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Wahlen in Israel Weder Held noch Bösewicht

Kommentar von

Tamar Ziff

Das deutsche Israel-Bild ist verengt, egal aus welchem Blickwinkel. Aber Israel ist ein reales Land, keine Projektionsfläche.

N ächste Woche sind die Israelis zu Parlamentswahlen aufgerufen. Gerade die Linken unter ihnen betonen, dass es bei dieser Wahl um die Existenz des Landes gehe. Nur: Diese Wahlen sind natürlich wichtig, aber sie werden sehr wahrscheinlich nicht über das Schicksal Israels entscheiden. Sie werden weder den Untergang des Landes bedeuten noch dessen sofortige Heilung einläuten. Selbst im besten Fall eines Sieges der Opposition wird die dann vermutlich nötige Mehr-Parteien-Koalition sehr heterogen sein und vor großen Hürden stehen, um die demokratische und soziale Krise des Landes zu stoppen.

Die scheidende Regierung schrieb aus zwei Gründen Geschichte: Sie war die rechtsextremste Regierung in der Geschichte Israels, und es gelang ihr, eine volle Legislaturperiode zu überstehen. Die vergangenen 30 Jahre waren die meisten israelischen Regierungen kurzlebige Mitte-rechts-Koalitionen.

Tamar Ziff

ist freie Journalistin in Tel Aviv. Sie hat zuletzt über Demokratie- und Rechtsstaatsthemen in den USA und Lateinamerika gearbeitet.

Benjamin Netanjahus Regierung konnte sich nur aufgrund des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober und des anschließenden Gazakriegs halten, der den massiven innenpolitischen Antiregierungsprotesten von 2023 die Energie nahm. Doch die Ursachen dieser Proteste – soziale Spannungen, hohe Lebenshaltungskosten, der umstrittene Status der Ultraorthodoxen, eine erodierende Demokratie und die Besetzung im Westjordanland mitsamt gewalttätigen Siedlern – haben sich nur noch verschärft.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Eine neue Regierung wird keine Wunder bewirken. Eine mögliche Koalition unter Ex-General Gadi Eisenkot dürfte sehr fragil sein. Zu einer neuen Rechts-Regierung wiederum, selbst ohne Netanjahu an der Spitze, dürften erneut rassistische und ultrareligiöse Parteien gehören. Die neue Regierung, egal welcher Couleur, wird Enttäuschungen erzeugen. Das bedeutet aber nicht, dass Israel „am Ende“ ist oder dass gar der Zionismus gescheitert ist.

Viele Deutsche betrachten Israel nicht als normales Land. Sie verengen Israel entweder zu einer brutalen Kriegsmaschinerie – oder sehen das Land nur als heiligen Zufluchtsort für Juden, der wegen des Holocausts und des weltweiten Antisemitismus geschützt werden muss. Aber Israel ist in erster Linie einfach nur ein Land. Wie alle Demokratien verändert es sich, macht Fortschritte und erleidet Rückschläge.

Insgesamt ist Israel in den letzten 30 Jahren religiöser, mizrachischer (von Mizrachim, aus dem Orient und Nordafrika stammende Jüdinnen:Juden, d. Red.) und konservativer geworden. Mehr Mizrachim als früher gehen in die Politik. Gleichzeitig aber ist Israel, nur als Beispiel, Vorreiter bei künstlichen Befruchtungen für gleichgeschlechtliche Paare und alleinstehende Frauen, und das unter der Ägide des öffentlichen Gesundheitssystems.

Israel treibt wichtige Entwicklungen bei grünen Technologien an, insbesondere mit Blick auf die Trinkwassergewinnung und den Umgang mit knappen Wasserressourcen; es steht weiterhin an der Spitze der wissenschaftlichen Forschung auf mehreren Gebieten. Und ja, es führt Kriege und besetzt Gebiete. Es unterstützt völkerrechtswidrige Siedlungsprojekte, die einen hohen moralischen und finanziellen Preis haben. Kurz gesagt: Israel ist ein work in progress. So wie viele andere Länder auch.

