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Fremdenfeindlichkeit in SüdafrikaEine Schande für die einstige Regenbogennation

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Bis zum 30. Juni sollen Ausländer ohne gültige Papiere Südafrika verlassen. Aus dem Land der Freiheit ist eins der Remigration geworden.

U nter Nelson Mandela war die „Regenbogennation“ Südafrika ein Leuchtturm für die Welt. Auf friedlichem Wege war das mörderische Apartheidregime einer Demokratie mit gleichen Rechten für alle gewichen, ein seltener Erfolg des friedlichen Wandels. Gut dreißig Jahre später ist längst Ernüchterung eingekehrt. Südafrika steht politisch und ökonomisch still. Mandelas einstige Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) ist zu einer Klüngelpartei der Besitzstandswahrung verkommen, Korruption und Machtmissbrauch verdüstern die Aufstiegschancen der neuen Generation, Populisten jeder Couleur hetzen Menschen gegeneinander auf, Angst vor Gewaltverbrechen prägt den Alltag und spaltet die Gesellschaft.

Es ist das ideale Terrain für Kampagnen der Fremdenfeindlichkeit, die im Zuzug von Arbeits- und Schutzsuchenden aus anderen Ländern Afrikas eine unerwünschte Konkurrenz im Kampf um knappe Ressourcen und Dienstleistungen sehen. Gerade am unteren Rand der Gesellschaft wird aus solchen Kampagnen schnell blutiger Ernst. Zugezogene werden schikaniert und verjagt, Verkaufsstände und Hütten gehen in Flammen auf. Nun haben es die selbst organisierten „Bürgerwehren“ geschafft, den 30. Juni zum Tag der Angst zu machen, einem landesweiten Ausländer-raus-Tag, bis zu dem alle vermeintlich illegal eingereisten Nichtsüdafrikaner ausgereist sein sollen oder Freiwild werden.

Der ANC-geführten Regierung gelingt es nicht, die Hetze wirksam zu unterbinden. Sie fährt einen gefährlichen Schlingerkurs. Einerseits droht sie Gewalttätern mit Härte, andererseits sagt sie „illegaler Migration“ den Kampf an. Längst gehört die Forderung zum politischen Mainstream, alle „Illegalen“ außer Landes zu schaffen. Da das nicht passiert, werfen Populisten der Politik Versagen vor und wollen selbst zur Tat schreiten. Jetzt drängeln sich Ausreisewillige zu Zehntausenden an Busbahnhöfen und in improvisierten Zeltlagern – eine Schande für Südafrika.

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Südafrika lebt vor, was Europa erst noch bevorsteht. Denn hier erstarken Rechtsextreme und Rechtspopulisten mit der Forderung nach „Remigration“; strittig ist höchstens, ob freiwillige Massenausreise genügt oder ob der Staat nachhelfen muss. In Südafrika ist die Massenausreise im Gange, und die Grenze zwischen Freiwilligkeit und staatlicher Nachhilfe erweist sich als bedeutungslos: Die Menschen haben einfach Angst. Jetzt rächt sich, dass Südafrika nie wirklich aus Angst und Misstrauen herausgefunden hat. Von der Regenbogennation zur Remigration – es war ein kurzer Weg. Und ein steiler Abstieg.

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Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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27 Kommentare

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  • Während der Apartheid waren zeitweise bis zu 80 Prozent aller Bergarbeiter in den Minen Südafrikas Schwarze - aber nicht etwa Südafrikaner, sondern Ausländer aus den Nachbarstaaten. Die Weißen brauchten zwar Arbeitskräfte, aber wollten partout nicht, dass "ihre" einheimischen Schwarzen auch nur die Chance auf etwas Wohlstand bekamen.

  • Es ist nicht das erste Mal, dass n Afrika einflussreiche Kreise innerhalb eines Landes versuchen, sich über Fremdenhass zu profilieren.



    Mir ist "Ghana must go" 1983 ein Begriff, als über eine Million Ghanaer über Nacht den Erdölstaat Nigeria verlassen mussten, weil die Nigerianer entschieden, den Reuchtum lieber für sich allein behalten zu wollen. Die Schottenmuster der übergroßen Wäschebags, mit denen die Ghanaer ihr Hab und Gut damals außer Landes schafften, würden später zum Symbol des "Ghana must go" und heute zum Modelabel umstylisiert.



    en.wikipedia.org/w...rants_from_Nigeria

    Tatsächlich war es damals aber ein Zeichen für die strukturelle Schwäche Nigerias, die heutzutage im größten Land des Kontinents in hemmungsloser Korruption und Bandenkriegen zwischen politischen Gegnern immer offener zutage tritt.



