Alltag einer Hartz-IV-Empfängerin: Spitzkohl auf Brot

Wegen hoher Lebensmittelpreise geht die Hamburger Mutter Lene zur Tafel. Doch mit dem, was ihr dort eingepackt wird, kommt sie nicht hin.

Zwei Tüten mit Lebensmitteln stehen bei der "alternativen Tafel" der Initiative "Fürther sind solidarisch" auf einem Tisch.

Tafel-Verpflegung in Corona-Zeiten: Tüten der Initiative „Fürther sind solidarisch“ im April 2020 Foto: dpa/Daniel Karmann

HAMBURG taz | „Bei der Tafel gibt es nur noch Schrott“, schrieb eine Bekannte neulich auf Whatsapp. Sie lädt mich ein, mal mitzukommen. So stehen wir am Montag, den 25. April, vor einem Gemeindehaus in Hamburg-Hummelsbüttel. Dort liefert die Norderstedter Tafel aus. Etwa 70 Menschen, darunter viele Kinder, warten geduldig vor der Tür, dass es 15 Uhr wird und die Ausgabe beginnt.

Eine Helferin mit Schürze hält eine Mappe in die Luft und ruft die Zahlen auf. „111, 112, 113.“ Diesmal sind die hohen zuerst dran. Ist einer dort, der die Nummer hat – die wurde jedem als Kärtchen bei der Anmeldung zugeteilt – tritt er an den Eingang und reicht seine Taschen rüber. Die Menschen werden gefragt, ob sie Fleisch essen. „Fleisch gibt es hier sowieso nicht“, raunt mir meine Bekannte zu. Sie möchte nicht ihren Namen in der Zeitung lesen. Ich soll sie Lene nennen.

Die ersten Taschen kommen zurück, rausgereicht von ehrenamtlichen Helfern. „Oh, Erdbeeren, die hätte ich auch gern!“, entfährt es Lene, als sie die erste sieht. Ich erblicke nur den Strauß Rosen obendrauf. Echt nett. Es dauert ein bisschen, bis es mit den kleinen Zahlen weitergeht. Schließlich kommt Lene dran. Als ihre Taschen zurückkommen, sind sie schwer. Ich helfe tragen.

Seit 2020 gehe sie zur Tafel, sagt die Alleinerziehende, deren jüngster Sohn noch bei ihr lebt. Zusammen haben sie knapp 300 Euro im Monat fürs Essen, wenn sie alle Verbindlichkeiten wie Strom, Telefon, Altschulden und HVV-Ticket vom Hartz-IV-Satz abziehen. Damals war es die Tafel in einem anderen Viertel, die auch von den Norder­stedtern betrieben wird.

Alle Milchprodukte sind abgelaufen

„Da hatten wir richtig gute Sachen, oft Aufschnitt oder Fleisch, und konnten uns eine warme Mahlzeit davon kochen.“ Doch inzwischen sei der Andrang größer und die Lebensmittel nicht mehr so gut. „Ich hatte neulich Kartoffeln, die keimten, und Wurzeln, die waren so weich. Ich hab sie in Wasser eingeweicht und trotzdem nicht geschält gekriegt.“

In ihrer Wohnung leert Lene die beiden Taschen auf dem Küchentisch. Als erstes kommt ein Milchkarton zum Vorschein, der ausgebeult ist. Es ist zwar „längerfrische“, aber das Haltbarkeitsdatum 22. April ist seit drei Tagen abgelaufen. Lene, die gesundheitliche Probleme hat, sagt, sie wolle keinen Durchfall riskieren. „Die kann ich nicht trinken.“

Es gibt noch mehr Milchprodukte. Alle sind abgelaufen. Die Päckchen mit Trinkjoghurt zum Beispiel am 20. April, auch der Sojajoghurt. Dann fischt Lene Heringssalat aus der Tasche. Auch der ist abgelaufen, wie sechs weitere Produkte.

Am Ende wirft Lene ganz viel weg. Darunter eine Avocado und eine Kiwi, die ganz weich sind. Gut sind diesmal die Kartoffeln, Suppengemüse und ein Spitzkohl. Anderes Obst und Gemüse hat Stellen, die sich wegschneiden lassen. Aber Lene ist bedient. „Ich fühle mich erniedrigt“, sagt sie. „Ich ekel mich vor abgelaufenen Sachen.“

Es kommen mehr Menschen zur Tafel

Die Sache sei die, dass im Laden alles teurer wird. Sandwich-Toastbrot kostet 1,19 Euro statt 99 Cent, die günstigsten Nudeln 79 Cent statt 49 Cent, rechnet Lene mir vor. Und ihr Lieblingskäse 2,99 Euro statt 2,49 Euro. „Wir kriegen viel zu wenig Hartz-IV, jetzt, wo die Preise so steigen.“ Und sie findet es schade, dass sie sich bei der Tafel die Sachen nicht selbst aussuchen kann.

