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Warum wollen Sie kein größeres, schlaueres, gesünderes Kind, fragt ein US-amerikanisches Start-up zukünftige Eltern Foto: Dreamstime/imago

Gentests von EmbryosDer Albtraum vom perfekten Baby

US-amerikanische Start-ups werben damit, Embryos mit Genanalysen zu scannen. Eltern sollen sich so für das beste Kind entscheiden können. Wollen wir das?

W er im November am Broadway die Stufen hinab zur New Yorker U-Bahn stieg, konnte sich den Blicken der Babys kaum entziehen. Schon auf dem Plakat über der Treppe stützt sich ein kleiner brauner Körper im weißen Strampler auf die Arme; der Mund im Erstaunen halb geöffnet, als verstünde er bereits die Versprechung über seinem Kopf: „Have your best baby“, steht da, „Bekommen Sie Ihr bestes Baby“.

Das US-amerikanische Start-up Nucleus Genomics hatte New York mit seiner Botschaft tapeziert: Treppenstufen, Laternenmasten und digitale Anzeigetafeln mit süßen Fotos von Kindern, die aus allen Regionen der Welt kommen könnten. „IQ ist zu 50 Prozent genetisch“, steht da, die Körpergröße zu 80 Prozent. Warum also, fordert die Kampagne, sollten Sie nicht mehr für Ihr Kind wollen? Haben Sie ein größeres. Ein schlaueres. Ein gesünderes.

In New Yorks U-Bahn-Stationen sind die dystopischen Vorboten einer schönen neuen Welt ins reale Leben geschwappt. Einer Welt, in der Eltern für ihre Kinder mehr festlegen können als die Wandfarbe ihrer Zimmer, den Krippenplatz und die Marke der Breigläschen. In dieser Welt würde nicht länger der Zufall bestimmen, welcher Mensch zur Welt kommt und ob dieser mit einer Erbkrankheit leben muss.

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Wenn es nur danach ginge, was wissenschaftlich möglich ist, könnten Eltern auch in Deutschland heute schon vor der Geburt viele Informationen über ihr Kind erfahren. Aber es gibt Grenzen dessen, wie viel sie wissen dürfen und was sie mit diesem Wissen machen können. Grenzen, die aus guten Gründen eng gezogen wurden in einem Land, in dem es noch keine hundert Jahre her ist, dass Menschen mit Behinderung ermordet wurden.

Eltern können hierzulande deswegen nicht einfach so im Labor erzeugte Embryonen genetisch untersuchen, auch nicht nach Krankheiten, die auf jeden Fall zu einer Fehlgeburt führen. Technisch ist das seit über 30 Jahren möglich. Nur wenn aufgrund der elterlichen Veranlagung bereits ein hohes Risiko für eine schwerwiegende Erbkrankheit besteht, dürfen Embryonen darauf getestet werden. Was als schwerwiegend gilt, bestimmen Ethikkommissionen in jedem Fall einzeln. Einfacher geht das in Spanien oder in Großbritannien und nahezu unreguliert in den USA, wo Eltern sogar ihr künftiges Kind bei der künstlichen Befruchtung nach Geschlecht wählen können.

Kinder der Superlative werden in Laboren gezeugt

Aber einige Forschende und Start-ups, unterstützt von Technolibertären des Silicon Valleys, wollen mehr. Sie wollen die ethischen und technischen Grenzen neu setzen. Und damit womöglich auch unser Verständnis davon, was den Menschen ausmacht, neu bestimmen. Die Kinder der Superlative werden in Laboren gezeugt. So könnten werdende Eltern zunächst eine Auswahl an Embryonen herstellen lassen und sie nach ihren Eigenschaften screenen. Fehlerhafte Gene könnten ausgemerzt werden, vielleicht eines Tages sogar Genvarianten weitergegeben werden, die in der Familie gar nicht vorkommen. Sozusagen Supergene, die vor Krankheiten schützen sollen.

Wird es eine Welt geben, in der nicht mehr der Zufall bestimmt, welcher Mensch zur Welt kommt? Foto: Dreamstime/imago

Rafal Smigrodzki und seine Frau Thuy waren wohl unter den Ersten, die mit ihrer Familienplanung in eine der neuen Technologien investierten. Über die Entscheidung habe der Neurologe nicht lange nachdenken müssen, sagte er 2022 dem Magazin Wired. Ein Genscreen käme ihm nur wie der nächste logische Schritt vor, um seinem Kind ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen. Also habe das Paar 2019 die Firma Genomic Prediction kontaktiert, die damals als eine der ersten solche Tests anbot.

Damit, hieß es, könnten sie das eigene Kind nach dem größten Gesundheitspotenzial wählen, sodass es im Erwachsenenalter nicht an Herzkrankheiten, Diabetes oder Krebs leiden müsse. Dafür würde jeder Embryo einen Score bekommen, der sein jeweiliges Krankheitsrisiko im Vergleich mit den anderen Embryonen und mit der Gesamtbevölkerung ermittelt. Aurea gewann diesen Wettstreit, als sie quasi noch nicht existierte. Sie war nicht mehr als ein unförmiger Embryo, wenige Tage alt, Hunderte Zellen groß. 2020 kam sie in Los Angeles zur Welt, ohne schwere Erbkrankheiten und mit der Bürde, in etwas die Erste zu sein. Das erste Baby, das auf Grundlage eines solchen Screens geboren wurde.

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Menschen vollkommen gesund sind. In der alle vernünftig und nett sind. Wäre das eine schlechte Welt?

Rafal Smigrodzki, Vater

Solche Methoden könnten die Welt besser machen, glaubt ihr Vater Rafal Smigrodzki. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Menschen vollkommen gesund sind“, sagt er am Ende eines Videobeitrags. „In der alle Menschen gleich intelligent und sehr klug sind. In der alle Menschen vernünftig und nett sind. Wäre das eine schlechte Welt? Wäre es falsch, Technologie einzusetzen, um dorthin zu gelangen?“

Seit 2019 kamen mehrere weitere Anbieter solcher Tests hinzu, der Großteil in den USA, unterstützt von Milliardären wie Paypal-Gründer Peter Thiel, Elon Musk und Coinbase-CEO Brian Armstrong. Sie verkaufen die Idee von Prävention und Fürsorge. Prognosen gehen davon aus, dass der Markt bis 2034 auf 1,7 Billionen US-Dollar wachsen wird. Paare aus diversen Ländern sollen dieses Angebot nutzen, das in ihren Heimatländern nicht erlaubt ist. Auch ein deutsches Paar, berichtet die Zeit, habe Embryonen durch ein solches Verfahren ausgewählt.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um gesündere Kinder. Neuere Anbieter, wie eben Nucleus Genomics in ihrer New Yorker Werbekampagne, versprechen auch, den erwarteten IQ vorherzusagen oder die Körpergröße. Noor Siddiqui ist Gründerin des Genscreening-Start-ups Orchid und proklamiert eine Zukunft, die die Art verändere, wie Menschen Kinder bekommen. „Sex ist zum Vergnügen da und Embryoscreening für Babys“, sagt die 31-jährige Firmenchefin in einem Video auf X. „Es wird verrückt sein, nicht zu screenen.“ Ein lukratives Geschäft. Bei Orchid zahlt man dafür pro Embryo 2.500 Dollar.