Israel ist keine leere Leinwand, auf die man nationale Schuldgefühle, Angst oder Hass projizieren kann. Demokratische Solidarität bedeutet, Israel als ein reales Land zu betrachten, das nun mal mit realen Feinden und realen existenziellen Bedrohungen konfrontiert ist. Es bedeutet, den Zionismus nicht als historischen Fehler zu bezeichnen und Israel den Erfolg als vielfältige und liberale Demokratie zu wünschen, damit es seine Identität aushandeln und seine eigene Zukunft innerhalb der Grenzen des demokratischen Diskurses, des Völkerrechts und der Staatengemeinschaft gestalten kann.

Ohne einen Regierungswechsel wird Israel weiter an Boden verlieren und unter noch mehr jüdischer Auswanderung leiden

In ihren Memoiren erinnert sich Angela Merkel daran, wie sie als junge Physikstudentin Mitte der 1970er Jahre darauf angewiesen war, dass Gastwissenschaftler Forschungsstudien aus Israel in die DDR schmuggelten. Sie bewunderte israelische Forscher und hoffte, sie eines Tages persönlich kennenzulernen.

Heute betrachten jene jungen linken Europäer, die durch den Gazakrieg politisiert wurden, Israel ausschließlich als einen rassistischen und kolonialistischen Staat, von dem nichts Gutes kommen kann. Errungenschaften in Medizin, Agrarwissenschaften oder Physik werden ignoriert. Ignoriert werden Israels ethnische Vielfalt, eine immer noch funktionierende Demokratie, liberale Freiheiten, LGBTQI+-Rechte und eine lebendige Kultur. Ausgeblendet werden auch die offen ausgetragenen Debatten zwischen verschiedenen religiösen, ethnischen und politischen Gruppen und die Protestbewegungen.

Es ist klar: Ohne einen Regierungswechsel wird Israel weiter an Boden verlieren, unter noch mehr jüdischer Auswanderung leiden und mit einer weiter den Bach heruntergehenden sozialen und öffentlichen Infrastruktur konfrontiert sein.

Die alte Regierung hat Israel finanziell und diplomatisch geschwächt und militärisch diskreditiert. Sie hat Rassismus, Spaltung und Korruption geschürt und die demokratische Kultur des Landes untergraben. Eine neue Regierung wird vielleicht nicht sofort Lösungen oder Fortschritte liefern. Das bedeutet aber nicht, dass Israel aufhören wird zu existieren.

Internationale Solidarität bedeutet, Israel als einen realen Ort zu begreifen, der Unterstützung bei Reformen benötigt, um demokratischer zu werden. Als einen Ort, wo es Sachen gibt, von denen man lernen kann, als auch Dinge, die angeprangert werden müssen. Es bedeutet, jene Gruppen zu unterstützen, die Israels demokratische Widerstandsfähigkeit fördern. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass Israel weder komplett rassistisch noch komplett tugendhaft ist. Weder Held noch Bösewicht. Es ist eine Demokratie, die versucht zu überleben.

Aus dem Englischen von Gunnar Hinck

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37 Kommentare

  • Kai Ayadi

    Danke.



    Gerade das Widersprüchliche macht Israel aus: Ein normales Land und gleichzeitig eine Zuflucht für vom Antisemitismus bedrohte und verfolgte Menschen zu sein.

    • Janix

      @Kai Ayadi:

      Israel ist ein Land, und da keine kürzere und keine längere Elle anlegen.



      Israel ist ein spät entstandenes Land, das sich zugleich auf 2000 Jahre davor beruft, ohne die Rechte von Kanaanitern oder Philistern zu sehen, witzigerweise.



      Es ist laut Resolution der Zwillingsbruder von Palästina, das es von den Zitzen der Staatengemeinschaft mit _allen Mitteln fernhält.



      Es ist einer der wenigen Staaten, die dauerbesatzen, die Staatsbürgerschaft nach Religion unterschiedlich verleihen, die ethnisch-religiös und demokratisch zugleich sein wollen.



      Es ist einer der Staaten, wo zumindest jüdische Bürger lebendig diskutieren und ein Verbrecher wie Netanyahu zwar gewählt wird, aber auch Kontra erhält.



      Es ist ein Staat, der zu Sparta oder Südafrika abrutschen könnte durch die Realität der täglichen Ungleichheit durch Gewalt.



      Es ist ein Staat, der Angst hat, obwohl er es mit der ganzen Region aufnehmen könnte.

