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Referendum in Island Island steht nicht für die Attraktivität der EU

Anne Diekhoff

Kommentar von

Anne Diekhoff

Die EU sollte die Abfuhr nicht persönlich nehmen. Die Is­län­de­r*in­nen lieben ihre Unabhängigkeit und ein Abkommen mit der EU existiert bereits.

U nangenehm, so eine Abfuhr! Was machen wir in der EU jetzt mit der Erkenntnis, dass Island nicht einmal mit uns reden will, um unser Angebot kennenzulernen? Nur darum ging es doch bei dem Referendum auf der Atlantikinsel. Nun wird sie also bis auf Weiteres kein geopolitisch interessant gelegener EU-Außenposten werden.

Die isländische Regierung hatte eventuell etwas anderes erwartet, als sie die Volksabstimmung im März ansetzte – die USA hatten gerade wieder eine akute Phase ihrer Grönland-Besitzansprüche-Anwandlungen gezeigt. Die Unruhe über die unsicher gewordene Weltlage ist aber in Island nicht so groß, als dass sie EU-Skeptiker hätte umdenken lassen.

Beim Umgang mit diesem isländischen Nein kann man erst mal eins im Kopf behalten: Fast die Hälfte der Menschen hat beim Referendum Ja gesagt – sie sind heute enttäuscht. Lange hatte es nach einem Unentschieden zwischen den Lagern ausgesehen. Ihre Niederlage schiebt die Ja-Fraktion nicht zuletzt auf eine Nein-Kampagne, die mit extrem viel Geld und unlauteren Methoden gekämpft habe.

Woher die finanziellen Mittel dafür kamen, wollte und musste die Organisation nicht öffentlich machen – aber in Island gilt es als plausibel, dass einige der reichsten Unternehmer des Landes die Absender waren. Dass ihre Geschäfte von außerhalb der EU profitabler seien, gilt als Motivation.

Man kann nicht von allen gemocht werden

Dieses Nein ist bei aller Deutlichkeit mehrschichtig, und einen Teil davon dürfen die Europäer in der EU einfach nicht persönlich nehmen – man kann nicht von allen gemocht werden. Die eigene Attraktivität in der Welt an Islands Entscheidung messen zu wollen, wie es bei der Erweiterungskommissarin zuletzt fast durchklang, würde bedeuten, sich unnötig klein zu machen.

Island ist ein unabhängigkeitsliebendes Land, das als EWR-Mitglied bereits von den Vorteilen der Union profitiert – die Entscheidung dort fiel aus einer komfortablen Situation heraus. Nun bleibt erst mal alles so schön, wie es schon ist.

Aber eins könnte Brüssel jetzt wirklich mal machen: dieses Referendum zum Anlass nehmen und noch einmal ernsthaft an der eigenen PR-Strategie arbeiten. Dass es immer noch und immer wieder so leicht zu sein scheint, Menschen mit Unwahrheiten über die EU dazu zu bringen, sie grundlegend und heftigst abzulehnen – das ist doch eigentlich nicht hinnehmbar.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Anne Diekhoff

Anne Diekhoff Nordeuropa-Korrespondentin

Seit 2022 bei der taz. Erst als Themenchefin in Berlin, jetzt als Korrespondentin in Schweden. Früherer Job im Norden: Trolle verkaufen am Fjord. Frühere Redaktionen: Neue OZ, Funke, Watson. Skandinavistin M.A.
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45 Kommentare

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  • Sam Spade

    Island und Norwegen haben beide ihre Unabhängigkeit erst im 20 Jahrhundert erhalten. Beide Länder gehören heute zu den wohlhabendsten und fortschrittlichsten Ländern der Welt.

    Ein EU Beitritt wäre für beide Länder ein Rückschritt. Nicht nur wirtschaftlich in Sachen Fischerei oder Finanzpolitik auch auf geopolitischer Ebene.

    In beiden Ländern gibt es ein immaterielles Kulturerbe, welches hierzulande häufig mit klassischen Traditionen gleichgesetzt wird. Hat damit allerdings genauso wenig zu tun, wie mit Nationalstolz.