Wer diese Welt betritt, verspürt so was wie Größenwahn. Erkrankungen sollen nicht therapiert werden, sondern gar nicht erst entstehen. Manche von ihnen träumen von einer Welt ganz ohne Krankheiten und wollen den Tod besiegen. Andere verstehen sich als Ver­tre­te­r*in­nen des Transhumanismus. Sie wollen einen neuen Menschen schaffen, die Evolution technisch anschieben. Dafür sind sie auch bereit, noch weiter zu gehen und den genetischen Code des Menschen umzuschreiben.

Gestützt von Techmilliardären wie Sam Altman, dem CEO des KI-Riesen OpenAI, haben sich vergangenes Jahr gleich drei Start-ups an ein bisher tabuisierte Thema herangewagt: Embryonen auch vor ihrer Geburt genetisch zu verändern. Bisher geht es dabei um Forschung, noch nicht um ein Angebot an Eltern.

Grundsätzlich hat viel von dem, was die Firmen versprechen, mehr mit Marketing zu tun als mit wissenschaftlicher Realität. In der Vorstellung der Start-ups müssen wir nur genug über den Körper und dessen Biologie verstehen, um den Menschen zu verbessern. Wenn nachvollziehbar wird, welches Zusammenspiel von Genen Krebs befördert oder verhindert, wie Stoffwechsel, psychische Erkrankungen oder sogar komplexe Eigenschaften von Intelligenz bis Empathie angelegt sind, dann könnte man all das von Grund auf beeinflussen.

Aber das Leben ist nicht vorhersagbar – auch nicht durch eine Auswahl perfekter Gene. Was die Eltern bisher bei den Screenings verkauft bekommen, muss man sich vorstellen wie den Einkauf in einer Spielzeugabteilung, bei der jede Babypuppe mit einer Packungsbeilage an Wahrscheinlichkeiten daherkommt. Dass diese so zutreffen werden, dafür gibt es keine Garantie.

Was die Gene wirklich verraten und was nicht

„Ich sehe viele Eltern, die glauben, dass der genetische Code mehr Informationen über ihre Kinder liefert, als er tatsächlich vorhersagen kann“, sagt Anneke Lucassen, Professorin für genetische Medizin an der Universität Oxford. „Ich mache mir Sorgen, dass Menschen zu viel in die Genetik investieren, um irgendetwas vorherzusagen.“

Während manche Krankheiten wie Sichelzellanämie oder Chorea Huntington konkret durch Mutationen in einem Gen ausgelöst werden, entstehen die meisten Krankheiten und Eigenschaften durch das komplexe Zusammenspiel vieler Genvarianten zusammen mit Umweltbedingungen und dem eigenen Verhalten. Das gilt etwa für psychische Erkrankungen, Herzprobleme, Adipositas oder Alzheimer. Und erst recht gilt es für so komplexe Eigenschaften wie Intelligenz.

Schon darüber, wie man Intelligenz definieren oder messen kann, tobt wissenschaftlicher Streit. Die Genetik hat zwar einen Einfluss auf Intelligenz; wie viel aber, ist völlig unklar. Denn so viele andere Faktoren beeinflussen Intelligenz, von der Luftverschmutzung im Stadtviertel über die Ernährung bis zum Zugang zu frühkindlichen Lernangeboten. Sie in Studien voneinander zu trennen, ist kaum möglich.

Keine Herzkrankheiten mehr, kein Diabetes oder Krebs: Aber bei den Screens geht es längst nicht nur um gesunde Kinder Foto: Dreamstime/imago

Woher kommen dann aber die Daten, mit denen die Unternehmen Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten und Intelligenz vorhersagen wollen? Grundlagen bieten sogenannte genomweite Assoziationsstudien. Um die Bedeutung von genetischer Veranlagung zu verstehen, suchten Forschende in Biobanken nach DNA-Varianten und statistischen Häufungen. Werden Trä­ge­r*in­nen dieser Genvariante besonders alt? Wurden bei überproportional vielen von ihnen Depressionen diagnostiziert? So entstand ein Katalog an Wahrscheinlichkeiten. Die polygenetischen Tests beruhen primär auf zwei großen Biobanken, eine in Großbritannien und die andere in den USA. Beide erfassen zu großen Teilen weiße Menschen westeuropäischer Abstammung.

Diese Ergebnisse aber auf die Embryonenwahl anzuwenden, „wäre bestenfalls verfrüht“, schreibt die Europäische Gesellschaft für Humangenetik 2021 in einer Studie. Eigentlich nutzen Forschende sie, um Krankheitsmechanismen besser zu verstehen. Bisher zeige keine klinische Studie die Wirksamkeit vorhersagender Tests, wie ihn die Firmen anbieten, kritisieren Forscher*innen.

Aber auch ohne wissenschaftlich bewiesene Wirkung stärken die Genscreening-Start-ups mit ihrer Werbung eine Erzählung. Die, dass es gute und schlechte Gene gibt. Solche, die gefördert, und solche, die vermieden oder ausgemerzt werden sollten. Und das ist die Logik von Eugenik.

Es ist das Manhattan-Projekt unserer Generation

Cathy Tie, Gründerin

Auf keinen Fall wollen sich die Grün­de­r*in­nen in die Nähe dieses Begriffs stellen. Sie sprechen lieber von „Superbabys“, von „genetischer Optimierung“. Zu sehr ist Eugenik mit großen Menschheitsverbrechen verknüpft, mit der Aktion T4, dem Holocaust und Jahren der globalen Zwangssterilisierung. Entscheidend sei, dass Techniken nicht von autoritären Regierungen zur Diskriminierung genutzt würden. Sich auszusuchen, ob Eltern lieber einen Jungen oder ein Mädchen, ein blau- oder braunäugiges Kind haben wollten – das sei doch ihre freie Wahl.

