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Flüchtlingsleichen in Italien angespültEin Massensterben, das niemanden kümmert

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Nach dem Zyklon „Harry“ werden immer mehr Leichen an Italiens Küsten angespült. Die Berichterstattung bleibt aus – und mit ihr das öffentliche Interesse.

Wo bleibt der Aufschrei? Foto: Gabriele Maricchiolo/nurphoto/imago

W aren es 380 Menschen, die im Januar im Mittelmeer ertranken? Oder gar 1.000? Diese Frage stellt sich erneut, seitdem in den letzten Tagen immer wieder Leichen an den italienischen Stränden angeschwemmt wurden.

Als am Dienstag die Schü­le­r*in­nen eines direkt am Strand gelegenen Gymnasiums im kalabrischen Tropea aus dem Fenster ihres Klassenzimmers schauten, sahen sie einen leblosen Körper im Wasser treiben, wie lokale Onlinemedien berichtet haben. Wegen des rauen Seegangs brauchten die herbeigerufenen Einsatzkräfte Stunden, um ihn und später eine weitere Tote zu bergen.

Schon vom 6. Februar an waren immer wieder Leichen gefunden worden. Fünf wurden an die Strände der südlich Siziliens gelegenen Insel Pantelleria getrieben oder von der Küstenwache auf dem offenen Meer geborgen, zwei weitere an die sizilianische Westküste, und in vier Orten Kalabriens wiederholten sich die schrecklichen Szenen. Insgesamt werden bisher 15 Leichenfunde gezählt.

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Dass das furchtbar ist, ist klar. Noch viel schlimmer aber ist, dass einen großen Teil der italienischen Bevölkerung diese Nachricht nicht mal erreicht und die Toten somit niemanden scheren. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren sie alle Migrant*innen.

Tote zwar nicht an Land, aber auf dem Meer

Sie wollten von der Südküste des Mittelmeers Richtung Italien übersetzen und fielen dann dem Zyklon „Harry“ zum Opfer, der in den Tagen vom 16. bis zum 23. Januar im westlichen und zentralen Mittelmeer wütete, der Spanien ebenso wie Tunesien und die italienischen Regionen Sardinien, Sizilien und Kalabrien heimsuchte.

Schwere Verwüstungen hatte dieser Wintersturm angerichtet, Strandlidos und Strandpromenaden weggefegt, nahe am Wasser stehende Häuser in Trümmer gelegt, an der Küste entlangführende Straßen und Eisenbahnlinien weggespült. Mehrere Milliarden Euro sollen die Schäden in Süditalien betragen – doch es herrschte allgemeines Aufatmen darüber, dass in den betroffenen Orten keine Toten zu beklagen waren.

Die Erleichterung ist fehl am Platz – denn Tote gab es, zwar nicht an Land, aber auf offener See. In unmittelbarer Küstennähe hatten sich in den Tagen von „Harry“ die Wellen zu 7 Metern aufgetürmt, doch im offenen Meer, zum Beispiel zwischen Malta und Sizilien, waren Monsterwellen von bis zu 16 Meter Höhe registriert worden, und sie haben womöglich Dutzende Boote mit Mi­gran­t*in­nen an Bord zum Kentern gebracht.

Wenn überhaupt, wird nur lokal berichtet

Schon am 24. Januar setzte der bei Radio Radicale tätige Journalist Sergio Scandura einen Post auf X ab, in dem er von 380 Opfern sprach. Er stützte sich dabei auf einen Rettungsaufruf der italienischen Küstenwache „an alle Schiffe“, der acht Boote, allesamt in den Tagen vom 14. bis zum 21. Januar vom tunesischen Sfax in See gestochen, als vermisst meldete, mit genauen Angaben zur Abfahrtsstunde und den Zahlen der Passagiere an Bord (zwischen 36 und 54 in den verschiedenen Booten).

Genaue Angaben lieferte die Küstenwache auch zur Bauart der Nachen. Sieben waren aus Metallplatten zusammengeschweißte Kähne, die wegen geringer Seetauglichkeit besonders berüchtigt sind, hinzu kam ein Schlauchboot. Allerdings verzichtete die Rettungsleitstelle ihrerseits völlig darauf, mit einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit über das Drama zu informieren.