      Es ist gefühlt ein Refugium für eine Religionsgruppe. Aber keine Ausrede, diese Religionsgruppe und alle anderen auch in de jeweiligen Heimatländern anständig, fair und gleich zu behandeln.



      Jeder Staat ist anders, doch universal einordnen auch hier.

      • Budzylein

        @Janix:

        "Es ist einer der wenigen Staaten, ... die Staatsbürgerschaft nach Religion unterschiedlich verleihen..."

        Es ist vor allem der einzige Staat, bezüglich dessen sich ganz viele Menschen in Deutschland Gedanken machen, ob dort Menschen bei der Verleihung der Staatsbürgerschaft ungleich behandelt werden (über die Aussiedler in Deutschland redet hingegen niemand mehr). In zahllosen Staaten ist man, wenn man Glück hat, als Mensch zweiter Klasse geduldet, wenn man die "falsche" oder, Gott bewahre, gar keine Religion hat. Wenn man weniger Glück hat, kann man von den Anhängern der Mehrheitsreligion auch verprügelt oder abgeschlachtet werden. Das interessiert hierzulande kaum. Aber Israel interessiert, weil es als einziger jüdischer Staat Juden einbürgert.

        Aus arabischen Ländern sind nahezu alle Juden geflüchtet. Deutschland hat versucht, die europäischen Juden auszurotten. In anderen europäischen Staaten gab es immer wieder Pogrome. In den USA werden Juden aufgefordert, "zurück nach Polen" zu gehen.

        In den kleinen jüdischen Staat können Juden bei Gefahr auswandern. Deshalb gibt Israel Juden das Recht, Staatsbürger zu werden. Mir nicht, weil ich kein Jude bin. Damit kann ich gut leben.

  • TGV

    Graue Töne helfen sicher. Es ist nur auffällig, dass die beschriebenen Vorteile weniger für arabische Israelis zugänglich sind. Einfach nur eine Demokratie mit Zwei-Klassen-Gesellschaft

  • vieldenker

    Wäre zu wünschen, dass man auf dieser Ebene weiter diskutieren könnte. Schauen wir mal, ob das auch außerhalb Israels gelingt.

  • zartbitter

    ""Eine neue Regierung wird keine Wunder bewirken.""



    =



    Selten sind die Ergebnisse von Wahlen wie in Israel, in denen 37 (!!!) Parteien teilnehmen, so wenig vorab prognostizierbar, sodas gegenwärtig niemand in der Lage ist, Annahmen zu treffen welchen politischen Kurs die israelische Politik nach den Wahlen einnehmen wird.



    =



    Es geht um alles - soviel ist sicher- es steht die Zukunft der demokratischen Institutionen Israels und für viele die Identität Israels als Demokratie auf dem Spiel. Netanjahus Koalition verfolgt eine umfassende Justizreform, die ldarauf abzielt, die Unabhängigkeit der Justiz und die Gewaltenteilung zu schwächen. Dies soll unter anderem durch die Aushöhlung der Befugnisse des Generalstaatsanwalts, die Untergrabung der Autorität des Obersten Gerichtshofs und Angriffe auf Richter und andere Justizbeamte geschehen welche die Regierungspolitik infrage stellen.



    =



    Es wurden auch Maßnahmen zur Beeinträchtigung der Medienunabhängigkeit vorangetrieben.



    =



    Wunder passieren immer wieder - entgegen der Annahme von



    Tamar Ziff - zum Beispiel das es der Opposition gelingen möge zusammen mit den arabischen Parteien die Mehrheit von 61 Sitzen zu erreichen.

  • Thomas Müller

    Israel ist ja gerade eben kein Staat "wie alle anderen"! Weder in der Fremd- noch in der Selbstwahrnemung. Israel zeichnet sich nicht über die Ähnlichkeiten, sondern häufig auch ausdrücklich über die Alleinstellungsmerkmale aus. Es bleibt nüchtern betrachtet ein Ausnahmestaat, ähnlich wie die USA.

    Und auch so keine sehr Hoffnungsvolle Erwartung bei der Autorin, dass es besser wird. Bis dahin müssen sich Menschen scheinbar mit latenten Diskriminierungen und Kriegsverbrechen abfinden. Was bei uns noch einigermaßen erträglich rüber kommt, im Gegensatz zum Schicksal der Marginalisierten, die im Westjordanland und in Gaza leben.