    Und so ist es heute wohl auch in Südafrika, denke ich. Es ist das äußere Zeuchen einer innerlich gescheiterten Nation. Die Überwindung der Arpartheid allein trägt die Nation als Idee offenbar nicht mehr.

  • Im repressiven Apartheidsystem gab es eine (trügerische) Stabilität: Besitzverteilung und Privilegien waren qua Rassismus geregelt, die Gewalt war staatlich gesteuert. Von den tiefgreifenden Traumata, welche dieses System hinterlassen hat mal ganz abgesehen, ist es südafrika nach Mandel nicht gelungen, eine liberale Form von Stabilität an die Stelle der rassistisch basierten zu stellen. Die neuen Eliten haben den Staat geplündert, die sozial Schwachen sind schwach geblieben, Verteilungskämpfe werden ungeregelt ausgetragen, der formalen Demokratie fehlen wesentliche zivilgesellschaftliche Fundamente.

  • In der Globalisierung heute lassen sich Probleme vervielfältigen, es ist wie ein Dominoeffekt. Die Welt ist voller Rassismus und es war noch nie anders. Die Weltbürger hätten zusammen finden können, aber nicht wie bei uns, zusammen finden müssen. Zwei weiße Menschen muss ein dunkelhäutiger Mensch dabei sein. Zwang führt zu nichts Gutem, was man aus der Erfahrung heraus weiß, aber man will es nicht wahrhaben.



    Es ist nicht der weiße Mensch alleine, sogar die dunkelhäutigen Menschen sind untereinander Rassistisch. Je dunkler die Hautfarbe um so weniger wert hat dieser Mensch und wird zum Sklaven gemacht, heute noch wie damals..



    Die Menschheit hat ja nur auf Macht, Wohlstand hingearbeitet.. und nicht auf Miteinander. Kein anderes Recht ist höher als das Menschenrecht und nirgends wird es eingehalten, auch bei uns nicht. Ein jeder hat ein Existenz- Verteidigungsrecht nur kann es nicht jeder wahrnehmen, weil das Recht des Stärkeren greift. Uns geht es noch gut, nur jetzt fangen Gruppen, Parteien an dieses zu demontieren, nach den Spruch: " Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."



    Ich bin was ich bin.. wir sind wer wir sind !

    • @Realistin:

      "Je dunkler die Hautfarbe um so weniger wert hat dieser Mensch und wird zum Sklaven gemacht, heute noch wie damals.. "

      Ich weiß was Sie meinen aber ein Gegenbeispiel: 1994 in Ruanda wurden die Tutsi (zu nun recht oder zu unrecht) mit einem hellerem nubisch-sudanesischen Aussehen verbunden und darauf hin abgeschlachtet.

  • Afrika war ja lange vor uns auch von "Handy" betroffen. Für mich ist es logisch dass darum auch die Auswirkungen von Hetze, Manipulationen und Falschinformationen früher als hier zu spüren sind. Wobei es mir auch in Europa schon zuviel ist mit der rechten Pest :-)



    Die Afrikaner waren auch schon früh das Testfeld für unsere Handybezahlbethoden und andere Dinge.



    Vielleicht sollten wir daraus lernen und uns weniger von dieser Technologie abhängig machen, die meistens von verrückten Überreichen gesteuert wird.



    Denn bald kommen noch Auswirkungen von "KI" dazu, dann gibt es zusammen mit aktuellen Handydaten Nichts mehr zu lachen, denn die Menschen werden dann fein kontrolliert...



    Ob wir noch rechtzeitig gegensteuern können weiß man natürlich nicht. Aber wenn wir zusammenhalten und uns vernünftig verhalten können wir auch etwas bewirken.



    Die taz könnte begleitend oder gar orchestrierend einige Aufklärungsartikel und Hintergründe zu dem Themenkomplex bringen, DAS wäre mal eine echte Erholung von der tagtazlichen Stichelei.

  • Warum wird hier das Wort "Remigration" benutzt? Das ist ein von den Rechten benutzter Begriff, der Verschleiern soll, um was es wirklich geht:

    Ausweisung, Vertreibung und ggf. Deportation.

