zeichen der Schwäche. Man schafft es nicht, die Argumente der andern zu entkräften (obwohl man an der Macht ist bzw war) und muss daher Zwangsmaßnahmen ergreifen. Dabei sind die Konsequenzen derartiger Handlungen schlicht nicht vorhersehbar. Eine Partei zu verbieten die 25% der Stimmen hat und ein Viertel der Bevölkerung repräsentiert - das würde die deutsche Gesellschaft wirklich spalten, mit Konsequenzen die ausser Kontrolle geraten können. In Frankreich hat die Regierung ja das gefährliche Potenzial des Urteils erkannt und entschärft. In Deutschland sollte man klüger sein und ein derartiges Szenario nicht erst entstehen lassen.

    • @Gerald Müller:

      Hier geht es doch nicht um politische Gegnerschaft oder Parteienkonkurrenz. Ein Parteiverbot ist darüber angesiedelt. Ein Staat, der sich abschaffen lassen lässt, nichts anderes hat die AfD vor, der ist kein Staat.

      • @FancyBeard:

        Ja.

    • @Gerald Müller:

      Da stellt sich dann die Frage, ab wieviel Prozent an Zustimmungswerten ist es dann legitim sich über demokratische Werte zu stellen? Oder andersherum, hat sich das Recht nach dem Volke zu richten oder das Volk nach dem Recht?

      Stimmen sie letzterem zu, dann spielt es keine große Rolle, ob eine Partei Zustimmungswerte von 25% oder 50% hat oder gar die Regierung bildet.

      Es gibt in Deutschland ein Grundgesetz darin ist u.a. geregelt, was hierzulande unter demokratischer Ordnung zu verstehen ist. Und unter Art. 21 Abs. 2 dieses Gesetzes sind auch die Voraussetzungen für die verfassungswidrigkeit einer Partei geregelt.

      Erfüllt eine Partei die Kriterien unter Art 21 und werden diese per Beschluss vom BVerfG festgehalten, dann ist die Sache erledigt und zwar unabhängig davon, was ein Teil der Bevölkerung davon hält.

      Die einzig berechtigte Frage ist daher lediglich, wo bleibt der Kläger?

      • @Sam Spade:

        Ab 66%, das ist die verfassungsändernde Mehrheit. Das ist ja das Lustige an der Demokratie. Es gibt in der Therorie die demokratische Möglichkeit, die Demokratie abzuwählen. Es klingt Paradox, aber wenn der Volkswille ist, dass der Volkswille in Zukunft keine Rolle mehr spielt, dann ist das umzusetzten demokratisch. Unsere Verfassung hat natürlich recht viele Hürden bis es soweit kommt.

        • @JSch:

          "Es gibt in der Therorie die demokratische Möglichkeit, die Demokratie abzuwählen"

          Das Grundgesetz enthält sogenannte Ewigkeitsklauseln, die werden deshalb so bezeichnet, weil einige Bestimmungen im Grundgesetz niemals aufgehoben werden können. Dazu zählen Freiheit und Demokratie und die föderative Staatsform. Diese sind in Deutschland unveränderbar.

          Es gibt daher in dieser Hinsicht auch keine verfassungsrechtlichen "Hürden" und auch kein Paradoxon, da es schlichtweg theoretisch und praktisch nicht möglich ist auf demokratischen Wege die Demokratie "abzuwählen" oder die Menschenrechte abzuschaffen oder die förderale Ordnung aufzulösen.

        • @JSch:

          Das Paradox ist leicht aufzulösen: Demokratie ist kein statischer Zustand, sondern in ihrem Wesen von der Garantie abhängig, dass sie auch in der Zukunft gewährleistet bleibt. Für die Wirksamkeit demokratischer Kontrolle zählt stets die nächste, nicht die vorangegangene Wahl.



          Die Wahlen von morgen abzuschaffen kann also niemals demokratisch sein, auch wenn gestern einstimmig dafür entschieden wurde.

