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Gesellschaftliche KipppunkteAls Idee verführerisch, doch nur ein Mythos

Matthias Kalle

Essay von

Matthias Kalle

Die ZDF-Doku über Mesut Özil zeigt: Deutschland hat sich nie selbst überwunden. Was wir Wandel nennen, ist oft nur ein kurzer Moment der Selektion.

Die Nationalmannschaft machte Hoffnung auf ein offenes Deutschland. Doch die Ressentiments waren nie wirklich weg Foto: Maria Feck/laif

V ielleicht sollte man gemeinhin doch viel mehr Fernsehen schauen, denn so schlecht ist das ja alles gar nicht, was man da finden kann. Zum Beispiel die dreiteilige Dokumentation über Mesut Özil, die seit Kurzem in der ZDF-Mediathek zur Verfügung steht. Sie schafft das Kunststück, einem im Wesentlichen nichts Neues zu erzählen, dafür aber einen alten Gedanken unerträglich klar zu machen.

Özils Geschichte kennt man ja in Umrissen: den Aufstieg, das Erdoğan-Foto, den Rücktritt mit Rassismusvorwurf, seine bittere Abrechnung mit dem DFB. Aber es gibt einen Moment in der ersten Folge, der einen mit ziemlicher Wucht trifft, eine Erkenntnis, die man wundersamerweise 16 Jahre ignoriert hat: Wir haben uns 2010 etwas vorgespielt. Und wir haben es damals nicht gemerkt, weil wir es nicht merken wollten.

Sommer 2010, Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Mit dabei eine deutsche Nationalmannschaft, wie man sie nie zuvor und nie danach gesehen hat: spielerische Leichtigkeit, Raffinesse, Eleganz. Die wichtigsten Protagonisten dieses Teams sind Mesut Özil, Sami Khedira, Jérôme Boateng, Miroslav Klose, Lukas Podolski – Spieler, deren Eltern aus der Türkei, aus Tunesien, aus Ghana und aus Polen kamen, und die für Deutschland spielen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Für einige Momente schien das auch die so genannte Mehrheitsgesellschaft so zu sehen, und Migration wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Problem, nicht wie eine Bedrohung, sondern wie eine Ressource, eine Stärke und, tja, beinahe auch wie ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft. Das Land schaute auf diese großartige Nationalmannschaft und glaubte, sich selbst darin zu erkennen.

Der inszenierte Kipppunkt

Nun ja. Drei Monate später erschien Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und wurde in kürzester Zeit zu einem der meistverkauften Sachbücher der Bundesrepublik. Es spielte kaum eine Rolle, ob die Käufer das Buch tatsächlich gelesen hatten, denn das Buch und der Autor waren plötzlich überall – in Talkshows, in Interviews, in Buchbesprechungen.

Die These, die ins Schaufenster gestellt wurde, lautete: Einwanderung – insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern – schwächt Deutschland kulturell und ökonomisch. Sarrazin verband statistische Argumente mit weitreichenden Behauptungen über Bildung, Leistung und deren Ursachen, die er teilweise auch auf Vererbung zurückführte. Die öffentliche Debatte entzündete sich an der grundsätzlichen Stoßrichtung: der Vorstellung, dass Integration scheitere und die Gesellschaft sich durch Migration selbst gefährde.

Die Özil-Dokumentation montiert beide Ereignisse – die WM 2010 und das Erscheinen von Sarrazins Buch – aufeinanderfolgend; sie inszeniert das als abrupten Stimmungswechsel, als einen Kipppunkt.

Das Problem ist nur: es war keiner. Beide Stimmungen existierten gleichzeitig. Das offene, diverse Deutschland und das ängstliche, ressentimentgeladene – beide waren im Sommer 2010 real, beide hatten ein Millionenpublikum – und beide warteten auf ihren Moment. Die Nationalmannschaft um Mesut Özil gab dem einen kurz die Oberhand. Sarrazins Buch dem anderen. Es gab keinen Wandel.

Als Denkfigur verführerisch

Dabei lieben wir natürlich Kipppunkte, denn als Denkfigur sind sie verführerisch. Sie versprechen uns etwas, was uns die Wirklichkeit meistens verweigert: Ordnung, Kausalität und eine erkennbare Richtung. Vorher so, nachher anders. Ein Moment, an dem sich etwas entscheidet. Diese Denkfigur hat eine wissenschaftliche Herkunft – in der Klimaforschung bezeichnet ein Kipppunkt den Übergang, ab dem ein System irreversibel in einen neuen Zustand gerät –, aber in der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung hat sie sich verselbstständigt.