Die Zahl von einem möglichen Massensterben schaffte es denn auch nicht, die italienische Öffentlichkeit zu erschüttern – die Medien nahmen Scanduras Post auf X schlicht höchstens am Rande zur Kenntnis. Nicht anders erging es der noch höheren Schätzung der in Italien aktiven NGO Refugees in Libya, die in den kritischen Tagen des Sturms 38 Abfahrten zählt – doch nur ein Boot sei in Italien eingetroffen und eines nach Sfax umgekehrt. Die Zahl der Opfer betrage etwa 1.000, so die NGO.

Italiens Öffentlichkeit aber schaut weiterhin weg. Genauso ergeht es jetzt den Nachrichten von den an den Stränden aufgefundenen Leichen – sie finden medial, wenn überhaupt, nur in der Lokalpresse statt. La Repubblica, eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes, berichtete in ihrer Mittwochs-Printausgabe gar nicht, und dem Corriere della Sera war der Tote von Tropea nur ein kleiner Artikel hinten im Blatt, auf Seite 23, wert. Kein Wort auch fiel in den TV-Nachrichten. Auch so lässt sich das Thema Massensterben im Mittelmeer erledigen: durch Nichtbefassung.

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Michael Braun
Auslandskorrespondent Italien
Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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33 Kommentare

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  • Ich denke, dass dieses viele, viele Leid die meisten von uns abstumpfen bis hin zu apathisch werden lässt, worauf die Medien u.a. aus Eigeninteresse (?) reagieren.

    Zumal die Hilfsmöglichkeiten so eingeschränkt sind. Wir schaffen es ja, (hier erlaube ich mir ausnahmsweise einen Kraftausdruck) verdammt nochmal, nicht einmal zu verhindern, dass in Hamburg Menschen erfrieren. 18 Tote (lt. DIE ZEIT), alleine in diesem Winter bisher.

    Somit denke ich, dass es weniger ein "es kümmert niemanden" ist, als Hoffnungslosigkeit, Resignation, nicht helfen können. (Einige von uns spenden, aber auch da müssen die meisten überlegen, wem sie wieviel spenden können; welchen und wievielen Obdachlosen in der Stadt man ein paar Euro überlässt.)

  • Man sich vor Augen halten, dass die Opfer auch in Westafrika, sofern nicht grad ein Familienmitglied betroffen ist, oft nur Schulterzucken ernten, nach dem Motto: Sie haben es halt versucht, aber schlecht vorbereitet, selber schuld.



    Die Frage ist ernsthaft, ob wir in einer solchen Welt leben wollen, in der Menschenleben gleichsam allein in Kilogramm nach Nutzbarkeit für die jeweilige Wirtschaft gewogen wird.



    Was wird in einigen Jahren aus uns selbst, wenn wir auf diesem Weg so fortschreiten?

  • In der persönlichen Wahrnehmung gibt es Nachrichten, die einen Menschen interessieren und andere, die nicht interessieren - auch wenn sie von dem gleichen Leid berichten. Wenn ein Kind im Ort ertrinkt, ist einem das Kind näher als das Kind, das im Mittelmeer ertrinkt. Ein Brand zwei Häuser weiter ist etwas anderes als ein Großbrand in China. Und ich wage die These: Das geht jedem Menschen so. Wer kann auf Anhieb sagen, wie viele Menschen letztes Jahr verhungert sind, in welchen Ländern diese Menschen lebten und wie alt sie waren - ohne Google?

    Ich finde gut, dass die taz berichtet. Den erhobenen Zeigefinger (v.a. auf Italien ausgestreckt): "Interessiert keinen", finde ich dagegen fragwürdig.

  • Es ist richtig, dass der Artikel auf das traurige Ereignis hinweist. Wenn aber einige Kommentare hier die italienische Regierung dafür verantwortlich machen, gibt das der Fall doch gar nicht her. Was hätte die Regierung hier machen sollen? Die Leute aus Nordafrika abholen? Vielleicht ja! Das würde aber zwingend bedeuten, dass Asylanträge nur dort oder in anderen Drittstaaten geprüft werden. Und alle, die sich selbst auf den Weg machen, zur Prüfung ihrer Fälle dorthin zurückgeführt werden. Nur eine solche konsequente Politik würde die Leute davon abhalten, sich Schleppern auf dieser lebensgefährlichen Reise anzuvertrauen.

  • Brot und Spiele müssen weiterlaufen in Italien, da kann man sich nicht um solche „Nebeschauplätze" kümmern.



    Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich.......



    Mein Beileid diesen Menschen.

  • Es ist sehr traurig, dass diese Menschen gestorben sind, dass sie so gestorben sind. Das Mitgefühl und eine Hilfsbereitschaft, wie ich sie für selbstverständlich halte, scheinen nicht mehr so eine Selbsverständlichkeit zu sein.



    Auf der einen Seite benötigt die italienische Landwirtschaft viele Arbeitskräfte, auch sehr viele illegale Arbeitskräfte, auf der anderen Seite will Italien keine Asylbewerber haben und diese Regierung in Rom stellt sich offensiv gegen Zuwanderung.



    Für mich ist Fratelli D'Italia der absolute Tiefpunkt, es ist schlimmer als Forza Italia. Eine Partei enthemmter, durchtriebener Spinner, die sich schwache Menschen und Ausländer vornehmen. Wahrscheinlich freuen die sich über die Strände mit Toten und feiern das noch als ihren Erfolg Migration zu begrenzen.



    Italiener sind mehr als 250 Jahre ausgewandert und es gibt in Kanada, USA, Australien, Brasilien und Argentinien eine Menge Menschen mit DNA aus Italien. Die Italiener wurden damals reingelassen, sie wurden aufgenommen (nicht immer herzlich gut).

    • @Andreas_2020:

      "Italiener sind mehr als 250 Jahre ausgewandert und es gibt in Kanada, USA, Australien, Brasilien und Argentinien eine Menge Menschen mit DNA aus Italien. Die Italiener wurden damals reingelassen, sie wurden aufgenommen (nicht immer herzlich gut)."

      Ich nehme an, dass die Anzahl der Ein- bzw. Auswanderer relevant ist, ebenso die Größe des aufnehmenden Landes. So dicht besiedelt wie Europa sind die von Ihnen genannten Länder nicht.



      Ebenso stimmt, dass sie reingelassen/"aufgenommen" wurden, aber so richtig um sie gekümmert, wie wir das zurecht (trotzdem immer noch zu wenig) tun, hat sich in diesen Ländern niemand um die italienischen Einwanderer. Sie sind dann nicht auf der Reise, sondern im Aufnahmeland (mangels Gesundheitsversorgung, Verdienstmöglichkeiten usw.) gestorben.

  • Kommentar 10



    9 gute Kommentare ! Es ist eine humanitäre Katastrophe, hunderte Tote, und nur noch die TAZ berichtet. Und die aktuellen deutschen Politiker machen mit den rückgehenden Flüchtlingszahlen Propaganda. Einst hatten sie angekündigt, das Problem bereits in den Herkunftsländern anzugehen; da ist sicher nichts passiert. Und den einen oder anderen freut es sicher, daß Deutschland nicht am Mittelmeer liegt. Wie schreibt ein Kommentator hier: "Massensterben ohne öffentliches Interesse.." Ja, Säuglinge, Kinder, ganze Familien sterben; und wir tun nichts. Und derzeit ist ja der Medaillenspiegel bei der Olympiade wichtiger... Ich bin traurig. Berichten Sie weiter, liebe TAZ.

  • Ein Ereignis, welches sich in vergleichbarer Form immer wieder wiederholt ist halt irgendwann kein mediales Ereignis mehr.

    Solche Ereignisse haben wir jetzt seit ca. 13 Jahren. Die Ursachen sind bekannt, mögliche Gegenmaßnahmen sind auch alle hinreichend diskutiert worden. Was sollte den jetzt eigentlich noch berichtet werden?

    Solange weiterhin Menschen in untaugliche Boote steigen, solange wird es solche Ereignisse auch geben. Gegen die Schlepperbanden hat man keine Handhabe.

  • Es scheint, als seien die Zügel der Macht einer potentiell neofaschistischen Partei an Italiens Regierung nun schon straffer gespannt - von wegen Meloni sei eine "harmlose halt irgendwie neofaschistisch geprägte" Politikerin. Symptom: Die italienischen Medien duckmäusern bereits vor ihr und berichten nix potentiell mitleiderregendes über den Flüchtlingsstrom mehr. Just nachdem Rubio seine Antiflüchtlingsrede stehend ovatiert bekam will Meloni wohl nix mehr lesen, dass Italien "das Einfallstor" sei.