  • c. F

    Leider verliert sich dieser Artikel in Allgemeinplätze, die wiederum sich in Vorwürfe bzw. Unterstellungen verlieren. Der Artikel erfasst die Komplexität, aber nicht die Komplexität der nicht-israelischen Kritiker. Es wird auf Linke hingewiesen, aber genau hier zeigen sich wieder Vorurteile, die eher darauf hinweisen, wie wenig von den Linken gesprochen wird, als vielmehr über sie.



    Ich bin Linker und kann als Experte sagen, in der linken internationalen Szene gilt das Miteinander-Reden ohne Ausgrenzung mehr als in der Mitte (die ja dieses Miteinander predigt). In der linken Szene werden unterschiedliche Perspektiven bezüglich Isreal so differenziert und kontrovers diskutiert, dass ich von Vorbildfunktion sprechen kann. Das Problem ist nur: Niemand interessiert sich dafür.



    Am liebsten würde ich die Autorin nach Hamburg einladen und sie in die hiesige linke Szene einführen, damit sie vielleicht erkennt, wie falsch sie liegt.



    Aber das ist ein generelles Problem: Man interpretiert sich die Linken so wie man sie gerne haben will, reduziert sie auf die Interpretation, aber ich als Experte kann nur den Kopf schütteln und sagen: Ihr habt doch keine Ahnung. Sorry!

  • My Sharona

    "einfach nur ein Land" - so ist es. Die Besatzung und die Kriegsverbrechen werden auf palästinasoildarischer Seite von manchen (wie viele, ist schwer zu sagen, die verabsolutierenden Aburteilungen, die wir in den letzten Wochen erleben mussten, sind aber definitiv karikaturhaft übertrieben) so verengt als das Wesen Israels beschrieben, dass man von Antisemitismus sprechen muss. Das muss deutlich, aber ohne persönliche/politische Totaldelegitimierung geschehen, sonst dreht man nur an der Konfliktschraube und schickt die Leute in die Schützengräben. Denn: um das richtig zu verstehen, muss man auch folgendes sehen: Menschen, die Positionen vertreten, die außerhalb eines schmalen Meinungskorridors liegen, der von Prosor, Beck, Klein und Schuster markiert wird, werden mit einer Krassheit angegangen und finden so wenig Gesprächsbereitschaft, dass es mich ehrlich gesagt nicht wundert, dass sie sich einigeln. Spiegelbildlich passiert das selbe: aggressive Selbstvergewisserung: Israel ist Party, Kibbuz, IT und legitime Selbstverteidigung (die sie halt leider auch mal ein wenig übertreiben). Dabei ist die Besatzung wie die NRA in den USA, tief ins Gewebe Israels eingeschrieben.

  • *Sabine*

    "Aber Israel ist in erster Linie einfach nur ein Land."

    Ich finde den Artikel sehr gut, sehe diese Aussage jedoch anders. Israel ist ein Land, das von anderen Ländern ausgelöscht werden soll, ebenso wie seine Bevölkerung und die dort vorherrschende Religion. Bekanntermaßen geht es ja so weit, dass israelische Bürger:innen weltweit angegriffen werden; jüdische Bürger:innen werden sogar verfolgt und angegriffen, wenn sie nicht einmal die israelische Staatsbürgerschaft haben, sogar! in Berlin/Deutschland.

    Den Begriff xy-Krititk, also Israel-Kritik, kenne ich weder von Ländern wie Iran, Russland, China usw..

    Ich wünsche Israel, dass es so bald als möglich einfach "nur ein Land" ist, das hieße jedoch, den über 2.000 Jahre alten Antisemitismus zu überwinden. Das stelle ich mir schwer vor, da ich Antisemitismus weder verstehen noch nachvollziehen kann und deswegen auch nicht weiß, was dagegen hilft bzw. ob Antisemitismus global grundsätzlich überwindbar ist.

    Dieser Satz trifft auf mich, abgesehen von "nur" und "heilig", zu:



    "... sehen das Land nur als heiligen Zufluchtsort für Juden, der wegen des Holocausts und des weltweiten Antisemitismus geschützt werden muss."

