Debatte über Teilzeit-Arbeit: Vom „Wohlstand“ bekomme ich nur Brotkrumen
Die CDU-Kampagne gegen "Lifestyle-Teilzeit" soll triggern. Das tut sie auch. Denn wir sollen mehr arbeiten, aber vom Wachstum haben wir wenig.
J edes Mal, wenn man denkt, das CDU-Milieu sollte so langsam alle Policy-Ideen aus der Kategorie „Wir müssen alle mehr arbeiten“ verbraten haben, kommen sie mit dem nächsten Vorschlag um die Ecke. Jetzt wollen Teile der CDU die „Lifestyle-Teilzeit“ abschaffen. Ein so wunderbarer PR-Begriff – er sollte triggern, und er hat getriggert.
Denn wer hat nicht diesen einen Bekannten, der „einfach keinen Bock auf die 40-Stunden-Woche“ hat, lieber bouldern geht und den halben Sommer hedonistisch auf Festivals abhängt. Konservative lieben es, sich von diesem Typus abzugrenzen. Und Linksliberale lieben es, Konservative daran zu erinnern, dass die allermeisten Teilzeitarbeitenden diesem Typus ja gar nicht entsprechen und in die Teilzeit gezwungen sind.
„Ihr habt ja recht“, argumentieren sie dann gerne, „wir brauchen das Wirtschaftswachstum. Aber das Abschaffen des Rechts auf Teilzeit bringt da nichts, es gibt viel bessere Wege, um mehr Menschen, gerade Frauen, in Arbeit zu bringen.“ Am Ende sind sich dann von Mitte-links bis rechts außen alle einig: Wir brauchen Wachstum!
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Nur leider fällt Wirtschaftswachstum eben nicht einfach vom Himmel, es muss produziert werden. Was muss ein Land also tun, um sein Wachstum zu steigern? Es muss seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern verbessern, die auch nach Wachstum streben – denn Investoren investieren in die Unternehmen, von denen sie sich die größte Rendite versprechen, und die größte Rendite bekommen sie dort, wo kontinuierliches Wachstum stattfindet.
Um immer weiter zu wachsen, brauchen Unternehmen wiederum Investitionen. Und wie verbessert ein Land seine Wettbewerbsfähigkeit? Weniger Sozialabgaben, weniger Regulierungen und Bürokratie, Steuern und Klimaschutzvorgaben für Unternehmen – und vor allem: mehr Arbeit.
Dabei arbeiten wir gar nicht weniger als vorher, auch nicht die Gen Z. Das ist ein konservativer Boomermythos. Im Gegenteil, wir arbeiten kollektiv mehr als je zuvor. Nur bedeutet Wachstum eben, dass jedes Jahr mehr erwirtschaftet werden muss als im Vorjahr. Wir alle müssen also noch mehr arbeiten als nur mehr und am besten produktiver. Na ja, okay, nicht alle. Nur die, die einer Lohnarbeit nachgehen.
Deshalb ist jetzt auch wirklich mal Schluss mit der allgemeinen Faulenzerei – mit dem vielen Kranksein, all den Feiertagen, dem ganzen Urlaub und dem Life in der Work-Life-Balance! Alles Zeit, in der man auch etwas für das deutsche Wirtschaftswachstum tun könnte, statt gesund zu werden, sich auszuruhen oder – god forbid! – Spaß zu haben.
Aus Sicht des Kapitals und aus Sicht eines kapitalistisch organisierten Staats macht das total Sinn. Aber warum zur Hölle sollten wir, die ohnehin in die Lohnarbeit gezwungen sind, um existieren zu können, für dieses Wirtschaftswachstum auch noch den letzten Rest eines guten Lebens aufgeben?
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Die Merzens dieser Welt faseln dann gerne irgendwas von „unserem Wohlstand“, den wir „gemeinsam erarbeiten“ müssten. In der Realität sind wir aber nur bei dem Erarbeiten mitgemeint – von dem Wohlstand, der durch Mehrarbeit generiert wird, bekommen wir, wenn überhaupt, nur Brotkrumen ab. Mal ganz zu schweigen davon, dass dieser Wachstumszwang auch noch langfristig den Planeten, auf dem wir leben, für uns alle unbewohnbar macht.
Na ja, nicht für alle. Aber zumindest für die, die sich keine klimakatastrophensichere Festung oder den Umzug auf den Mars leisten können. Für alle anderen wäre es wohl mal Zeit, sich zu überlegen, wie eine Gesellschaft ohne Kapitalismus und den ihm inhärenten Wachstumszwang funktionieren könnte.
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