Wir reden von politischen Kipppunkten, kulturellen Zeitenwenden, historischen Brüchen und Vibe Shifts. Und meinen damit erklären zu können, dass sich etwas verändert hat. Dass eine Gesellschaft nicht mehr dieselbe ist wie zuvor. Das Problem ist nicht, dass Diagnosen von Kipppunkten immer falsch wären. Das Problem ist, dass sie fast immer das Falsche benennen.

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Im Sommer 2001 wird beim G8-Gipfel in Genua ein junger Demonstrant von einem Polizisten erschossen. Sein Name ist Carlo Giuliani. Für einen Moment bündelt sich in diesem Ereignis etwas: die Wut über unkontrollierte Globalisierung, die Frage nach demokratischer Kontrolle über Kapital und Märkte, eine gerade erst entstehende Bewegung, die den Konsens des Neoliberalismus grundsätzlich in Frage stellt.

Man hätte das als Anfang lesen können, als ersten sichtbaren Riss in einer Ordnung, die sich selbst für alternativlos hält. Die Wut über Giulianis Ermordung hatte das Potenzial für ein Aufbegehren. Dann kommt der 11. September. Und quasi über Nacht verschwinden die Fragen von Genua – nicht weil sie beantwortet worden wären, nicht weil sie sich erledigt hätten, sondern weil ein anderes Ereignis alles dominiert.

Und das Verdrängte wartet still

Die Öffentlichkeit entscheidet sich, dass jetzt über Terror, über Sicherheit und über den Krieg gegen den Terrorismus geredet wird. Aber die Globalisierungskritik löst sich nicht auf. Sie wird nur unsichtbar gemacht. Und heute, ein Vierteljahrhundert später, in den Debatten über Lieferketten, über die Abhängigkeit von China, über die sozialen Kosten offener Märkte, kehren dieselben Fragen zurück – als wären sie neu.

Im November 2008 wurde Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt, und die Erzählung, die sich mit dieser Wahl festsetzte, war so mächtig, dass sie kaum jemand laut zu bezweifeln wagte: Das Land hatte sich verändert. Die Geschichte der Sklaverei, der Segregation und des systematischen Rassismus war zwar nicht überwunden, aber von nun an konnte es nur besser werden.

Was jedoch gleichzeitig wartete, war unsichtbar, weil es so viel leiser war als die Euphorie über Obamas Sieg: die Tea-Party-Bewegung, die sich in denselben Monaten formierte, ein Rassismus, der nie verschwunden war, sondern nur keine überzeugende politische Sprache mehr gefunden hatte. 2016 wählten die USA dann zum ersten Mal Donald Trump.

Was wir so oft Kipppunkte nennen, sind demnach keine Momente der Veränderung, sondern Momente der Selektion. Gesellschaften enthalten zu jedem Zeitpunkt mehrere Möglichkeiten gleichzeitig – konkurrierende Narrative, verschiedene Versionen von sich selbst. Ein Ereignis – Buch, Anschlag, Foto, Rücktritt – entscheidet, welche dieser Möglichkeiten Ausdruck findet und welche in den Hintergrund tritt. Dieses Ereignis verändert nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit. Es sortiert sie nur neu.

Für einige Momente wirkte Migration 2010 nicht mehr wie eine Bedrohung, sondern wie eine Stärke und eine Wette auf die Zukunft

Mesut Özil hat das am eigenen Leib erfahren. 2010 war er das Gesicht eines Deutschlands, das glaubte, die Integrationsfrage zumindest im Grundsatz gelöst zu haben. 2018, nach dem Erdoğan-Foto und dem frühen WM-Aus, wurde Özil zur Projektionsfläche für alles, was an dieser Selbsterzählung immer schon brüchig war: die ungelöste Frage doppelter Loyalitäten, der Rassismus im Fußball und im DFB, das Unbehagen der Deutschen über eine Einwanderungsgesellschaft, das nie verschwunden war.

Die Özil-Dokumentation macht daraus die Tragödie einer Person – tatsächlich aber ist es die Tragödie einer Gesellschaft, die sich zwei Versionen von sich selbst erzählt und immer wieder überrascht ist, wenn die verdrängte zurückkehrt.