    Überhaupt liest man/frau auch hierzulande kaum noch was über Frontex - sind bei dem Verein nur noch barmherzige Samariter zuständig dafür, dass konservative PolitikerInnen in Deutschland jüngst die deutschängstlich verfügten EU-Binnen-Grenzkontrollen an Deutschlands Grenzen endlich einstellten? Deutsche sollten die Augen offen halten, dass nicht am Ende irgendwo "Schießbefehle" eingeführt und, noch schlimmer, ausgeführt werden. Für Deutschland, nun dem (evtl. trügenden) Schein nach sicher eu-außengrenzlich beschützt, wäre dass ein absolutes No-Go. Menschenrechtsfreunde, bleibt wachsam. Deutsche Geschichte, auch die der Schießbefehle, darf sich nicht wiederholen! Nicht eu-außengrenzlich

  • Also ich finde das Verhalten der NGOs nicht viel besser als das der italienischen Regierung. Sie begnügen sich damit, die Abfahrten der nicht seetauglichen Kähne zu zählen und dann zu lamentieren, dass trotz eines Rettungsaufrufs der italienischen Küstenwache nur wenige gerettet werden. Auch das ist eine Art der "Nichtbefassung".

    Dabei ist es doch mehr als klar, dass es gilt, diese selbstmörderischen Fahrten zu verhindern. Welche Maßnahmen schlagen die NGOs denn dazu vor? Dazu liest man hier leider nichts.

  • Europa schottet sich ab. Wieviele Menschen das das Leben kostet interessiert kaum jemanden.



    Es wird viel Geld ausgegeben (Frontex 2025: 1,124 Mrd. €.( Zum Vergleich: bei der Gründung waren es 6 Mio. €)), um zu verhindern, dass Flüchtende das rettende europäische Ufer erreichen. Gleichzeitig werden NGOs regelmäßig diskreditiert und kriminalisiert, ihre Arbeit be- und verhindert.

    Wer so handelt, sollte von europäischen Werten - niedergelegt in Art. 2 des Lissabonner Vertrags und in der Grundrechte-Charta der EU - besser schweigen.

  • Man vergleiche nur die Anzahl der Kommentare an dieser Stelle mit denen zum Artikel "Künstliche Motorgeräusche fürs E-Auto".

    • @Jaja Genau:

      Na ja, das liegt daran, dass Kommentare, die darauf hinweisen, dass die meisten Migranten aus Ländern kommen, deren Bevölkerung seit 1950 um mindestens 500 Prozent zugelegt haben, gecancelt werden.

      Verantwortungsethiker betonen Prävention, z. B. Hilfe bei den UN-deklarierten Menschenrechten wie Empfängnisverhütung und freie Familienplanung.

      Wir haben etwa 800 Millionen hungernde Menschen auf dieser Welt, 300 Millionen davon hungern hart. Kinder unter sieben Jahren sterben im 10-Sekunden-Takt an Hunger oder Medikamentenmangel.

      Verantwortungsethik heißt global mit den verfügbaren Mitteln mittel- und langfristig effizient Leid, Hunger und Not zu vermeiden.

      Z. B. über die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung.



      www.dsw.org/sexual...aerung-verhuetung/

      Ideologie ist hier nicht gefragt. Hat in der Vergangenheit nichts gebracht und wird es in Zukunft nicht.

      • @shantivanille:

        "Wir" behandeln "die" mit ner menschenverachtenden Arroganz. Kinder sind "dort" Altersversicherung und mal so volkswirtschaftlich gesehen behandeln "wir" "die" ned auf Augenhöhe.

    • @Jaja Genau:

      Ich kann ein Stück weit verstehen, dass so wenig Kommentare kommen. Man, oder besser: Ich sitze da, völlig erschlagen, mit einem Gefühl der Ohnmacht angesichts dieses Elends. Was kann man tun. Ich habe schon mehrmals an "meine" Abgeordneten im Bundestag geschrieben, da das Ruder herumzuwerfen - aber nie eine Antwort bekommen.

  • Diese Nachricht lese ich allerdings auch in deutschen Publikationen heute zum ersten Mal - hier in der TAZ. Wo denn sonst? In der Springerpresse? FAZ? Wenn dort überhaupt, dann bestenfalls als Dreizeilenmeldung. Und der Aufschrei in der Gesellschaft bleibt aus, man interessiert sich eher für den olympischen Eiskunstlauf - vielleicht weil die Öffentllichkeit mit derart unappetitlichen Nachrichten nicht behelligt werden soll?