    In Norwegen bezeichnen wir es als "levende tradisjoner". Kos und Friluftsliv gehören ebenso dazu wie Bunad und stehen für ein Konzept des Lebensgefühls, welches einen historischen Kontext aufweist und tief in den Lebensalltag hineinwirkt.

    Island weist in dieser Hinsicht viele Parallelen zu Norwegen auf.

    Für Menschen die nicht in Island sozialisiert wurden und mit der nordischen Kultur nicht vertraut sind, ist das Verhalten der Bevölkerung in diesen Ländern nur schwer nachzuvollziehen.

    Aber Unabhängigkeit und levende tradisjoner sind in diesem Zusammenhang zwei Seiten einer Medaille und die sehen beide Nationen durch einen EU Beitritt gefährdet.

  • Ignis Ferrum

    Zusammenfassend kann man sagen, Fischerei-Lobby und Nationalismus haben sich durchgesetzt. Populismus und das Schüren von Ängsten hat sich ausgezahlt für die Nein-Fraktion. Dabei ging es bei der Abstimmung nur um Gespräche mit der EU, ein Gespräch ist eigentlich nie verkehrt, man hätte da immer noch Nein sagen können. Traurig ist, wie leicht die Menschen, egal wo auf der Welt, sich von Populisten beeinflussen lassen.

    • Budzylein

      @Ignis Ferrum:

      Ja, klar. Wer für Verhandlungen ist, die einen EU-Beitritt Islands vorbereiten sollen (sonst kann man sich die Verhandlungen auch sparen), verfolgt keinerlei eigennützige Interessen, sondern handelt selbstlos aus menschenfreundlichen Motiven und argumentiert ausschließlich vernunftbasiert. Und wer für die Verhandlungen gestimmt hat, gehört zu den besonders klugen und rational handelnden Menschen und hatte sich zuvor eingehend informiert und die Vor- und Nachteile eines EU-Beititts rational abgewogen. Die Mehrheit, die gegen die Verhandlungen gestimmt hat, besteht hingegen aus primitiven. nationalistischen Dumpfbacken, die sich gern von Populisten, vor allem der Fischerei-Lobby, beeinflussen lassen.

      So einfach ist das. Und da die Mehrheit in Island so dumm ist, verpasst die Bevölkerung die tollen Chancen, die eine EU-Mitgliedschaft bietet - mit der Konsequenz, dass Island stur und unbelehrbar den Weg fortsetzt, der das Land zu einem der ärmsten der Welt gemacht hat. Ironie aus.

    • T-Rom

      @Ignis Ferrum:

      Oder die Isländer hatten das Gefühl, dass ihnen aus der EU vergeschrieben werden würde, was für sie gut und richtig ist. Und ihre eigene Meinung in der EU zu wenig resprektiert weren würde.

      • zartbitter

        @T-Rom:

        Schon vergessen? Die populistischen Lobbyisten haben keine konkreten Meinungen oder konkrete Politik abgelehnt - sondern um Gespräche über Artenschutz in den Weltmeeren von vornherein zu verhindern.



        =



        Verhindert wurden auch Gespräche darüber das der Außenhandel zwischen China und Island idurch ein historisches Freihandelsabkommen geprägt ist und ein kontinuierliches Wachstum verzeichnet. Island importiert wertmäßig deutlich mehr aus China, als es dorthin exportiert, was zu einem eklatanten Handelsdefizit auf isländischer Seite führt.



        =



        Export aus Island nach China: Fische aus dem Atlantik



        Export aus China nach Island: Computer, Elektronikbauteile auf Kohlenstoffbasis, Telefone, Transformatoren



        =



        Typisch für chinesische Aussenpolitik: Lautlos - aber effektiv um Gespräche die einiges zu Tage fördern könnten zu verhindern.

  • Milonga

    Ein Mini-Land mit weniger Einwohnern als Frankfurt am Main entscheidet sich aufgrund einer Mischung aus Nationalstolz und wirtschaftlichen Befürchtungen gegen den EU-Beitritt. Gut. Bereits jetzt hat Island Verträge mit der EU die unterm Strich bedeuten, dass es sich so verhalten muss, als sei es EU-Mitglied. Gleichzeitig hat das Ländchen weiterhin kein Mitsprache- und Abstimmungsrecht in der EU. Kann man machen, ist halt eher doof, aber hey, Nationalstolz (von knapp 400.000 Inselbewohnern).