Denn die unterlegene Möglichkeit verschwindet ja nicht. Sie wartet nur. Und das gilt in beide Richtungen. Die Regressionen, die uns erschrecken, haben meistens längst existiert – wir haben sie nur nicht als das benannt, was sie waren, solange die andere Geschichte lauter war. Und die Aufbrüche, die uns begeistern, sind fragiler als sie wirken – nicht weil sie falsch oder unecht wären, sondern weil das, was sie verdrängt haben, weiterläuft und auf seinen Moment, auf sein Ereignis wartet.

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Wenn wir also glauben, gerade einen Wandel zu beobachten, dann können wir nicht wissen, ob wir tatsächlich seinen Anfang sehen oder nur seinen Ausschlag. Und wir sehen nie die Möglichkeiten, die gerade still warten. Wir sehen immer nur die, die gerade durch ein Ereignis sichtbar geworden sind.

Viele Menschen haben während der WM 2010 daran geglaubt, dass sich etwas in diesem Land verändert hat und hielten den Erfolg von Sarrazins Buch für einen kurzen Rückfall, für ein grimmiges Knurren einer Stimmung, die ja aber endlich überwunden war. Doch der Erfolg des Sarrazin-Buchs war genauso real wie die Euphorie über Mesut Özil im Trikot der Nationalmannschaft.

Trügerische Hoffnungen

Deshalb wird man, nachdem man die Özil-Dokumentation geschaut hat, kurz wehmütig, dann wütend und schließlich fragt man sich, welche Version gerade wieder wartet, während man die aktuelle betrachtet.

In Ungarn zum Beispiel könnte kommende Woche Viktor Orbán abgewählt werden. Wenn das geschieht, wird man das als Kipppunkt lesen wollen: als Ende des autoritären Nationalismus in Europa, als Beweis dafür, dass sich auch verfestigte politische Systeme zurückdrehen lassen, dass liberale Demokratien sich regenerieren können.

Auf deutschen Straßen demonstrieren Hunderttausende gegen digitale sexualisierte Gewalt. Auch das lässt sich als Kipppunkt erzählen: als Beginn einer neuen Sensibilität, als Moment, in dem eine Gesellschaft nicht länger bereit ist, bestimmte Formen von Gewalt zu tolerieren, als Aufbruch in eine andere Öffentlichkeit.

Und doch zeigen andere Beispiele, wie trügerisch solche Erwartungen sind. Die Correctiv-Recherche über das Treffen von AfD-Politikern und Rechtsextremen zur sogenannten Remigration war so ein Moment. Hunderttausende gingen auf die Straße, die Empörung war groß, die Aufmerksamkeit enorm.

Für einen Augenblick schien es, als könnte sich hier etwas entscheiden. Als würde die Stimmung gegenüber der AfD kippen, als wäre eine Grenze erreicht. Doch sie kippte nicht. Die Umfragewerte veränderten sich kaum. Was sichtbar wurde, war nicht eine neue Haltung, sondern eine, die schon längst existierte.

Vielleicht setzen sich tatsächlich neue Kräfte durch

Man könnte einwenden, dass manche Ereignisse eben doch mehr sind als Selektionsmomente – dass wirtschaftliche Krisen, Kriege, technologische Umbrüche die Bedingungen so grundlegend verschieben, dass bestimmte Möglichkeiten danach schlicht nicht mehr existieren. Das stimmt.

Aber auch das bestätigt eher die These als dass es sie widerlegt: Selbst wenn sich die Kräfteverhältnisse verschieben, entscheidet nicht der Moment des Bruchs, sondern das Ereignis danach, durch das die neu entstandenen Möglichkeiten sichtbar werden.

Vielleicht sind das Anfänge. Vielleicht sind es Ausschläge. Vielleicht setzen sich tatsächlich neue Kräfte durch. Vielleicht werden sie irgendwann wieder verdrängt. Wir werden es, wie immer, erst hinterher wissen. Und welchen nächsten Kipppunkt wir in ein paar Jahren als Wendepunkt erzählen werden – obwohl er, wie immer, gar keiner war.

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Matthias Kalle
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32 Kommentare

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  • Die ZDF-Doku über Mesut Özil zeigt eindrücklich: Deutschland hat sich nie wirklich mit sich selbst auseinandergesetzt. Ein Land, das seine Vergangenheit nur unvollständig aufarbeitet und allzu oft die Realität ignoriert.