    • Janix

      @*Sabine*:

      Ergänzung: Palästina wird tagtäglich am Entstehen und Gedeihen gehindert, trotz UN-Resolution(en). Die aktuelle Le Monde Diplomatique für eine erschreckende Bestandsaufnahme auf mehreren Seiten.

      Und die Aufgabe von Deutschland und den Deutschen ist nicht mit Nahkampfwaffen an Israel abgehakt. Der Kampf gegen Antisemitismus, der hier 12 intensive Jahre lang allen eingeimpft wurde, muss vor allem hier stattfinden, durch Schutz von Kippaträgern, Nicht-Kippaträgern, durch Offenheit und Respekt vor scheinbarer "Andersartigkeit".

      Jüdische Deutsche sind Deutsche, keine Israeli (außer, sie wollten das ausdrücklich). Das verstehen nur Prosor, Netanyahu sowie Antisemiten nicht.

  • Stavros

    Vor allem der Hinweis des Artikels, dass Israel keine deutsche oder europäische Projektionsfläche sein sollte, ist sehr wertvoll.

    Erstens wird der Nahostkonflikt weder durch Problemwälzen und Empörung in Berliner Cafés, noch durch ausgeprägte Palästina-Solidarität, sondern (bestenfalls) im Nahen Osten gelöst.

    Zweitens genießt Israel einen besonderen Platz im Herzen vieler Deutscher, verbunden mit Schuld, Verstrickung, Wut, Gefühlen von Verantwortung und schlicht überkommenem Antisemitismus.

    Die Betrachtung Israels sollte aber frei von der Überhöhung seiner Angelegenheiten geschehen, frei von der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften an die religiöse Herkunft der Mehrzahl seiner Bewohner und vor allem frei von ungeprüften, unreflektierten Emotionen.

    • Janix

      @Stavros:

      Dass Deutschland eine Gleichbehandlung israelischer Völkerrechtsverstöße in der EU noch blockiert, sei ergänzt. Statt dessen universal zu denken, wäre wohl freier gedacht.



      Und darauf darf mensch schon hinweisen.



      Ansonsten siehe Artikel.

    • Westlahn

      @Stavros:

      Ich bin lange nach dem Krieg geboren. Ich trage keine Schuld, ich bin nicht "verstrickt", ich trage auch keine Verantwortung für den Konflikt Israels mit seinen Nachbarn oder gar dem Holocaust.



      Die einzige Verpflichtung die ich habe, ist aus den Ereignissen vor und bis 1945 Lehren zu ziehen, wie eine Wiederholung von Faschismus verhindert werden kann. Das betrifft heute vor allem die USa, Israel Russland und vielleicht demnächst Frankreich. Und dann ist da natürlich der braune Schmutz nicht vor, sondern hinter der deutschen Haustür. Da liegen Verantwortungen.

    • EffeJoSiebenZwo

      @Stavros:

      Vielen Dank, sehr gut, dem allen kann ich weitestgehend zustimmen.

      Nur eine etwas andere Nuance bzgl ‚ ….wird der Nahostkonflikt weder durch Problemwälzen und Empörung in Berliner Cafés, noch durch ausgeprägte Palästina-Solidarität, sondern (bestenfalls) im Nahen Osten gelöst.‘

      Selbstredend kann der Nahostkonflikt nur an Ort und Stelle gelöst werden. Aber ich denke es ist für die deutsche Politik schon wichtig zu sehen, wie die hiesige Bevölkerung diesen Konflikt wahrnimmt und was von den Politiker, die durch Kommunikation, Handeln resp. Unterlassen mE durchaus Einfluss auf die Konfliktparteien haben, erwartet wird. Daher sind Diskussionen in Cafés und auch die Teilnahme an Kundgebungen (die sich im verfassungsrechtlich erlaubten Rahmen bewegen) schon wichtig.

  • Beate Homann

    Endlich mal ein angemessenener Artikel: Unaufgeregt, sachlich ohne vorgefasste, verurteilende Meinung. Bitte mehr davon in der taz, die mit ihrem Haus-Nahost-Fachmann Daniel Bax den latenten Antisemitismus hier im Leserforum bedient.

