Trump und seine Wählerschaft: Sie wissen, was sie tun

Was die Wahlnacht jetzt schon zeigt: Millionen US-Amerikaner.innen haben kein Problem mit einem Präsidenten, der demokratische Institutionen schleift.

US-Präsident Donald Trump mit Ehefrau Melania Trump

Geben sich siegessicher: US-Präsident Donald Trump mit First Lady Melania Trump Foto: Carlos Barria/reuters

Egal wie diese Wahl am Ende dann ausgeht, das Ergebnis ist in jedem Fall dramatisch. Die Erkenntnis, die man aus dieser Nacht nur ziehen kann, lautet, dass Millionen über Millionen von US-Amerikaner.innen kein Problem damit haben, einen rassistischen Antidemokraten zu ihrem Präsidenten zu wählen, der das Land ungeschützt in die Coronakrise hat schlittern lassen. Man kann für ebendiese Wahl vor vier Jahren noch ein paar Ausreden finden. In diesem Jahr gibt es keine. Denn sie wissen, was sie tun.

240.000 Coronatote in den USA? Kein Problem, Corona ist ja praktisch morgen schon wieder vorbei, sagt das Trump nicht? Demokratische Prozesse? Demo-was? Die Wirtschaft läuft doch prima. Und der Verlauf dieses Jahres hat schließlich gezeigt, dass die US-Wirtschaft stark genug ist, die Auswirkungen der Pandemie wegzustecken. Der Dow Jones liegt rund 10.000 Punkte über dem Stand, den man gesehen hat, als Barack Obama das Weiße Haus verließ. Was will man mehr?

Trump ist für einen Teil der Bevölkerung anschlussfähig

Diejenigen US-Amerikaner.innen, die Donald Trump gewählt haben, betrübt nicht, dass Trump die demokratischen Institutionen schleift, die öffentliche Meinung mit Lügen füttert und Politik auf der Grundlage von Hass und Hetze betreibt. Denn das sind nicht die Kriterien, die das Bewusstsein vieler Amerikanerinnen und Amerikaner bestimmen.

Donald Trump ist anschlussfähig an einen Teil der Bevölkerung, dem all das, was man unter dem Stichwort moderne Gesellschaft fassen könnte, zuwider ist. Sie verabscheuen die Gleichmacherei, die staatlich exekutierte Sozialpolitik, die Abwendung von christlichen Werten und die Akzeptanz von Abtreibung und Ehe für alle. Wenn man diese Vereinigten Staaten auf ihren Kern reduziert, dann klingt das so: Gemeinsinn ist eine europäische Erfindung, jeder ist seines Glückes Schmied, und was zählt ist: individuelle Stärke und persönliches Fortkommen in einer Aufstiegsgesellschaft – und natürlich der Börsenkurs.

Und dieser Teil der Bevölkerung geht, das hat diese Nacht gezeigt, weit über Trumps Kernklientel hinaus. Selbst Angehörige von Minderheiten stellen offenkundig in Scharen Bedenken zugunsten dieses uramerikanischen Prinzips zurück.

Nichts ist final entschieden

Sollte Trump Präsident bleiben – er selbst hat sich dazu bereits erklärt und hat angekündigt, den Supreme Court anzurufen –, dann haben ihm diese Wähler.innen Carte blanche gegeben. Trump wäre nicht mehr daran gebunden, wiedergewählt werden zu müssen. Intern hat er längst angekündigt, all die lästigen Behinderungen und Bedenkenträger aus dem Weg räumen zu wollen, die ihn an einem gradlinigen Kurs noch hindern. Trump pur birgt noch eine Menge Potenzial.

Noch ist nichts final entschieden. Aber schon jetzt gibt es Grund genug zu sagen: Herzlichen Glückwunsch, Amerika, und auf Wiedersehen in besseren Zeiten.

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taz-Chefredakteurin, ehemals US-Korrespondentin & Büroleiterin des Tagesspiegel in Washington. Schwerpunkte Rechtspopulismus, USA, transatlantische Politik, Datenschutz und digitale Transformation der taz.

Am 3. November 2020 haben die USA einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden, langjähriger Senator und von 2009 bis 2017 Vize unter Barack Obama, hat sich gegen Amtsinhaber Donald Trump durchgesetzt.

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