    Wandel geschieht nicht von selbst – er muss erarbeitet werden. Beispiele dafür gibt es genug: Die Aufklärung der NSU-Morde hängt bis heute in der Luft, und noch immer – mehr als 120 Jahre später – warten die Herero und Nama in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia auf eine offizielle Entschuldigung für den begangenen Völkermord.



    Auch in der Gegenwart bleibt die Haltung vieler Politikerinnen und Politiker fragwürdig: Eine „rechtsradikale Regierung“ in Israel wird hierzulande kaum kritisch hinterfragt.



    Deutschland hat also noch einen langen Weg vor sich – und die Luft nach oben ist enorm.

  • Ein guter Essay! Man könnte sagen, die Vergangenheit ist immer auch eine Konstruktion durch die Gegenwart, zumal wenn sie noch keine Vorvergangenheit ist. Was man im Rückblick wirklich als Wendepunkte sehen wird, entscheiden die Geschichtsschreiber der nächsten und übernächsten Generation.



    .



    2008/2009 ist vielleicht ein gutes Beispiel, die Weltfinanzkrise. Während des Geschehens selbst haben alle das spontan als historischen Wendepunkt angesehen. Heute ist das nicht mehr so. Selbst Matthias Kalles Essay nennt das Jahr 2008 nicht etwa im Zusammenhang mit Lehmans Brothers etc., sondern mit Obamas Wahl. Das sei nicht als Kritik verstanden, es ist ganz verständlich angesichts des zurzeit besonders verspürten Kontrastes zu Trump. Die Finanzkrise ist dagegen für den Moment unsichtbar geworden, die durch sie ausgelöste Dynamik läuft aber im Hintergrund noch mit und wird möglicherweise bald wieder in den Vordergrund treten. Dann würde man auch auf die Jahre 2008/2009 wieder mit anderen Augen sehen.

    • @Kohlrabi:

      Sie haben Recht! Denn seit der Finanzkrise kauft die EZB die Staatsanleihen selbst, also drucken wir nach 300 Jahren "Goldstandard" und danach 50 Jahren Bretton Woods und Finanzierung durch Banken unser Geld nun ganz frei selbst, was ich eigentlich für richtig halte. Aber klar, dass ist eine wesentlich bedeutsamere Änderung der Parameter unserer aktuellen Form des globalen Kapitalismus als es die Wahl Obamas sein könnte, auch wenn einem das langweiliger vorkommt.

  • Reportagen und das Interview von Julia Neumann aus dem Libanon im Dezember 2019 zeigen wie die Beispiele, die Matthias Kalle entlang geht:



    da gibt es soziale Proteste von unten und dann zwischenstaatliche Ereignisse oder Kriege, die von oben darüber hereinbrechen und die Lage beherrschen. So erzwingt der Terrorismus Gegenreaktionen.

    -taz 10.12.2019: "Die Protestbewegung im Libanon lässt nicht locker. Was die Menschen auf den Straßen des Landes antreibt, erklärt



    Aktivist Nizar Hassan „Die Parteien schützen das System“



    taz.de/Aktivist-ue...-Libanon/!5648224/



    Nizar Hassan ist politischer Analyst, Aktivist und Podcaster in Beirut. Er ist Mitbegründer der politischen Bewegung "LiHaqqi" (Für meine Rechte) und setzt sich für die Rechte von Arbeiter*innen ein."



    Die Hisbollah stellt sich als Widerstandsbewegung gegen Israel dar, verprügelt aber die Menschen, die gegen ihre Notlage protestierten.



    - Der o.g. Protest gegen die G7 in Genua wurde überlagert vom islamistischen Terrorismus. Zufällig!



    - V. Orbán lässt Rucksäcke mit Sprengstoff nahe der Pipeline finden - damit seine Angstmache wirkt: heute, 6.4.26:



    taz.de/Angriff-auf...pipeline/!6168581/

  • Ein interessanter Theoriebeitrag von M Kalle, der zeigt, dass die Parallele aus den klimatisch-ökologischen Prozessen auf die gesellschaftlichen eben nicht passt: politische oder hegemoniale Macht ist auch umkehrbar. Das wird sich in Ungarn zeigen.



    Es gibt keinen Grund für Fatalismus, Gesellschaft ist kein Organismus, sondern getrieben von Bedürfnissen und Interessen der Menschen. Die Hegemonie kann verschoben werden.



