Journalisten schreiben Greta nieder

Aus Neid wird Greta attackiert

Journalisten, die seit Jahren die Welt erklären, ohne sie zu verändern, verkraften es nicht, dass ein Teenager wirkmächtiger ist als sie selbst

Greta Thunberg mit einem Schild unterm Arm auf dem auf Schwedisch "Schulstreik für das Klima" steht

Greta Thunberg nach ihrer Ankunft in New York am Mittwoch Foto: dpa

Szenario 1

Es ist Freitag. Um Punkt zwölf Uhr setzt sich ein Mann mit Dreitagebart und Hornbrille, die ihm ein introvertiertes Aussehen sowie den Hauch eines vergeistigten Blicks verleiht, mit einem selbst gemalten Schild vor das Amt der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sein Bauchansatz zeigt, dass er den Zenit seiner Jugend überschritten hat und statt Tennis zu spielen lieber gut isst.

Der Mann ist Redakteur eines Leitmediums der deutschen Presse. Er ist so wichtig, dass er, wenn seine Zeit es überhaupt zulässt, nur noch die Weltlage kommentiert. Darin ist er Meister, denn er weiß alles, durchschaut alles, hat die Welt bereist, mit Mächtigen diniert. Ein Meinungsmogul ist er, dessen Gabe, die Welt zu erklären, etwas Messianisches hat.

Dieser Halbgott des Wortes also hat auf sein Schild eine Botschaft geschrieben, die sinngemäß heißt: Solange die Bundesregierung nichts tut, um den Klimawandel zu stoppen, werde er freitags streiken, nicht mehr kommentieren und so den PolitikerInnen und Wirtschafts-VIPs nicht mehr zu Diensten sein.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Schon am Freitag darauf sitzen ein halbes Dutzend Kommentarschreiber vor dem Bundeskanzleramt. Denn was unser Mann eine Woche zuvor gewagt hatte, ging wie ein Ruck durch die Redaktionsstuben: Sie kapieren plötzlich, dass sie mit ihren Meinungen die Welt nicht verändern, im Gegenteil, dass die vierte Gewalt, sie also, zum Steigbügelhalter des Nichtstuns verkommen ist. Ganz vorn in der Reihe sitzen die Herren von FAZ, Capital, Wirtschaftswoche und aus dem Hause Springer.

Und noch einen Freitag später sitzen alle Leitartikler der Bundesrepublik in ihren Anzügen vor dem Kanzleramt, denn die meisten haben zu Hause am Küchentisch Teenager (spät Vater geworden?) oder Enkel sitzen, die sie fragen: „Was habt ihr gegen den Klimawandel getan?“ Wenn die Leitartikler dann „Horch mal“ und „Wie sprichst du mit mir“ oder „Ihr versteht das nicht, die Arbeitsplätze, die Rendite, die Wirtschaft“ sagten, zeitigte das keine Wirkung.

Nun aber, jetzt applaudieren die jungen Leute und setzen sich dazu.

Aber ach, Quatsch, zum Lachen das alles, ein Witz. In Wirklichkeit ist es andersherum.

Szenario 2

Die Ereignisse sind bekannt: Ein 15-jähriges Mädchen setzt sich im August 2018 vor das schwedische Parlament in Stockholm. Vor sich ein Schild, auf dem steht: „Schulstreik für das Klima“.

Nur die erste Woche sitzt der Teenager namens Greta Thunberg allein da. Und ein Jahr später bestreiken Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt an Freitagen die Schule. Fridays for Future, FFF – der Slogan ist griffig und gut.

Was aber machen die Leitartikler? Sie applaudieren den jungen Leuten nicht, sie entwickeln Meinungen dazu, die sie breitflächig, gönnerhaft, belehrend und altväterlich in ihren Medien verbreiten.

Erst räsonierten sie darüber, ob Schüler und Schülerinnen überhaupt die Schule bestreiken dürfen. – Ja was denn sonst? Der Protest der Jugendlichen wäre ohne Schulstreik, ohne zivilen Ungehorsam nicht in ihren klimatisierten Redaktionsbüros angekommen und so breit in den Medien aufgegriffen worden, wenn sie es nicht täten.

Als dieser Diskussionsstrang versiegte, wurde Greta Thunberg in den Fokus gerückt. Da war doch was. Sie ist Autistin, krank also. Zwar bekommt sie dafür den Behindertenbonus, sie wird aber auch pathologisiert und auf diese Weise nicht ernst genommen mit ihrem Anliegen.