    • @Perkele:

      Die taz hatte vor ca. zwei Wochen berichtet:



      taz.de/Stuerme-ueb...ttelmeer/!6152252/



      Ich spende genau deswegen an seawatch. Is ned die Welt, paar Gallonen Diesel und paar Rettungswesten oderso hab ich halt schon bezahlt im Laufe der Jahre.

    • @Perkele:

      Vielleicht auch deshalb dieses öffentliche Verdrängen/Schweigen, weil vielen Menschen hier und in der EU klar ist, das es eh keine wirkliche Hilfe mehr geben kann. Auch wenn man dies aus moralischen, christlichen oder ideologischen Gründen versteht. Jede Gesellschaft hat ihre Belastungsgrenzen, wenn sie sich nicht aufgeben möchte oder finanziell diese Belastung nicht stemmen kann. Sicher kann man immer wieder einzelnen Menschen oder auch gruppen helfen. Aber wie lange? Und vor allem, wer bestimmt, wem geholfen werden kann, und wem nicht (mehr). Ein emotionales Thema ohne eine mögliche Lösung. Ich habe da ja auch keine. Aber wahrscheinlich darf man solche Themen eh nur vollkommen nüchtern und emotionslos anhand der Fakten angehen, sonst zerbricht man innerlich. Ist wie im Krankenhaus auf der Onkologie. Wer dort zu viele Emotionen zulässt, wird dort auch nicht mehr lange arbeiten können.

  • Danke liebe TAZ, dass ihr anders seid!

  • Die Nachricht über angespülte Ertrunkene erschüttert mich. Und es entsetzt mich, mit welchen Worten Michael Braun auch das noch kommentiert. Möchte er Opfer beklagen oder Berichterstattung beklagen? Ist das Ausbleiben wirklich ein Mangel an Anteilnahme? Und falls, kann dieser Mangel als ein Mangel an Interesse bezeichnet werden? Nein – ein Interesse an Trauer mag ich nicht denken.

    • @Renger Götz Wilhelm:

      Also drüber schweigen aus Respekt? So klappt das nicht

    • @Renger Götz Wilhelm:

      Es sollte aber ein Interesse an Trauer bestehen, denn Tod und Leid sind Teil des Lebens, und Trauer hilft, diese unausweichlichen Gewissheiten zu akzeptieren und sich von ihnen zu emanzipieren (also, sie nicht zum bestimmenden Faktor werden zu lassen).

      Die Mitscherlichs lassen grüßen

  • Danke für diesen Text. Die rassistische Gleichgültigkeit ggü. [aus welchen Gründen auch immer] nach Europa fliehenden und hier "etwas Bessres als den Tod" suchenden Menschen, die vor 10 Jahren noch der "politischen Rechten" vorbehalten war, diese Gleichgültigkeit scheint längst Haltung der Mitte der europäischen Gesellschaften. Abschottung, Zäune, Mauern an Land, Ertrinkenlassen auf See; das neue GEAS, das uns die Mühseligen und Beladenen vom Hals halten soll, damit Europa so tun kann, als ginge der Rest der Welt es nichts an.

  • Ja es ist wirklich traurig.



    Die Menschen verdunsten wahlweise in Nordafrika in der Wüste, landen in Foltergefängnissen, werden als Sklaven ausgebeutet oder ertrinken im Mittelmehr. Das alles mit Wissen und finanzieller Unterstützung der EU. Dass davon kaum jemand etwas mitbekommt ist gewollt. Niemand hier möchte hören was sinkende Flüchtlingszahlen in der Realität an Unmenschlichkeit bedeutet. In bzw. vor Griechenland oder Polen sieht es nicht viel humaner aus.



    Die Flüchtlingszahlen sinken zwar (hauptsächlich wg. Syrien, nicht Dobrindt) rechte Parteien sind trotzdem weiter auf dem Vormarsch. Leider auf der ganzen Welt.



    Das Bild des kleinen toten Jungen am italienischen Strand hat damals noch einen gewissen Aufschrei gebracht. Da vermeidet man doch lieber solche Bilder.



    Der syrische Flüchtlingsstrom hätte damals vermieden werden können, wenn die Hilfsorganisation in den Nachbarländer nicht total unterfinanziert gewesen wären.