    • EffeJoSiebenZwo

      @Beate Homann:

      Genau so gut, wie ich diesen Artikel finde, finde ich idR auch Herrn Bax Kommentare. Ich finde es ziemlich empörend, dass Sie meinen, alle seine Leser gleich als Antisemiten aburteilen zu können. Ist ihnen eigentlich egal, dass Sie durch solche (leichtfertigen?) Äußerungen dem Kampf gegen den (echten) Antisemitismus einen Bärendienst erweisen?

      • Janix

        @EffeJoSiebenZwo:

        Danke, Effe, für die deutlichere Form der Rückmeldung Richtung B.H. - das ist dabei nicht ziemlich empörend, sondern empörend.



        (Laut einer Studie hierzulande zeigten übrigens laute Israel-Verfechter im Schnitt (!) stärkere antisemitische Einstellungen als eine Vergleichsgruppe - Netanyahu verteidigen als scheiternder Reinigungsversuch?)

    • Janix

      @Beate Homann:

      Ist das so? Warum nahmen Sie das so wahr?

    • dites-mois

      @Beate Homann:

      Volle Zustimmung, danke.

      • EffeJoSiebenZwo

        @dites-mois:

        Dito

  • Lindenberg

    Sehr gut, dass die taz Differenzierung in die Debatte zu Israel bringt, wie sich auch der in Berlin lebende Israeli Tomer Dotan-Dreyfus es mit seinem Buch Keinheimisch es tut. Erstaunlich, dass dieses Buch, das tief in die Identitätsbildung Israels und seiner Person eintaucht und sich kritisch mit der Staatsraison Deutschlands auseinandersetzt bisher nur in einer Studentenzeitung mit einem Interview rezipiert wurde. Tomer glaubt, dass der Gaza-Konflikt schwerwiegende Folgen für die deutsche Erinnerungskultur hat, eine Entlastungsfunktion für uns Deutsche also. Gut abzulesen wie ich finde beim Banner der Jungen Berlin zur Linken in Berlin, welches dezidiert mit nie wieder ist jetzt wirbt. Nie wieder auch jetzt beim Protest von SPD-Fraktionsmitgliedern gegen die Linke oder Ausladung von Künstlern, denen Antisemitismus unterstellt wurde Tomer beklagt im Rahmen der Staatsraison negative entlastende Folgen für die deutsche Erinnerungskultur, da eine pluralistische Debatte verhindert werde.



    DIe taz sollte Tomer dringend interviewen, um zu zeigen wie wichtig die Perspektive von Tomer für unsere Erinnerungskultur zur Shoa ist zu der auch Verantwortung für die Nakba gehört.

    • Lindenberg

      @Lindenberg:

      Kleine Korrektur. das erwähnte Banner wurde auf dem Parteitag der Jungen Union gezeigt. Der Spiegel berichtete. Wer ganz tief schürfen will, dem sei das Interview mit dem US Wissenschaftler Michael Rothberg zu seinem Konzept der multidirektionalen Erinnerung auf dem Online Portal der Bundeszentrale für Politische Bildung empfohlen. Er erwähnt ein Erinnerungsprojekt zur Shoa mit Migranten aus Berlin Neukölln, was er mit einer deutsch türkischen Pädagogin realisierte.

    • *Sabine*

      @Lindenberg:

      "... für die Nakba ..."

      Das ist auch einer der Punkte, den ich in der Diskussion trotz Nachdenkens nicht verstehe. Mag sein, dass meine kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind, aber weshalb wird "Nakba" üblicherweise mit den arabischen Menschen assoziiert, aber nicht mit den mindestens ebenso vielen vertriebenen jüdischen Menschen aus arabischen Ländern, die auch alles zurücklassen mussten. Ich bin der Ansicht, dass die Vertreibung der jüdischen Menschen aus arabischen Ländern bei dem Begriff "Nakba" stets mitgedacht und mitgemeint sein sollte. Dies, wie gesagt, weil ich die Unterscheidung nicht verstehe.

