Bushaltestelle mit Fachwerkhäuschen in Niedersachsen

Land mit Wartebereich: Bushaltestelle, hübsch im Grünen gelegen Foto: Miguel Ferraz

Verkehrswende auf dem Land:Man muss auch warten können

Wer raus aufs Land will, braucht kein eigenes Auto. Man kommt mit dem ÖPNV ans Ziel – wenn auch gemächlicher. Ein Selbstversuch.

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11.10.2021, 19:05  Uhr

Sie fahren ja so“, sagt der Schaffner und malt auf dem Faltblatt des Hamburger Verkehrsverbunds mit dem Finger etwas, das ein Sternbild sein könnte. Aber es ist kein Sternbild, es ist eine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Hamburg-Eimsbüttel nach Vierden. Vierden ist ein Dorf in Niedersachsen mit 757 Einwohnern und einer alten Mühle mit Anbauten. Einen davon haben wir vor ein paar Jahren als Datsche gemietet. Ich habe damals bei den örtlichen Verkehrsbetrieben angerufen und gefragt, ob es vielleicht Überlegungen gebe, die Busverbindungen auszubauen. „Wir haben sie gerade reduziert, weil es keinen Bedarf gab“, war die Antwort.

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Das war vor fünf Jahren und die Verheißung einer grünen Verkehrswende noch nicht am Horizont aufgetaucht. Letztlich haben wir ein Auto gekauft, einen uralten Benziner. Autobesitzerin zu sein, fühlt sich an wie eine Kapitulation. „You are not stuck in traffic. You are traffic“ steht auf einem Transparent an einem Haus, an dem vorbei ich zur Arbeit radle, und jedes Mal, wenn wir auf dem Weg zur Mühle im Stau stehen, denke ich daran.

Heute sind wir der gute Verkehr, der Fotograf und ich; wir nehmen die öffentliche Verbindung, die 3 Stunden 35 Minuten dauert, statt der 45 Minuten mit dem Auto, mit fünfmal umsteigen.

Blick aus einer Haustür auf Frau, die Haus gerade verlassen hat

Zu Fuß erst mal raus aus dem Haus, zur nächsten U-Bahn Foto: Miguel Ferraz

Diese Verbindung zu nehmen, ist ein Kompromiss zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal ist die schnelle Verbindung, die nur 2 Stunden dauert und die wir im wirklichen Leben nie nehmen können, weil wir zu dieser Zeit noch arbeiten und das große Kind in der Schule ist. Die Wirklichkeit ist, dass wir zu den Zeiten, zu denen wir tatsächlich fahren, nämlich am späten Nachmittag, abends oder am Wochenende, Vierden mit den Öffentlichen gar nicht an einem Tag erreichen, sondern abends irgendwo stranden würden.

Die Kompromissverbindung ist eine feingliedrige Kette aus U-Bahn, S-Bahn, Zug, Bus und nochmals Bus, bei der aus den knapp 60 Kilometern Direktweg, die das Auto fahren würde, 174 Kilometer Zickzack werden. Das Umsteigen muss sitzen: Wenn wir einen Anschluss verpassen, werden wir Vierden an diesem Tag nicht mehr erreichen.

Die Wege aufs Land

Erst mal sitzt es: Von der Emilienstraße in Hamburg-Eimsbüttel knapp 10 Minuten U-Bahn bis Hamburg-Jungfernstieg, dann 42 Minuten mit der S-Bahn bis Buxtehude. Dann noch viermal umsteigen.

Ein Zugabteil im Nahverkehr mit blauen Sitzen

Im Nahverkehrszug unterwegs, mit genug Platz in der S3 nach Buxtehude Foto: Miguel Ferraz

Wo beginnt das Land? Hinter Fischbek, wo die ersten Kraniche auf dem Feld stehen? Oder kurz vor Neu-Wulms­torf, wo die ersten Maisfelder auftauchen? Mais sieht man überall, menschenhoch. Wenn man zwischen den Feldern entlangläuft, ist es, als ginge man durch einen Wald. „Es ist Energie- oder Futtermais“, sagt meine Schwester, die Biologin ist, als ich sie frage, warum man überall nur noch Maisfelder sieht. „Bekommt man dafür mehr Geld?“, frage ich. „Na ja“, sagt sie, „Niedersachsen ist ein Tiermastland.“