    Seid doch genauso ehrlich und fallt nicht auf diesen Schönfärbebegriff herein.

  • Früher, vor vielen hunderten Jahren, als die Kolonialisten noch nicht Grenzen gezogen haben, konnten viele Völker nebeneinander koexistieren.

    Der Weiße hat alles zunichte gemacht. Erst mit der Grenzziehung, dann mit der Apartheid, dann mit seinem Erbe, dem jeder folgen will, weil es toll ist, so zu sein wie die Sklaventreiber von damals.

    Weiß zu sein ist ein Fehler und ich schäme mich dafür, dass das Erbe bis heute weltweit zu entsetzlichen Tragödien, wie jetzt in Südafrika führt.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Die Ureinwohner des südlichen Afrikas waren die San. Sie wurden vor der Ankunft der Europäer von den Bantus in unwirtliche Gebiete verdrängt. Das lief sicher nicht friedlich ab.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Puh. Wo anfangen bei so viel naiv-verklärendem Exotismus?

      Es gab im vorkolonialen Afrika mehrere massive Wanderungsbewegungen, die von erheblicher Gewalt geprägt waren. Die letzte, die sog. Mfecane, ist dabei die am besten dokumentierte. Die Weißen waren daran nur an der Peripherie und als Profiteure der Folgen beteiligt. Hier eine der kolonialistischen Exkulpation unverdächtige Übersicht:



      sahistory.org.za/a...n-southern-africa/

      Und noch was, was Ihnen nicht gefallen könnte: das von den Weißen durchgesetzte Ende des Sklavenhandels war unabdingbare Voraussetzung für die koloniale Unterwerfung mehrer afrikanischer Staaten.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Es ist eine Tatsache, dass Weiße in der Welt viel Schaden angerichtet haben. Das Weißsein ist allerdings mehr an wirtschaftliche und politische Macht gebunden.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Wie fly bereits richtig anmerkte, ist deine Grundannahme falsch. Die Idealisierung des sogenannten Globalen Südens und seiner Menschen ist auch nur eine Spielart des Rassismus. Sie nimmt die Menschen in diesen Ländern nicht als eigenständige, erwachsene Subjekte wahr.

      Sklavenhandel war nie ein rein "weißes" Problem. Es gab ihn lange bevor der Sklavenhandel in die Amerikas anfing und auch bei diesem waren afrikanische und arabische Herrscher fleißig beteiligt. Die Staaten, in denen Sklaverei am längsten legal war, sind arabische. Und Kolonialismus auf den westeuropäischer Staaten einzuengen, ist massiv verzerrend. Mindestens den russischen müsste man mitdenken. Das größte heute noch bestehende Kolonialreich ist Russland.

      • @Milonga:

        Na super. Jetzt sind auch noch arabische Sklavenhändler im Argumentenbrei vertreten. Und unter Dunkelhäutigen waren ja schon immer Sklavenhalter dabei.

        Das festigt natürlich das antimuslimische Weltbild der AfD und der generelle Hass gegen andere Hautfarben. Im Sinne: "Die sind doch auch fremdenfeindlich!!!"

        Hilft aber alles nichts. Wir Weiße haben das meiste Übel an anderen Völkern verursacht. Und spätestens seit dem Holocaust ist es unsere Pflicht, dass Fremdenfeindlichkeit nie wieder einen Platz in der Gesellschaft hat.

        "Aber die anderen....!" war nie ein gutes Argument. Wenn es das ist, dann müssen wir uns wohl oder übel von unseren Werten verabschieden und den Kampf gegen Rassisten aufgeben.

        • @Troll Eulenspiegel:

          "Wir Weiße haben das meiste Übel an anderen Völkern verursacht."



          Nein. Nein. Nein.



          Das ist so weit an den historischen Realitäten vorbei, dass es schon weh tut.



          Sie sollten an Ihrem Schuldkomplex arbeiten.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Das ist aber eine (t)drollige Vorstellung über das Leben im vorkolonialen Leben in Afrika.



      Es ist auch eine Art von Rassismus seine Vorstellungen einer Art heilen Naturwelt auf fremde Völker und Länder zu projezieren.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Krieg und Sklaverei haben die Menschen dort auch auf die Reihe gekriegt ohne es von den Weißen lernen zu müssen.

