Sexualisierte Gewalt: Das Patriarchat schlägt brutaler denn je zurück
In den Jahren vermeintlicher Gleichstellung schien die Maskulinistenszene an den Rand gedrängt. Aber sie war nie weg, agierte nur weniger öffentlich.
D as Entsetzen über die Causa Fernandes-Ulmen ist übermächtig. Manche Menschen argwöhnen sogar, der Schauspieler und Moderator Christian Ulmen habe 2013 in seiner satirischen Reality-Show „Who wants to fuck my girlfriend“ die „digitale Vergewaltigung“ seiner Ex-Frau, der Schauspielerin Collien Fernandes, vorweggenommen. In der Show moderierte Ulmen als Kunstfigur Uwe Wöllner einen Wettbewerb, bei dem Männer darum wetteifern, welche Frau der Kontrahenten „die geilste“ sei, mit der nun alle Männer Sex haben wollen.
Schon möglich, dass die These der Vorwegnahme stimmt. Möglich ist aber auch, dass es sich tatsächlich um Satire und damit Kunst handelte. Die Show hatte man damals als Ulmens Antwort auf die Brüderle-Affäre verstanden. Der frühere FDP-Politiker Rainer Brüderle hatte sich der Stern-Journalistin Laura Himmelreich gegenüber unter anderem mit dem Satz geäußert: „Sie können ein Dirndl auch gut ausfüllen.“
Die machte das öffentlich und löste damit die Sexismus-Debatte #aufschrei aus. Wenige Jahre später folgte #metoo, diesmal global – und es hatte den Anschein, als würden Männer Sexismus, Misogynie und Gewalt gegen Frauen besser verstehen. Auf einmal war von neuer Männlichkeit die Rede, von moderner Vaterschaft, männlicher Verwundbarkeit. Männer präsentierten sich als Feministen, darunter auch Christian Ulmen, sie wurden dafür gefeiert.
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Die antifeministische Männerrechtsbewegung schien an den Rand gedrängt. Allein in Deutschland hatten Maskulinisten jahrelang versucht, in großen Medien ihre Behauptung zu platzieren, sie seien Opfer einer feminisierten Gesellschaft und systematisch benachteiligt. Wer sich kritisch über Maskulinisten äußerte, wurde von ihnen verklagt. Mit #aufschei und #metoo glaubte man nun, die Szene niedergerungen zu haben.
Doch die Frauenhasser waren niemals weg, sie haben weitergemacht – in rechten Foren wie „eigentümlich frei“, „Achse des Guten“, „Die freie Welt“. Global agierende sogenannte Pick-up Artists lernten in Gruppenseminaren, wie man Frauen für Sex gefügig macht, gern mit Gewalt. In sozialen Netzwerken verbreiten „Menfluencer“ ihre frauenverachtende Ideologie. In dieser Manosphäre geht es um „echte Männer“, Muskelkraft, Unterwerfung von Frauen.
In der aktuellen Folge der Fernverbindung spricht Redakteurin Tanja Tricarico mit Spanien-Korrespondent Reiner Wandler über den Schutz vor digitaler Gewalt in Spanien.
Hegemoniale Männlichkeit ist verwoben mit Kontrolle
Nach einer vermeintlich geschlechtergerechten Phase schlägt das Patriarchat brutaler denn je zurück. Seit der russische Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump machtvoller denn je auf die politische Weltbühne getreten sind, breiten sich Antifeminismus und der Kampf gegen Minderheitenrechte ungezügelt global aus.
Diese Omnipräsenz von Misogynie findet Anschluss bei autoritären Staatsoberhäuptern wie Ungarns Präsidenten Viktor Orbán, Javier Milei in Argentinien, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei, nicht zuletzt bei extrem rechten Bewegungen. Zu deren Ideologie gehören unter anderem ein antiquiertes Familienbild: maskuline, bestimmende Männer und treusorgende Frauen mit der Zuständigkeit für Kinder, Haushalt, Garten.
Hegemoniale Männlichkeit ist verwoben mit männlicher Kontrolle des weiblichen Körpers. In seiner ersten Präsidentschaft stoppte Trump die staatliche Förderung von Hilfsprojekten für Opfer von häuslicher Gewalt und änderte die Definition von Partnerschaftsgewalt. Seitdem taucht psychische Gewalt als Angriff gegen Frauen nicht mehr im US-Strafrecht auf. Dabei ist diese Gewaltform ein wesentlicher Bestandteil männlicher Angriffe und der Beginn einer Gewaltspirale, die für 50.000 Frauen jedes Jahr weltweit mit dem Tod endet. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit räumte Trump häusliche Gewalt als Straftatbestand ab. „Dinge, die zu Hause passieren“, sollen nicht mehr strafbar sein.
In Russland gibt es erst gar keine Rechtsdefinition von Partnerschaftsgewalt. Im Gesetz ist von „Gewalt im häuslichen Umfeld“ die Rede, gemeint sind damit Nachbarschaftsstreite. Seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine rückt die reproduktive Rolle von Frauen stärker in den Fokus. Um die Geburtenrate zu erhöhen, gibt es Sozialleistungen für minderjährige Schwangere und deutliche Einschnitte beim Abtreibungsrecht. Weltweit erstarkt eine pronatalistische Bewegung, die „Lebensschutz“ predigt, aber Abtreibungsverbot meint, die gegen Homosexualität zu Felde zieht und einen heteronormativen Familismus propagiert.
Maskulinisten nehmen sich das Recht heraus, Gesetze nach ihrem Sinne zu ändern und regelbasierte Werte umzuschreiben – mit dem Ziel, Freiheiten einzuschränken und andere, insbesondere Frauen, zu überwachen. Der Fall Fernandes ist nur ein Sinnbild dafür. Es ist ein regelrechter Feldzug gegen Frauen, Migrant:innen, Transpersonen. Für Frauen geht es um nichts Geringeres als „um „unseren Wert als Frauen in der Welt“, wie die einstige First Lady Michelle Obama es formuliert.
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