Früher war das an den meisten Ausgabestellen so. Da gingen die Helfer mit den Empfängern durch den Laden. Doch wegen Corona gibt es bei der Norderstedter Tafel, die vier ihrer elf Ausgaben in Hamburg hat, zum Schutz der meist älteren, ehrenamtlichen Helfer eine möglichst kontaktarme Ausgabe. Die werde man bis zum Herbst beibehalten, sagt Geschäftsführerin Dörte Brauer-Claasen.

Brauer-Claasen bestätigt, dass mehr Menschen kommen. „Wir haben etwa 250 Kunden mehr als vor ein paar Wochen.“ Die Qualität der Lebensmittel habe sich aber nicht geändert. Das Datum auf den Packungen betreffe nur die Mindesthaltbarkeit. „Es gibt da klare Regeln.“ Bei Milch dürfe das Ablaufdatum einen Tag nicht überschreiten, bei Joghurt fünf Tage. Und bei Fisch sollte das nicht passieren. Aber auch Mitarbeiter machten mal Fehler.

Die Einmalzahlung in Höhe von 100 Euro soll erst im Juli kommen. „Zu spät“, sagt Lene

Auch die benachbarte Hamburger Tafel hat mehr Nachfrage. Wurden vor zwei Jahren rund 30.000 Menschen mit Lebensmitteln der Tafel erreicht, sind es derzeit 40.000, so Geschäftsführer Jan Henrik Hellwege. Gefragt, ob es Engpässe gibt, sagt er: „Wir haben derzeit viel weniger Lebensmittel, die länger haltbar sind.“ Auch könnten die Supermärkte besser kalkulieren und verkauften ihre Ware mit kurzem Mindeshaltbarkeitsdatum deutlich reduziert.

Als es vor zwei Wochen knapp wurde, habe die Tafel versucht, bei Großhändlern Lebensmittel zu kaufen. Die hätten das abgelehnt, weil sie selbst zu wenig hatten. Großhändler bestätigen der taz, dass es in einzelnen Märkten Engpässe für Speiseöle und Mehl gab, aufgrund von Hilfsgüterkäufen.

Bei Mangellage muss der Staat handeln

Gefragt nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum sagt Hellwege: „Es sollte nichts dabei sein, was länger als zwei Tage abgelaufen ist.“ Die Tafel habe 31 größere Ausgabestellen und 34 weitere bei sozialen Projekten. In vier von fünf Ausgabestellen könnten die Menschen sich die Ware wieder selbst aussuchen. Die abgelaufenen Sachen stünden dort auf einem Tisch mit Hinweis „Vorsicht MHD-Ware“. In den übrigen Stellen gebe es noch die wegen Corona eingeführte Tütentechnik. „Die hat den Vorteil, das es schneller geht und sie in gleicher Zeit mehr Menschen versorgen.“

Wolfgang Völker ist Sprecher des Sozial-Bündnisses „Hamburg traut sich was“. Für ihn zeigt sich ein Grundproblem der Tafeln. „Es ist nicht Aufgabe der Tafeln, die Menschen satt zu bekommen. Das ist Aufgabe des Sozialstaates.“

Auch dürfe es keine Versorgung zweiter Klasse geben. Nehme man die Urteile des Bundesverfassungsgerichts ernst, so müsste die Politik sofort die Regelsätze um 200 Euro erhöhen. Denn durch die Inflation sei eine „Mangellage“ entstanden, auf die der Gesetzgeber rasch reagieren müsse. Auch könne Hamburg einen eigenen Zuschuss gewähren. „Da gibt es sicher eine Möglichkeit.“

Die SPD-Sozialpolitikerin Ksenija Bekeris sagt, es sei sinnvoller, die Sache im Bund zu bewegen. Dieser habe mit seinem Entlastungspaket bereits auf Preissteigerungen reagiert. Wie vergangene Woche beschlossen, sollen Hartz-IV-Bezieher eine Einmalzahlung von 100 Euro bekommen, die die Preissteigerungen abfedert – zusätzlich zu 100 Euro für Corona-bedingte Bedarfe.

Doch diese Zahlungen sind nach Rechnung der Linken nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Allein um die Inflation auszugleichen, müsste es 280 Euro im Jahr geben“, sagt die Abgeordnete Olga Fritsche. Sorge, dass die Entlastung angesichts steigender Strompreise nicht reicht, hat die Grünenpolitikerin Mareike Engels. Wirklich helfen würde nur eine „relevante Regelsatzerhöhung“ und ein Mechanismus, der den Inflationsausgleich sichert, sagt sie. Deshalb diskutiere Rot-Grün in Hamburg eine Initiative, die im Bund auf den Weg zu bringen.

Lene hat von den 100 Euro gehört, „es soll aber erst im Juli kommen, das ist zu spät“. Ich lasse sie ungern zurück. In ihrer Tasche war noch eine Packung trockener Brötchen, aber kein Aufschnitt. Später schreibt sie auf Whatsapp, sie habe den Spitzkohl gebraten zum Brot gegessen.

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