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Abgeordnetenhauswahl in BerlinWarum die Linke die Wahl gewinnen wird

Mit vier Punkten vor der CDU führt die Linkspartei derzeit die Umfragen in Berlin an. Macht sie keine großen Fehler, ist ihr der Wahlsieg nicht mehr zu nehmen.

Drei Wochen bevor der demokratische Sozialist Zohran Mamdani im November vergangenen Jahres, getragen von einer Euphoriewelle, zum Bürgermeister von New York gewählt wurde, nominierte die Berliner Linke Elif Eralp zu ihrer Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl. Das Vorstellungsvideo, in dem Eralp ihre Aufstiegsgeschichte nachzeichnet, war wie aus dem Mamdani-Playbook: Hier kommt eine, die das Leben kennt und die Politik vom Kopf auf die Füße stellen wird – für die arbeitende Mehrheit und nicht die vermögende Minderheit.

Eralp und die Linke versuchen seitdem, möglichst viel vom Erfolgsrezept von Übersee nach Berlin zu holen. Neben der audiovisuellen Vermarktung ihres Wahlkampfes ist das vor allem die Fokussierung auf wenige Kernbotschaften und das strikte Vermeiden, sich in Kulturkämpfe verstricken zu lassen. Die CDU redet übers Gendern – Eralp antwortet mit der Mietenfrage. Die CDU macht den Antisemitismusvorwurf – Eralp spricht über die Rechte aller hier lebender Menschen. Offen benennt sie auch die Strategie dahinter: Es gehe um eine „verbindende Erzählung“.

Eine breite Euphorie um ihre Person hat Eralp dabei bislang jedoch nicht entfacht. Drei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl ist sie vielen Wäh­le­r:in­nen immer noch unbekannt, bei einer Umfrage nach einer Bürgermeisterdirektwahl landete sie zuletzt deutlich hinter ihren Konkurrent:innen. Der Mamdani-Effekt des Volkstribuns, der die Massen begeistert, lässt sich nicht einfach kopieren. Erfolgreich ist der Kurs der Linken dennoch.

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Während die Partei im Herbst vergangenen Jahres in Meinungsumfragen noch deutlich hinter der CDU lag, hat sich dies seit der Verkündung Eralps ins Gegenteil verkehrt. Eine jüngste Forsa-Umfrage sah sie mit 22 Prozent deutlich auf Platz eins – vier Prozentpunkte vor der CDU. Es ist keine gewagte These mehr zu sagen: Die Linke wird die Wahl in Berlin gewinnen. Und dafür gibt es Gründe.

Erkennbarer Markenkern

Die Linke ist zur Marke geworden, und zwar im wichtigsten Thema der Stadt. Für viele gilt sie als glaubwürdige Vertreterin der leidgeplagten Mieter:innen, nicht nur, aber auch aufgrund ihrer klaren Positionierung für eine Umsetzung des Vergesellschaftungs-Volksentscheids. Die Verknüpfung Linke gleich Mieterschutz ist für die Partei Gold wert. Keine andere Partei steht in der öffentlichen Wahrnehmung so sehr für Lösungskompetenz in einem der zentralen Probleme Berlins.

Und das kommt nicht vor ungefähr. Nicht nur im aktuellen Wahlkampf, sondern seit Jahren konzentriert sich die Partei auf das Mietenthema, sie hat stapelweise Konzepte und ausgearbeitete Gesetzentwürfe vorgelegt. Noch wichtiger ist aber: Mit dem Mieten- und Heizkostencheck hat sie Instrumente entwickelt, die für Mie­te­r:in­nen einen praktischen Nutzen haben. Von Erfolgen der Mietenpolitik von SPD und CDU hat dagegen noch niemand etwas gemerkt.

Mobilisierung

Eine innerhalb von anderthalb Jahren verdoppelte Mitgliedschaft hat die Linke zuletzt auf Platz eins der mitgliederstärksten Parteien Berlins katapultiert. Eingetreten sind vor allem junge Menschen unter 35, mehr Frauen als Männer. Und viele von ihnen haben die Motivation, sich rote Parteiwesten überzustreifen und in den Haustürwahlkampf oder als Putzkolonnen durch die Kieze zu ziehen.

