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Streit um Berlins Linke Von Gaza bis Neukölln

Erik Peter

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Erik Peter

Den Ruf nach einer Intifada bei einer Wahlveranstaltung der Linken hat auch die Konkurrenz gehört. Der Nahost-Konflikt poltert in den Berliner Wahlkampf.

K ann ein Rapper über die Zukunft einer Stadt entscheiden? In Berlin ist das zur Zeit ein durchaus reales Szenario. Womöglich hat der linksradikale Rapper Dahabflex mit einem Auftritt am letzten Augustwochenende eine Koalition von Linken, SPD und Grünen nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September verhindert. Anstatt dass hohe Mieten bekämpft, die Verkehrswende vorangetrieben und Sozial- und Kulturpolitik wieder ernst genommen werden, drohen vier weitere Jahre mit der CDU im Senat.

Nun ist der ganze Schlamassel kaum einem Rapper anzulasten, der mit aneinandergereihten Parolen tut, was er eben tut: überspitzen, polemisieren und der Wut junger antiimperialistischer Linker eine Stimme geben. So rappt er etwa in seinem Song „Stop the Genocide“ von der „Initifada“, also dem palästinensischen Widerstand, und „Death, death to the IDF“. Man kann das auch wegen der Nennung der militanten Gruppierung PFLP getrost als Gewaltaufruf lesen – oder dem Rapper glauben, wenn er sich in einem Interview davon distanziert. Ein bedeutendes politisches Statement ist es nicht.

Gewicht bekommt das Ganze erst dadurch, dass Dahabflex den Song bei einer Wahlkampfkundgebung der Linken Neukölln vortrug – unabgesprochen wie die örtlichen Parteikader beteuern. Gleichwohl hält sich die Bestürzung bei der Linken Neukölln in engen Grenzen. Schließlich: Auf eigenen Wahlplakaten wirbt man hier derzeit „Gegen Krieg und Genozid“; die Bünde in die pro-palästinensische Szene werden gehegt und gepflegt, ohne Berührungsängste zu Personen, die im herrschenden Diskurs unter Antisemitismusverdacht stehen.

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Für die politische Konkurrenz der Linken taugten die Rapzeilen für scharfe Distanzierungen. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers forderte SPD und Grüne nicht ganz uneigennützig auf, eine Zusammenarbeit mit der Linken auszuschließen – also ihm zur Macht zu verhelfen. Deren Kandidaten Steffen Krach (SPD) und Werner Graf (Grüne) ließen sich nicht lange bitten, die Regierungsfähigkeit der Linken infrage zu stellen. Ganz so, als wäre der Aufruf zur Intifada Parteitagsbeschluss der Linken.

Um Abgrenzung bemüht

Das ist er aber nicht: Deren Spitzenpersonal um die Kandidatin Elif Eralp bemühte sich um eine scharfe Abgrenzung zu der Neuköllner Provokation und tritt auch sonst glaubhaft gegen Antisemitismus ein. Tatsächlich darf man davon ausgehen: Der „offene Judenhass“ wie etwa der Tagesspiegel polterte, wird kein Merkmal einer neuen Linksfraktion und ihrem möglichen Regierungspersonal. Vermutlich wissen das auch SPD und Grüne, aber die Möglichkeit, die in Wahlumfragen führende Linke anzugreifen, konnten sie dennoch nicht verstreichen lassen.

Zumindest in der Spitze der SPD sucht man wohl auch nach Gründen, um nicht als Juniorpartner der Linken zur Macht zu verhelfen und dann womöglich eine Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen mitzutragen, die man so lange verhindert hat. Doch eine erneute Unterwerfung unter die CDU muss der Basis ja auch verkauft werden – Antisemitismus bei der Linken scheint da ein vielversprechendes Argument.

Dabei wäre es ein Treppenwitz, wenn ausgerechnet die CDU aus der so aufgeladenen Nahost-Debatte als Gewinner hervorgeht. Nur zur Erinnerung: Ihre Abgeordneten und Kultur-Senator:innen sorgen in dieser Legislatur dafür, dass Gelder für die Antisemitismusprävention an Parteifreunde veruntreut wurden. Ein verlässlicher Partner sieht anders aus. Das Thema Nahost scheint die politische Szene Berlins ganz offensichtlich zu überfodern. Sie sollten es einsehen. Der Koalitionsvertrag wird nicht in Gaza unterschrieben.