    Es braucht gute Organisation und einen langen Atem.

  • Diversität ist immer ein Potenzial..die Frage ist ob/wie man es nutzt.

    Das liegt bereits in unserer DNA. Als Beispiel sei hier die "Familie der Riechgene" angeführt: jeder Mensch verfügt über etwa 1000 Riechgene, von denen allerdings immer nur diejenigen aktiv sind, die aktuell gebraucht werden - die anderen sind stummgeschaltet.



    Sollten sich Umweltbedingungen ändern und neue Geruchsstoffe auftauchen, können die stummen Gene aber jederzeit reaktiviert werden.



    Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass sich die Natur schnell und flexibel auf unterschiedliche Gegebenheiten einstellen kann und ist wichtiger Teil einer Erfolgsstrategie.

    Gleiches gilt auch für Gesellschaften: je diverser der "Pool" an Menschen, umso eher können, für jede An-/Herausforderug, die "geeignetsten Personen" gefunden werden.

    Rechtes Geschwafel von der "Reinheit des Volkskörpers", etc ist also lediglich unterkomplexer Biologismus..oder einfacher ausgedrückt: unnatürlich.

    Gesellschaften sind gut beraten, eine große Vielfalt an Kompetenzen und Persönlichkeiten zu integrieren und zu motivieren. Denn:

    -> Gelebte/genutzte Diversität macht Menschen, Teams, Gesellschaften und auch Nationalmannschaften erfolgreich..

  • Die Abwahl von Orban, so erfreulich sie wäre, wird wohl kaum zum Kipppunkt reichen. Auch die Wahl von Tusk hat ja nicht das Ende autoritärer nationalistischer Kräfte in Europa eingeleitet. In Schweden können sie im Herbst sogar Teil der Regierung werden. An Frankreich und GB wage ich gar nicht zu denken.



    9/11 habe ich nicht als Kipppunkt empfunden, eher den Irak-Krieg und Guantanamo als Beginn der Entfremdung zwischen USA und dem "alten" Europa.



    Als Kipppunkte, die wirklich etwas verändert haben, fallen mir vor allem Fukushima und Woodstock ein. Und der Sommer 1963 mit Martin Luther Kings Rede am Lincoln Memorial.

  • „ ,Bild Dir deine Meinung' "



    --



    Bitte...



    „ ,Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen', sagte Hoeneß der ,Sport Bild' "



    www.spiegel.de/spo...elt-a-1219664.html

    • @Mondschaf26:

      Hr. Hoeneß hat sich nicht rassistisch, sondern ausschließlich zur fußballerischen Leistung des Profifußballers Hr. Özil geäußert. Das ist sein gutes Recht als Ex-Fußballer, Weltmeister und Fußball-Manager.



      Wenn Hr. Erdogan nicht zufälligerweise ein ziemlich rüde agierender Autokrat wäre, sondern der liberale Präsident einer nahezu lupenreiner Demokratie, hätte wohl niemand ernsthaft öffentlich über dieses Foto des Hr. Özil diskutiert, weil es mutmaßlich auch kein Teil der Öffentlichkeit geworden wäre. So aber hat sich der Fußballer freiwillig in den Dienst eines Autokraten gestellt. Das wäre zu kritisieren gewesen unabhängig davon, ob er, Hr. Özil, Weltmeister ist oder nicht.

  • Danke für den Beitrag, der aber bei aller Ausführlichkeit den Blick auf die Medien leider vernachlässigt. Bzw. wird hier die mediale Sicht auf Gesellschaft merkwürdig gleichgesetzt mit dem gesellschaftlichen Selbstverständnis. So entsteht doch immer wieder der Eindruck, nicht nur Reflexion sondern Naivität habe hier die Feder geführt. Wenn „wir“ nicht aufhören, das Hilfskonstrukt Narrativ mit der Realität zu verwechseln, können wir Politik gleich den Marketingagenturen überlassen.

  • Sehr interessanten Artikel. Und sehr interessant, dass eine Doku über Özil, bei der ich dachte, was soll die einem schon Neues erzählen, zu so tiefen Erkenntnissen verhilft.



    Wobei all das, was der Autor beschreibt, sich leicht erklären lässt. Es gibt immer eine bestimmte Anzahl von Menschen, die das eine glauben (z.B. dass eine Gesellschaft mit vielen Migranten gut ist) und eine andere Anzahl von Menschen, die das Gegenteil glauben.



