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Es bleibt lautKünstliche Motorgeräusche fürs E-Auto

Manche Hersteller simulieren den röhrenden Lärm des Verbrenners mit Lautsprechern – jetzt wird das wohl offiziell zugelassen.

Der Stolz einiger Autobauer: „wohlklingende, emotionale und zum Fahrzustand passende Geräusche“ Foto: Ralf Kistowski/imago

Auch Elektroautos sollen Krach machen dürfen. Internationale Normungsgremien wollen es Autofirmen offiziell erlauben, in Elektroautos Lautsprecher einzubauen, die die Motorgeräusche eines Verbrenners nachahmen. Mit diesem Ansinnen, so warnt Holger Siegel vom Bundesverband gegen Motorradlärm, stehe „das zweite Hauptversprechen der Elektromobilität“ auf der Kippe – nämlich die Ruhe des Verkehrs.

Schon heute gibt es Hersteller, die damit werben, dass sie ihre Elektroautos künstlich lauter machen. Damit meinen sie jedoch nicht das Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS), das seit 2019 vorgeschrieben ist und bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde Geräusche abgibt, um andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Bei schnelleren Fahrten gelten bereits die Rollgeräusche als ausreichender Schutz.

Stattdessen sind einige Autobauer stolz darauf, zusätzlich „wohlklingende, emotionale und zum Fahrzustand passende Geräusche“ zu generieren – so eine Formulierung der Firma Porsche. Der „Porsche Electric Sport Sound“, so wirbt der Sportwagenhersteller, sei „geschickt komponiert und auf den Fahrzeugcharakter und Fahrzustand abgestimmt“. Die Technik lasse „den fahrzeugeigenen Antriebssound mit seinem innovativen Charakter außen und auch im Innenraum noch emotionaler und satter klingen“. Fazit der Firma: „Der Sound eines Porsche ist seine akustische Visitenkarte.“

Ähnlich agiert Mercedes-AMG. Die Firma betont, es gehe ihr auch beim Elektrofahrzeug darum, „einen markanten Sound zu kreieren, der die Charakteristik des Fahrzeugs unterstreicht und einen Wiedererkennungswert hat“. Ziel sei es, „dieses Sounderlebnis im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten zu erreichen“. Bei solchen Techniken greifen Ingenieure ironischerweise auf Erfahrungen zurück, die sie mit Gegenschall im Abgasstrang gesammelt haben – allein mit dem Unterschied, dass sie ihre Erkenntnisse von einst nicht mehr zur Lärmminderung nutzen, sondern nun zur Lärmerzeugung.

Entwickler nutzen rechtsfreien Raum

Bisher ist die Geräuschentwicklung bei Elektroautos nicht gesondert geregelt. Weil die Fahrzeuge von Natur aus deutlich leiser sind als die Verbrenner, schienen entsprechende Normen schlicht überflüssig. Doch nun nutzen Entwickler diesen weitgehend rechtsfreien Raum aus: „Die Hersteller dürfen heute Elektroautos verkaufen, die die Geräuschkulisse eines V8-Motors nachahmen“, sagt Lars Schade, Experte für Lärmminderung im Verkehr beim Umweltbundesamt (UBA).

Bereits im Jahr 2024 hatte der Welt-Autoherstellerverband OICA vorgeschlagen, die aktuelle Regelungslücke zu schließen – allerdings nicht etwa durch engere Vorgaben, sondern dadurch, dass man Elektroautos auch ganz formal erlaubt, Motorlärm zu simulieren. Die Fahrzeuge sollen nach dem Wunsch der Lobby künftig auch offiziell ein sogenanntes Exterior Sound Enhancement System (ESES – wörtlich „äußeres Klangverstärkungssystem“) nutzen dürfen.

Zuständig für solche Regeln ist die Wirtschaftskommission der UN für Europa (UNECE). Sie verhandelt derzeit in Genf über Änderungen der Fahrzeuggeräusch-Regelungen. Die EU-Kommission und mehrere Mitgliedsstaaten würden die Pläne zwar gerne stoppen und eine zusätzliche Außenbeschallung bei E-Fahrzeugen nur dann zulassen, wenn sie eindeutig der Sicherheit dient – doch in der UNECE ist die Autolobby stark vertreten.