Ich fühle mich als Gast auf dem Land, aber ich betrachte meine Gastgeber mit Misstrauen. Wenn ich den Bauern hinter unserer Wiese übers Feld fahren sehe, nehme ich an, dass er Gift versprüht. Und bin selbst die Karikatur der ahnungslosen Städterin, die kaum ein Gemüse auf dem Feld erkennt. Was kann ich, außer eine Tastatur zu bedienen, denke ich, wenn die Bauern an mir vorüberfahren, oft grüßend, während sie sich mit Tieren und Pflanzen auskennen, mit Bodenarten, Stallbau, Futtercomputern und Buchhaltung.

Bevor der Schaffner im Zug der EVB Elbe-Weser das Sternbild unserer Reise auf das Faltblatt gemalt hat, hat er etwa auf der Höhe von Apensen, also nach knapp 122 Kilometern und 3 Stunden Fahrzeit, festgestellt, dass unser Fahrschein nicht ausreicht. „Sie können an der nächsten Station aussteigen oder den erhöhten Fahrpreis zahlen“, sagt er, „aber dazu rate ich Ihnen nicht.“

Der Schaffner ist ein Mann in den 30ern, ein Hauch füllig, mit blondem Haar, das sehr exakt hochgegelt ist. Es ist eine ähnliche Exaktheit wie die der Vorgärten hier, in denen alles seinen Platz hat, gestutzte Bäume, gestutztes Gras. In den Vorgärten überrascht sie mich weniger als an den riesigen Höfen. Wie kann es sein, dass jemand neben all der anderen Arbeit die Energie findet, all dies zu trimmen, frage ich mich mit Schauder, weil ich den Anblick trostlos finde, aber auch mit Respekt vor diesem Willen, sich der Entropie entgegenzustellen.

Mit den Öffentlichen:

Von Hamburg nach Vierden im Landkreis Rotenburg (Wümme) in Niedersachsen ist es mit dem ÖPNV in dreieinhalb Stunden zu schaffen. Die Fahrt wie im Text beschrieben erfolgte so: Abfahrt um 9.29 Uhr in Hamburg Emilienstraße mit der U 2 nach Jungfernstieg. Dort Ankunft 9.38, weiter um 9.45 mit der S 3 nach Buxtehude. Ankunft 10.27. Weiter um 10.37 mit EVB RB 33 nach Bremervörde, wo es um 11.39 mit Bus 800 weiter zum Busbahnhof Zeven geht. Ankunft 12.28 und gleich weiter um 12.30 mit Bus 3860 nach Kuhlmühlen Bahnhof, Groß Meckelsen. An 12.49 und weiter um 12.52 mit Bus 865 nach Vierden. Ankunft dort Am Sportplatz um 13.04.

Wie es sonst geht:

Vierden liegt an der A1 und ist mit dem Auto von Hamburg aus in etwa 45 Mi­nu­ten zu erreichen. Wer etwas mehr Zeit und Puste hat: Routenplaner schätzen die etwa 50 Kilometer Wegstrecke von Hamburg Emilienstraße bis nach Vierden mit mindestens 12 Stunden, wenn man sie zu Fuß zurücklegen will.

Wir können dem Schaffner abverhandeln, dass wir online ein neues Ticket kaufen. „Vielen Dank für Ihr Verständnis“, sagt er mit geordneter Freundlichkeit, als wir in Bremervörde aussteigen. 49 Minuten Wartezeit, bis der Bus nach Zeven kommt, noch zweimal umsteigen. Es ist gerade mal halb zwölf, aber es radeln massenweise Schulkinder vorbei. „Habt ihr jetzt schon Schluss?“, frage ich drei Jungs. „Wir haben noch siebte und achte Stunde“, sagen sie, „aber die Grundschüler haben nur vier oder fünf Stunden.“ Mein Stadtkind kommt um Viertel vor vier aus der Schule und einen Moment beneide ich stellvertretend diese hier: Wie frei sie sind.