Die SPD kündigte zwar an, an mehr Türen klopfen zu wollen als die Linke, aber Letztere tut es wirklich: In umkämpften Wahlkreisen wie Charlottenburg-Nord sind Linken-Mitglieder fast jedes Wochenende an den Türen unterwegs – und das schon lange bevor der Wahlkampf startete. Wie sehr das den Unterschied machen kann, zeigte die Bundestagswahl. Mit 2.000 Aktiven, die an 140.000 Haustüren klingelten, holte im vergangenen Jahr Ferat Kocak das Bundestagsdirektmandat in Neukölln – bundesweit das erste für die Linke in einem westdeutschen Wahlkreis.

Dass die Linke inzwischen in neue Kreise ausstrahlt, zeigt eine Wahlinitiative für Elif Eralp, der sich öffentliche Persönlichkeiten angeschlossen haben, die bislang eher im Grünen-Spektrum zu verorten waren. Eralp profitiert zudem davon, die einzige Kandidatin mit Migrationshintergrund zu sein – so wie ihn mehr als 40 Prozent der Stadtbevölkerung haben. Ihre Herkunft, aber auch ihr Einsatz für ein Wahlrecht für alle verfängt dabei besonders bei jungen Menschen mit diversen Biografien. Immer mehr migrantische In­flu­en­ce­r:in­nen stellten sich zuletzt in den sozialen Medien öffentlich hinter ihre Kampagne, die damit deutlich an Schwung gewinnt.

Bollwerk gegen rechts

Schon bei der Bundestagswahl 2025 profitierte die Linke massiv von einer Debatte um eine Brandmauer zur AfD, die CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz damals eingerissen hatte. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek rief auf die Barrikaden und viele besorgte An­ti­fa­schis­t:in­nen folgten ihr im Wahllokal.

Die Berliner Linke darf nun auf etwas hoffen, was nicht zu hoffen erlaubt ist: Der absehbare AfD-Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zwei Wochen vor der Berlin-Wahl könnte ihr noch einen zusätzlichen Boost bringen. Denn wenn die Angst vor dem neuen Faschismus am größten ist, wächst auch das Bedürfnis nach einer entschiedenen Antwort.

Profitieren könnte die Linke vor allem in Ostberliner Wahlkreisen, in denen nur sie einen Sieg der AfD verhindern kann. Aber auch darüber hinaus: Ein rotes Berlin, eine links regierte Hauptstadt wäre ein Signal, dass der Weg nach rechts nicht alternativlos ist.

Wechselstimmung

Eine wenig rühmliche Bilanz des schwarz-roten Senats führt dazu, dass nicht einmal je­de:r Fünfte mit dessen Arbeit zufrieden ist. Ergo: Ein Weiter-so ist kein Angebot, das überzeugt, stattdessen ist die Wechselstimmung groß.

Und tatsächlich: Links und rechts der Regierungsparteien profitieren derzeit alle, am stärksten jedoch die Linke. Zugutekommt ihr dabei auch die Schwäche der anderen Parteien und Kandidat:innen: Eine CDU, die mitten im Wahlkampf ihr Zugpferd ersetzen musste, eine SPD, die sich eher als Juniorpartner der CDU präsentiert, und Grüne, die weder mit ihrem Kandidaten noch ihren Themen so richtig durchdringen.

Ein Kreuz der Linken kann daher für so manche durchaus als Protest gemeint sein – gegen die AfD und eine Regierungspolitik, die Antworten auf die drängenden Alltagssorgen vermissen lässt. Andere versprechen sich von ihr dagegen echte Lösungen für die immer weitere steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten. Die Linke funktioniert gerade für viele – und ein sich abzeichnender Wahlsieg wirkt zusätzlich attraktiv.

Macht sie keine großen Fehler, ist ihr der Wahlsieg nicht mehr zu nehmen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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