      Das schmälert in keiner Weise die Verbrechen des Kolonialismus, aber so zu tun als ob die Völker Afrikas bis zur Ankunft der Weißen in Friede und Unschuld lebten ist eine Zuschreibung irgendwo zwischen Edlen Wilden und Paternalismus, es entmündigt die Menschen als Moralische Subjekte.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Früher…. Hat es brutale Kämpfe und Kriege zwischen den Völkern gegeben. Nur sind die frühen innerafrikanischen Konflikte in keinem europäischen Schulbuch. Die Auswirkungen waren (und sind) erheblich und das bei einer damals um Größenordnung kleineren Bevölkerungszahl.

  • Meine Theorie warum es in Südafrika anders läuft als in den anderen, in der Regel multiethnischen, Staaten Afrikas: Die durch relativ zum Rest Afrikas hohe wirtschaftliche Entwicklung gibt es Wohlstand und damit leider auch Verteilungskämpfe.

    • @Chris McZott:

      Wobei Südafrika gleichzeitig das ungleichste Land der Welt ist - was wiederum dafür sorgt, dass die Gewaltverbrechensrate atemberaubend hoch ist.

    • @Chris McZott:

      Das ist das Problem. Die etwas haben, wollen nüscht abgeben, genau wie hier.

  • Wie traurig!



    Den Sieg über das Apartheidsregime habe ich als Sieg des Guten über das Böse empfunden.



    Eine Rede Mandelas, gemeinsam mit Willi Brandt vor der SPD Baracke in Bonn gehört zu den Highlights meiner politischen Erlebnisse.



    Es ist wirklich enttäuschend, was aus Südafrika geworden ist.



    Es bleibt zu hoffen, dass sich der Wind, dort wie hier, wieder dreht.

  • Ich fürchte, der Kommentar ist leider sehr idealisiert und wirkt etwas aus dem Elfenbeinturm. Denn es lässt sich leicht von einer Regenbogennation träumen, wenn die Realität weit weg ist.

    Dabei sind die Ursachen richtig beschrieben: eine große Ungleichheit, Probleme mit hoher Kriminalität, weitverbreitete Armut, kaum wirtschaftliche Aufstiegschancen. Jeder, der den Aufstieg in die Mittelschicht schafft, schottet sich (individuell verständlich) ab, um den eigenen Wohlstand zu sichern.

    Diejenigen, die geringe Chancen haben, sehen Ausländer als Konkurrenten um die wenigen vorhanden Jobs oder auch nur die Almosen.

    Meine Freundin (Südafrikanerin) hat mir Reden von Julius Malema vorgespielt, der die eigene Bevölkerung zum Verständnis aufruft, und darauf verweist, dass die Ausländer die Jobs machen, die kein Südafrikaner machen will. Klingt irgendwie bekannt, oder? Aber das Ergebnis scheint ähnlich wie hier...

    • @flyinghorse:

      Bei den Ursachen haben Sie einen wichtigen Punkt vergessen: die Korruption innerhalb des ANC und damit im Zusammenhang eine steigende Korruption im ganzen Land. Dazu kommt, dass Seitens des ANC mit den Flüchtlingen Politik gemacht wird (bspw. die Aufforderung, nach western cape weiterzuziehen). Das fällt denen jetzt alles auf die Füße...

  • Politische Farbenlehre

    Zitat: „Von der Regenbogennation zur Remigration – es war ein kurzer Weg.“

    Auch Deutschland ist inzwischen eine Art „Regenbogennation“, was zur Frage führt, ob dieser Weg unter dieser Flagge auch hier denkbar ist.

    A propos Regenbogenfarben und ihre metaphorische Symbolik: „Pink steht für Sexualität, Rot für das Leben, Orange für Heilung, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Türkis für die Kunst, Lila für Spiritualität - und Blau für Harmonie…ausgerechnet (Quelle: CDS Deutschland e.V.)

    • @Reinhardt Gutsche:

      "Auch Deutschland ist inzwischen eine Art „Regenbogennation“, was zur Frage führt, ob dieser Weg unter dieser Flagge auch hier denkbar ist."



      Die Umfragewerte beantworten ihre Frage relativ eindeutig - und von Woche zu Woche eindeutiger.

  • Nach Überwindung der Apartheid, leider ein neues trauriges Kapitel für Südafrika.

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Da ich Sie aus dem Forum ein bisschen kenne, denke ich dann doch,dass Sie die Überwindung der Apartheid nicht als ein "trauriges Kapitel für Südafrika" sehen ... ; )