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Disqualifikation eines Olympia-SportlersHut ab

Andreas Rüttenauer

Kommentar von

Andreas Rüttenauer

Der ukrainische Skeletonfahrer Wladislaw Heraskewytsch wird disqualifiziert, laut IOC nicht aus politischen Gründen. Es ist ein moralischer Tiefpunkt der Spiele.

Olympischer Tiefpunkt: die Disqualifizierung von Wladislaw Heraskewytsch Foto: Robert Michael/dpa

T ränen sind Kirsty Coventry, der Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, über die Wangen gelaufen, als sie den Rausschmiss von Wladislaw Heraskewytsch von den Olympischen Spielen zu erklären versuchte. Echt jetzt? Der ukrainische Skeletonfahrer hatte sich partout nicht davon abbringen lassen, bei seinem olympischen Auftritt an die von Russen in deren Krieg gegen die Ukraine getöteten Sportler zu erinnern.

20 Bilder von ukrainischen Athleten, die im Krieg ihr Leben gelassen haben, hatte er auf seinen Helm aufbringen lassen. Er wollte der Welt zeigen, was Russland mit seinem Krieg auch im Sport angerichtet hat. Das darf er nun nicht. Und die IOC-Präsidentin weint.

Coventry sagt, sie könne Heraskewytschs Anliegen verstehen. Wirklich? Sie gibt ihm recht – und bestraft ihn doch. Dafür bemüht sie Regel 40 der IOC-Charta, nach der das „Field of Play“, das Spielfeld, frei von jeglichen kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben muss. Das soll also der Grund sein, weshalb Heraskewytsch nicht um seine getöteten Sportkameraden trauern darf.

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Oder geht es vielmehr darum, den Eiskanal freizumachen für die geplante Wiedereingliederung der zwischenzeitlich ausgeschlossenen Russen in den Weltsport? Dort hört man die Botschaft vom Rausschmiss des Ukrainers gewiss gern. Den russischen Nachwuchsathleten hat das IOC bereits den roten Teppich ausgerollt. Gut möglich, dass der Ukrainer aus sportpolitischen Gründen seine Trauer nicht in den Wettkampf tragen darf.

Meinungsfreiheit habe ihre Grenzen, meinte Mark Adams, der stets aalglatte IOC-Sprecher, neulich zum Fall Heraskewytsch und bemühte ein Bild: „Sie können nicht in ein Einfaufszentrum gehen und ‚Feuer!‘ schreien.“ Wird das dem gerecht, was Heraskewytsch vorhatte? Wollte er nicht eher in einem brennenden Einkaufszentrum „Hilfe!“ schreien? Wer solche Hilfeschreie bestraft, hat jeden Maßstab für Menschlichkeit verloren.

Ein moralischer Tiefpunkt

Der Ausschluss des ukrainischen Skeletonis markiert den moralischen Tiefpunkt dieser Spiele von Mailand und Cortina – da kann die IOC-Chefin noch so viele Tränen vergießen und noch so schöne Worte der Anteilnahme von sich geben.

Wladislaw Heraskewytsch dagegen ist mit seinem unbeugsamen Willen, am olympischen Eiskanal von Cortina d'Ampezzo an den verbrecherischen Krieg erinnern zu wollen, mit dem Russland die Ukraine überzogen hat und der in diesem kalten Winter brutaler geführt wird als je zuvor, schon jetzt, gut eine Woche vor dem Ende der Wettkämpfe, der Superstar dieser Spiele. Eine Medaille aus den Händen des IOC braucht er dafür nun wirklich nicht.

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Andreas Rüttenauer
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20 Kommentare

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  • Diese Veranstaltung gehört in den Topf mit anderen verlogenen Groß-Sportveranstaltungen. Angefangen bei angeblicher „politischer Neutralität“ (die natürlich nur an bestimmten/falschen Punkten verfolgt wird). Weitergehend mit Fehlen jeglicher Nachhaltigkeit und Raubbau an Landschaft und Umwelt. Fortgeführt mit ungeheurer Geschäftemacherei und schamlosen Einnahmen von Funktionären/Organisation (aber nicht der Bürger). Gipfelnd in vielfacher Ruinierung von Körper/Gesundheit/Leben wegen 100stel/1000stel, wo (beim angeblichem Dabeisein-Fest) schon bei Minimalrückständen von Enttäuschung/Versagen/ Warum bloß gesprochen (oder Förderung gestrichen) wird. Und dann gibt es noch vollständig seltsame hochherrschaftliche Entscheidungen/Verbote von oben über Zulassung von Sportarten/Sportlern und Kommentaren. Es lebe die übergroße Lüge, gesprochen als olympischer Eid und missbraucht von Machthabern politischer Systeme (die Sportlern Maulkörbe verordnen). Während zur gleichen Zeit die Zulassung von Russland greifbar wird, werden Tote (Ermordete) verleugnet und ein Sportler, der es schon schwer genug hat, gemaßregelt.



