Transfeindliche Professorin tritt zurück: Nicht das Ende der Debatte

Die Schriften der Philosophin Kathleen Stock schüren Vorurteile gegen trans Menschen. Doch sie als Feindin zu stilisieren, ist sinnlos.

University of Sussex steht auf einer Mauer, die auf einer Wiese am Eingang der Hochschule steht. Links sind zwei Schatten und die Rücken zweier Menschen, die vor der Mauer stehen

Kein Stock-Foto: Das Ende von Kathleen Stock an der University of Sussex beendet nicht die Debatte Foto: Martin Godwin/Guardian/eyevine/laif

Diese Woche hat der Rücktritt einer britischen Philosophieprofessorin für heftige Diskussionen gesorgt. Kathleen Stock hatte ihren Lehrstuhl an der University of Sussex aufgegeben, mit der Begründung, sie könne die Anfeindungen gegen sich nicht mehr ertragen. Stock gilt aufgrund ihrer Ansichten zur Geschlechteridentität von trans Menschen als kontroverse akademische Figur. Als die Philosophin im Januar die Auszeichnung „Officer of the Order of the British Empire“ (OBE) verliehen wurde, kritisierten 600 Kol­le­g*in­nen aus Stocks Disziplin diese Entscheidung in einem offenen Brief scharf.

Weil Stock in ihren Schriften wiederholt das Konzept einer von der Anatomie unabhängigen „Genderidentität“ zurückgewiesen hat und darauf besteht, trans Frauen als „Männer“ zu bezeichnen, werfen ihr viele, unter anderem die genannten Un­ter­zeich­ne­r*in­nen des offenen Briefs, transphobe Rhetorik vor. Stock weist dies zurück und spricht von „mittelalterlichen Methoden“, sie aus dem Diskurs zu verdrängen. Nach ihrem Rücktritt zeigen sich viele entsetzt.

Sogar die Gleichstellungsbeauftragte der britischen Regierung, Kemi Badenoch, äußerte sich zum Fall: Niemand solle „Mobbing und Belästigung am Arbeitsplatz“ ausgesetzt sein. Mehrfach hatte es Petitionen und Aufrufe gegeben, Kathleen Stock von ihrem Posten zu entfernen, zuletzt von der Unigewerkschaft UCU. Die Leitung der Universität Sussex hatte solche Forderungen stets zurück- und auf Stocks akademische Freiheit verwiesen. Den Rücktritt Stocks kommentiert die Universität mit Bedauern.

Kathleen Stock beschreibt eine Stimmung auf dem Campus, in der sie tägliche Anfeindungen erlebt habe. Kol­le­g*in­nen hätten die Studierenden gegen sie aufgestachelt. Stock spricht online von jahrelangem „Mobbing“ und einer „schwierigen Zeit“ für sie. Im Oktober berichteten Medien, dass Stock von der Polizei nahegelegt worden sein soll, zu Hause Überwachungskameras zu installieren. Zu den Einzelheiten konnte die taz Stock nicht befragen, Anfragen über die Universität und über Stocks Verlag blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Weil sie selbst eine Bedrohung darstellt

Warum wird eine Philosophin für das, was sie über Geschlecht sagt, bedroht? Die Antwort ist: Weil sie für viele selbst eine Bedrohung darstellt. Das rechtfertigt nichts. Aber es kann helfen zu verstehen.

Stock gehört zu einer Forschungsrichtung, die als Grundlage für Geschlecht allein die Geschlechtsorgane bei Geburt gelten lässt. Diese Denkrichtung wird lauter, je mehr sich trans Menschen mit ihren Forderungen nach Rechten und Teilhabe Gehör verschaffen. Stock bezeichnet Frauen mit einer traditionell medizinisch „weiblichen“ Anatomie als „natürliche“ Frauen. Trans Frauen hingegen als „Männer“. Spricht also trans Frauen das Frau­sein ab.

Aus Stocks Sicht ist das eine wissenschaftliche Sicht, die neben anderen stehen bleiben können soll. Es handelt sich aber zugleich um eine wissenschaftlich-fein formulierte Variante des schmerzhaften und erniedrigenden Anwurfs, dem trans Personen immer wieder ausgesetzt sind: „Du bist keine echte Frau“ oder „du bist kein echter Mann“.