    Die Anzahl dieser Menschen verändert sich relativ langsam (z.B. durch gemachte Erfahrungen, Medien, Gespräche). Wenn sich die Anzahl der ersten von 51% auf 49% ändert, ist eigentlich nicht viel passiert. Und dass sich die der anderen von 49% auf 51% ist auch nicht dramatisch. Aber Medien machen daraus oft etwas Fundamentales, sagen vorher, dass die Gesellschaft Migranten positiv gegenübersteht und hinterher, dass die Gesellschaft Migranten ablehnend gegenübersteht. Dabei haben nur 2% der Menschen ihre Meinung geändert. Und auch vorher schon waren 49% der Menschen skeptisch gegenüber Migranten und auch hinterher sind noch 49% positiv geg. Migranten eingestellt.

    Medien sollten einfach aufhören, Dinge so vereinfacht darzustellen, wie sie das oft tun,.

  • Wow! Chapeau! Sehr genau seziert: "Denn die unterlegene Möglichkeit verschwindet ja nicht. Sie wartet nur. Und das gilt in beide Richtungen." Ähnliches ließe sich über die gesellschaftliche Bearbeitung des NS-Regimes oder der Blauhemden- und Halstuchdiktatur sagen. Die aussem Gestern verkleistern das Heute.

  • Jeder weis für welch Menschenverachtende Politik Erdogan steht, jeder weis wie extrem Korrupt das ganze System Erdogan ist. Warum sollte jetzt jeder ein "böser Deutscher" sein der kritisiert das Deutsche Nationalspieler ihm huldigen ? Özil, Gündogan haben das alles freiwillig gemacht, warum sollte die Herkunft ein Freibrief sein um mit Despoten zu kuscheln ??

    • @Günter Witte:

      Das ist natürlich kein Freibrief.



      Aber sehr viele der "bösen Deutschen" haben zu diesen Zeitpunkt A. Merkel gewählt.



      Schon vergessen?



      Krim den Putin schenken. Schon vergessen?



      Man darf kritisieren. Aber man sollte vor der eigenen Tür kehren bevor man sich derart weit aus dem Fenster lehnt.



      Oder eben damit leben dass die Kritik nicht gerechtfertigt ist.



      Und bei aller Kritik: dürfen tut jeder was das GG hergibt - so mit Meinungsfreiheit und so.

  • Die hier erwähnte Öffentlichkeit gibt es nicht bzw. sie wird fälschlicherweise als Öffentlichkeit bezeichnet. Diese ist es aber nur, wenn öffentlich (und nicht innerhalb von Algorithmen und bubbles) von Angesicht zu Angesicht Meinungen ausgetauscht werden.



    Was hier als Öffentlichkeit bezeichnet wird, ist ein eindimensionaler Konformitätskurs. Öffentlichkeit bedeutet, die subjektive Erfahrung zu artikulieren (Habermas). Und die sieht bei jedem anders aus. Diese Vielfalt bildet sich nirgends ab!



    Klar, es kann ja auch kaum jemand mehr zuhören. Von Angesicht zu Angesicht…

  • Die Selektion der Aufmerksamkeit, eine Tatsache des Lebens, auf die wir tatsächlich bewusst Einfluss ausüben, wenn wir selbstbestimmt leben. Ob als Gesellschaft, Medienhaus oder als Einzelne/r. Dadurch erscheinen die beobachteten Tatsachen größer als sie tatsächlich sind. Jedenfalls wenn der Rahmen der sich bewusst gewordenen Selektionen groß genug geworden ist.

  • Deswegen gewinnt der:diejenige die Wahl, der es schafft, die Wähler:innen der anderen Seite zu verunsichern, damit sie daheim bleiben.

    Oder anders: Jedesmal wenn die CDU eine Frau kandidieren ließ (ich bedaure die patriarchale Formulierung), sagte meine Schwägerin: „Dieses Mal wähle ich eine Frau. Es müssen mehr Frauen an die Macht.“

  • Danke für die Einordnung und Erinnerungen. Leider ist die hier gespiegelte Unsicherheit für die allermeisten schwer erträglich. So wird es immer wieder Erklärungsmuster geben, die sich Ereignisse schön oder schlecht reden.

    Ich wünschte die Geisteswissenschaften hätten wieder etwas mehr Bedeutung, dann wäre es möglich darüber auf einem höheren Level, bzw. mit mehr Menschen darüber zu reden.

