TV-Triell der Spit­zen­kan­di­da­t:in­nen: Vom Tiger zum Ahnungslosen

Vieles bleibt beim ersten Triell der Kanz­ler­kan­di­da­t:in­nen diffus. Doch grobe Linien werden klar – was auch an Laschets verbissen wirkenden Angriffen liegt.

Die Kanzlerkandidaten Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz im TV-Studio.

Das strittige Schlüsselthema fehlt: Laschet, Baerbock und Scholz am Sonntagabend im TV-Studio Foto: Michael Kappeler/dpa

Das Triell der drei Kanzlerkandidaten wurde von RTL wie ein Fußball-Match inszeniert, mit Günther Jauch als Oliver Kahn. Gewiss, Politik als sportlichen Wettbewerb zu verkaufen mag ein Missverständnis sein. Doch zumindest weiß der politische Durchschnittskonsument jetzt mehr. Wobei: Weiß er nun mehr?

Klar ist, dass der nette und unglücklich auftretende Unions-Kandidat Armin Laschet jetzt, so wie von CSU-Widersacher Markus Söder geheißen, auf Angriff umgeschaltet hat. „Lassen Sie sich von der Linken zu Kanzler wählen – ja oder nein?“, herrschte er SPD-Kandidat Olaf Scholz an. „Sagen Sie: Ich mache es nicht! Das sind nur drei Worte“, sagte Laschet am Ende – nicht ganz treffsicher mit Zahlen.

Scholz kontert diesen aufgeregten Angriff regungslos und mit dem Bekenntnis, dass er nur mit Parteien regieren werde, deren Bekenntnis zur Nato „von ganzem Herzen kommt“. Das zielt auf die Linkspartei. Dass Militärbündnisse neuerdings an Treueschwüre gekoppelt werden, ist auch bemerkenswert.

Laschet greift also an, offenbar eine Reaktion auf das Umfragetief der Union. Wenn man nicht wüsste, wer in den vergangenen 16 Jahren regiert hat – man hätte Laschet für einen schwungvollen Oppositionspolitiker halten können, welcher der rot-grünen Regierung zeigen will, wo der Hammer hängt.

Bei Afghanistan gelingt ihm das sogar fast. Der Unions-Kandidat versucht, aus dem Desaster der Groko ein Versagen von SPD und Grünen zu machen, die der Bundeswehr herzlos Drohnen vorenthalten würden. Dass Ortskräfte kaum durch bewaffnete Drohnen aus Kabul gerettet worden wären – geschenkt. Scholz kontert unterkühlt mit der Bemerkung, dass er als Finanzminister die Bundeswehr mit viel Geld ausgestattet habe.

Laschet aber, der sich in mittlerer Uneindeutigkeit heimisch fühlt, sucht den Angriff. Doch ausgerechnet beim Heimspiel für alle Konservativen bricht seine Attacke zusammen. Mehr innere Sicherheit, Videoüberwachung von Bahnhöfen und Vorratsdatenspeicherung scheitere an SPD und Grünen, suggeriert er. Aber Scholz weiß, dass die Vorratsdatenspeicherung gerade auf EU-Ebene verhandelt wird. Und Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock findet Videoüberwachung prima. Kurz: Als Tiger gestartet, als Ahnungsloser gelandet. Das ist bitter für den CDU-Mann, der in NRW doch mit innerer Sicherheit Ministerpräsident geworden war.

Die Erkenntnis? Die Union will Scholz als U-Boot der Linkspartei angreifen, eine Taktik, die selbst die FAZ verzweifelt findet. Baerbock macht keinen Fehler – aber es gibt auch keinen Satz, der wirklich nachhallen würde. Scholz versteht sich auf undramatische positive Botschaften und die Suggestion, dass er das irgendwie schon regelt. Einmal sagt er, etwas sei „der Wunsch von mir und der Kanzlerin“.

Ansonsten herrscht – wir sind im Konsens-Deutschland – viel Einigkeit. Wegen des Klimakollapses will niemand etwas verbieten. Baerbock umschifft locker die offensichtlich gestellte Falle des etwas schläfrig wirkenden Moderatorenduos Pinar Atalay und Peter Kloeppel, die Grünen als Verbotspartei zu markieren. Einschränken muss sich keiner, mag auch die Welt untergehen. Das ist schön zu hören. Auch Corona wird pflichtschuldig und ohne große Kontroverse absolviert.

Das strittige Schlüsselthema gibt es in diesen knapp zwei Stunden nicht. Daher wirkt manches diffus. Wer es noch nicht wusste, erkennt, dass SPD und Grüne sich bei den Finanzen und im Sozialen sehr nahe sind, die Union hingegen Steuern für Reiche senken will. Man weiß jetzt, wie der Wahlkampf laufen wird: Die Union verkleidet sich als angriffslustige Opposition – ein Move, der leicht missverstanden werden kann.

Insofern war dies ein Beitrag zur Aufklärung.

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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