    • T-Rom

      @Milonga:

      Die Isländer werden schon ihre Gründe haben. Vielleicht kommt es bei ihnen auch nicht so gut an, dass sie aus großen EU Ländern als "Ländchen" bezeichnet werden und ihrer Entscheidungen als "doof" abgekanzelt werden. Wäre jedenfalls meine Meinung, wenn ich Isländer wäre.

  • zartbitter

    Diejenigen die mit nein gestimmt haben, wurden von der isländischen Fischereiindustrie, die extrem einflussreich und wirtschaftlich sehr stark ist, beeinflusst. Sie lehnte einen Beitritt strikt ab und unterstützte die Kampagnen gegen die Wiederaufnahme von Verhandlungen massiv mit für Island aussergewöhnlicher Agressivität und mit sehr viel finanzieller Unterstützung für die Neinsager.



    =



    Die EU-Agrar- und Fischereiminister legen die Fangquoten jährlich fest um Fischbetände zu schützen. Dabei stimmen sie unter dem Druck nationaler Fischereilobbys regelmäßig für Fangmengen, die deutlich über den wissenschaftlichen Empfehlungen zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Fanggründen liegen.



    =



    Die ausgegossene Häme gegen die EU anlässlich der isländischen Entscheidung nicht verhandeln zu wollen hat ein Opfer:



    Die Fischfanggründe und der Artenschutz im Nordatlantik - siehe Europäischer Aal, Atlantischer Lachs, Dornhai, Granatbarsch, Kabeljau und andere lassen grüssen - aller Vorraussicht nach zum letzten Mal vor der endgültigen Überfischung.

  • Strolch

    Wie sich wohl die Deutschen entscheiden würden, wenn man sie fragen würde? Viele, die hier erklären, die Isländer zu verstehen, müssen sich eigentlich fragen, wie sie dazu stehen, dass Deutschland Mitglied ist. Die Vor- und Nachteile abzuwägen, ist nicht einfach. Auf der Habenseite steht zumindest (sicher nicht allein der EU geschuldet) dass die Europäer seit 81 Jahren untereinander keinen Krieg mehr geführt haben. Starke wirtschaftliche Verflechtungen helfen dabei - wenn es auch kein Allheilmittel ist.

    • vieldenker

      @Strolch:

      Also auf Deutschland bezogen, fallen mir jetzt so spontan eigentlich keine echten Nachteile ein.

      • JeanK

        @vieldenker:

        Die hohen Nettozahlungen sind ein wohl nicht zu leugnender Nachteil.

  • Jalella

    Ich finde zwei Sachen spannend daran: erstens die Ähnlichkeit zum Brexit, der auch knapp durchkam und von dem man weiß, dass es relativ wenig Wahlbeteiligung auf Seiten der Brexit-Gegner gab. Also mehr Leute waren pro EU, aber es war ihnen nicht wichtig genug, es auch zu artikulieren. So scheint es genau auch in Island zu sein.

    Zweitens finde ich interessant, dass es keine sehr klare Meinung zu der Frage "EU ja oder nein" gibt. Es dümpelt immer um die 50% herum. Ist es so egal in der EU zu sein?

    • gyakusou

      @Jalella:

      Island profitiert bereits jetzt von wichtigen Vorteilen (ist Teil des europäischen Binnenmarkts und gehört zum Schengen-Raum).

      Warum noch mehr nationale Kompetenzen abgeben? Was bringt es, in der EU zu sein?

  • Kaboom

    Ob Island Mitglied der EU wird, ist Sache der Isländer. Und NUR Sache der Isländer. Unabhängig von irgendwelchen Lügenkampagnen war der Fischfang ein relevanter Grund für die Isländer. Bei der Größe des Landes und der Größe der EU (was Einwohner angeht) kann ich Bedenken jedenfalls nachvollziehen.



    Taktisch gesehen hätte ich aber erstmal verhandelt. Später hätte Island ja immer noch die Bürger entscheiden lassen können.