    1936 wurde auch eine olympische Feier (unpolitisch?) zelebriert.

  • Trauer ist nichts für´s IOC . "The games must go on", Avery Brundage, 1972 . Man kann daraus auch machen : Die Spiele dürfen nicht gestört werden, und wenn jemand nicht 2 sondern 20 Freunde verloren hat, muss er es deswegen ganz besonders für sich behalten. Die Regel 50 verbietet Demonstrationen und Propaganda, das ist etwas anderes als eine bildliche Aussage über den eignen persönlichen Zustand, den man Heraskewytsch auch ohne Studium der Psychologie ansehen kann. Es gibt auch Beispiele, da durften Athleten die Bilder ihrer kürzlich verstorbenen Verwandten bei der Siegfeier zeigen, es waren aber eben nicht 20 sondern 2 Verstorbene. - Das IOC muss mal über sein Menschenbild , also was macht den Menschen zum Menschen, was wollen wir mit den Spielen überhaupt und grundsätzlich nachdenken, wenn´s geht. Z.B. Dienen wir dem Frieden, wenn wir die Opfer des Kriegs, noch dazu aus unserer eigenen Familie vertuschen, wenn wir vertuschen, dass sie nicht mehr, nicht einmal als Bilder auf einem Helm mit in den Wettkampf ziehen können weil eine Verbrecherbande sie ums Leben gebracht hat ?

    • @Hans - Friedrich Bär:

      Würde der olympische Geist richtig verstanden, müsste man bei jeder olympischen Eröffnungsfeier aller Athleten gedenken, die auf Grund kriegerischer oder unterdrückerischer Handlungen nicht teilnehmen können (tot oder noch am Leben), statt die Zulassung von Angriffskriegern zu erwägen (die zudem den Sport total politisch missbräuchlich benutzen).

  • Ganz gleich, ob da eine IOC-Chefin Krokodilstränen vergießt oder ein FIFA-Präsident einen FIFA-Friedenspreis für Trump erfindet - die großen Sportverbände sind bis ins Mark verrottet und korrupt. Von ihnen ist hinsichtlich der Menschenrechte nichts zu erwarten.

    Vielleicht findet sich eine andere Gelegenheit, diesen aufrechten Menschen zu ehren.



    Noch besser wäre, seine Konkurrenten würden geschlossen dem Wettbewerb fernbleiben

  • „Und die IOC-Präsidentin weint."



    Krokodilstränen, wie mir scheint...

  • Laut Sportschau sind Meinungsäußerungen dagegen verboten während offizieller Zeremonien (etwa Siegerehrungen, Eröffnungs- und Schlussfeier), im Olympischen Dorf und während des Wettbewerbs auf dem Spielfeld ("During competition on the field of play"). Der israelische Skeletonfahrer Jared Firestone hatte bei der Eröffnungsfeier am Freitag eine Kippa getragen, auf der die Namen der elf israelischen Athleten und Trainer standen, die 1972 bei den Olympischen Spielen in München von Terroristen getötet wurden. Das ist nun natürlich nicht viel anders gelagert, das IOC hat dies zugelassen ohne eine Verwarnung auszusprechen.

  • Es ist schon richtig dem einen Riegel vorzuschieben. Unsere Welt wird immer komplexer, da sollte man einfache Regeln haben. Das IOC sollte seine Regeln sogar noch schärfer vormulieren um für die Zukunft gewappnet zu sein und Präzedenzfälle zu vermeiden. Das ändert nichts daran, dass es mir für Herr Heraskewytsch leid tut und ich hoffe es wird auch bei anderen so gehandhabt.

    • @FancyBeard:

      Das IOC sollte mal seinen eigenen Verlogenheiten den Riegel vorschieben. Da stimmt doch hinten und vorne nichts.



      Das ganze Leben besteht aus Regeln, sie werden allerdings überwiegend bei Machtlosen angewendet nicht bei den Mächtigen.