  • StefanMaria

    Es wird in Deutschland viel zu wenig ùber die Opposition in Israel geschrieben. es ist neben aller notwendigen Erinnerung eben ein normaler Staat geworden. So muss auch in Deutschland kritisch über die problematischen Entwicklungen bestimmter israelischer Gruppen, die so entsetzliche Vorgehensweisen rechtfertigen und sogar noch vorantreiben wollen, ohne Antisemitismusvorwùrfe gesprochen werden können. Ein normaler Staat in der Pubertät mit rebellischen "Jugendlichen"die schnellstens erzogen werden sollten

    • *Sabine*

      @StefanMaria:

      Ich stimme Ihrem Kommentar zu bis auf

      "So muss auch in Deutschland kritisch über die problematischen Entwicklungen ..."

      Nach 6.000.000 unschuldiger von uns ermordeter jüdischen Menschen bin ich der Ansicht, dass wir uns diesbezüglich zurückhalten sollten (es gibt ca. 195 Staaten auf der Welt, für Kritik reichen die anderen ca. 194 Staaten doch aus), zumal wir damit, meiner Meinung nach, Antisemitismus Vorschub leisten. Ich gehe so weit zu behaupten, würden sich unsere Politiker, Organisationen, Vereine usw. alle klar und deutlich von Antisemitismus distanzieren, könnte ein Bewusstseinswandel stattfinden und es würden weniger Angriffe auf jüdische und/oder israelische Menschen in Deutschland erfolgen.

      • Nicole Knosta

        @*Sabine*:

        Ich denke nur dass ein "Nie wieder Völkermord" nicht bedeuten sollte, dass Deutschland diesen bei allen Regimen und Staaten, außer bei Israel, als solchen nennen sollte. Ja, der Nationalsozialismus ist eines der schrecklichsten Kapitel der letzten 2000 Jahre. Ich verstehe deshalb sehr, dass daraus der Wunsch entsteht, Israel nicht zu verurteilen für etwas, was Deutschland "auch gemacht hat" (Bitte die GROẞEN Anführungszeichen beachten...) Das Problem, so verständlich wie ihr Gedanke ist, dass das Völkerrecht starke (Und damit ist leider auf der Weltbühne insbesondere wirtschaftlich stark, also insbesondere DE/FR in der EU) Verbündete braucht, die es, auch gegen Israel verteidigen. Insbesondere, wenn es dieses es so eklatant bricht wie die zahlreichen Bilder aus Gaza, und die Berichte über die Kriegsverbrechen durch die Israelische Armee (Ich kann hier die Doku "Naza" von zwei israelischen Regiseur*innen sehr empfehlen) belegen. Wenn also einem Land erlaubt wird das Völkerrecht zu schleifen, wie Israel schon seit den 90ern mit seinem Siedlungsbau, und Deutschland dies nicht klar und wiederholt verurteilt, ist das für ALLE Länder der Welt der Vorwand, es ebenfalls zu brechen...leider

      • EffeJoSiebenZwo

        @*Sabine*:

        Letztlich eine Variation aller Ihrer Kommentare. Aber natürlich kann, nein, muss Kritik in Deutschland an dem Vorgehen der israelischen Regierung und der IDF möglich sein, gerade wegen der 6 Mio. Ermordeten (die übrigens nicht von ‚uns‘ ermordet wurden; die meisten Täter von damals sind tot, und ich gehe davon aus, dass Sie auch nicht so alt sind).

        Das bedeutet aber natürlich nicht, dass es keine Verantwortung der Deutschen Israels gegenüber gäbe, im Gegenteil: genau diese historische Verantwortung ist es, die unsere Kritik quasi zur Pflicht macht, weil sich Israel sonst mehr und mehr ins Abseits stellt (und Antisemitismus zeitigt), was eben genau nicht sein soll: nie wieder ist jetzt, aber eben universell gedacht.

  • Janix

    Israel durch eine "deutsche" Brille scheint in der Tat entweder ein völlig verklärtes Land zu sein, das immer Recht hätte und so handeln "müsste" (so ist michel schon mal kein "Antisemit" puh), oder aber das einzige Land in der Welt, das Menschenrechts- und Völkerrechtsverstöße Tag um Tag beginge.

    Ohne Brillen geht es nicht, der Staat hatte auch durch die deutschen Verbrechen das Momentum zur Gründung, da gibt es die Verbindung.