Nachdem dies indes nicht genug Wirkung zeitigte, verstiegen sich die Kommentatoren aufs Vergleichen. Von einem Kinderkreuzzug war die Rede, bei dem sich die Kinder am Ende ins Unglück stürzten, von Kassandra, von Oskar Matzerath, von Jeanne d’Arc. (Positiv verglichen wurde Thunberg nur mit Matzerath, der auch nicht wachsen wollte aus Protest gegen die Dummheit der Erwachsenen um ihn herum. Aber die das schrieb, war nur eine Feuilletonistin.)

Okay, Vergleiche konnten die FFF-Bewegung auch nicht stoppen. Da verstiegen sich die Leitartikler aufs Belehren. Greta Thunberg, die am Mittwoch mit ihrem Segelboot in New York angekommen ist, verstehe nicht, was Demokratie bedeute. Es bedeute, dass man Widersprüche aushalten müsse – und das könne Thunberg (qua Diagnose) nicht. Und außerdem orakelten die Journalisten, irgendwann werde sich alles verlaufen. Aber die FFF-Bewegung ließ sich auch damit nicht aufhalten.

Selbst im mörderischen Kabul gehen Jugendliche für Klimaschutz auf die Straße. Da griffen die Leitartikler zu einer spitzeren Waffe: der der Diffamierung. Greta Thunberg sei, argumentierten sie, nur der Spielball der Investment- und PR-Akteure im Hintergrund. (Die AfD, die den Klimawandel sowieso für einen PR-Gag hält zum Zweck, neue Steuern zu generieren, bedankt sich für diese Vorlage recht herzlich.)

Neuester Hashtag der Oberlehrer, die gern vom hohen Ross herab argumentieren (und die taz war da mit dabei): Greta Thunbergs Atlantiküberquerung ist gar nicht klimaneutral. Soll heißen: Das Mädchen täuscht. Wer aber täuscht, vor dem wird gewarnt: Der Subtext ist also: Bloß nicht auf sie hereinfallen.

The Wall

We don ’t need no education We don’t need no thought control No dark sarcasm in the classroom Teachers leave them kids alone Hey! Teachers! Leave them kids alone All in all it ’s just another brick in the wall All in all you ’re just another brick in the wall

Nachdenken

Allmählich müsste doch jemandem auffallen, was hier passiert. Die Leitartikler und medialen Oberlehrer, die seit Jahren die Welt erklären, ohne die Welt zu verändern, verkraften es nicht, dass ein Teenager wirkmächtiger ist als sie selbst.

Schon 1992 bei der Umwelt- und Klimakonferenz in Rio de Janeiro sprach ein Kind, die 13-jährige Severn Suzuki, von der Kinder-Umweltorganisation Eco. Sie bat die Delegierten, alles zu tun, damit der Planet nicht vor die Hunde geht. Und sie erzählte, dass ihr Vater immer zu ihr sagte: Du bist, was du tust, nicht, was du sagst.

27 Jahre sind seither vergangen, und Politiker und Journalisten haben geredet (oder geschrieben, was aufs Gleiche hinauskommt). Greta Thunberg und all die Kinder in der ganzen Welt aber zeigen, dass endlich gehandelt werden muss, dass sofort gehandelt werden muss, dass genug geredet wurde und dass wirkmächtig ist, wer zivilen Ungehorsam übt, indem er die Schule bestreikt, den Hambacher Forst und Braunkohlebagger besetzt – zum Beispiel.

Nicht nur hat Thunberg indes den Klimawandel zum Topthema gemacht, sie hat auch dem Wort „Globalisierung“ eine neue Bedeutung gegeben, jenseits von freien Märkten. Sie hat eine echte, den Globus umspannende Bewegung ausgelöst – und es sind Kinder und Jugendliche, die sie tragen.

Die Kommentare der Welterklärer aber plätschern dahin. Viele der Schreiber kreisen nur noch um sich selbst. Das wäre nicht so schlimm, wenn sie es nicht merken würden. Die Fridays-for-Future-Bewegung zeigt ihnen jedoch, dass sie den Anschluss verpasst haben. Schwer vorstellbar, dass es eine schlimmere narzisstische Kränkung für die gibt, die meinen, das Sagen zu haben. Deshalb ihre Belehrungen. Wer belehrt hat die Oberhand.

Übrigens

Jeanne d’Arc ist gar kein so schlechter Vergleich. Auch damals waren es mächtige Männer, die meinten die Welt lenken zu können und die es nicht verkrafteten, dass von einer jungen Frau eine die Geschichte verändernde Wirkung ausging. Bleibt zu hoffen, dass Greta Thunberg nicht Ähnliches passiert wie ihr.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben