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VerfassungsschutzGefährlich und überflüssig

In den letzten Jahren inszenierte sich der Verfassungsschutz angesichts der AfD als unverzichtbar. Heute hat er jegliches Vertrauen verspielt.

Protest gegen den Verfassungssschutz in Hamburg 2025 Foto: Breuel-Bild/imago

E inmal lernte ich den Verfassungsschutz persönlich kennen, und das kam so: 2022 war die taz zu einer Veranstaltung in Bremen eingeladen. Es ging um „Politische Gewalt damals und heute“. Ich sollte von unseren Recherchen erzählen, zu Rechtsextremen bei Polizei und Bundeswehr.

Auf dem Podium saß auch eine Vertreterin des Bremer Verfassungsschutzes. Von dem, was sie erzählte, ist wenig hängen geblieben. Es waren Allgemeinplätze zur Gefahr durch Extremisten, und wenn es konkret wurde, antwortete sie: dazu könne sie nichts sagen, man müsse verstehen, Geheimhaltung.

Der Auftritt war Teil einer Strategie der Behörde, die Öffnung in Richtung der Zivilgesellschaft. Und sie funktionierte, zumindest bei mir. Aus Berlin kommend, sah ich Bremen durch eine rot-rot-grüne Brille und dachte: Toll, die sind alle so nett hier, sogar der Verfassungsschutz!

Mit meiner Naivität war ich zuletzt nicht allein. Nach dem Auffliegen des NSU war es lange ein linker Allgemeinplatz, die Abschaffung des Geheimdienstes zu fordern. Doch nun hat der Verfassungsschutz es geschafft, sich als unverzichtbar zu inszenieren. Schuld ist die AfD. Selbst Menschen, die skeptisch auf Geheimdienste schauen, warteten darauf, dass der Geheimdienst die Partei als „gesichert rechtsextrem“ einstuft – als sei der Verfassungsschutz ein TÜV-Siegel für Demokratiefeindlichkeit. Dann, so die Hoffnung, würden auch SPD und CDU ein Verbotsverfahren unterstützen.

Zerstörtes Vertrauen

Der Verfassungsschutz wurde mit mehr Finanzen und Personal ausgestattet. Es schien glaubhaft, dass er sich vor allem auf die Bekämpfung von Islamismus und Rechtsextremismus konzentrierte. Und dieses Ziel teilte man doch, oder?

Nun ist es mit der Naivität vorbei. Aktuell ist der Verfassungsschutz in mehrere Skandale verwickelt. Und zeigt, dass mit ihm kein liberaler Staat zu machen ist.

Die AfD lässt den Geheimdienst unverzichtbar wirken

Am erschütterndsten ist der Skandal in Bremen, ausgerechnet. Über Jahre hat der Geheimdienst die Interventionistische Linke ausspioniert. Er bezahlte einen psychisch labilen Aktivisten, der mit anderen Mitgliedern befreundet war und sexuelle Beziehungen führte. Er zerstörte das Vertrauen von Menschen, die nichts Schlimmeres getan hatten, als sich gegen Faschismus zu engagieren.

Als die Gruppe den Spitzel enttarnte, rächte sich offenbar der Verfassungsschutz. Als hätte man noch nicht genug kaputt gemacht, diskreditierte der Geheimdienst mutmaßlich einen Richter des Bremer Verfassungsgerichts, der der Gruppe nahe gestanden haben soll. Und der Spiegel ließ sich bei dabei willfährig vor den Karren des Geheimdienstes spannen.

Autoritäre Versuchungen

Nicht nur die Vorgänge in Bremen, auch die Absage des Preises für linke Buchhandlungen zeigt: Je autoritärer Teile des Staates werden, je größer die Versuchung des Autoritarismus für Konservative wie Wolfram Weimer werden, desto gefährlicher wird der Geheimdienst.