    Dennoch können wir universal ja auch versuchen. Gibt es da auch noch z.B. Marokko, das die Westsahara ähnlich notorisch und illegal besetzt? Ist jeder Bürger verantwortlich für die Untaten seiner Regierung? Oder gar: jemand mit deutschem Pass und Kippa auf - wieso?



    Wo auch ist die Grenze zwischen Unterstützung des Selbsterhalts und Unterstützung von Unterdrückung, Vertreibung, Tötung Dritter? Ist Völkerrecht so ernstgenommen, dass mensch auch den Internationalen Strafgerichtshof unterstützt?



    Solche Fragen.

    • Westlahn

      @Janix:

      Da stimmt vieles. Wir Deutschen sind wohl etwas zu sehr auf Israel fixiert. Im Nahen Osten geschehen grauenvolle Dinge. 70.000 Tote allein im Gaza sind keine Kleinigkeit.



      Aber nehmen wir ein 200-300.000 Tote im Sudan plus 14 Millionen Vertriebene entsprechend deutlich wahr? Nein.



      Nehmen wir den Konflikt in Äthiopien entsprechend wahr: Dort waren es vor ein paar Jahren mehrere Hunderttausend Tote im Bürgerkrieg im Nordosten. Ein Präsident Äthiopiens -Träger des Friedensnobelpreises - lässt das Militär massiv und rücksichtslos Gewalt anwenden. Jetzt geht es in der gleichen Region wieder los, wieder mit tausenden von Toten.



      In der Wahrnehmung der Medien hierzulande bestenfalls eine kurze Notiz. Wir haben da keine Korrespondenten. In Israel hat gefühlt jedes größere Blatt und jede nennenswerte Sendeanstalt eine Dependance, die von dort "den Nahen Osten" abbildet.

  • Agarack

    Ich finde diesen Artikel gut, richtig und wichtig, fürchte aber, dass er die Leute, für die Israel qua Geburt ein "Staatsprojekt mit rassistischem und kolonialistischem Charakter" (Linksjugend-Beschluss) ist, nicht erreichen kann, da diese weder willens noch in der Lage sind, ein solches Maß an Differenzierung überhaupt zuzulassen.

  • Oma

    Angenehm unaufgeregter Artikel.

  • Mtyp

    Andauernde Völkerrechtsverstöße seien „work in progress“. „So wie viele andere Länder auch“



    Das scheint mir dann doch zu relativierend.

    • Nicole Knosta

      @Mtyp:

      Ich denke Work in Progress ist richtig. Was der Artikel vielmehr leider nicht schafft, ist die richtige Balance zwischen den Errungenschaften durch Israel, die zweifelsohne genannt werden sollen, und dem Anerkennen der Völkerrechtsbrüchen und dem Genozid in Gaza zu finden. Während das eine gute Dinge sind, sind das andere so schrecklich grausame Seiten, dass es jeder sensible Mensch nur schwer schafft dies in seiner vollen Tragweite anzuerkennen, ohne sich zu Radikalisierung oder daran kaputt zu gehen...

      Es kann also plumb gesagt nicht die Pride Parade die unggestrafte gezielte Auslöschung des Palästinensischen Volkes wieder gutmachen.

      Wenn Israel sich hoffentlich irgendwann wieder auf dem Minimalkonsens des Völkerrechts bewegt, und dieses aktuelle dunkle Kapitel seiner eigenen geschickte (Siedlungsbau, Flächenbombardements, Qualvoll Verhungern als Kriegswaffe) dann bin ich aber die erste die wie die Autorin auch die Errungenschaften aus Israel hervorhebt, nur davor leider nicht...

    • dites-mois

      @Mtyp:

      Von Anbeginn an von Kräften umzingelt, die es auslöschen wollen, mit jeder nur erdenklichen Art von Terror und Krieg.„So wie viele andere Länder auch“.



      In diesem existentiellen Punkt unterscheidet sich die Situation Israels dann eben doch von der aller anderen Länder. Wie auch "Sabine" oben gut ausgeführt hat.

    • derzwerg

      @Mtyp:

      Sie ignorieren die wichtigen Errungenschaften in Medizin, Agrarwissenschaften oder Physik, tsts.

      • rero

        @derzwerg:

        Vor allem ignoriert er das Bekenntnis zur Fehlbarkeit, die die Autorin offen einräumt.