  • Die weiter steigenden Umfragewerte für die AfD zeigen, dass die bisherige Politik des Eindämmens und Beschwichtigens gegenüber den Rechtsextremisten gescheitert ist. In spätestens vier Jahren klopfen die Faschisten an die Türe der Macht, wenn es schon nicht vorher zu Neuwahlen kommen sollte - wegen der desaströsen politischen Weichenstellungen, die Schwarz/Rot schon belasten, bevor sie überhaupt die Regierungsgeschäfte übernommen haben. Eine Koalition der Verlierer.



    Deshalb ist Augustin absolut darin zuzustimmen, dass es höchste Eisenbahn ist, den Verbotsantrag jetzt endlich auf den Weg zu bringen - wenn es dafür nicht schon zu spät ist, weil die AfD schon längst dafür Sorge getragen hat, dass ihre Leute ein solches Prozedere in den entscheidungsrelevanten (juristischen) Instanzen verschleppen oder gar ausbremsen können. Oder den anderen das Hufeisen schwer auf den Kopf gefallen ist. Beide zusammen haben leider schon die Mehrheit, weshalb ein AfD-Verbot unwahrscheinlich erscheint und die Dinge wohl ihren verhängnisvollen Weg gehen werden.



    Kampflos sollte man sich allerdings auch nicht einseifen lassen - alte Antifaschisten-Weisheit.

    • @Abdurchdiemitte:

      Warum sollte es für einen Verbotsantrag schon zu spät sein? Eingereicht kann er u.a. von der Bundesregierung oder dem Bundesrat werden und die sind meiner Kenntnis nach noch nicht von der AfD unterwandert. Selbiges würde ich einmal von der Justiz behaupten, mir ist jedenfalls kein Richter des Bundesverfassungsgerichts bekannt, dem eine Affinität zur AfD nachgesagt wird oder der gar ein Parteibuch hat.

      Es ist einfach das bekannte Problem, die Angst vor der eigenen Courage und der wohl immer noch vorhandene Irrglaube, mit einer entsprechend ausgestalteten Gesinnungspolitik AfD Wähler zurückholen zu können, der die etablierten Parteien umtreibt.

      Persönlich finde ich dieses Nichthandeln grob fahrlässig, denn in erster Linie geht es nicht darum die Wähler und Anhängerschaft der AfD nicht zu verprellen, sondern eine Partei zu verbieten die offensiv darauf hinarbeitet die freie demokratische Grundordnung zu beeinträchtigenden mit der Zielsetzung diese bei sich bietender Gelegenheit ganz abzuschaffen und durch ein autoritäres System zu ersetzen.

      Leider werden diese Punkte, Wählerwillen/Partei, nicht säuberlich voneinander getrennt, sondern gegeneinander aufgerechnet bzw abgewogen.

      • @Sam Spade:

        Ein Wort noch zu der von Ihnen empfohlenen „Gesinnungspolitik“, mittels derer die demokratischen Parteien der AfD die Wähler abspenstig machen sollten.



        Welche Sorte von Gesinnung sollte das denn wohl sein?



        Wenn es die ist, die ein Friedrich Merz im Bundestagswahlkampf an den Tag gelegt hat, kann ich gut und gerne darauf verzichten. Die sorgt nämlich dafür, dass die AfD schon jetzt - noch bevor Merz das Kanzleramt angetreten ist - fast gleichauf mit der Union liegt und sie wird die AfD geradewegs an die Macht spülen.

        • @Abdurchdiemitte:

          Nochmal bitte genau meinen Kommentar lesen. Da steht nichts von einer von mir empfohlenen Gesinnungspolitik sondern das diese bereits von den etablierten Parteien betrieben wird, Stichwort Migration.

          • @Sam Spade:

            Mea culpa … habe das Wörtchen „Irrglaube“ im Zusammenhang mit Gesinnungspolitik in Ihrem Kommentar schlicht überlesen.



            Insofern dann doch hundertprozentige Zustimmung meinerseits - meine Skepsis hinsichtlich der Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens bleibt aber bestehen.