  • Intelligent gedacht, aber solange wir von Migranten, also Wanderern die vielleicht auch wieder zurückgehen, sprechen und nicht von Einwanderern, sind wir noch nicht da angekommen wo wir hinsollten.

    • @Franz Rietzrau:

      "...solange wir von Migranten, also Wanderern"



      Letztlich war das migrantische Wandern die Grundlage dieser Zivilisation.



      Bei uni-tuebingen.de



      "Die Analyse zeigt, dass die genetischen Spuren heutiger Europäer auf drei – und nicht wie früher angenommen zwei – Stammgruppen zurückgehen. Die erste Gruppe umfasst die ursprünglichen Jäger und Sammler Westeuropas; die zweite bilden die frühen Bauern die aus dem Nahen Osten, vor etwa 7.500 Jahren nach Europa einwanderten, und die dritte Gruppe ist eine rätselhaftere Population, die den Norden Eurasiens bevölkerte und die Europäer mit den Ureinwohnern Amerikas genetisch verbindet. „Die Mischung aus drei Ahnenpopulationen war eine große Überraschung“, sagt David Reich von der Harvard Medical School, einer der Forschungsleiter."



      Deshalb zeichnet uns auch in der Konsequenz ein vergleichsweise sehr hoher Verwandtschaftsgrad aus, eben nach neueren Erkenntnissen sogar transkontinental.

  • Ich habe die Doku vor ein paar Wochen gesehen. Fand sie wirklich gut. Hatte jedoch nicht in Erinnerung, dass davon die Rede von Kipppunkten war. Auch wurde Özils Geschichte m.E. nicht als sein Drama erzählt, sondern sehr stark die ambivalenten Stimmungen in der Gesellschaft dargestellt. Natürlich ging es auch um Özils persönliche Geschichte, aber ich fand es sehr ausgeglichen.

  • Interessant und nachdenkenswert. Danke.

  • Der Widerspruch mit 9/11 ist dem Verfasser des Artikels nicht aufgefallen, das war sehr wohl ein Kipppunkt. Die daraus resultierenden Veränderungen sind immer noch spürbar. Die Öffentlichkeit hat sich dann natürlich entschieden über Anti Terror Maßnahmen zu sprechen, da die Gefahr weiterer Terrorakte real waren und trotz Vorkehrungen nicht verhindert werden konnten.

  • Der interessierten Öffentlichkeit war seit 1993 nicht verborgen geblieben, wie sich Konfliktlinien darstellen u. Spaltlinien entwickeln könnten.



    "Huntington provozierte die Fachwelt in seinem Aufsatz in der angesehenen US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ vor 30 Jahren mit mehreren spektakulären Hypothesen. Er schrieb, dass die wesentlichen Quellen für Konflikte nicht länger ideologischer oder wirtschaftlicher Natur seien, sondern kulturelle Differenzen zwischen Nationen oder Gruppen verschiedener Zivilisationen.



    Die „Frontlinien der Zukunft“ verlaufen nach Huntington dort, wo zwei Zivilisationen aufeinanderprallen. Deren unvereinbare kulturelle Prägungen (insbesondere Religionen) führten zwangsläufig zu gewaltsamen Konflikten, die bestenfalls in einem „kalten Frieden“



    deutschlandfunkkultur.de



    Welche Verdienste hat Huntington?



    „Huntington war kein Prophet, aber ein unkonventioneller Denker gegen den Mainstream“, meint der Mainzer Historiker Andreas Rödder. Auf kulturelle Differenzen hinzuweisen, sei die große Leistung von Huntingtons Buch gewesen.



    Es gab auch in der deutschen Wahrnehmung Sätze, die geeignet waren, Konfliktpotenziale zu entlarven und den Schleier zu lichten.



    BP Wulff...

  • Die Inkarnation des Verdrängten ist Trump, der nach Ablauf seines Ultimatums an den Iran die Welt ins absolute Chaos stürzen könnte.



    Treibende Kraft dahinter: der Kapitalismus, den Adorno und Rigauer im Sport als System analysierten, das moderne Menschen funktionalisiert und ihre Verzweiflung im Industriekapitalismus spielerisch camoufliert.

    Juljan Krause schreibt zur Aktualität Adornos:

    Der falsche Friede des Alltäglichen, die augenscheinliche Normalität, aus der die Gewalt aber doch immer wieder hervorbricht, sind Kernthemen in der Gesellschaftsanalyse Adornos.