Blick aus dem Bus mit Deutschlandfahne

Beim Blick aus dem Bus nach Zeven fehlt es nicht an Bekenntnissen Foto: Miguel Ferraz

Im Bus Nummer 800 zwischen Zeven und Kuhmühlen unterhalten sich zwei Teenager, ein Junge und ein Mädchen. Man hört vor allem den Jungen. „Das ist ein schöner Trecker“, sagt er. „Auf dem Trecker hab ich Ruhe“, sagt sie. Laut Umfragen wollen nur 13 Prozent der Deutschen in der Stadt leben, 34 Prozent wünschen sich ein Leben auf dem Dorf. Ich wollte nicht dauerhaft auf dem Land leben, zumindest nicht in Vierden. Ich bin dort, um auf der Wiese auf der Bank zu sitzen und auf die Baumreihe gegenüber zu schauen, wo sich drei Bäume zueinander neigen, als seien sie müde und trostbedürftig. Ich bin dort, weil ich hier nicht jedes Mal, wenn die Kinder kreischend hintereinander herlaufen, fürchte, dass die Nachbarn hochkommen, um sich zu beschweren. Ich nutze das Land als Pause, als Kulisse meiner Pause.

Nach 3 Stunden 20 Minuten Fahrtzeit hakt es in der Kette: Der Bus Nummer 3860 hat in Kuhmühlen Bahnhof 6 Minuten Verspätung. Der Busfahrer streckt den Kopf heraus, nachdem wir ausgestiegen sind: „Sie wollen nicht nach Sittensen“, ruft er, halb feststellend, halb fragend, als sollten wir uns noch einmal überlegen, was wir in diesem Nirgendwo zwischen altem Wartehäuschen und staubigem Parkplatz zu verlieren haben. „Hier fährt doch der Bus nach Vierden“, rufen wir zurück. „Ist er schon weg?“ Der Busfahrer weiß nichts von einem Bus nach Vierden.

Ein junger Mann im schwarzen Golf fährt vom Parkplatz hinter uns los. Ob der Bus Nummer 865 schon weg ist? Vielleicht. Ob er uns mitnehmen könnte? Nein, er muss in die andere Richtung. Wir stehen vor dem Wartehäuschen, halb ratlos, halb schicksalsergeben, als ein kleiner weißer Personenbus eilig angefahren kommt. Selbst aus der Ferne scheint mir, dass die Fahrerin uns überrascht ansieht. Es ist die Linie Nummer 865, auch wenn das schwierig zu erkennen ist, weil der Bus nicht beschildert ist. Hinten sitzen zwei Schulkinder, die uns interessiert angucken, als seien sie Teil einer Kleinfamilie, die nun zwei Tramper mitnimmt.

Die Busfahrerin kennt die Kinder beim Namen, sie bringt die beiden nacheinander nach Hause. Mit dem Mädchen steigt sie aus und hält ihm die Jacke hin: „Möchtest du die anziehen?“, fragt sie, während das Kind den Ranzen aufsetzt. Dann erst fährt sie uns nach Vierden.

„Früher hieß das Schülerbus“, sagt mir der grüne Lokalpolitiker, den ich hinterher anrufe, „heute heißt es öffentlicher Nahverkehr. Aber technisch hat sich nichts geändert.“ Die Kommunen organisieren eine Grundversorgung – was bedeutet, dass die SchülerInnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule kommen können. Mehr nicht. Der Grüne hat im Landkreis einen Bürgerbus organisiert, der ehrenamtlich organisiert versucht, die Lücken zu schließen.

Der Bus bräuchte mehr FahrerInnen – und dafür Geld, damit die Kostenerstattung etwas üppiger ausfallen könnte. Aber das erfordert politische Bereitschaft. „Das Land ist träger als die Stadt, das muss man schon sagen“, sagt der Grüne und es klingt entschuldigend. Aber ist es nur Trägheit? Laut Verkehrsclub Deutschland sind die meisten LandbewohnerInnen sehr zufrieden mit der eigenen Mobilität. Wie auch nicht? 90 Prozent besitzen ein Auto, und anders als in der Stadt stecken sie damit nicht im Stau. Auf den Schulbus wartet außer uns hier niemand.

