Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die AfD setzt auf Sieg
Im September könnte es in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal einen AfD-Ministerpräsidenten geben. Bis dahin braucht es massiven Widerstand dagegen.
H eute in acht Monaten, am 6. September 2026, findet in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl statt. Unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich ausgeschlossen: eine AfD-Alleinregierung in Magdeburg. Dies wäre ein Bruch in der politischen Kultur des Bundesrepublik. Die Folgen für alle, die zwischen Altmark und Zeitz der Ideenwelt der AfD oppositionell gegenüber stehen, aber auch für Teile der Wirtschaft, wären gravierend. Einmal an der Regierung nähme die AfD direkten Zugriff auf exekutive Macht und könnte die Gesellschaftspolitik im Land tiefgreifend verändern.
Die Tatsache, dass im gesamten Land Sachsen-Anhalt ungefähr so viele Menschen leben wie in NRW in einem Regierungsbezirk, und dass bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März mehr Menschen der AfD ihre Stimme geben werden als in dem ostdeutschen Bundesland, lässt die Wahl in Sachsen-Anhalt nicht ganz so bedeutsam für die Bundespolitik erscheinen. Doch das ist ein Irrtum. Im Falle einer Regierungsübernahme würde die extrem rechte Partei Sachsen-Anhalt binnen kurzem in ein Labor für den autoritären Umbau der Gesellschaft verwandeln. Sie wird ausprobieren, wie weit man es auf Landesebene mit der Durchsetzung rechter Politik treiben kann.
So viel ist klar: In der Bildung, den Medien, der Kultur und der Repräsentanz von Minderheiten ließe die AfD keinen Stein auf dem anderen. Die Ergebnisse dessen würden mit einem gewissen Zeitverzug dann im Westen zur Anwendung kommen. Eine Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt ist aus Sicht der AfD nur der erste Stein einer Dominoreihe, der ihr noch ganz andere Pforten der Macht öffnen soll. In einer Umfrage von Oktober 2025 steht die AfD in Sachsen-Anhalt bei vierzig Prozent. Mit diesem Umfragewert im Rücken arbeitet die Landespartei in sozialen Medien intensiv an der politischen Suggestion, ihr Weg an die Macht sei unaufhaltsam.
Ihr Spitzenkandidat, Ulrich Siegmund, ist die personifizierte Normalisierung der AfD in Ostdeutschland. Der Mann, dessen Auftreten an einen Sunnyboy aus der Serie „Traumschiff“ erinnert, hat scheinbar so gar nichts gemein mit völkischen AfD-Ideologen wie Hans Thomas Tillschneider oder Björn Höcke. Doch wer ihm zuhört, kann wissen, dass sich Siegmund in allen Themen von Migration bis Bildungspolitik kein Jota von dem unterscheidet, was die extrem rechten Lautsprecher der AfD vortragen.
Aber im Kontrast zu Höcke wirkt Siegmund smart. Im Vorwahlkampf trat er betont unideologisch auf. Aus der Wahlkampfführung der Thüringer AfD hat Siegmund gelernt, dass eine zu frühzeitige, scharfe Polarisierung, wie sie Höcke etwa gegenüber Teilen der mittelständischen Wirtschaft praktizierte, die AfD Wählerstimmen kostet. Siegmunds derzeitiges Auftreten hingegen setzt die Selbstverharmlosung der AfD nahezu perfekt in Szene.
Das Motto der Polit-Soap: der heimatverbundene Spitzenkandidat aus dem malerischen Tangermünde in seiner Lieblingsrolle als Familienvater mit Herz für Mittelständler. Für den Fall der Regierungsübernahme hat Ulrich Siegmund Pläne: Als Ministerpräsident will er den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu einem „Grundfunk“ umbauen, eine Abschiebeoffensive starten, Ministerien abschaffen und Geld für Demokratie Projekte streichen. Oder anders formuliert: Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt wäre ein politischer Durchbruch ungeahnten Ausmaßes für die Partei.
Doch das Gegenteil trifft ebenso zu. Die Erwartung in der Partei und ihrer Kernanhängerschaft, die AfD stelle ab September 2026 in Sachsen-Anhalt die Regierung, scheint inzwischen so stark, dass ein Ausbleiben dieses Erfolgs eine schwere Niederlage für die Partei und ihre über Sachsen-Anhalt hinaus reichenden Machtambitionen bedeuten würde. Die Partei setzt auf Sieg und darauf, dass die Vorwürfe der Vetternwirtschaft von Seiten innerparteilicher Kritiker beim Wähler ungehört verhallen. In den nächsten Monaten wird es darauf ankommen, einerseits jenen entschieden Sichtbarkeit und Resonanz zu verschaffen, die die demokratische Zivilgesellschaft in all ihrer Heterogenität repräsentieren und sie zu ermutigen.
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Andererseits geht es um eine politischen Kommunikation, die jene anspricht, die nicht zur ideologisch überzeugten Kernwählerschaft der AfD gehören, von der Partei jedoch politisch, emotional adressiert und heftig umworben werden. Menschen für die „die Politik – worunter viele verstehen, was im fernen Magdeburg oder Berlin passiert – ein Hintergrundrauschen ihres Alltages ist“. Nicht zuletzt braucht es Antworten, wenn die AfD im Wahlkampf nicht nur in Sachsen-Anhalt auf der Klaviatur der ostdeutschen kulturellen Erinnerung spielt, wie es Björn Höcke mit seinen Simson-Moped-Ausfahrten in Thüringen tat. Die AfD trägt in Ostdeutschland auch einen Kampf um die Deutungshoheit zum Thema Ostidentität aus. Dem gilt es klug und differenziert ohne politische Regressivität entgegenzutreten.
Sicher, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist nur eines unter vielen Ereignissen, die die Aufmerksamkeit einer demokratischen Öffentlichkeit und der kritischen Zivilgesellschaft 2026 beanspruchen. Die Wahlen dort wie auch in Mecklenburg-Vorpommern sollten in diesem Jahr die Aufmerksamkeitsspanne in den Metropolen durchaus stark beanspruchen. Denn in Ostdeutschland wird nichts weniger verhandelt als die Zukunft der politischen Kultur des gesamten Landes.
Aber es gibt sie, jene Menschen in Atzendorf, Aschersleben und anderswo in Ostdeutschland, die gegen den Wind von rechts außen laufen. Sie gehören ab sofort ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Den weiteren Aufstieg der AfD zu bremsen, ist eine ernste Herausforderung, die sich nicht nur in Sachsen-Anhalt stellt. Acht Monate bleiben, um die AfD vom exemplarischen Sprung an die Macht abzuhalten. Zeit ist Frist.
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