      • @Sam Spade:

        Der Unterschied zwischen uns in dieser Frage ist vermutlich der, dass ich denke, es ist nicht alleine die Angst vor der eigenen Courage, die diejenigen Akteure, die ein AfD-Verbot einleiten könnte, eben daran hindert. Klar wäre das der Fall, wenn einem Verbotsantrag von vornherein zu wenig Aussicht auf Erfolg eingeräumt werden müsste, wie dessen Gegner ja auch argumentieren. Dann wäre der angerichtete politische Schaden in der Tat immens.



        Aber ich höre nur sehr wenige Argumente in der Debatte, die plausibel dafür sprächen, es mit dem Verbotsverfahren nicht zu versuchen. So bleibt m..E. nur der Verdacht, dass man in diesem Land ein STRUKTURELLES Problem mit dem Rechtsextremismus hat bzw. mit dessen Bekämpfung.



        Ich bin mir ziemlich sicher, es gäbe hier überhaupt kein Zögern, wenn man mit einem AfD-Verbot zugleich auch die Linke erledigen können.



        Denn genau genommen gibt es im bürgerlichen Spektrum in dieser Frage nur zwei Standpunkte: 1. Linke und Rechte sind gleichermaßen eine Gefahr für die bürgerliche Demokratie, 2. Linke sind eine viel größere Gefahr für die bürgerliche Demokratie als Rechte. Daran scheint sich auch nach den Erfahrungen von 1933 nicht viel geändert zu haben.

        • @Abdurchdiemitte:

          Es scheint schon seit Weimar hierzulande Tradition zu sein, dass aus bürgerlicher und konservativer Sicht Links als Bedrohung für die Demokratie angesehen wird und Rechts zwar als Störenfried, aber nicht als direkte Bedrohung betrachtet wird.

          Da könnten jetzt viele Parallelen gezogen werden zu heute.

          Am augenscheinlichsten wird das bei der Strafverfolgung deutlich. Da ist die Diskrepanz anhand der Prozesse und Urteile ja gut belegbar.

          Auch das staatliche Vorgehen gegen Aktivisten fällt ins Auge. Da reicht schon der Vergleich Klimakleber und Bauernproteste um das zu erkennen.

          Das alles würde ich jetzt aber nicht unbedingt auf das Thema Parteiverbot umlegen wollen.

          Die Bundespolitik sitzt in einem Glashaus und das hat nicht immer viel gemein mit den realen Gegebenheiten vor Ort und die vorherrschende Meinung im Glashaus dürfte sein, dass die demokratischen Kräfte stark genug sind, um das politisch und nicht rechtlich zu regeln.

          Als Norweger finde ich diese deutsche Mentalität gelinde gesagt naiv und gefährlich. Mit den Erfahrungen von 1933 im Hintergrund, müsste eigentlich längst Alarmstufe Rot herschen und dementsprechend gehandelt werden.

          • @Sam Spade:

            Ich sehe, wir sind uns in der Analyse des Problems einig. Und auch in der Forderung nach einem Verbot der AfD - gerade, weil Faschismus hierzulande ein strukturelles staatliches und gesellschaftliches Problem ist - das übrigens (nehmen Sie’s mir nicht übel) voll und ganz auch das Justizwesen erfasst - bin ich wenig optimistisch, dass es tatsächlich zu einem Verbot kommt (nicht, dass es nicht ausreichend Beweise gäbe).



            Mir ist bewusst, dass ich da einen heiklen Punkt anspreche: wann immer ich mich mit befreundeten Juristen (bin selber keiner) darüber austausche, ernte ich scharfe Kritik oder Unverständnis, auch bei solchen, die eher links oder liberal einzuschätzen sind.



            Es ist halt wie mit Ärzten, die Fehldiagnosen auch nicht gerne zugeben und von der „Objektivität“ ihres Metiers absolut überzeugt sind.