So frei ist die Wahl in einer Leistungsgesellschaft allerdings nicht. Bereits die Anbieter geben durch ihre Vorschläge eine Richtung vor. Intelligenter ist offenbar wertvoller als weniger intelligent, größer wertvoller als kleiner. Es ist verständlich, dass Eltern ihren Kindern Vorteile verschaffen wollen, um erfolgreich zu sein. Deswegen schicken sie sie ja auch, wenn möglich, auf gute Schulen. Manche geben ihrem Kind einen deutsch klingenden Namen in der Hoffnung, dass es weniger Rassismus erfahren wird. Oder sie sagen ihren Söhnen, dass sie aufhören sollten zu weinen, weil das nicht dem Männerbild entspreche, mit dem man gesellschaftlich Erfolg habe. Alle diese nachvollziehbaren persönlichen Entscheidungen manifestieren gesellschaftliche Unterschiede – umso stärker, je geringer das soziale Netz ausgeprägt ist.

So ist nur wahrscheinlich, dass Eltern, wenn sie könnten, ihren Kindern auch genetisch einen Vorteil verschaffen wollten. Solch ein Test „scheint das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten; es kostet pro Jahr weniger als eine Privatschule“, sagte ein Paar im Dezember anonym dem Guardian. Aber was, wenn die Entscheidung von Eltern sich nicht auf die Augenfarbe beschränkt, wenn sie die Wahl zwischen hellerer oder dunklerer Haut betrifft? Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass Menschen, die soziale Gruppenunterschiede mit Genetik oder Biologie erklären, grundsätzlich stärker zu rassistischen Einstellungen neigen. Zu Zuschreibungen wie denen, dass bestimmte Gruppen mehr oder weniger intelligent sind, mehr oder weniger leistungsbereit.

Wenn Gene schuld sind, muss die Politik nichts ändern

Wie wir uns gegenseitig menschliches Verhalten erklären, hat politische Auswirkungen. Erklären wir Probleme in der Schule mit gesellschaftlichen Umständen, liegt die Forderung nahe, etwas an den Umständen zu ändern. Erklären wir sie mit einem genetischen „So sind sie halt“, kann gesellschaftlich leichter begründet werden, warum manche Menschen in besseren und andere in schlechteren Jobs arbeiten.

Die Möglichkeit, dass Menschen entscheiden, wer auf die Welt kommt und wer nicht, klingt bedrohlich. Aber eigentlich tun wir das längst. Überall auf der Welt fehlen Mädchen. Bestärkt durch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik, das biologische Geschlecht sicherer und früher in der Schwangerschaft zu ermitteln, wurden viele von ihnen über Jahrzehnte nie geboren. In Dänemark etwa entscheiden sich bei einem positiven Trisomie-21-Testergebnis 95 Prozent im Laufe der Schwangerschaft für einen Abbruch. Auch in Deutschland wird der Bluttest auf Trisomien in der Schwangerschaft von der Krankenkasse bezahlt.

Diese Möglichkeit kann man als Zeichen einer ableistischen Gesellschaft sehen oder als Selbstbestimmung. Aber wenn es erlaubt ist, durch Tests während der Schwangerschaft die Gene des Fötus auf schwere Behinderungen zu untersuchen und dann im Zweifel die Schwangerschaft abzubrechen – ist es dann logisch, dass solche Tests bei Embryonen vor dem Einsetzen verboten sind?

Sind Tests legitim, wenn sie Fehlgeburten vermeiden?

Neben der Trisomie 21, dem Downsyndrom, gibt es noch die Trisomie 13 und die Trisomie 18. Dass diese Varianten weniger bekannt sind, liegt daran, dass die allermeisten Babys mit diesem Chromosomensatz schon im Mutterleib und sonst oft kurz nach der Geburt sterben.

Fehlgeburten bedeuten körperliche und emotionale Risiken für die schwangere Person. Ist es nicht legitim, das nicht zu wollen? Und falls das legitim ist, wo ist die Grenze?

Von Eugenik wollen die Grün­de­r*in­nen nichs wissen, lieber sprechen sie von „Superbabys“ und „genetischer Optimierung“ Foto: YAY images/imago

Trä­ge­r*in­nen eines mutierten BRCA-Gens werden mit viel größerer Wahrscheinlichkeit irgendwann in ihrem Leben an Krebs erkranken. Für die betreffenden Frauen liegt das Risiko, bis zum 80. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken, bei etwa 70 Prozent, fast sechsmal höher als das der Allgemeinbevölkerung. Für Männer steigt das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Wer solche Fälle mehrfach in der Familie hatte, vielleicht sogar ein Elternteil daran verloren hat, möchte dieses Risiko möglicherweise nicht an die Kinder weitergeben. Das Gen zu haben, bedeutet noch keine Diagnose, nur eine Wahrscheinlichkeit. Trotzdem kann es nachvollziehbar sein, sich für einen Embryo ohne diese Variante zu entscheiden.

Und wenn es sicher möglich ist, mit der Genschere CRISPR/Cas einen kranken Embryo im Labor so zu verändern, dass er gesund ist – ist dass dann nur ein Tabubruch oder auch eine Chance? Es gebe nicht das Recht auf eine angeborene Krankheit, sagte der Medizinrechtler Jochen Taupitz schon vor zehn Jahren beim Ethikrat.

Der Ethikrat und seine Arbeit in Deutschland sind ein Beispiel dafür, dass wir schon seit langer Zeit nicht alles tun, was wir technisch könnten. Der Technodeterminismus des Silicon Valleys tut so, als würden Technologien den Lauf der Gesellschaft vorgeben. Einmal erschaffen, seien sie nicht zu stoppen. Aber gerade die Reproduktionsmedizin zeigt, dass das nicht stimmt. Nachdem 1978 das erste Baby nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt kam, sind überall auf der Welt unterschiedliche Gesetze zum Umgang mit Embryonen und künstlicher Befruchtung entstanden. Längst nicht alles, was geht, ist überall erlaubt.

Schon 2018 schuf der chinesische Forscher He Jiankui drei gentechnisch veränderte Babys. Geheim, im Alleingang. Sein Fall löste eine Empörungswelle aus, das Verfahren war zu dem Zeitpunkt hochgefährlich, He Jiankui ging für drei Jahre ins Gefängnis. Seitdem hält der globale Konsens in der Forschung, keine menschlichen Embryonen gentechnisch zu verändern.