Im offenen Brief schreiben ihre Kritiker*innen: „Wir behaupten keineswegs, dass es nicht tiefe und wichtige Fragen zu Sex und Gender gibt oder dass Phi­lo­so­ph*in­nen ihnen nicht nachgehen sollten.“ Aber fahren fort: „Unsere Sorge ist vielmehr, dass einige – offenbar einschließlich der britischen Regierung – dazu neigen, transphobe Angstmacherei mit wertvoller Wissenschaft und Angriffe auf bereits ausgegrenzte Menschen mit mutigen Übungen der freien Meinungsäußerung zu verwechseln.“

Potenzial zum transfeindlichen Knaller

Trans Menschen fordern ein, über ihr Geschlecht selbst bestimmen zu dürfen – von der Frage, mit welchem Namen und welchen Pronomen sie anzusprechen sind, über den behördlichen Geschlechtseintrag bis hin zu möglichen körperlichen Veränderungen, sofern gewünscht. Und warum auch nicht? Immerhin müssen sie allein mit diesem Geschlecht leben. Neuere Gesetze, die mehr Selbstbestimmung garantieren, beziehen sich daher auf die „Geschlechtsidentität“. Das ist das Geschlecht der Person, wie es von ihr selbst erlebt wird. Zentral bei Stock ist, dass sie das Konzept „Genderidentität“ ablehnt und „biologisches Geschlecht“ über alles stellt.

Genderindentität ­theoretisch zu hinterfragen, ist dabei unproblematisch. Wie viele genderwissenschaftliche Konzepte wird sie irgendwann sicher ohnehin abgelöst durch ein neues. Stock jedoch denkt nicht weiter, sondern zurück. Zu einem platten Biologismus der zwei Geschlechter. Und der ist überholt, denn LGBTI-Menschen existieren ja nun mal. Sich von „Penis = Mann, Vagina = Frau“ zu lösen, ist keine Spielerei, sondern Beschreibung der Welt.

Zudem hat Stocks Werk das Potenzial zum populärwissenschaftlichen und transfeindlichen Knaller und ist dazu geeignet, Feindseligkeiten gegen trans Menschen zu bestätigen. Diese führen zu doppelter Diskriminerung von trans Personen – etwa trans Frauen, denen Zugang zu Frauenhäusern verweigert wird, obwohl sie besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Oder trans Männer, die sich rechtfertigen müssen, keinen „Verrat am Frausein“ begangen zu haben. Ohnehin müssen trans Menschen ständig um die Mitgliedskarte für eine queerfeministische Bewegung kämpfen, deren Teil sie immer gewesen sind.

Gleichstellen und normalisieren

Ist irgendetwas davon Grund genug, dass sich Stock zu Hause nicht mehr sicher fühlen sollte? Gleiches mit Gleichem vergelten, ist in keinem Fall ein guter Ansatz für eine soziale Bewegung, selbst wenn man annähme, dass Stock entscheidend zur Verschlechterung des Lebens von trans Personen beiträgt. So absolut ist aber Stocks Einfluss nicht, auch wenn sie zweifellos beiträgt zur transfeindlichen Stimmung.

Menschen mit Positionen wie die von Stock als absolute Feinde zu stilisieren, ist sinnlos. Die sozialen Bewegungen laufen Gefahr, sich zu verkämpfen an immer neuen Endgegner*innen. Die Forderung, „Geschlechts­identität“ unbedingt zu respektieren, ist nachvollziehbar, aber führt politisch ins Leere – im Gegensatz zu Forderungen nach Gleichheit, Sicherheit und Teilhabe von trans Menschen.

Vor nicht allzu langer Zeit noch arbeiteten sich homosexuelle Menschen ebenfalls dauernd an einer lästigen Frage ab: ob Homosexuellsein eine „Wahl“ ist oder angeboren sei. Zu einer Klärung kam es nie, stattdessen wurden Fortschritte bei der Gleichstellung erkämpft und Homosexualität ein bisschen mehr normalisiert. Die Antwort auf die Frage ist heute ziemlich egal geworden, weil sie politisch nicht mehr gebraucht wird. Sie ist höchstens noch Special Inter­est. Wenn ebenso endlich Verbesserungen für trans Menschen erstritten sind, gilt das vielleicht demnächst auch für die Veröffentlichungen von Kathleen Stock.

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