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Erik Peter

Erik Peter Politik | Berlin

Leiter der Berlin-Redaktion und Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. War zu hören im Podcast "Lokalrunde".
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6 Kommentare

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  • Comerade Aardvark

    "Israelkritik" erschließt halt zunehmend Wählermilieus und hat gleichzeitig sinkende Opportunitätskosten. Die Anzahl jener Linkswähler, die z.B. gute Erinnerungen an eine Kibbuz-Reise anno dunnemal hat, schwindet. Die Generation dazwischen, die sich an die kurze hoffnungsvolle Zeit (Clinton, Rabin... sogar noch, als ausgerechnet Sharon Gaza geräumt hat) erinnert, wendet sich angesichts des offenen Faschismus der Bibi-Regierung immer mehr von Israel ab, "Staatsräson"-Ultras gab's in der Linken eh ganz wenige... also, abgesehen von irgendwelcher Moral - warum nicht?

  • gyakusou

    Mir schwant übles für die Zukunft, wenn solche Vorfälle innerhalb der Linken das neue Normal werden wegen der fortschreitenden Anbiederung an konservative bis Hamas-freundliche Personen unter Menschen mit Migrationsgeschichte.

  • Ruediger

    Warum heißt es bei einer Koalition mit den Linken, die SPD wäre "Juniorpartner", bei einer Koalition mit der CDU, sie würde "sich unterwerfen"? Inhaltlich scheint die SPD dieser (überspitzt ausgedrückt) Intifada/Enteignungs-Partei ja nicht wirklich nahe zu stehen. Und das ist wohl, um es mit Wowereits Worten zu sagen, auch gut so.

  • Thomas O´Connolly

    Es ist gleichgültig ob es einen dementsprechenden Parteibeschluss gab, da in der Linkspartei die Basis auf der Straße und im Netz ohnehin macht was sie will. (Siehe: Internet, siehe: Straße.)

    Da ist es maximal peinlich wenn sich die Partei oder irgendwer sonst jetzt hinstellt und sagt: "Aber Moment mal, wir haben da keinen offiziellen Beschluss zu!"

    Die Kritik an der AfD ist ja auch berechtigterweise: Die AfD hat direkten Draht zur Neonaziszene und überschneidet sich mit Leuten die Hitler vermissen und gegen die Demokratie paktieren.



    Geht man nach der Logik der Linkspartei-Apologeten, dürfte man die AfD dafür nicht kritisieren, da sie in ihren Beschlüssen sowas eindeutig nicht stehen hat. Ja, es gibt sogar welche in denen steht sie hätten was gegen Nazis.



    Wie das in der Realität aussieht, erleben wir ja jetzt gerade im Wahlkampf.

  • Deep South

    "Vermutlich wissen das auch SPD und Grüne, aber die Möglichkeit, die in Wahlumfragen führende Linke anzugreifen, konnten sie dennoch nicht verstreichen lassen."

    Nein, einfach nein. Da wird vorn und hinten kein Schuh draus. Zumindest mal keiner, den sich die Partei nicht selbst anziehen müsste. Dieser Vorfall ist ja keine einzelstehende Ausnahmerscheinung, sondern reiht sich ein in Äußerungen von Parteimitgliedern, den Israel-Palestina Beschluss der Linksjugend, Gewaltfanstasien in parteiinternen Chats, den Antizionismus Beschluss in Niedersachsen und anderer Vorfälle.



    Teile der Partei finden ganz offensichtlich kein verhältnismäßiges Maß der Kritik sn der Gaza Politik Israels und haben längst rote Linien überschritten. 70% der Linksjugend haben einer Resolution zugestimmt, die Israel als rassisistiches Kolonialprojekt bezeichnet und das Existenzrecht des Staates in Frage stellt.



    Dass man in der selbstgefälligen Eigenwahrnehmung dieser Szene nichts mit Antisemitismus zu tun hat, darf potentielle Koalitionspartner nicht davon abhalten, die Probleme klar zu benennen. Vor Allem, in einer Zeit, wo die Zahl antisemitischer Straftaten, gerade in Berlin, auf Rekordniveau ist.

    • Desdur Nahe

      @Deep South:

      Das was Sie sagen, wird ja auch hier im Artikel deutlich:



      "So rappt er etwa ... von der „Initifada“, also dem palästinensischen Widerstand"



      Widerstand? Das waren Kriege, die tausende Menschenleben gekostet haben. Auf beiden Seiten.