Bis jetzt, wo gleich drei Start-ups verkündet haben, wieder zu dem Thema zu forschen. Sie wollen herausfinden, ob es einen sicheren Weg gibt, Gene in Embryonen umzuschreiben. Eine der Ideen: Menschen könnten „Supergene“ zu Beginn der Schwangerschaft eingeschrieben werden. So nennen sich die Genvarianten, die den Ruf haben, Menschen vor Krankheiten zu schützen. Etwa vor Alzheimer. Dazu forscht aktuell auch ein alter Bekannter: He Jiankui. Nachdem er sich für kurze Zeit reumütig zeigte, ist er wieder zurück. Schon jetzt sieht er sich als den Helden im Laborkittel, der die Menschheit vor Krankheit bewahrt. In 50 Jahren, hofft er, werde er nicht mehr als Doktor Frankenstein betrachtet, sondern als „Chinas Darwin“.

Viele Eugeniker halten es gerne mit Darwins Survival of the Fittest: Die, die am besten an die eigene Lebensraumnische angepasst sind, überleben; sie sind die Treiber der Evolution.

Oft wird das ins Soziale übertragen. Wer sich an gesellschaftliche Gegebenheiten anpassen kann, wer die Eigenschaften hat, die als wertvoll gelten, kommt weiter und wird im Zweifel länger leben. Aber die Darwinisten vergessen, was den Menschen besonders macht: Statt sich anzupassen, kann der Mensch sehr wohl die Nische, in der er lebt, umgestalten. Hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit sein dürfen.

Leid zu verringern, sollte durchaus das Ziel einer jeden vernünftigen Gesellschaft sein. Der Weg dahin aber kann nicht beinhalten, Menschen, die leiden, schlicht aus ihr zu entfernen. Denn was erstrebenswert ist, wo Krankheit anfängt und wo Gesundheit aufhört, das sind keine neutralen Maße der Natur. Es sind Entscheidungen von Menschen. Geprägt von sozialen Vorstellungen, die sich ändern können.

Die Technologie sei definitiv sehr mächtig, sagt die Gründerin

Die 30-jährige kanadische Unternehmerin Cathy Tie ist die Gründerin eines der neuen Unternehmen zur gentechnischen Veränderung von Embryonen. Sie hat bereits mehrere Biotechfirmen gestartet, eine davon bietet Gentests für Erwachsene an. Unter anderem ist sie Partnerin eines Projekts, das laut eigener Aussage an der Erschaffung von Einhörnern arbeitet, in dem Pferdeembryos Gene für Hörner bekommen. Cathy Tie war für kurze Zeit mit He Jiankui in einer Beziehung, die aber schnell endete, nachdem sie nicht nach China einreisen und er nicht ausreisen durfte.

Nun will sie Embryonen gentechnisch verändern. Die Technologie sei definitiv sehr mächtig, sagte Tie dem Magazin Wired, das hätten „Manipulation des Atomkerns und Manipulation des Zellkerns“ gemein. Sie hat ihre Firma Manhattan Genomics genannt, abgeleitet vom Geheimprogramm der US-Regierung im Zweiten Weltkrieg, das zur ersten Atombombe führte.

„Es ist das Manhattan-Projekt unserer Generation“, sagt Cathy Tie. Auch bei der Atombombe wollten Forscher die Welt besser machen, dann kostete ihre Erfindung Hunderttausende Menschen das Leben. Anschließend einigte man sich auf das Ziel, die Technik möglichst nie wieder zu benutzen.

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49 Kommentare

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  • Klonen - war was früher ne 🐖 durchs Dorf - wa!



    Lösung - “Einstein klonen?“



    Prof. “Käm vermutlich - n mittelmäßiger 🎻r bei raus!“

    kurz - AT/NT - Sonst nicht so meins!



    Aber unsere alte Dame*04 immer gern:



    ”Was hülfe es dem Menschen - so er die ganze Welt gewönne & nehme doch Schaden an seiner Seele!“ Silicon Valley & Co. diese Sorte Geisteskrankheit greift mal wieder um sich!



    (Ps KI gibt es nicht - “Es - denkt nicht“ •



    🤖Ist bekanntlich eine großsprecherische Erfindung um zu lasten seriöser wissenschaftlicher Forschung besser an Forschungsgelder zu kommen.



    Leider erfogreich! Newahr



    Normal



    (©️ua Heinz von Foerster / Rudolf Seising et al.)

  • Wie man ausgerechnet die Atombombe als Beispiel für einen Geist nennen kann, der sich durch moralischen Konsens in der Flasche halten ließ, ist mir schleierhaft. Gerade toben zwei Kriege, die ohne die Unfähigkeit von Menschen, die Finger von dieser Technologie zu lassen, längst hätten beendet oder gar nicht erst angefangen werden können.

  • Wie passt die Kritik an diesen Analysemethoden mit der ganzen Diskussion um das Abtreibungsrecht zusammen?



    Da heißt es oft genug "mein Bauch gehört mir", und vielen geht deshalb die Fristenregelung schon zu weit als Einschränkung der Freiheit der Frau.



    Wenn ein Kind nicht in die persönliche Lebensplanung passt, soll sie frei entscheiden dürfen, ob sie abtreibt oder nicht.



    Wenn die gleiche Frau aber zu ihrer Entscheidungsfindung Informationen über das Kind haben will, ist es mit dem Liberalismus ganz schnell vorbei.

  • Ich sehe das Problem nicht. Der Fruchtwassertest sollte anfänglich nur im "Risikofall" angewendet werden, in der Praxis wurde er sehr schnell zum Standard, obwohl es auch immer ein gewisses Risko für Mutter und Kind barg. Das führte zu unzähligen Abtreibungen mit den bekannten Folgen. Da ist das Screening doch eher die angenehmere Vorgehensweise. Und das hysterische Nazi-Faschist-Eugeniker-Geschrei kann ich auch nicht mehr hören: Die Auswahl treffen die Eltern, und auch im erfundenen globalen Süden, gibt es sehr viele, sehr wohlhabende Menschen. Die werden sich kaum an unseren Schönheitsidealen orientieren, ebensowenig wie die nicht-weißen Menschen in New York, Berlin, oder Oer-Erkenschwig.