    Die dumpfe Ahnung, nur „Anhängsel der Produktion“ zu sein, sich aber nicht entziehen zu können oder zu wollen, entlädt sich vielfach im Hass auf all diejenigen, die den reibungslosen gesellschaftlichen Vollzug zu stören scheinen. „Bis hinab zu ebenso läppischen wie affektiv besetzen privaten Zänkereien präsentiert die Gesellschaft den Lebendigen die Rechnung für ihre verkehrte Gestalt, an der sie mitschuldig sind, und für das, was sie aus ihnen gemacht hat.“

    www.tagesspiegel.d...texte-4098538.html

  • War das jetzt der Versuch die Erkentnisse aus Soziologie und Kulturwissenschaft zusammen zuführen um die Zustände in der Gesellschaft zu schildern? Äpfel und Birnen:

    Als Tipping Point wird die kritische Masse bezeichnet, die es braucht damit sich eine Meinung oder auch soziales Verhalten massenhaft verbreitet. Die Zustände können temporär sein, aber auch zur Norm werden durch Selbstverstärkung.

    Um Mehrheitsgesellschaften zu kippen reicht übrigens schon eine kritische Masse ab 5% + X.

    Ein ganz anderes Feld ist der kulturelle Wandel. Der erfolgt in der Form von Akkulturation - Assimilation - Transkulturation - Synkretismus.

    Die beiden letzteren bezeichnen die Vermischung und gegenseitige Einflussnahme verschiedener Kulturen und am Ende der Kette steht dann deren Verschmelzung. Der Wandel der sozialen Normen erfolgt dabei jedoch meist im Schneckentempo.

    Das ist die simple Erklärung dafür, das eine Gesellschaft sowohl mit Özil und Co ein Ereignis feiern und im gleichen Atemzug Sarazins Positionen teilen und die AfD wählen kann. Schließt sich eben nicht aus, mangels Kausalität und mündet zudem in der Erkenntnis, das sich der kulturelle Wandel in Deutschland nur langsam vollzieht.

  • Danke!

  • Danke für diesen schönen, differenzierten, differenzierenden und erhellenden Kommentar. Ich empfinde ihn als tröstlich - in der Realität ist immer mehr vorhanden als das, worauf meine Aufmerksamkeit sich gerade lenkt. Deutungen sind ebenso Momentaufnahmen. - In dem vermeintlichen Kipp-Punkt Mauerfall / Ende des DDR-Systems haben wir es auch gedacht: whow, ein Kipp-Punkt! Jetzt ... wird alles anders! Keine Mauern mehr. Doch tatsächlich sind innere Mauern nicht eingestürzt. Die braven weisshäutigen - deutschen - Blauhemden waren nur nicht mehr sichtbar. In der jetzigen gesellschaftlichen Dynamik zeigen sie sich immer noch: wenn Jagd gemacht wird auf Dunkelhäutige, die nicht konform sind, schon äusserlich nicht. Wenn gefordert wird, dass 80% der Syrer innert drei Jahren zurückkehren sollen. Wenn der Verbrennerauslauf gestoppt wird.

    • @ja wirklich?:

      Die Leute, die Sie vermutlich unter "braven weisshäutigen Blauhemden" einordnen möchten, sind heute mindestens 50plus. Da jagt man in der Regel niemanden mehr...



      Wir sollten allesamt ein bißchen weniger pauschalisieren.



      Ich erinnere ungern daran: Führende Köpfe der vermutlich von Ihnen angedachten "Jägergemeinschaft" haben ihre sogenannten "Wurzeln" westlich der damaligen Mauer gehabt...



      Und auch der Typ mit den 80% Zurückzuführenden hatte eher nie ein Blauhemd an...

      - Ich hingegen vor 1970 gelegentlich schon. Hat mich aber bisher nicht dazu gebracht auf wen auch immer Jagd zu machen... Am Hemd lag es also definitiv nicht.

      Aber ja: Bestimmte Mauern sind nach wie vor nicht wirklich gefallen. Da stimme ich Ihnen zu. Vollumfänglich.

  • Diese vermeintlichen Kipppunkte sind lediglich rein medial.

    • @nutzer:

      Die Medien sind aber durchaus Teil vom Gesamtprocess

    • @nutzer:

      Denke auch hier ist jemand den Narrativen der eigenen Branche etwas zu sehr aufgesessen.