    • warum_denkt_keiner_nach?

      @Kaboom:

      "Ob Island Mitglied der EU wird, ist Sache der Isländer. Und NUR Sache der Isländer."

      Nicht ganz. In einer normalen Welt würde man die EU Bürger fragen, ob noch ein Land aufgenommen werden soll. Ist ja eine Sache, die zwei Seiten betrifft.

    • Nisse

      @Kaboom:

      Zum Glück ist dies nicht NUR Sache der Beitrittsländer. Sonst wären Montenegro, Moldau oder die Türkei schon längst Mitglied. Es gibt hinreichend Bedingungen und am Ende muss jeder Mitgliedsstaat den Beitrittsvertrag des Kandidaten ratifizieren. Es ist nur Sache des Isländer ob sie überhaupt den Weg gehen wollen.

  • Okay

    Islands Nein zu neuen EU-Beitrittsverhandlungen



    sollte Brüssel zu denken geben.

    Die EU scheint längst nicht mehr so attraktiv zu sein, wie man dort glaubt. Seit Rechtspopulisten immer stärker mitbestimmen, läuft die politische Uhr rückwärts.

    Die EU wurde mit dem Versprechen von Frieden, Freiheit, Menschenrechten, offenen Grenzen und gemeinsamer Stärke aufgebaut. Aber wie sichtbar und glaubwürdig sind diese Werte heute noch?

    Offene Grenzen werden politisch wieder infrage gestellt, humanitäre Werte geraten an den Außengrenzen unter Druck, während wirtschaftliche Interessen und der Binnenmarkt oft stärker im Vordergrund stehen.

    Was hat die EU der jungen Generation eigentlich anzubieten – außer einem gemeinsamen Wirtschaftsraum?

    • Vigoleis

      @Okay:

      Kann es sein, dass Sie da etwas missverstanden haben? Soweit ich das verfolgen konnte, haben die Isländer eine mögliche EU-Mitgliedschaft nicht wegen Angst vor "stärkerem Rechtspopulismus", gebrochenen "Versprechen von Frieden, Freiheit, Menschenrechten, offenen Grenzen und gemeinsamer Stärke" oder gar durch die EU "infrage gestellter offener Grenzen" und dort "unter Druck geratener humanitärer Werte" abgelehnt, sondern einzig wegen des (von Ihnen apostrophiert als "der jungen Generation" einzigen angebotenen EU-Mehrwert) "gemeinsamen Wirtschaftsraumes".



      Die Mehrheit der Isländer hatte offenbar vor allem Angst, ihre wirtschaftlichen Erfolgsnischen durch EU-Recht einzubüßen. Irgendwo las ich auch, dass vor einem "französisch-preußischen Neokolonialismus" gewarnt wurde. Also die Ängste vor der EU waren und sind dort ganz andere als die von Ihnen beschriebenen.



      Ich würde schließen, dass sich für die EU aus dem Nein überhaupt nichts zu denken ergibt. Ich meine, dass die EU ganz andere Probleme zu bewältigen hat.

      • Jalella

        @Vigoleis:

        Spannend wäre, was die detaillierten Gründe sind. Denn dazu sehe ich hier ja keine ausführlichen Studien. Die Meinung bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind sicher vielfältiger als dass man nur von dem einen Grund reden kann. Und wenn ich mich versuche, in die recht progressiven Isländer zu versetzen, würde mich die Zusammensetzung des EU-Parlaments und das Agieren sehr stören. Auch wenn ich daran denke, wie die EU in der Vergangenheit gerade mit kleineren Staaten umgegangen ist, würde ich mir das mit dieser kleinen Volkswirtschaft sehr genau überlegen.



        Wie die EU, ganz vorne dabei Deutschland, z.B. Griechenland in der Finanzkrise geschlachtet hat, würde mir Angst machen.

        • Vigoleis

          @Jalella:

          Die Gründe für Bevölkerungsgruppen wie für den Einzelnen sind sicher vielfältig. Aber primär dürften für das Nein wirtschaftliche Gründe den Ausschlag gegeben haben. Das wird ja auch im Artikel deutlich.