    • @mumba:

      Problematisch wird das ganze natürlich erst, wenn die pränatale "Nachwuchsoptimierung" zum Standard und der Verzicht darauf zum Stigma wird (weil z. B. Firmen oder auch gleich Bildungssysteme ihre Ressourcen lieber in Nachwuchs mit nachgewiesen hoher Wahrscheinlichkeit in Sachen Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit investieren). Dann ist es nicht mehr nur "Des Menschen Wille ist sein Himmelreich." sondern auch ein echtes Problem für ANDERE Menschen.

  • Sehr guter Vortrag von der re:publica unter anderem dazu:

    youtu.be/R07XoKGi6XE

    Von Ralf Mühlhoff, der zu KI und Faschismus forscht.



    Denn diese Eugenik-Bestrebungen sind ganz klar faschistoide Ziele.

    • @Jalella:

      Können Sie Ihre Meinung auch begründen?

  • Sehr gute Analyse. Der Faschsmus hat z.B. den Mordparagraphen umgeschrieben. Seither heißt es in § 211: "Mörder ist, wer..." der Gedanke ist: Schaut her! So ist der Mörder halt, er wurde so geboren, seine Genetik kann man nicht ändern. Dann braucht man natürlich auch keine Resozislisierung mehr zu versuchen. Nur Wegsperren hilft. Überhaupt ist jede Umverteilung böse, weil sie dem Sozialdarwinismus ins Werk pfuscht. Alles ist vorherbestimmt, nichts können wir mit unserem Verstand oder Herz jemals ändern. Schuldig werden wir in unserem Leben allein einmal, nämlich durch die falsche Genauswahl und Rassenschande. Was für eine Horrorgesellschaft!

  • Solange das Erbmaterial nicht aktiv verändert wird sehe ich kein Problem. Für Menschen die wissentlich eine Erbkrankheit haben eine große Erleichterung. Ähnlich wie Paypal oder Amazon wird man das nicht aufhalten könen. Abgesehen davon - ist eine normale Abtreibung nicht ebenfalls eine Selektion, wenn auch nach anderen Kriterien?

  • Wenn man kein Problem darin sieht Abtreibungen zu legalisieren, weil der Zeitpunkt für ein Kind gerade "ungünstig" ist, kann man schlecht andere Gründe, warum man ein Kind austragen will oder eben gerade nicht, dann verbieten. Entweder man gibt den Frauen das Recht zu entscheiden, was in ihrem Bauch heranwachsen darf oder nicht.

    • @ZTUC:

      Ich frage mich auch immer was das soll : es scheint heute mehrheitlich gesellschaftlich akzeptiert und ist innerhalb der fristenregelung rechtlich straffrei und der ein oder andere will sigar komplett legalisieren , wenn Frauen /Eltern sagen, dass sie ein Kind, auch ein völlig gesundes, nicht wollen, weil zu alt, zu jung, selbst gerade in Schule /Ausbildung /Studium /neu im Job, zu arm, arbeitslos, zu beschäftigt, Partnerschaft noch nicht fest genug, keine Partnerschaft, nicht mit diesem Mann, noch nicht bereit sesshaft zu werden, finanziell noch nicht stabil, Unfall, noch nicht bereit, generell kein oder noch kein Kinderwunsch, gerade jetzt nicht, schon genug Kinder, selbst krank oder nicht kindertauglich, Kinder zu teuer und und und....Aber wehe man möchte eine Schwangerschaft beenden, weil das Kind krank oder mit Handicap ist.

    • @ZTUC:

      Vielen Dank.



      Ich habe selbst schon was gepostet, aber Ihr Beitrag bringt es weitaus besser und kürzer auf den Punkt.

  • Danke Frau Olinagan, dass Sie das Thema heute ansprechen und pointiert Position beziehen. Ich habe lange nichts mehr darüber gelesen.



    "Wenn Gene schuld sind, muss die Politik nichts ändern":



    Das ist so ein griffiger Satz mit dem das Problem des Wechsels der Menschenbilder und die Erwartungen und Hoffnungen angesprochen wird. -"Leute, kauft bessere Babys!"



    Leid zu verringern: erstens leiden Menschen mit Trisomie-21 nicht per se daran, also lässt sich mit Pränataler Diagnostik nicht "Leid" oder Leiden abschaffen. Und zweitens ist letzteres eine Illusion: Das perfekte Baby; eine Welt ohne Krankheiten und wo "alle sehr intelligent" seien - so ein Kitsch! Das lässt sich nicht designen. Und ohne Embryo-Design bleiben alle ganz dumm?! Lach!



    2018: "Seitdem hält der globale Konsens in der Forschung, keine menschlichen Embryonen gentechnisch zu verändern."



    Ich hoffe es bleibt dabei.



    Dass die Gen-Optimierer und die o.g. Milliardäre einen Druck ausüben könnten, dass alle sich screenen lassen müssen, halte ich für wenig realistisch. Dieser elitär-totalitäre Alptraum ist Teil der Propaganda von Thiel & co.



    Allerdings: Multiple Sklerose (durch Impfartiges) zu heilen, oder ALS wäre wunderbar.

  • Seit es nennenswerte Gen-Technik gibt, ist doch die ethisch-moralische Frage absolut total berechtigt, ob solche Gen-Selektionsverfahren nicht geradezu zu einer Befeuerung neuen genetischen Rassismusses führt, durch welchen in ultrarechten Kreisen über die Idee vom perfekten Gen-Arier ein neuer gentechnisch basierter Nazismus hervorgebracht wird, durch welchen letztlich die Frauen jener Kreise dazu gezwungen sein werden, nur noch Retortenembryos aus genetisch einwandfreien Eizell-Spermium-Paaren auszutragen, verbunden mit der Qual der Fehlversuche etc. pp. , von der gesellschaftlichen Qual durch einen neuen Nazismus ganz zu schweigen, durch welchen mit mit Sicherheit identischer Wahrscheinlichkeit die absolut dystopische Huxley'sche "Schöne Neue Welt" Wirklichkeit zu werden droht.

    Fazit: Es kann noch viel schlimmeres als Trumpismus passieren!

    • @Uwe Kulick:

      Wozu wollen Sie denn dazu Natis ins Spiel bringen?

      Nazis sind doch typischerweise der Meinung, ihrer Sperma sein von überragender Qualität.

      Die werden ihre Kinder schon selbst zeugen wollen.

      Niemand geht zu den Nazis, der sich selbst für "rassisch minderwertig" hält.

      Queere Personen dürften da viel mehr angesprochen werden.