Der Verfassungsschutz musste nicht einmal transparent machen, was er vorliegen hat, um die Auszeichnung der Buchläden zu verhindern. Und in Rheinland-Pfalz, wo am Sonntag gewählt wird, nennt der Verfassungsschutzbericht einige „offene antifaschistische Treffen“. Die kurze Erwähnung reichte aus, dass lokale Antifas ihren Treffpunkt im Jugendzentrum verloren – zu groß die Angst der Betreiber, sonst Fördergelder zu verlieren.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

So skandalös diese Skandale für die demokratische Kultur sind, ist eines zumindest wieder klargestellt: Der Verfassungsschutz ist gefährlich und überflüssig. Für Bekämpfung von Terrorismus gibt es die Polizei, die reformbedürftig ist, aber zumindest nicht im Dunkeln arbeitet. Und für Aufklärung über extreme Rechte braucht man keinen Geheimdienst – da reicht ein taz-Abo.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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4 Kommentare

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  • Für mich hat die Linke (nicht die Partei, das Spektrum) viel an Legitimierung verspielt.

    Was Sie nicht alles bei Rechten fordert: Debanking, Parteienverbote, Deplatforming etc.

    Aber kaum trifft es die Eigenen, dann sind diese Instrumente auf einmal illegitim.

  • Wegen ein paar linker Buchläden, die zur politischen Folklore Deutschlands gehören, von zerstörtem Vertrauen durch die Bank zu reden, klingt mir dann dach arg nach Schnappatmung und Erregungsdemokratie.

    Dass die linken Buchläden durchleuchtet werden, ist jedem ihrer Kunden in traditionell linken Uni-Städten wie Tübingen, Freiburg, Münster und Göttingen klar. Das gehört auch zur Foklore. Darum geht es aber nicht.

    Man sollte so klar sein und die Täter-Frage wieder auf die Füße stellen und kein alternatives Agenda-Framing aufmachen, und das ist die Instrumentalisierung der Erkenntnisse der Geheimen durch den Kulturstaatsminister.

    Es ist richtig den Verfassungsschutz kritisch zu begleiten, um ihm auch klar zu machen, dass er der demokratischen Kontrolle der vierten Gewalt unterliegt. Aber bitte nicht überziehen. Für ein AfD-Verbotsverfahren bleibt er vorerst einfach wichtig und fast alternativlos.

    Das mag sich vielleicht irgendwann mit einer Geheimdienstreform mal ändern. Aber das ist Zukunftsmusik und in keiner Weise spruchreif.

  • Wirkt arg konstruiert die These des Autors, zumal ihm anscheinend nicht einmal der Unterschied zwischen einem Nachrichtendienst und einem Geheimdienst geläufig zu sein scheint.

    Auch sonst hapert es anscheinend an fachbezogenen Kenntnissen. Die Terrorismusabwehr ist bereits beim BKA angesiedelt, dafür wurde extra das BKA Gesetz geändert, auch wenn das BVerfG im Jahr 2024 das Gesetz in Teilen als nicht verfassungskonform beanstandete und Nachbesserungen verlangte, ändert sich an den Zuständigkeiten vorerst nichts.

    Zudem ist der Verfassungsschutz als Dienst auch lediglich Zuträger von Informationen, die von den Innenbehörden ausgewertet werden. Die Entscheidungen, welche aufgrund der Verfassungsschutzberichte getroffen werden, obliegen nicht dem Verfassungsschutz zumal er nicht über die exekutive Gewalt verfügt, Massnahmen durchzusetzen.

    Die nachrichtendienstlichen Mittel sind zudem im BVerfSchG sowie in den LVSG klar definiert, darunter fällt auch der Einsatz von Vertrauens- und Gewährspersonen.

    At last: der Verfassungsschutz darf seine Informationen gegenüber staatlichen Stellen nicht transparent machen. Rechenschaftspflichtig ist er nur den Innenbehörden von Bund und Ländern

  • Der Verfassungsschutz ist eine bedenkliche Einrichtung ganz unabhängig davon, dass er für die eine Seite Mal gefährlich und dann wieder nützlich ist. Die Demokratievereinbarkeit einer Behörde/eines Geheimdienstes daran zu messen, ob sie meinen politischen Überzeugungen entspricht oder nicht, zeigt, dass es weniger um Strukturen als um taktische Vorteile geht. Das ist an sich noch nicht gefährlich, aber doch etwas kurzsichtig.