Ankommen in Vierden

Es gibt eine Tradition im Anmieten von Ferienhäusern in meiner Familie, aber seit den Anfängen haben sich die finanziellen Verhältnisse umgedreht. Vor etwa 90 Jahren haben meine Großeltern ein Haus auf dem Land gemietet und die Familie erzählt immer noch von der Unfreundlichkeit der Altbäuerin, die einen Kropf hatte. Meine Großtante bezahlte die Operation, nach der die Altbäuerin, so heißt es, deutlich umgänglicher wurde. Für Vierden komme ich als Wohltäterin nicht infrage, denn dort verdient vermutlich jeder mehr Geld als wir. Unser Auto ist das schäbigste im Ort und ich müsste eine Weile sparen, um auch nur die Eingangstür eines der Häuser zu bezahlen.

Einsames Bushaltestellenschild in weiter Landschaft

Die Ankunft in Vierden, mit viel Landschaft drumherum Foto: Miguel Ferraz

Direkt am Ortsausgang von Vierden liegt das Neubaugebiet, ein Kreis properer Einfamilienhäuser. Schnäppchen sind es nicht. Die Immobilienpreise im Landkreis sind zwischen 2019 und 2020 um 17 Prozent gestiegen, das ist die höchste Teuerungsrate im Hamburger Umland. Für ein Einfamilienhaus zahlte man 2020 rund 269.000 Euro.

Es ist eine sonderbare Gleichzeitigkeit von Absterben und Prosperität: 1966 wurde die Schule in Vierden nach über 300 Jahren geschlossen, 1977 verabschiedete sich der Dorfladen, in den 1990ern die Dorfkneipe. Vierden ist tot, was öffentliche Begegnungsmöglichkeiten angeht, aber das macht es nicht weniger reizvoll für die Zuzügler. Warum auch? Es sind ja genau die Städter, denen es zu viel geworden ist: zu viel Lärm, zu viel Kontakte, denen sie nicht aus dem Weg gehen können.

Die Busfahrerin von Bus 865 wünscht uns noch einen schönen Tag, als sie uns vor der Mühle absetzt. Nach 3 Stunden 40 Minuten sind wir am Ziel. Es ist möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Mühle zu kommen. Man muss nur in der Lage sein, sein Leben darauf einzustellen und eine Existenz als Privatier führen. Wir setzen uns auf die Wiese und betrachten die Bäume, die sich zueinander neigen. Aber nur kurz: Man darf nicht länger als zwei Stunden bleiben, wenn man noch am selben Tag zurück nach Hause kommen will, der letzte Bus fährt um 16.09 Uhr.

Aber ohne Not katapultiere ich uns aus dem Sternbild. An der Haltestelle Ramshausen Ort warten wir 40 Minuten, bis mir klar wird, dass der Bus 2036 nach Sauensiek ein Rufbus ist und ich uns dafür 45 Minuten vor Abfahrt telefonisch hätte anmelden müssen. Auf dem Hinweg haben wir eine andere Route genommen, deswegen habe ich es im Fahrplan schlicht übersehen. Stattdessen gehen wir zu Fuß nach Sittensen. Es sind 7 Kilometer dorthin, die wir in einer Stunde laufen müssten, um den nächsten Bus zu bekommen. Es sieht nicht danach aus.

Eine Straßemkreuzung auf dem Land

Die Verkehrswende auf dem Land, so viele Möglichkeiten: Zu Fuß. Oder doch zur Autobahn? Foto: Miguel Ferraz

Ich würde gern jemanden anrufen und bitten, uns abzuholen, aber ich kenne ringsum niemanden. Zumindest niemanden, der Auto fährt. In fünf Jahren in Vierden habe ich einen Menschen kennengelernt: einen zwölfjährigen Jungen, der mir auf dem Rad begegnete, als ich zwei Katzenkinder im Feld gefunden hatte. Gemeinsam suchten wir die Mutter, vergeblich, aber seitdem freue ich mich, wenn ich ihn sehe. Kinder, Tiere und Notlagen sind die einzige Brücke, denke ich, wenn es keine Treffpunkte mehr gibt, keine Kirche, keinen Laden, keine Kneipe. Ich versuche, ein Auto anzuhalten. Wenn nach 16 Autos eines hält, so die Wette, bekomme ich eine Flasche Wein, wenn nicht, bekommt sie der Fotograf.

Es hält keines, und wir erreichen Hamburg viereinhalb Stunden später, nach dreimal umsteigen, bei Einbruch der Dunkelheit.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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