      Wenn Sie eine Samenspende bekommen, wollen Sie meist schon die Hautfarbe des Vaters festlegen können.

      Warum dann nicht auch die Haarfarbe?

      Oder die Augenfarbe?

      Es wird eine Frage der Zeit sein, bis zwei Frauen in der Retorte ein Kind miteinander haben können werden.

      Bei dem Aufwand - auch finanziell - soll es mit Sicherheit ein Kind ohne Behinderung sein.

      • @rero:

        "Nazis sind doch typischerweise der Meinung, ihrer Sperma sein von überragender Qualität."

        Das schon. Aber in der Praxis haben die Nazis dann angefangen, die angeblich Minderwertigen auszusortieren. Egal wo diese vorher ihr Kreuz gemacht haben. Vielen Menschen ist nicht klar, wie groß die verbrecherische Energie hinter der Ideologie war und ist.

  • It's a „Brave New World".

    • @Mondschaf26:

      Jeder seine eigene Flasche zum drin heranwachsen und nur so viel Intellekt wie nötig? Geht es hier nicht eher um anderes?

      • @DerLurch:

        Die Drei Flaschen-Gesellschaft war eine Vorstufe. Genmanipulation war für Huxley wohl noch nicht vorstellbar.

  • Diese Technologie wird sich nicht mehr aufhalten, höchstens noch verzögern lassen.



    Denn wenn Embryonen in vitro gezeugt werden, aber aus guten Gründen nur ein Teil von ihnen tatsächlich implantiert wird, während der Rest auf eine Fehlgeburt "hoffend" im Gefrierschrank verbleibt, ist es nur schwer zu vermitteln, dass die Eltern nicht die Embryonen mit der höchsten Überlebenswahrscheinlichkeit zuerst auswählen dürfen.



    Und sobald ich nach Überlebenswahrscheinlichkeit scannen darf, ist der Schritt zu weiteren Auswahlkriterien leider nicht mehr aufzuhalten. Ja, es gibt Länder, in denen Gesetze das zu verhindern versuchen.



    In Indien etwa dürfen Informationen zum Geschlecht vor der Geburt nicht an die Eltern gegeben werden. Es wird aber immer Schlupflöcher geben, zuerst nur für die Reichen, die sich zum Beispiel eine Auslandsreise leisten können. Später auch für alle anderen, die darauf Wert legen.



    Es ist keine schöne Welt, die hier vorbereitet wird. Aber es wird unsere Welt sein. Denn die Schritte die dahin führen haben zu gute Argumente auf ihrer Seite.

    • @Herma Huhn:

      Das in Indien das Geschlecht nicht vor der Geburt den Eltern mitgeteilt wird, liegt wohl an der regionalen Eigenart, eher keine Mädchen zur Welt bringen zu wollen.



      Gerade in Indien werden weibliche Babys immer noch sehr häufig ausgesetzt.

      • @Birger Gerling:

        Sie haben natürlich völlig Recht - und das wo zwei X-Chromosome nicht einmal als Defekt gesehen werden "dürften". Wie will man bei werdenden Eltern, die so denken, eine weit verbreitete eugenische Abtreibungspraxis verhindern?

        Ich fürchte, derartige "ungewollte" Fortschritte werden letztlich von denen durchgesetzt werden, die kein Problem damit haben und nach und nach den Übrigen den Verzicht darauf immer opferreicher erscheinen lassen. Tatsächlich lässt sich am langen Ende nur schwer begründen, warum man Abtreibungen wegen unpasssender Lebensumstände zulassen, aber wegen drohender Erkrankungen verhindern will. Mit einem derart starken Argument im Rücken wird sich ein entgegengesetzter "verbindlicher Konsens" (will sagen: einer der eben in Wirklichkeit kein Konsens ist sondern der Durchsetzung mit Zwangsmitteln bedarf) schwer halten lassen.

  • Es ist der primäre, fast immer auch einzige Zweck von Technik, natürliche Defizite auszufüllen oder nicht oder nur teilweise vorhandene Fähigkeiten zu ersetzen, zu ergänzen oder zu optimieren. Das einzige, was mich, auch in diesem Fall, wundert, ist, dass, kaum ist wieder der nächste kleine Schritt gegangen, sich immer jemand findet, der sich darüber (vollkommen überrascht anscheinend) erregt. Ist Technologie erstmal in der Welt, der "Geist aus der Flasche", bekommt niemand mehr den Korken endgültig wieder drauf. Ganz zu schweigen von den immer sich auftuenden Möglichkeiten des Geldverdienens. Das ist eine Conditio humana.



    Was den speziellen und (mit Betonung) sehr weiten Komplex des künstlichen Kinderzeugens betrifft: Aus welchen Gründen soll (letztgültig) das eine erlaubt und ethisch vertretbar, das andere aber verboten und unmoralisch sein?

  • Hoher IQ, Vernunft und nett sein bedingen sich m.E. nicht wirklich wechselseitig.

    Diverse Autokraten und ihre Helfershelfer in der Geschichte, inkl. derer, die aktuell vom ICC mit Haftbefehl gesucht sind, sind sicherlich nicht dumm (gewesen).

    Mal abgesehen davon, dass Moral und Anstand nicht die Folge weniger dezidierter Gene sind, hier also nicht einmal klar ist, was ausgewählt werden müsste. Und dies auch sicherlich sekundär wäre, wenn andere Dinge, wie Größe, IQ , etc. den Eltern nicht passen. Und Sozialisation auch eine Rolle spielt...

    In dem Film Gattaca ist die Problematik der Genselektion und ihre Auswirkungen direkt thematisiert.

    Zudem hätten Menschen wie Stephen Hawking, John Forbes Nash, etc. wohl nicht existiert...

    Hier ist leider mal wieder die Politik gefragt, was gemacht werden darf und was nicht. Es ist sicherlich ein schmaler Grat.

    • @Holger Kaempf:

      Mal ein paar Fakten zum Thema Moral und IQ.

      Der amerikanische Gerichtspsychologe Gustave M. Gilbert hat in Nürnberg IQ Tests mit den Angeklagten durchgeführt. Ergebnis:



      Schacht 143



      Seyss-Inquart 141



      Göring 138



      selbst Streicher am unteren Ende brachte es noch auf 106

      Ein hoher IQ garantiert also nichts.