            Rechtsstaatlichkeit funktioniert nach meinem (Laien)Verständnis aber nur über ein demokratisch kontrolliertes, ausbalanciertes Gleichgewicht und Zusammenspiel der „drei Gewalten“, nicht indem jede für sich absolute Wahrheit und Recht für sich beansprucht.

  • Wie oft hab ich in der TAZ schon kommentiert, dass die AFD verboten werden muss. Und - ich würde es vor allem Olaf Scholz ankreiden, dass der Verbotsantrag nicht zustande gekommen ist. Es wäre ihm kein Zacken aus der Krone gebrochen, aber nein, er wollte dieses Problem lieber Friedrich Merz überlassen. CDU/CSU werden sich jedoch nicht nachsagen lassen wollen, dass sie aus politischem Unvermögen heraus, den Verbotsantrag gegen die AFD gestellt hätten. Dennoch muss es sein, denn die Masse der AFD-Wähler sind Putinfreunde, die unsere Demokratie verachten. Sie haben den Anschluss an das GG nicht vollzogen. Das darf ihnen aber nicht erlauben es abzuschaffen. Deshalb: Verbotsantrag gegen die AFD.

  • Marine le Pen hat über Jahre Gelder zweckentfremdet und damit die FN (Oder RN) finanziert. Das war hoch kriminell. Dafür ist das gesprochene Urteil extrem Milde und Marine Le Pen hat das Gericht brüskiert und sich das Urteil nicht mal zu Ende angehört.

    Ich muss sagen, dass das Gericht für meine Verhältnisse sehr lasch mit Marine umgegangen ist.

    Aber in einem Punkt stimme ich zu: Rechtsextreme muss man hart bekämpfen, zur Not auch mit Verboten und anderen harten Maßnahmen.

    Da die AfD eine große Bedeutung für die Politik des Landes hat, ist sie relevant und damit kommen ihre zahlreichen Positionierungen, die eben der Verfassung und den internationalen Verträgen widersprechen, dafür ist in Betracht zu ziehen, dass diese Partei einen Umsturz plant, die will diesen demokratischen Rechtsstaat abschaffen.

    Ob die Mitglieder der AfD auch Betrügereien auf dem Niveau von Marine Le Pen begehen, kann ich nicht beurteilen, vorstellen kann ich mir das aber, die Tendenz Gesetze nicht ernst zu nehmen, haben sie auf jeden Fall.

    Verbieten würde ich sie aber wegen ihrer verfassungsfeindlichen Positionen.

  • Die bisherigen AfD-Wähler sollen also mit progressiver Politik gewonnen werden. Antifaschistische Wirtschaftspolitik gepaart mit Umverteilung sieht dann eigentlich wie konkret aus? Erzählen wir den ostdeutschen AfD-Wählern, dass wir die 78% an Grundstücken die Westdeutsche im Osten beetzt halten endlich wieder repatriieren und das krasse Eigentumsgefälle zwischen den alten und neuen Bundesländern mit Ausgleichszahlungen nivellieren? Das könnte sogar funktionieren.

    • @Šarru-kīnu:

      Werden auch die Subventionen und Finanzausgleiche der letzten 35 Jahre repatriiert? Die Rechnung schicken wir dann der AfD-Regierung im neu geschaffenen Ostdeutschland. Mit all den leistungsfähigen jungen Menschen im Osten, die nur darauf warten ihr Potential endlich ohne BRD-Joch voll entfalten zu können, solten die zwei, drei Billionen im Nu abbezahlt sein.

      • @nihilist:

        Wir rechnen das gegen unsere Reparationen gegen. Wir Ostdeutsche haben 40 Jahre lang für eine gesamtdeutsche Schuld mit Blut und Tränen bezahlt. Uns die Konjunkturmaßnahme für die westdeutsche Bauindustrie in Rechnung zu stellen in deren Zuge wir quasi enteignet wurden klingt nach Trumpismus.

  • Was ist eigentlich aus dem Verfassungsschutzbericht über die AfD geworden, den sie wegen der Bundestagswahl zurückhielten?