    Hilfe gibt es nicht umsonst, Abschottung ist aber auch nicht gratis. FROTEX, Abschiebedeals und Grenzkontrollen kosten viel Geld und machen uns dazu noch erpressbar. Das was wir meinen vor Fremden verteidigen zu müssen zerstören wir.

    • @RonSlater:

      "Der syrische Flüchtlingsstrom hätte damals vermieden werden können, wenn die Hilfsorganisation in den Nachbarländer nicht total unterfinanziert gewesen wären."

      UND Zahlungszusagen werden von vielen Ländern schlicht nicht eingehalten, und häufig wird erst Mitte oder Ende Dezember für das laufende Jahr überwiesen.

      OT:



      War auch in Deutschland gängige Praxis. Gerd Müller hat das geändert. Der ist also schuld, dass ich nicht mehr sagen kann: „Alle CSU-Minister in Berlin sind inkompetente Versager.“

  • Ja, das öffentliche Interesse an diesem Massensterben bleibt aus und damit ist es ein ähnlicher Effekt wie in der Pandemie, als die vielen Toten auch nur noch als Anzahl berichtet wurden.

    Und wer konkret hätte diese Menschen aus einem Zyklon mit sieben Meter hohen Wellen retten sollen, ohne sein eigenes Leben zu gefährden?

    Ich hoffe darauf, dass sich die Situation der Flüchtenden durch GEAS verbessert.

    • @Martin Schlüter:

      Verbessern würde sich die Lage, wenn die Flüchtlinge/Migranten die normalen Transportmittel benutzen könnten: Fähren und Flugzeuge.

    • @Martin Schlüter:

      Das mit dem Effekt während der Covid Pandemie ist aus meiner Sicht absollut nachvollziehbar. Und für mich hat das in erster Linie nichts mit Empathielosigkeit, sondern viel mehr mit echter und gefühlter Machtlosigkeit zu tun. Als der Ukraine Krieg begann, haben hier enorm viele Menschen Hilfsgüter geschickt, gespendet, Menschen aufgenommen, etc. Nach 4 Jahren Krieg und wenig Hoffnung, ist auch davon nicht mehr viel übrig. Ähnlich wars 2015. Erst ganz viel Willkommenskultur, irgendwann ins Gegenteil umgeschlagen. Wenn nationale und globale Krisen überhand nehmen, schwindet die Aufmerksamkeit und damit Solidarität. Pandemie, Klimawandel, Krieg in der Ukraine und in Nahost, Massaker im Sudan, Flüchtlingsströme, Putin, Trump, Nachrichtenflut, Desinformation, etc. Das ist für viele Menschen neben den eigenen persönlichen Problemen zunehmend nicht mehr fassbar. Italien hat zig Jahre eine Hauptlast bei der Bewältigung der Flüchtlingströme getragen.



      Dass es Aufgabe der Presse ist, auf all das hinzuweisen, da geh ich mit. Den Menschen aber lediglich vorzuwerfen, ihr schaut dort oder dort nicht hin, ist meiner Meinung nach etwas zu kurz gegriffen.

    • @Martin Schlüter:

      Also hoffen Sie allen Ernstes auf eine Verbesserung durch massive Asylrechtsverschärfungen? Nach dem Motto "wenn keine Schiffe mehr in See stechen, dann ertrinkt auch keiner?"

      Und hoffen Sie außerdem auf Verbesserung durch laut GEAS legale Inhaftierungen von Menschen in einem Dublin-Verfahren, Kindern und besonders Schutzwürdigen?

      Die Menschen werden sich in ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben dennoch in Schlauchboote setzen, Zyklon oder nicht.

      www.institut-fuer-...er_Perspektive.pdf

  • Offenbar interessiert es doch, es gibt diesen Artikel und er verweist auf weitere, die dem Autor zu knapp sind. Das ist schon mehr als es über die vielen zu lesen gibt, die schon auf dem Weg an die Küste - zum Beispiel in der Wüste - sterben und über die ich noch nie einen Bericht gelesen habe.

  • "Und Jesus weinte." (Johannes 11:35)

    "33.000 Menschen haben in den vergangenen zehn Jahren auf den Migrationsrouten über das Mittelmeer ihr Leben verloren oder gelten als vermisst. " (www.derstandard.de)