      Quelle: Joe J. Heydecker/Johannes Leeb, Der Nürnberger Prozess

  • "Denn so viele andere Faktoren beeinflussen Intelligenz, von der Luftverschmutzung im Stadtviertel über die Ernährung bis zum Zugang zu frühkindlichen Lernangeboten. Sie in Studien voneinander zu trennen, ist kaum möglich."

    Die Menschen, die die Ressourcen für eine genetische Optimierung ihrer Kinder haben, haben auch die Ressourcen, optimale Lebensbedingungen für sie herzustellen. Sie lassen sie bereits so aufwachsen, dass Lebensrisiken wie Krankheit, seelisches Leid, "Schulversagen", Arbeitslosigkeit etc. minimiert sind. Jetzt sollen auch die genetischen Faktoren optimiert werden.

    Die Menschen, die diese Ressourcen nicht haben, werden es schwer haben in einer Welt, die von solchen allseits optimierten Menschen bestimmt wird - die immer weniger verstehen, warum andere nicht denselben Erfolg haben, anders leben müssen oder wollen oder warum überhaupt irgendjemand die Hilfe und Solidarität der Gemeinschaft braucht. Und für die dazwischen wird es noch existenzieller werden, den Anschluss an die optimierte Klasse zu halten.

    • @sàmi2:

      das ist dystopisch.

  • Wie pervers kann ein menschliches Hirn arbeiten? Immer wieder finden sich Steígerungen dieses Phänomens. Dabei sind hier beide Seiten in Verantwortung: zunächst der/diejenige die damit Geld machen wollen und dann die, die es mit "Aufträgen" fördern.

    • @Perkele:

      Um das herauszufinden müssen wir das Gefälle zwischen arm und reich, sowie den technologischen Fortschritt weiter ausbauen.

      Dank Kapitalismus kommen wir da schon früh genug hin.

      Ich bin mir sicher, dass in 25 Jahren Dinge gesagt werden wie:



      "Trump war nichts im Vergleich zu der aktuellen Person im Amt.".

  • Ich muss sagen dass ich das ganze weniger kritisch sehe als viele.

    Ich beziehe mich hier aus Selektion, nicht was der chinesische Wissenschaftler gemacht hat.

    Was ist falsch dran? Der Verweis auf eine Kompetative Gesellschaft ist auch nur Ablenkung. Immer in der Menschheitsgeschichte war das Leben kompetativ und hart. Egal ob heute, vor 200 Jahren, vor 1200 Jahren.

    Was ich aber finde: Geld sollte kein Unterschied machen: Die Krankenkasse sollte Großzügig sein.

    Und gerade die (linke) Kritik an diesen Technologien verhindert das.

    • @Tim Hartmann:

      "Immer in der Menschheitsgeschichte war das Leben kompetativ und hart."

      Das macht es nicht besser und begründet nicht, das zu erhalten. Immer in der Menschheitsgeschichte haben Menschen Wege gesucht, sich gegenseitig zu unterstützen um Härten nicht ausgeliefert zu sein. Finde ich als Vision attraktiver.

      BTW: Die Kosten für Zahnersatz, diverse Voruntersuchungen, Hör- und Sehhilfen etc. wurden in der Vergangenheit von den Kassenleistungen ausgenommen. Man sieht (wieder) an Zahnlücken, wieviel Einkommen jemand hat bzw. nicht hat. Sie glauben, da werden Superbabies für alle von der KK bezahlt?

      • @sàmi2:

        Ich wäre dafür dass dies bezahlt wird. Und ich denke das linker Konservatismus (und das ist die Meinung des Artikels und die Mehrheit der kommentierenden) zum Gegenteil führt.

        Das Beispiel der Zähne zeigt es ja: wenn man sagt das gerade Zähne nicht gesundheitsrelevant sind und teil eines ästhetischen Überbietungswettkampfes (da mag sachlich was dran sein) ist das der wrste schritt.

        Ich bin immer für Freiwillihkeit, aber die im Artikel genannten Zahlen/Preise sind absolut vernachlässigbar in Relation zu den Kosten.

        Noch muss man auch sagen das in der Branche viele Quacksalber sind, aber das wird sich ändern.

        Und deswegen bin ich dafür das die Kasse alles zahlt.

        Die Pränataltests finde ich gut, dass es die Kasse zahlt.

        Wenn jemand die nicht Nutzen will, darf er das, aber anderen Verbieten ist übergriffig.

  • "Solche Methoden könnten die Welt besser machen, glaubt ihr Vater Rafal Smigrodzki. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Menschen vollkommen gesund sind“, sagt er am Ende eines Videobeitrags. „In der alle Menschen gleich intelligent und sehr klug sind. In der alle Menschen vernünftig und nett sind. Wäre das eine schlechte Welt? Wäre es falsch, Technologie einzusetzen, um dorthin zu gelangen?“



    Klingt gruselig, dass alle "gleich" sind.



    Hätte es nach diesen Maximen keine o. nur Stephen Hawkings gegeben?



    Aufwertung u. Abwertung sind zwei Seiten derselben Medaille. Am Projekt der Optimierung einer Gruppe von "sogenannten Edlen" sind auch schon Himmlers Schergen und Adepten gescheitert.



    "Lebensborn



    Ein SS-Programm und seine Folgen



    Heinrich Himmler wollte mit dem SS-Verein Lebensborn „rassisch wertvollen“ Nachwuchs fördern. Hinter der Fassade standen Kontrolle, Ideologie und Kinderraub."



    Bei deutschlandfunkkultur.de



    Bis auf Kinderraub (vgl. Russland) geht es mit dem Gedankengut in dieselbe Richtung. Warum nur erinnert diese Entourage aus Silicon Valley nur immer wieder an übergriffigen und totalitären Regimen immanentes "Gedankengut"?



    Der Doktorvater v. Josef Mengele war Genetiker

  • Unterm Strich geht es darum, nur noch "ideale" Menschen zur Welt kommen zu lassen. Es ist das, was Himmler mit seinen Züchtungsversuchen sogenannter Arier betrieben hat. Nur eben mit modernen Mitteln. Und wie damals spielen Ideologie und Pseudowissenschaft zusammen.

  • Mittlerweile kann man die Werke von Schriftstellern wie Huxley oder Orwell als prophetisch bezeichnen. Es möge später niemand behaupten, es sei nicht vorhersehbar oder abwendbar gewesen.

  • Das sind "faschistische" Ideen; da kann man ja gleich das Projekt "Lebensborn" wiederbeleben.

