Grüne Kanzlerkandidatin Baerbock: Partei der neuen Mitte

Es war nicht überraschend, dass Annalena Baerbock die grüne Kanzlerkandidatin wird. Jetzt geht es darum, ob sie Merkel-Wähler für sich gewinnen kann.

Grünenvorsitzende Baerbock

Kann sie für bisherige Merkel-Wähler das Neue verkörpern? Annalena Baerbock Foto: Tobias Schwarz/reuters

Die Frage, wer Kanzlerkandidatin der Grünen wird, war einzig und allein die Entscheidung von Annalena Baerbock. Und Annalena Baerbocks Antwort lautet unüberraschenderweise: Annalena Baerbock. Das kann man symbolpolitisch deuten und sagen: Endlich nimmt sich eine Frau, was sie kriegen kann und was ihr zusteht.

Aber entscheidend ist, ob Kanzlerkandidatin Baerbock das ausbaut, was der andere Spitzenkandidat Robert Habeck und sie betreiben, seit sie 2018 den Vorsitz übernommen haben: Die Grünen als Partei der neuen Mitte durchsetzen, eine Partei von Leuten, die SUV teils hassen, teils fahren und die Gendersprache teils lebensnotwendig finden und teils doof.

Eine Partei, die weder ideologisch zu fassen ist noch einem alten Lager zuzuordnen, sondern die die Bundesregierung im Blick auf die sich potenzierenden Krisen politisch handlungsfähig machen will, nicht nur mit sozialökologischer Wirtschafts-, sondern auch mit europäischer und globaler Machtpolitik. Dafür müssten sie sowohl linke Politik machen – also eine neue Art Vorsorgestaat hinkriegen -, als auch konservative Bezugsprobleme lösen, also mehrheitsfähige Reformpolitik im Konsens durchsetzen, obwohl der kulturelle und politische Modus der deutschen Gesellschaft auf „Weiter so“ konditioniert ist.

Das personell und methodisch wirklich Neue an den Grünen ist ja, dass sie der politischen Führerinnen- und Führerkultur des „Es kann nur einen oder eine geben“ das alternative Modell eines gleichberechtigten Frau-Mann-Duos entgegengesetzt haben, in dem Frau und Mann oder zwei Parteiflügel sich nicht nur kontrollieren oder ausbalancieren, sondern ihre Kräfte im Miteinander potenzieren und die Frage „Wer führt?“ durch „Worum geht es uns?“ ersetzen.

Die erste Frage wird also sein, ob sie dieses Frau-Mann-Modell durchhalten können, obwohl gerade die liberalkonservativen Kräfte der Mediengesellschaft alles daran setzen werden, die Hierarchie-Wiederherstellung zu behaupten.

Die zweite Frage wird sein, da der Fokus nun stärker auf Annalena Baerbock gerichtet ist, ob sie für bisherige Merkel-Wähler das Neue verkörpern und verbreiten kann, was die Grünen heute sein wollen: keine „alternative“ Partei für emanzipatorische Minderheiten, sondern das neue Zentrum der bundesrepublikanischen Gesellschaft – eine proeuropäische, gesellschaftsliberale Partei der sozialökologischen Wirtschaftstransformation, die von so vielen Leuten gewählt wird, dass sie in der kommenden Bundesregierung einen Führungsanspruch stellen kann und muss.

Und die dritte Frage wird sein, ob Annalena Baerbock tatsächlich bereit ist, durchs Feuer zu gehen, was sie noch nicht musste. Seit heute sind alle Kanonen der Gegner auf sie gerichtet.

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Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried

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