          Ob die Isländer wirklich so "progressiv" sind, wage ich mal etwas zu bezweifeln. Auch die Skandinavier hielt man bei uns lange für "progressiv". Bis sich herausstellte, dass nationale oder reaktionäre Parteien eine erhebliche Rolle bei der politischen Meinungs- und also Mehrheitsbildung spielten und spielen. Und das übrigens, ohne das gleich Panik ausbricht. Nur weil die Menschen recht lässig und entspannt rüberkommen, heißt das noch nichts.



          "Auch wenn ich daran denke, wie die EU in der Vergangenheit gerade mit kleineren Staaten umgegangen ist,..." Erstens ist dies ein Widerspruch, weil auch die kleinen Staaten die EU sind (logisch betrachtet also mit sich selbst schlimm umgegangen sein sollen?).



          Zweitens: Wenn ich daran denke, wie einige kleinere Staaten mit der EU umgegangen sind (z.B. Polen, Ungarn), dann würde ich mir genau überlegen, ob wir weitere "Querulanten" aufnehmen sollten.



          Drittens: Griechenland war ja bekanntlich nicht unschuldig an seiner misslichen Lage.

          • marilyn.hanson

            @Vigoleis:

            So ist der Spätkapitalismus halt: Man wird da leicht zur eigenen Abrissbirne, mit tatkräftiger Unterstützung einer korrupten Wirtschaftselite im eigenen Land.



            Griechenland ist maximal unfreundlich von insbesondere Deutschland behandelt worden - nicht zum verdammt ersten Mal in den letzten100 Jahren! Die EU ist in allererster Linie im Verbund mit dem Euro ein Kohl-Mitterand-Gebilde zwecks Ausweitung des Absatzmarkts, ohne die ehemaligen Nationalwährungen aufwerten zu müssen. Das sieht man ganz deutlich an den Demokratie-Defiziten in der Struktur der Entscheidungsfindungen der EU, wo die nationalen einzelstaatlichen Regierungen den Takt vorgeben, schön sortiert nach wirtschaftlicher Macht und geostrategischen Prioritäten.



            Nicht ohne Grund hat die griechische Linke den Euro stets skeptisch (altgriechisches Wort!) beäugt.



            Deutschland soll mal seine Schulden aus WK 2 begleichen, dann können wir weiterreden hier. Die Ukraine sollte sich diese Vorerfahrungen mit westlichem Neokolonialisnus verdammt gut merken vor einem Beitritt.

          • Sam Spade

            @Vigoleis:

            "Ob die Isländer wirklich so "progressiv" sind, wage ich mal etwas zu bezweifeln."

            Ich weiß nicht was sie genau unter progressiv verstehen, aber als in Deutschland Homosexualität noch eine Straftat war, wurden in Island bereits gleichgeschlechtliche Partnerschaften rechtlich anerkannt. Zu Zeiten in denen Vergewaltigungen in der Ehe in Deutschland noch straffrei blieben, wurde in Island ein Gesetz erlassen, welches es unter Strafe stellte gleiche Arbeit von Männern und Frauen ungleichmäßig zu bezahlen. Da verwundert es nicht das selbst die reaktionären Kräfte in Island Gesetzen zugestimmt haben, welche die Rechte von LGBTQ+ stärken, während im deutschen Strafrecht immer noch § 218 die Rechte von Frauen auf Selbstbestimmung einschränkt.

            Island finden sie in den Rankings zu Gleichberechtigung, wie den Global Gender Gap an der Spitze und das seit Jahrzehnten.

            Das erste demokratische Land der Welt, welches eine Frau zum Staatsoberhaupt wählte war übrigens: Island.

            Zu ihren weiteren Ausführungen was die Skandinavier betrifft, verbietet mir meine norwegische Natur darauf näher einzugehen. Es sei daher nur angemerkt, das sie ebenso vor Unkenntnis nur so strotzen wie im Falle Islands

            • Vigoleis

              @Sam Spade:

              Nunja, dass man, wenn man in den nordischen Ländern nicht sozialisiert ist, das Verhalten von deren Bewohnern kaum verstehen kann (laut Ihres Beitrags weiter oben) und deshalb nichts dazu schreiben sollte, ist ein Totschlagargument und beendet jeden Diskurs.