Um dieser Lobby Einhalt zu gebieten, müssten sich die Minister der EU-Mitgliedsstaaten in ihrer Ablehnung einig sein, doch das sind sie nicht. Da zudem solche Beschlüsse zum internationalen Normungswesen oft unter dem Radar der Öffentlichkeit laufen, positioniert sich kaum ein Minister dazu. Auch eine Anfrage der taz beim Bundesverkehrsministerium blieb unbeantwortet. Sind die Entscheidungen der Normungsgremien aber erst einmal gefallen, sind dem nationalen Gesetzgeber die Hände gebunden – er kann dann nicht mehr einfach ausscheren.

Daher wird die neue Regel wohl kommen; die UNECE-Arbeitsgruppe für Lärm wird nach Einschätzung von Beobachtern die Zulässigkeit von ESES in Kürze beschließen. Immerhin konnten Kritiker wohl einen kleinen Verhandlungserfolg erzielen: Falls ein Fahrzeug mit einem ESES ausgerüstet ist, muss der Fahrer die Geräusche aktiv per Schalter freigeben. Damit soll verhindert werden, dass unbeabsichtigt während der Fahrt unnötige Geräusche entstehen. Nun hofft UBA-Experte Schade auf einen gesellschaftlichen Gesinnungswandel, wenn sich das E-Fahrzeug in großem Stil durchsetzt – auf den Imagefaktor der „leisen Eleganz“.

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21 Kommentare

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  • Hihi, ich wusste, dass das kommt!

    Wäre auch ein nettes Geschäftsmodell, solange das Geräusch nur im Inneren zu hören ist (reicht ja für den Fahrer). Dann gibt es Motorgeräusche zum Runterladen und der Fahrer eines mickrigen Kleinwagens kann sich mit dem Heulen eines Lamborghini beschallen und am nächsten Tag auf Porsche schalten. Oder das schwere Gleiten eines Rolls Royce imitieren.

  • Danke für diesen schönen verfrühten Aprilscherz!

  • Ich verstehe die Zielgruppe nicht. Wenn ich Lärm und Abgase will, fahre ich doch kein E-Auto.



    Sowieso eine halbherzige Umsetzung: Wenn schon künstlicher Lärm, dann bitte auch noch künstlichen Feinstaub und CO2-Ausstoß.

  • Seit 18 Jahren fahren wir elektrisch mit unserem TWIKE geräuschlos. Auf den rund 180.000 km gab es nie eine gefährliche Situation.

    Seit 14 Jahren fahren wir in der Familie (8 Personen) auch einen eSmart, ebenfalls geräuschlos und auf 150.000 km immer gefahrlos.

    Seit 6 Jahren auch eine Zoe, bei der man den Zwangslärm noch abschalten kann, was bei allen Familienmitgliedern die erste Aktion nach dem Einsteigen ist. In 60.000 km haben wir nie den Zwangslärm unterwegs reaktiviert.

    Seit einem halben Jahr nun noch ein CLA EQ. Ein wirklich hervorragendes Fahrzeug. Aber ohne Zwangslärm wäre es uns noch lieber.

    Wir haben leider die einmalige Chance verpasst, das Autofahren nach dem Verbrenner ruhig zu machen und statt dem Recht des Lauteren auf gegenseitige Rücksichtnahme zu setzen.

    Wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann ist der Zwangslärm in China nicht vorgeschrieben. Man hört wohl in Peking deswegen zunehmend sogar Vögel in der Stadt. Vielleicht kann die Welt ji noch von China lernen, aber ich befürchte dumm und laut setzt sich leider durch.

  • Vorschlag für alle Lärmfreunde: Der „Sound“ muss im Innenraum immer mindestens viermal lauter als draußen zu hören sein. Dann würden sich manche das vielleicht noch mal überlegen - und die eine oder andere rollende Disko vielleicht auch leiser um die Ecke kommen…



    Im Gegenzug dürfte gerne der Warnsound beim langsamen gleiten mit „echtem“ Motorklang daher kommen, statt der gängigen Quäcktöne.

    • @vieldenker:

      +1 👍

  • Wie schön, dass uns die peinlichen Macho-Männer auch weiterhin auf die Nerven fallen dürfen und jeden Versuch, die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen mit ihren lauten Protz-Karren zunichte machen.



    Welche Länder das in der EU ermöglicht haben hätte mich mal interessiert. Deutschland unter der CXU war mit Sicherheit auch dabei.

    • @Duesendaniel:

      Als ob nur Männer solche Autos fahren.

  • Ich fühle mich an die Halbwüchsigenzeit erinnert. Wir hatten Pappstreifen so ans Fahrrad geklemmt, dass sie beim Fahren in den Speichen ein "Motorrad"-Geräusch machten. Besonders gut eigneten sich Deckel von Rokoma-Marmeladengläsern, in Kombination mit einer Schnur zum Lenker zum Gasgeben. Das war immerhin so laut, dass die Eltern Bemerkungen über Verbote machten. Geholfen hat aber die Nichbeachtung anderer, die bei uns das Gefühl für die Lächerlichkeit des Unterfangens wachsen lies.

