Merkels Ansprache zu Corona: Deutsche Gründlichkeit

Die Bundeskanzlerin bittet die Bürgerinnen und Bürger mit bewegenden Worten, zuhause zu bleiben. Das reicht nicht.

Team der Uni Klinik Essen halten einBanner hoch, auf dem geschrieben steht: Wir bleiben für euch da! Und ihr bitte zu Hause!

Das Team der Zentralen Notaufnahme in Essen macht klare Ansagen Foto: Universitätsklinik Essen/dpa

Die eindringliche Rede der Bundeskanzlerin vom Mittwoch hat das Dilemma der deutschen Reaktion auf die Pandemie exemplarisch gezeigt. Wie ordnet man Maßnahmen an auf einer nach oben offenen Eskalationsskala und bleibt zugleich im Tempo und Tonfall der typisch deutschen Zurückhaltung?

Die Pläne, die der Krisenstab rund um die Uhr für die Bundesregierung und die Kanzlerin entwickelt, sind durchdacht, abgestimmt und austariert. Sie sind nicht geprägt von überstürztem Handeln oder panischer Geschäftigkeit. Sie sind im zeitlichen Ablauf geordnet und organisiert. Es gibt nur ein Problem: Das Virus entzieht sich dem historisch gewachsenen Selbstverständnis der Deutschen.

Stand Mittwochabend waren in Deutschland 11.302 Fälle einer Infizierung mit dem Coronavirus registriert. Wir haben uns (bei weltweit fast 210.000 Infizierten) auf Platz fünf der globalen Statistik vorgearbeitet, vor Südkorea und Frankreich. Dass die Zahl der Infektionen in Wahrheit deutlich höher liegt, bezweifelt niemand mit Sachverstand. Schon allein weil heute angesteckte Menschen vielleicht morgen, vielleicht erst in zehn Tagen oder gar nicht getestet werden. Da hilft es auch nicht, dass die US-Zahlen noch viel weiter von der Wahrheit entfernt sein dürften.

Gleichzeitig ist die Zahl der an der Infektion Gestorbenen zwar in jedem Einzelfall eine Tragödie, aber im internationalen Vergleich mit bislang 27 Toten phänomenal niedrig. Die Daten legen nahe, dass unser Gesundheitssystem bislang hervorragend funktioniert. Im Gegensatz zu Italien und auch Spanien, wo sich medizinische Katastrophen entwickelt haben, kann Deutschland bisher in der medizinischen Versorgung mit den steigenden Fallzahlen mithalten. Berlin errichtet sogar ein Krankenhaus mit 1.000 Betten.

Eine Aufforderung, die das Wort „Ausgangssperre“ vermeidet, ist falsch. Sie legt nahe, Deutschland habe das nicht nötig.

Was liegt da näher, als noch einmal schnell die Frühlingssonne zu genießen? Das erste Eis wird schon verkauft, die Leute sitzen in Cafés. Die Gefahr scheint in Deutschland ja doch nicht ganz so groß zu sein wie in Ita­lien. Bilder aus überfüllten Krankenhäusern mit verzweifelten Menschen stammen aus einer Welt hinter den Alpen. Eine gefährliche Illusion.

Wenn die Bundeskanzlerin die Bürgerinnen und Bürger jetzt in einer bewegenden Rede an die Nation auffordert, doch bitte zu Hause zu bleiben, reicht das nicht aus. Eine Aufforderung, die das Wort „Ausgangssperre“ vermeidet, ist sogar falsch. Sie legt nahe, Deutschland habe das, anders als seine Nachbarstaaten, nicht nötig. Diese Interpretation wiegt die Menschen in einer Sicherheit, die es nicht gibt.

Es braucht klare Auflagen. Dass diese vom Krisenstab bald noch kommen, ist recht wahrscheinlich. Wir machen das eben gründlich. Aber zu langsam. Für alle Maßnahmen muss allerdings eine Bedingung gelten: dass sie nur in der Pandemie zur Anwendung kommen und danach ohne Ausnahme wieder rückgängig gemacht werden.

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taz-Chefredakteurin, ehemals US-Korrespondentin & Büroleiterin des Tagesspiegel in Washington. Schwerpunkte Rechtspopulismus, USA, transatlantische Politik, Datenschutz und digitale Transformation der taz. Initiatorin der taz-Klima-Offensive und des taz Klimahubs.

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