Wenn der Eklat zur Taktik wird: Es reicht, ich gehe!
Der Gesprächsabbruch bei zu viel Kritik hat Tradition, nicht nur bei der AfD. Es ist ein Zeichen der Schwäche, Fragen nicht aushalten zu können.
Foto: Melanie Grand WDR/picture alliance
N ach ungefähr 50 Minuten war das Gespräch vorbei: AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, immerhin der wesentliche Autor des radikalen AfD-„Regierungsprogramms“ in Sachsen-Anhalt, brach diese Woche das Gespräch mit der früheren Spiegel-Journalistin und heutigen Funke-Podcasterin Melanie Amann einfach ab. So habe er sich das nicht vorgestellt, sagte er, nachdem sie ihm kritische Fragen zum Programm und zu Vorgängen in der Partei gestellt hatte.
Der Gesprächsabbruch bei zu viel Kritik hat Tradition, nicht nur bei der AfD. 2014 verließ der damalige AfD-Sprecher Bernd Lucke eine Talksendung mit Michel Friedman, nachdem er wiederholt gefragt wurde, ob er eine rassistische Äußerung der damaligen EU-Parlamentskandidatin Beatrix von Storch teile – und darauf einfach nicht antworten wollte.
2017 stürmte Unionspolitiker Wolfgang Bosbach stinksauer aus dem Studio der „Maischberger“-Sendung in der ARD, nachdem Jutta Ditfurth Grundrechtsverletzungen bei den polizeilichen Maßnahmen im Zuge des G8-Gipfels im Hamburg kritisiert hatte.
Ebenfalls 2017 verzog sich Alice Weidel aus einem ZDF-Wahlstudio, nachdem ihr CSU-Politiker Andreas Scheuer angeraten hatte, sich von Björn Höcke und Alexander Gauland zu distanzieren.
Politik und Medien brauchen einander. Eigentlich
Die gleiche Alice Weidel brach 2020 ein Interview mit Phoenix am Rande eines AfD-Parteitags ab, weil sie sich über die Wortwahl des Fragestellers zur Sozialpolitik der AfD geärgert hatte.
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Im Juni dieses Jahres beendete US-Präsident Donald Trump abrupt ein Interview mit Kristen Walker von der NBC-Sendung „Meet the Press“, nachdem Walker ihn wiederholt nach Beweisen für seine ständigen Behauptungen von Wahlfälschung gefragt hatte – freilich nicht, ohne ihr vorher noch an den Kopf geworfen zu haben, sie sei korrupt und dumm.
Der Gesprächsabbruch durch Politiker*innen vor laufender Kamera bricht mit der Vorstellung, dass Politiker*innen und Journalist*innen gleichermaßen aufeinander angewiesen seien: Die einen wollten ihre Positionen und sich selbst darstellen, die anderen ihrem Publikum Inhalte bieten; sie brauchten einander. Und dann steht der Gast auf und geht – zumindest in diesem Moment in dem Glauben, dass das seiner Position mehr nutze als ein weiteres Verweilen.
Dabei ist es ja eigentlich immer ein Zeichen der Schwäche, Fragen nicht aushalten zu können. Bloß: Meist sieht die Öffentlichkeit das nicht so. Vor allem in Zeiten des „Lügenpresse“-Gegröles wird vielmehr noch als Held gefeiert, wer sich dem kritischen Gespräch verweigert. Verkehrte Welt.
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