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Editorial männertazÜber Männer reden, mit Männern reden

Was ist Männlichkeit heute? Warum folgt man rechten Manfluencern? Und warum ist Frauenhass so anschlussfähig? Der „männertaz“-Schwerpunkt widmet sich Fragen rund um den Mann.

Männer, wir werden weiter über sie reden müssen Foto: Eva Lichtenstern/plainpicture

Der Wunsch, es solle irgendwann einmal eine männertaz geben, existierte innerhalb der Redaktion schon lange. Als zum Frauenkampftag 2025 eine fulminante frauentaz erschien, kam diese Idee wieder auf den Tisch.

Als Erstes fragte daraufhin ein Redakteur: „Wie sollen wir das denn toppen, was die Frauen da auf die Beine gestellt haben?“ Einerseits eine bezeichnende Reaktion: Mann sah sich also direkt im Wettstreit, in Konkurrenz, in Rivalität. Andererseits auch männeruntypisch, den Frauen so viel Gelingen zuzugestehen.

Dass es diese männertaz – in abgespeckter Form, aber immerhin – nun gibt, hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre zu tun. Es gab MeToo, es gab die Fälle Weinstein, Epstein und Pelicot, es gibt eine anhaltende Diskussion über virtuelle sexualisierte Gewalt im Zuge des Fernandes-Ulmen-Komplexes.

Das Verhältnis Mann–Frau ist krisenbelastet wie lange nicht. Ein Kommentar zu übergriffigen Männern in der taz war vor einigen Wochen mit dem Titel „Es gilt die Schuldvermutung“ überschrieben. Eine Veranstaltung beim taz lab trug den Titel „Männer: Abschießen oder erziehen?“ Wie einige junge, links tickende Feministinnen gerade auf Männer blicken, bilden diese beiden Titel ganz gut ab.

Für einen Mann, der die genannten Taten genauso widerwärtig findet wie Frauen (und hoffentlich viele andere Männer), sind solche Zuspitzungen wenn nicht verständlich, so doch nachvollziehbar. Denn es stimmt etwas nicht mit vielen Männern heute. Auf den gesellschaftlichen Aufstieg der Frauen und des Feminismus reagiert ein relevanter Teil von ihnen mit Misogynie, Dominanzgebaren, Grausamkeit.

Einige Heteromänner scheinen die, die sie sexuell begehren, nur auf krankhafte, nicht auf liebevolle Weise begehren zu können. Die alten Männlichkeitsbilder funktionieren nicht mehr, wir leben in einer Zeit des Übergangs. Deshalb werden die alten Zeiten allzu gern verklärt, als hätten sie nicht auch Männer in ein unerträgliches Korsett gezwängt, als sei irgendetwas an ihnen glanz- und glorreich gewesen.

Das alles hat auch eine politische Komponente. Rechtspopulisten buhlen um die in ihrer Männlichkeit gekränkten Männer. „Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken, denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft“, sagte Björn Höcke schon vor über zehn Jahren, Maximilian Krah claimte auf Tiktok: „Echte Männer sind rechts.“

Die Bildergalerie zur männertaz

Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Die Strategie der Parteien erinnert an die Mechanismen, die Klaus Theweleit vor fast 50 Jahren in „Männerphantasien“ beschrieb. Rechte „Manfluencer“ adressieren nun das desorientierte, aggressive Ich dieser jungen Männer. Das „fließende“ Weibliche (Theweleit) wird zur Bedrohung, der Mann verpanzert sich gegen alles Weiche und Emotionale.

Leider sind die rechten und rechtsextremen Parteien aktuell erfolgreich mit dieser Taktik. Männliche junge Wähler rücken nach rechts, junge Wählerinnen dagegen nach links. Mit all diesen Phänomenen setzen wir uns auseinander, etwa im Gespräch mit den Autoren Ole Liebl und Tobias Haberl, mit dem Comedian Aurel Mertz und dem Soziologen Aladin El-Mafaalani.

Es geht uns aber gerade wegen des beschriebenen Backlashs auch darum, Männlichkeit in allen Facetten und Nuancen abzubilden. Es gibt mehr als nur Alphamänner, es gibt eine weite Range an Männlichkeiten. Als Mann wird man nicht geboren, zum Mann wird man gemacht – was Simone de Beauvoir über Frauen schrieb, gilt in anderer Art und Weise auch für Männer.

Ein Autor erklärt, warum er lieber einen feministischen Vatertag feiert, als sich den saufenden Männerhorden am „Herrentag“ anzuschließen (den „Männertag“ am kommenden Donnerstag haben wir übrigens zum Anlass für unser Männer-Spezial genommen). Ein anderer Autor schreibt, welch Glück es für ihn gewesen sei, nah bei seinen Kindern zu sein und ein anderes Mannsein als sein eigener Vater leben zu können.

Ein Mann mit Beeinträchtigung schreibt, wie dankbar er den emanzipatorischen Bewegungen sei, denn „das Patriarchat und männliche Dominanz“ finde er „zum Kotzen“. Auch setzen sich einige Autoren reflektiert mit dem Vater-Sohn-Verhältnis auseinander, mit den „Briefen an den Vater“ widmen wir dieser oft wortkargen, unterkühlten Beziehung ein ganzes Format.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Pauschaler „Männer“-Hass scheint also, das sagen uns all diese Texte, fehl am Platze. Vielleicht sollten wir auch Männlichkeit eher als Skala begreifen, so wie wir ja auch längst nicht mehr davon ausgehen, dass „männlich“ und „weiblich“ klare, eindeutige Kategorien sind.

Die Texte dieses Schwerpunkts können nur ein Anfang sein, eine erster Aufschlag, eine Moment- und Bestandsaufnahme. Wir reden mit Männern über Männer (mit Frauen auch, taz-Mitarbeiterinnen berichten von ihren Erfahrungen in der Redaktion). Und wir werden weiter über sie reden müssen.

Kernteam der männertaz: Ali Arab Purian, Elke Seeger, Matthias Kalle, Jens Uthoff, Stefan Hunglinger, Kersten Augustin. Dank auch an alle anderen Beteiligten!

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