              Zu Skandinavien hatte ich mich nur zur Parteienlandschaft geäußert. In Norwegen bekam die rechtspopulistische Fortschrittspartei (vergleichbar mit der FPÖ) schon 2005 die zweitmeisten Stimmen im norweg. Parlament. Da dachte in Ditschl. noch niemand an die AfD. Norwegisches Brauchtum? Lebendige Tradition? Oder einfach bizarr?



              N ist reich, weil es auf Öl und Gas hockt. Bis dato war es ein vergleichsweise ärmlicher Bauern- und Fischerstaat.



              Der von Ihnen beschriebene traditionell vergleichsweise liberale Umgang im menschlichen Miteinander korrespondiert mit erheblichen Suchtproblemen (Alkohol), was beides mutmaßlich geographische Ursachen hat.



              Ich lese gerade Stefan Mosters Buch "Das Fundament des Eisberges". Der seit Jahrzehnten in Skandinavien lebende, daher unverdächtige Autor beschreibt die Nordländer recht anschaulich und detailiert. Er ist ebenfalls der Meinung, dass man viele Verhaltensweisen dort nicht verstehen muss.

  • Sybille Bergi

    ich bin glühende Europäerin. Aber was mir auf meiner Arbeit (Großprojekte Baubranche) mittlerweile an bürokratischem EU-Wust begegnet passt auf keine Kuhhaut mehr. Da wünschte ich mir teilweise Isländerin zu sein.

    • Vigoleis

      @Sybille Bergi:

      Das von Ihnen beschriebene Bürokratieproblem ist meiner Erfahrung nach primär keines, das durch die EU und deren Recht und Gesetz erzeugt wird, sondern allein ein deutsches Problem. Abzüglich des EU-Rechtes hätten Sie es gerade im Baurecht noch mit dem in Deutschland selbst erzeugten Gesetzes-Wust zu tun.



      Das können Sie schon allein daran ablesen, dass viele andere EU-Staaten gerade bei der Planung und Fertigstellung von Bauprojekten wesentlich schneller und effizienter sind als Deutschland. Der Beispiele gibt es sehr viele. Und auch diese Staaten müssen das EU-Recht in eigenes Recht integrieren und es umsetzen. Genau wie Deutschland. Diese Länder können und wollen das offenbar, und zwar fixiert auf Antworten und zügige Lösungen und nicht auf Fragen und allseitige, vielstimmige Probleme.

      • Sybille Bergi

        @Vigoleis:

        Sehr nett, dass Sie mir meinen Beruf erklären wollen. Sie haben prinzipiell recht, auch die Bundesregierung kreeirt Bürokratiemonster. Allerdings wird das Problem durch die EU noch deutlich verschärft (ich muss im Prinzip jeden Bleistift EU weit ausschreiben)

    • T-Rom

      @Sybille Bergi:

      Ja, das dürfte einer der Gründe für diese Entscheidung gewesen sein.



      Wenn man sieht, was die EU jetzt gerade mit der PPWR erneut für ein bürokratisches Desaster produziert hat, muss man schon feststellen dass die EU Beamten und die Kommission offenbar ihr Handwerk leider nicht beherrschen

      • Peter Rabe

        @T-Rom:

        Als Anwalt der auch zur PPWR berät: Dass die PPWR so komplex ist für kleine Unternehmen - insbesondere mit der Registrierung für die Entsorgung und die Repräsentantenpflicht - ist nicht allein auf dem Mist der EU Kommission gewachsen. Das ist der übliche nationale Kontrollwahn der Mitgliedstaaten. Und diese - sowie das Parlament - hätten es in der Hand gehabt, es anders zu regeln. Die Kommission hat schon im Entwurf die Bagatellgrenze vergessen, das kann man ja vorwerfen. Aber sie hat versucht es wieder gutzumachen, allerdings die Mitgliedstaaten haben das die Mitgliedstaaten im Rat im Sommer einfach torpediert.

  • warum_denkt_keiner_nach?