  • Chapeau

    Erinnerrt sch noch jemand?! Mexico 1968



    share.google/Ftc9FiibK8WudwnZD



    de.wikipedia.org/w...schen_Spielen_1968



    Außerdem trug er eine Kette, um an „diejenigen zu erinnern, die gelyncht oder anders ermordet wurden, diejenigen, für die nie gebetet, derer niemals gedacht wurde. Für die, die man auf dem Weg nach Amerika über Bord geworfen hatte“.[3][4] Bei der weltweiten Berichterstattung in den Medien waren aufgrund der Fotoauswahl von AP die Füße meist gar nicht zu sehen, laut Beatrice Schlag, weil Redaktionen nicht verstanden, weshalb Carlos und Smith keine Schuhe trugen; die von den Sportlern getragenen schwarzen Socken waren ein zusätzliches Zeichen für Armut in den USA …



    Alle drei Sportler, Smith, Carlos und auch Norman trugen Anstecker des Olympic Project for Human Rights (OPHR). Norman war ein Gegner von Australiens rassistischer White Australia Policy und wollte so seine Solidarität zeigen.[8] Norman war es auch, der vorschlug, Smith und Carlos sollten für den Protest ihre schwarzen Handschuhe teilen, nachdem Carlos sein Paar vergessen hatte.“ “Der Dritte Mann!



    Brundage mit Hitler-Gruß war ok!

    Na Mahlzeit

  • Natürlich hat er Feuer gerufen, zu Recht. Aber seid wann wird Kassandra verschont ?

  • wenn "das Spielfeld, frei von jeglichen kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben muss", dann muss auch die Allianz-Banden-Werbung weg. Ich habe Lust das IOC zu verklagen.

  • Das Gebot der politischen Neutralität gründet sich historisch auf die Ekecheiria, die olympische Friedenspflicht - unbestreitbar ein Grundpfeiler und Wesenskern der Spiele. Der Verzicht auf politische Äußerungen und Demonstrationen an Wettkampfstätten ist die moderne Ausgestaltung derselben: Die Jugend der Welt soll sich friedlich sportlich messen und unvoreingenommen begegnen - als Menschen und eben gerade nicht als Repräsentanten dieser oder jener politischen Entität.

    Die bloße Einhaltung dieses über 2000 jahre alten Grundsatzes nun zum moralischen Tiefpunkt zu erklären, ist mittelbar der Beweis seiner Notwendigkeit.

    Kriege fordern Opfer, meist auf sämtlichen beteiligten Seiten, und das ist lautstark zu betrauern, zu verteufeln und anzuprangern. Selbiges aber nun ausgerechnet auf einer Veranstaltung zu tun, die es sich erklärtermaßen zum zentralen Ziel gesetzt hat, die kriegerische Gegenwart für ein paar Tage und aus sehr guten Gründen auszublenden... nun ja, das macht bei allem Verständnis für den jungen Ukrainer leider nicht allzuviel Sinn.

  • " nach der das „Field of Play“, das Spielfeld, frei von jeglichen kommerziellen oder persönlichen Botschaften bleiben muss. Das soll also der Grund sein, weshalb Heraskewytsch nicht um seine getöteten Sportkameraden trauern darf."

    wer sagt , daß er nicht trauern darf?

  • Ein Armutszeugnis! Solche sportlichen Großveranstaltungen sind nur Kommerz und Umweltfrevel.

    youtu.be/lgnGRiv4Lw8

  • Die Wurzeln liegen in der Vergangenheit, 1968 war so ein Wendepunkt auch im Sport:



    Bei deutschlandfunkkultur.de



    Titel: "Olympische Spiele 1968



    Als der Sport politisch wurde"



    /



    "Sport als politische Bühne



    Degenhardt: Ich will noch mal auf diese Black-Power-Geste zurückkommen. Smith und Carlos wurden seinerzeit in Mexico City nach ihrer Aktion ja ausgebuht. Man könnte natürlich generell die Frage stellen: Warum musste der Sport überhaupt politisch aufgeladen werden?



    Becker: Ja, dass sie ausgebuht wurden, hängt natürlich ganz stark damit zusammen, dass insbesondere von den Sportfunktionären die Chimäre aufrechterhalten wurde, dass der Sport per se unpolitisch sei. Und das hatte sich auch in den Zuschauerköpfen derart verankert, dass man da mit dieser natürlich auch bewusst provokanten Geste der beiden amerikanischen 200-Meter-Läufer wenig anfangen konnte beziehungsweise sich darüber ärgerte. Der Sport muss nicht gesondert oder extra politisch aufgeladen werden. Er ist einfach dadurch, dass er sich im öffentlichen Raum abspielt, aus sich heraus kann er als politische Bühne zumindest genutzt werden."



    Autor Christian Becker im Gespräch m. Jörg Degenhardt



    Bald gilt: "Sechzig Jahre und..."

    • @Martin Rees:

      Man könnte auch sagen: „90 Jahre und ….“

  • Jawoll!! Vielen Dank für den Beitrag, Herr Rüttenauer!

  • Erbärmlich.

  • Es geht um die Kohle, Moral ist da fehl am Platze.

    • @Deutschfranzose:

      Sieht man auch an den Antworten von Befragten. Je höher das Pöstchen umso mehr wird rumgeeiert.