    • @Andreas J:

      Der erscheint dann während der nächsten Fussball-WM um schnell wieder zu verstauben.

  • Bei aller berechtigten Begeisterung wegen des Urteils und den hergestellten Bezügen zur AfD: Fr. Le Pen und Konsorten wurden wegen eines Finanzvergehens verurteilt, nicht wegen ihrer extremen Gesinnung. Passiert leider überall. Und hat in der Sache mit einem Parteiverbot nichts zu tun.

  • Allmählich ist es genug! Die aktuellen Entwicklungen in der deutschen Politik sind verheerend. Nachdem die Presse die vergangenen Jahre maßgeblich beteiligt war dass Grüne und SPD als streitsüchtig und unfähig gelten haben wir nun die Quittung mit Merz, Söder und AFD. Anstatt Vorschläge über ein freies Deutschland in Europa zu diskutieren (Abschaffung des Föderalismus z. B. im Bildungssektor und öffentlichen Bau und Steuergleichheit für alle Unternehmen (auch Amazon, X, Facebook und wie sie sonst alle heißen)) werden so unnötige Gesetzesänderungen in der Legalisierung von Cannabis vorgetragen. Deutschland, wann wollen deine Bürger endlich mündig werden?

    • @Wolf von Langa:

      Die Presse ist Schuld und der Bürger ist unmündig? Sind das ernsthaft Ihre Argumente? Mal abgesehen davon, dass Ihre Anmerkungen nicht verfassungskonform sind. Haben Sie ungefähr eine Vorstellung, was aus Deutschlands Straßen geschehen wird, wenn man eine 20%+ Partei verbietet?

      • @Nachtsonne:

        "Haben Sie ungefähr eine Vorstellung, was aus Deutschlands Straßen geschehen wird, wenn man eine 20%+ Partei verbietet?"

        Jedenfalls nichts was die demokratische Ordnung in ihrer Existenz bedrohen würde.

        Auf der einen Seite würden die Sektkorken knallen und auf der anderen Seite würde es öffentliche Proteste und einen Shitstorm geben. Aber selbst in Verbindung mit Krawallen würde es keine Bedrohung für den Staat und seine Bürger darstellen.

        Die Vorstellungen mancher vom öffentlichen Aufruhr der Tag X Dimensionen annehmen könnte, sind doch etwas weit hergeholt.

        Die Parteistrukturen aber wären zerschlagen, eine Neustrukturierung nicht möglich und bis sich dann aus einem Netzwerk ähnliches in kleinen Strukuren ergeben könnte, wäre das Jahrzehnt längst rum.

        Und die "Wutbürger" würden schlimmstenfalls der nächsten Wahl fernbleiben. Das wäre auch zu verkraften.

        Fazit: je schneller diese Partei verboten wird, desto besser für das Land und seine Bürger. Da darf es kein "aber" geben.

  • Der Kommentar ist so einfallslos wie die Ideen der aktuellen Koalitionäre. Par ordre de mufti abschaffen, was ich durch Argumente nicht besiegen kann? Das ist ein hochgradig antidemokratisches Rezept, das fast schon trumpscher Logik folgt.

  • AgD-Verbot sehr gerne. Die anderen Problemschleudern von ganz Rechts auch gleich. Wie kriegt man dann noch die Mentalität des Rassismus und Mobilisierbarkeit von Kränkungs- und Benachteiligungsgefühlen korrigiert bzw. abgeschafft?

    • @aujau:

      Leider gar nicht. Mir wäre es aber auch herzlich egal, ob sich 24% AfD-Wähler gekränkt fühlen, weil man ihnen ihr „Spielzeug“ bzw. die Zündholzschachtel aus der Hand schlägt.



      Leute, wir sind uns doch einig, dass Faschismus und Antisemitismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen sind - dann sollte es jede Spielart menschenbezogenen Hasses auch sein!

  • FJS würde sich freuen, denn dann würde der Satz "Rechts von mir ist nur noch die Wand" ... äh die Brandmauer ... wieder voll und ganz zutreffen.