    Auch wenn Island etwas abgelegen ist. Die Bewohner haben Zugang zu Informationen. Und da können sie natürlich verfolgen, wie die Großen in der EU recht rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen. Und natürlich haben sie mitbekommen, dass die EU vor den Drohungen aus Washington einknickt, wenn es hart auf hart kommt.

    Wozu also beitreten?

  • Philippo1000

    Tja, Schade.



    Das wäre mal eine positive Nachricht gewesen.



    Ein „knappes Ergebnis“ war der Brexit irgendwie auch.



    Wie in diesem Fall zu sehen, ist Zusammenarbeit allerdings auch jenseits der EU möglich.



    Genauer betrachtet wird die EU natürlich auch unattraktiver. Nationale Strömungen nehmen zu und rechte Parteien gewinnen Abstimmungen.



    Für die EVP gibt es keine Brandmauer und Dobrindts Abschottungsmaßnahmen sind nur eine schlechte Nachricht in einer EU Abschottungsstrategie.



    Viele Länder suchen nur noch den eigenen Vorteil, Merz zeigt beim Geld, dass er das Gegenteil des Europäers Kohl darstellt.



    Mit der Erweiterung haben wir uns auch neue Probleme eingehandelt,



    Doch auch Staaten wie Frankreich rutschen ins Nationalistische ab.



    Von einer „europäischen Idee“ ist nicht mehr viel zu spüren.



    Und das in einer Zeit, wo die wirtschaftlichen Bedrohungen und die militärischen Bedrohungen derart groß sind.



    Statt Erweiterung muss die EU sich selbst reformieren und demokratischer werden.



    Die jüngsten Entwicklungen haben mich auch von einem klaren Befürworter zu verschiedenen Fragen geführt.



    Das spiegelt allerdings die allgemeine politische Entwicklung wider, die ins Rechts/ Extreme tendiert.

    • Vigoleis

      @Philippo1000:

      Das sind viele richtige Fragen, die Sie aufwerfen.



      Allerdings haben die Isländer einen möglichen EU-Beitritt primär aus wirtschaftlichen Gründen abgelehnt. Die Sorge war groß, innerhalb des regulierten EU-Binnenmarktes einige als unerlässlich angesehene wirtschaftliche Nischen zu verlieren.



      Definitiv keine Rolle spielten hingegen die aktuellen politischen Tendenzen in Europa. Man könnte sogar sagen: Die isländische Ablehnung wurde quasi nationalistisch begründet, nicht liberal. Die Gründe waren also interne und nicht externe, wie übrigens beim letzten Scheitern eines Beitrittsversuchs in 2013 auch schon.



      Insofern könnte man auch froh sein, dass uns ein weiteres "schwieriges" Mitgliedsland, vulgo: Querulant, erspart geblieben ist. Auch wenn wir die Isländer immer so irgendwie drollig finden.

      • marilyn.hanson

        @Vigoleis:

        Also sind die Isländer*innen im Grunde parallel zu den Eu-Europäer*innen. Was für eine paradoxe Weltlage.

  • Bürger L.

    Man mag die Ablehnung ja aus unterschiedlichen Gründen bedauern. Da die Fischerei, soweit ich weiß, Islands wichtigster Wirtschaftszweig ist, ist allerdings die Sorge vor Verlusten durch EU Fischfang-Quoten zumindest nachvollziehbar.

  • nutzer

    Kann die Ablehnung der EU wirklich nur auf Desinformation beruhen?

    • Querbeet

      @nutzer:

      Offenbar, ich meine, die Attraktivität der EU liegt doch auf der Hand. Schlanke effiziente Strukturen, flache Hierachien, klare Zuständigkeitsverteilung, demokratisch vom Volk gewählte Spitzen. Aus den Ländern werden nur die Topleute für Brüssel bereitgestellt. Und als Nettozahler hätte Island auch noch exklusive Premiumangebote der EU nutzen können.

      • Peter Rabe

        @Querbeet:

        Viele Worthülsen um mitzuteilen, dass man keine Ahnung hat, was die EU ist und wie die EU funktioniert.

        Da die EU als Staatenbündnis kein Volk hat, gibt es da auch nichts zu wählen. Und da die EU entsprechend ihre Kompetenzen nicht Gutdünken oder Sachzwängen anpassen kann, sind diese manchmal etwas komplex.