  • "Erschaffung von Einhörnern" finde ich gut. Kann die Dame für mich einen Esel erschaffen, der "Dukaten scheißt"?

    • @Il_Leopardo:

      Ach, die Währung ist doch zweitrangig. Meinetwegen auch Pesos, Schilling oder Yen. Nur bitte keine indonesischen Rupien oder sowas, da dauert es ja ewig bis das Geld für ein Eis zusammen kommt

  • Hier werden mal wieder auf haarsträubende Weise Dinge vermischt die nichts miteinander zu tun haben müssen:



    - Menschen mit Behinderung sind grundsätzlich nicht weniger wert als Menschen ohne Behinderung, dennoch ist es unehrlich Behinderungen an sich als neutral oder gar Bereicherung dazustellen.



    - Embryonen auf genetische Krankheiten zu screenen heißt nicht, das man den wenigeren Menschen die dennoch an diesen Leiden nicht jede erdenkliche Unterstützung zukommen lassen kann und sollte.



    - Wer die Auswahl von Embryonen mit Naz-Eugenik gleichsetzte der begibt sich zum einen sehr nah an ultra-christliche Lebensschützer heran und relativiert zum anderen die Ermordung behinderter Menschen durch die Nazis.

    Es steht für mich außer Frage das wir unser genetisches Schicksal fortan selbst in die Hand nehmen sollten, das steht in keinster Weise im Widerspruch zu Menschenwürde, Mitgefühl und Solidarität.

    Vielmehr ist es unmenschlich, Erbkrankheiten und ähnliches dem Zufall zu überlassen wenn man es besser machen könnte.

    • @Volker Racho:

      Zu Ihrem zweiten Punkt: Nein, es ist nicht automatisch so, dass die Krankheit nicht mehr behandelt oder erforscht wird, wenn es ein Screening "dagegen" gibt.



      Allerdings ist es erst recht nicht automatisch so, dass mit dem Screening keine Stigmatisierung der Betroffenen einhergeht.



      Schon heute werden Eltern von Kindern mit Trisomie 21 vereinzelt mit Sprüchen wie "das hätte man doch verhindern können" beleidigt.



      Je verbreiteter das Screening ist, desto heftiger müssen Eltern, die sich trotz Screening für ein Kind entscheiden, dafür rechtfertigen. Es würde auch nicht lange dauern, bis die ersten Forderungen laut werden, betroffene Familien nicht mehr finanziell zu unterstützen, denn die Trisomie haben diese sich ja "selbst ausgesucht"



      Ja, es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich mich gegen eine Schwangerschaft entscheide oder einen lebenden atmenden Menschen kaltherzig umbringe.



      Es ist aber auch ein gewaltiger Unterschied, ob eine Familie, die ein persönlich erhöhtes Risiko hat, individuelle Entscheidungen trifft, oder ob eine Firma dazu beiträgt, dass die Option zum Screening irgendwann keine Option mehr ist.

      • @Herma Huhn:

        Unverschämt solche Kommentare an die Eltern von Kindern mit Trisomie-21 und alles was Sie schildern. Nicht Ihr Kommentar ist unverschämt...

      • @Herma Huhn:

        Informativ für mich!



        Haben Sie solche Situationen erlebt oder kann ich das auch nachlesen?



        Unverschämt solche Kommentare. (bin kinderlos)

    • @Volker Racho:

      "Es steht für mich außer Frage das wir unser genetisches Schicksal fortan selbst in die Hand nehmen sollten, das steht in keinster Weise im Widerspruch zu Menschenwürde, Mitgefühl und Solidarität."



      Für mich u. viele andere Ärztinnen und Ärzte schon.



      Das Gesetz jedenfalls macht diese Türen nicht auf.



      www.unimedizin-mai...ktuelles/GenDG.pdf



      /



      Bei wissenschaft.de



      "Die Möglichkeit, künftig vielleicht „Designerbabys“ erschaffen zu können, weckt Besorgnis – vor allem aus ethischen Gründen. Wie machbar die Selektion von Embryonen nach vorteilhaften Merkmalen ist, haben nun Forscher untersucht. Dafür wählten sie die Merkmale Intelligenz und Körpergröße, beides Eigenschaften, die durch das Zusammenspiel zahlreicher Genvarianten beeinflusst werden. Ihre Modellstudie ergab: Selbst wenn man durch Präimplantationsdiagnostik gezielt nur die Embryos auswählen würde, die jeweils die besten Gene für IQ und Größe haben, ist der Effekt gering: Gerade einmal 2,5 IQ-Punkte und 2,5 Zentimeter Größe ließen sich so im Schnitt gewinnen – und selbst das wäre nicht zuverlässig."



      Strikt verboten "wegen der Nähe zur Eugenik", eben aus bekannten historischen Gründen!

      • @Martin Rees:

        Ich finde nicht das es Eugenik ist. Denn die Souveränität liegt bei den Eltern - nicht Fremdbestimmt beim Staat.

        Wenn das Eugenik ist, sind dann Frauen die nur mit Männern über 1,80m ausgehen auch Eugenikerinnen? (bzw. andere zahllose Beispiele)

        Die Souveränität der Eltern ist zentral!

    • @Volker Racho:

      Haben Sie die beiden ersten Absätze des Artikels gelesen?

  • „Die Möglichkeit, dass Menschen entscheiden, wer auf die Welt kommt und wer nicht, klingt bedrohlich.“ Also Pro Choice Light? 218 abschaffen und gleichzeitig den Zugang zu Gentests regulieren? Oder wie genau soll das praktisch funktionieren?

    • @Mendou:

      Praktisch wird das ausschließlich mit invitrofertilisation umgesetzt werden. Wer auf natürlichem Wege schwanger wird, handelt verantwortungslos und darf selbstverständlich trotz aller Tests, die man aber bitte machen und bezahlen soll, natürlich nicht abtreiben.



      (Die im Artikel aufgezählten Namen sind alle nicht wirklich für ihre ProChoiceEinstellung bekannt)

      • @Herma Huhn:

        Verantwortungslos würde ich nicht sagen.

        Aber was ein Risiko ist, das Bestimmt der Stand der Technik.

        Wichtig ist das man sich immer Bewusst ist was man macht.

        Das man die anderen nicht einschränkt was Sie machen.

        Das sowohl die hohen Gesundheitskosten der einen und die Präventionskosten der anderen von der gesundheitlichen Solidargemeinschaft übernommen werden.

    • @Mendou:

      Der Unterschied ist wirklich nicht offensichtlich?