  • Mich stören laute Autos ebenfalls!

    Das Problem, hier in einem anderen taz-Artikel genannt



    taz.de/Probleme-de...ndustrie/!6145453/

    kommt mit dem dort expliziten Hinweis auf Porsche jedoch ganz real im "Stadtsäckel" an; wenn potentielle Porsche-Käufer sich dem E-Mobil verweigern.

  • Ein wenig Geräusch zum Warnen, solange wir Fußgänger das noch gewohnt sind. Doch kein Idi°tenknattern, bitte.



    Und Autolärm im Langsamfahrbereich dann senken, Jahr um Jahr, was ja dann die Software erledigen könnte.

    • @Janix:

      @Janix



      Genau - ein paar Töne auf Zimmerlautstärke sind schon zur Wahrnehmung aus Sicherheitsaspekten angebracht. Ich wäre für ein angenehmes " Happy " 🎶🎶🎶 von Pharrell Williams über Aussenlautsprecher 😎

  • Geht es noch bekloppter?



    Meinetwegen können sich diejenigen, die sowas "brauchen" den Lärm gern im Innenraum ihrer Potenzkrücke reindröhnen. Gefakte "Motorengeräusche" nach außen sind schlicht Körperverletzung.

  • Wenn die Leute - vermutlich in erster Linie Männer - zum Wohlfühlen typische Geräusche ihres Autos brauchen, dann reicht es doch, wenn es diese im Innenraum gibt. Zusammen mit vibrierendem Sitz gibt das bestimmt ein tolles Porsche-Gefühl. Wer kommt den bloß auf die idiotische Idee, dass es diese Geräusche auch außen braucht? Ich ärgere mich jeden Morgen über die verschiedenen Verbrenner-Geräusche (und -Gerüche), wenn ich 200 Meter an der Hauptstraße im Berufsverkehr entlang laufen muss. Kommt auch noch der künstliche Gestank von Verbrennern ohne Abgas-Reinigung? Die Welt wird wirklich immer bekloppter!

    • @Stinepizza :

      Kommt auch noch der künstliche Gestank von Verbrennern ohne Abgas-Reinigung?

      Wenn es einen Markt dafür geben würde, gäbe es auch E-Autos mit Zweitakt-Abgasqualm oder Wärmepumpen die Braunkohle-Gestank verbreiten. Wir leben halt im real existierenden Kapitalismus, pecunia non olet.

    • @Stinepizza :

      Alle E-Autobesitzer die ich kenne schalteten alle künstlichen Geräusche spätestens nach einer Woche aus.

      • @Herbarius Zunichten:

        Das geht leider nur bei Fahrzeugen bis zum Zulassungsjahr 2021. Seit 2022 darf der Zwangslärm nicht mehr abschaltbar sein. Siehe auch meinen separaten Beitrag dazu.

        • @Bauer Gerry:

          Ihren "Zwangslärm" kann ich selbst bei meinem 2. E Wagen in diesem Zeitraum nicht wahrnehmen.

    • @Stinepizza :

      Die Idee finde ich super, mein Schlazimmer liegt an so einer Hauptverkehrsstraße und ich ärgere mich täglich (und nächtlich) über zu laute Autos.

  • Schon der Lärm der Reifen ist bei E-Autos absurd laut. Selbst bei 20 km/h. Wurde mal von einem Tesla überholt auf dem Fahrrad und dachte, da kommt ein Bus an. Lärm macht nachweislich krank. Wenn die Autofahrer meinen (wie Motorradfahrer) für ihren Spaß tausende andere Menschen nerven zu dürfen, müssen ihre Karren aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen werden. Autofreie Städte müssen her. Nicht nur verkehrsberuhigte Zonen in den Innenstädten, sondern komplett raus aus den Städten diese gefährlichen, nervenden, krankmachenden Karren! So viele Poller und so wenige Parkplätze wie es nur geht.

  • Immer mehr Menschen haben Angst, nicht mehr am leben zu sein, wenn sie sich nicht durch Lärm bemerkbar machen oder/und Lärm in den abstrusesten Formen konsumieren.



    Es sind oft die, welche auch die orale Phase nicht abschließen können, also immer Essen, Zigaretten, Fingernägel oder die eigenen Haare im Mund haben müssen.