        Die EU hat weniger Mitarbeiter als viele Stadtverwaltungen und mit die USA beschäftigen auf Bundesebene etwa 35 mal so viele Personen pro Einwohner.

  • Hans Dampf

    "Die Is­län­de­r*in­nen lieben ihre Unabhängigkeit "



    Ja, so sehe ich das auch und ich nehme ihnen gar nichts übel. Es gilt die Mehrheit der Wähler, basta.

  • bvbfan

    Was für "Unwahrheiten" wurden denn behauptet ? Wenn ich das neue EU Budget für 2028-2034 sehe, kommt mir das schon so vor wie ein immer weiter wachsender Wasserkopf. Deutschland und einige andere Länder verlangen ja schon eine Reduzierung um mehrere 100 Milliarden. Verglichen mit dem vorherigen 2021-2027 Zeitraum, wächst das Budget auch relativ zum EU Bruttoinlandsprodukt (von 1.0 % auf 1.2%, obwohl es da ein paar verschiedene Zahlen gibt). Ich kann recht gut verstehen, dass Island nicht mehr Befugnisse an Brüssel abgeben will.

  • Kohlrabi

    Die EU kann die Ablehnung nicht persönlich nehmen, da sie keine Person ist. Ich als Europäer nehme es nicht persönlich, da ich mich nicht mit der EU identifiziere. Für Deutschland ist die EU ein historisches Schicksal, dem man sich nicht entziehen kann oder sollte. Als Bürger eines peripheren Inselstaates hätte ich aber auch mit "Nein" gestimmt. Das beste Argument liefert die Autorin selbst. Island würde zum "geopolitisch interessant gelegenen EU-Außenposten". Warum aber sollten die dort so etwas wollen, angesichts der jüngsten Entwicklungen in der EU?

    Und das Problem in Brüssel ist wohl kaum die PR-Strategie, sondern es ist mit dem Ausdruck "demokratisches Defizit" immer noch (und zunehmend) zutreffend benannt. Die Kommission ist nicht legitimiert, der Rat durch die "Großen" dominiert, das EP disparat und konfus.

  • argie

    Die EU sollte dringend daran arbeiten, unnötige bürokratische und zum Teil zur Massenüberwachung tendierende Vorschriften (Chatkontrolle!) zurückzufahren. Es gibt keinen Grund, warum diese nicht auf nationaler Ebene geregelt werden können - denn dann könnte ein Wettbewerb um die privatsphärefreundlichste Regulierung entstehen.

    Ich denke auch diese zu weit gehenden Normen sind ein Grund für die Ablehnung durch Island, das auch stolz auf seine Unabhängigkeit gerade im digitalen Sektor ist (es war ja mal als "sicherer Hafen für Whistleblower" im Gespräch), und auch für die allgemeine EU-Skepsis in Teilen der Bevölkerung. Vielleicht könnten auch Rechtspopulisten damit kleingehalten werden.

  • Il_Leopardo

    Mit Beitritt hätten die vermutlich zu den "Geberländern" gehört. Deshalb wollten sie nicht.

    • Morrad Mo

      @Il_Leopardo:

      Das kann man wohl sagen. Island gehört zusammen mit der Schweiz und Norwegen, die ebenfalls nicht in der EU sind, zu den drei wohlhabensten Ländern in Europa. ( Von Stadtstaaten mal abgesehen)

      • Comerade Aardvark

        @Morrad Mo:

        Und diese Stadtstaaten ... sind auch nicht in der EU! Die wissen schon, warum. Ein zweites Luxemburg wird es nicht geben.

      • Il_Leopardo

        @Morrad Mo:

        Schade, dass die so gar nichts von der "Europäischen Idee" halten.

  • XXX

    "Dass es immer noch und immer wieder so leicht zu sein scheint, Menschen mit Unwahrheiten über die EU dazu zu bringen, sie grundlegend und heftigst abzulehnen – das ist doch eigentlich nicht hinnehmbar."



    Was meinen Sie denn genau? Welche Unwahrheiten haben bei diesem Referendum eine Rolle gespielt?