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Vetternwirtschaft bei der AfDEin mafiöses Patronagesystem

Gareth Joswig

Kommentar von

Gareth Joswig

Die AfD gibt sich als Partei der kleinen Leute – und handelt gegenteilig. Das ist eine Verhöhnung der eigenen Wählerschaft.

Scheint sich für keine Schweinerei zu schade zu sein: die AfD Foto: Kuhlmey/Pacific Press/picture alliance

E s müsste jetzt eigentlich auch AfD-Wählern dämmern, dass sie regelrecht für dumm verkauft werden. Aufgehetzt werden sie seit Jahren gegen eine vermeintlich korrupte Elite, die Steuergeld verschwende, sich den Staat zur Beute mache. Nur die AfD würde endlich für Ordnung sorgen.

Nun zeigt sich: AfD-Politiker klopfen täglich solche markigen Sprüche und stellen dann den Vater eines Parteifreundes auf Steuerzahlerkosten ein: für ein stattliches Gehalt von zeitweise gar 7.700 Euro. Sie inszenieren sich als Partei des kleinen Mannes und lassen zugleich die Partnerin für 6.000 Euro im Fraktionsbüro arbeiten. Oder bringen nicht nur drei Geschwister und einen Schwager unter, sondern gleich noch eine ganze Viererkette aus dem eigenen Fußballklub. Der verhasste Staat fungiert für die Rechtsextremen als Selbstbedienungsladen.

Da wird die Partnerin für 6.000 Euro im Fraktionsbüro angestellt

Wirklich überraschend dürfte das wohl nur für AfD-Wähler sein. Der ungarische Staatschef Viktor Orbán wird nicht von ungefähr immer wieder als Vorbild in der AfD benannt. Der schleift in seinem Land die Demokratie und hat sein Land zum korruptesten und einem der ärmsten der EU gemacht – während er selbst in einem riesigen Palast residiert. Der Vetternwirtschaftsskandal der AfD zeigt, dass man die Partei hier beim Wort nehmen darf, sie würde es an der Macht wohl ähnlich machen: Demokratie und Rechtsstaat schleifen und sich danach selbst bereichern.

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Da wird sogar die CSU blass vor Neid

Das Ausmaß von Fällen, die binnen kurzer Zeit bekannt geworden sind, dürfte sogar die CSU vor Neid erblassen lassen: Reihenweise Familienmitglieder drücken sich in Bundestagsbüros und Fraktionsgeschäftsstellen die Klinke in die Hand und sahnen auf Steuerzahlerkosten ab. Die niedersächsische EU-Parlamentarierin Anja Arndt schreibt in einem Brandbrief sogar davon, dass in ihrem Landesverband ein System existiere, nachdem Bundestagsabgeordnete 35 Prozent ihres Mitarbeiterbudgets für Parteiarbeit im landeseigenen AfD-Netzwerk reservieren mussten.

Das wäre Zweckentfremdung öffentlicher Gelder und damit möglicherweise strafbar. Allein in Niedersachsen könnte es um bis zu 1,45 Millionen Euro gehen. Während der dortige Landesvorstand dementiert, droht in Sachsen-Anhalt die nächste Runde in der internen Schlammschlacht um Vetternwirtschaft.

Schätzungen aus der Fraktion zufolge dürfte bis zur Hälfte der AfD-Bundestagsabgeordneten mitmachen bei etwas, das eher an ein Patronagesystem der Mafia erinnert als eine Rechtsstaatspartei. Wenn es nicht stumpf um Bereicherung der eigenen Familie geht, lautet der Deal: Geld gegen politischen Einfluss, also Listenplätze gegen Gratisanstellungen im Bundestagsbüro.

Ein AfD-Mitglied und MdB-Mitarbeiter sagte der taz diese Woche: „Das läuft so: Ich leite den Kreisverband XY und bringe acht Delegierte zum Parteitag mit, die dann für dich stimmen. Dafür möchte ich aber vier Jahre Gehalt.“ Und so bekommt das Selbstbild deutliche Risse, wohlgemerkt in einem Superwahljahr, in dem für die AfD jedes Prozent entscheidend sein könnte.

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Gareth Joswig
Redakteur Inland
Arbeitet seit 2016 als Reporter und Redakteur bei der taz. Zunächst in den Lokalredaktionen von Bremen und Berlin, seit 2021 auch im Inland und Parlamentsbüro. Davor Geschichts- und Soziologiestudium. Themenschwerpunkte: extreme Rechte, AfD, soziale Bewegungen, Mietenpolitik, dies, das, verschiedene Dinge.
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13 Kommentare

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  • Hoffen wir dass dies die blauen einige %-Punkte kostet. Ich stimme in sehr vielen Punkten dem Beitrag zu.

    Jedoch stört mich ungemein, dass bei nahezu jedem Artikel über diese blaue Plage einen Bezug oder einen „Sidekick“ zur einer der Unionsparteien beinhaltet. Deren Politik ist sicherlich streitbar, jedoch ist es schon (glücklicherweise) weit her geholt diese, wenn auch unterschwellig, auf eine Stufe zu stellen.

    Unser Land hat ernsthafte Herausforderungen zu bewältigen, da sollten erst einmal alle einigermaßen Vernünftigen zusammenhalten um die extremen in die Schranken zu weisen.

    Hinterher können wir uns dann um die jeweiligen Ansichten kümmern. Aber so lange sich die Parteien zwischen den extremen aufreiben wird das nur die Ränder stärken!

    Es werden schmerzhafte Reformen kommen müssen! Auch und gerade in den staatlichen Organen. Die sehr wohlhabenden die Beamten und der Mittelstand werden auch viele Lasten tragen müssen um die, die wenig haben zu unterstützen.

    Tax the ritch alleine wird es nicht richten. Genauso müssen wir auch an diejenigen ran, die könnten, aber nicht wollen.

    Nur wenn jeder motiviert seine Beitrag leistet wird/kann es gelingen da herauszufinden!

  • Da wird tatsächlich ein Fass aufgemacht, weil jemand 7.700 Euro im Monat bekommt für einen Job, den außerhalb des AfD -Umfeldes eh keiner haben wollte.



    Bei Cun-Ex geht es um dutzende Milliarden, die dem Volk gestohlen wurden.



    Da würde niemand zur Verantwortung gezogen. Stattdessen würde die einzige Staatsanwältin, die ernsthaft ermittelte, von einem grünen Justizminister aus dem Amt gemobbt.



    Das ist ein Skandal, und nicht die Stellenbesetzung bei der AfD.

  • Wie die agd (..) endlich für Ordnung sorgt (..).



    ==



    Aktionsplan der agd Sachsen Anhalt der Regierungsprogramm in Sachsen Anhalt werden soll:



    =



    ""9.0. Haushaltsklarheit per Gesetz – Ehrliche und transparente Budgets""--



    =



    Die AfD Sachsen-Anhalt wird ein Haushaltsklarheits- und -wahrheitsgesetz einbringen, das trickreiche Haushaltsführung unterbindet. (...)



    =



    Unser Gesetz schreibt vor, dass alle Einnahmen/Ausgaben vollständig/nachvollziehbar auszuweisen sind. Wir schaffen einen glasklaren, wahrheitsgetreuen Haushalt, der ehrlich finanziert ist und den Bürgern Rechenschaft über jeden Euro ablegt.



    =



    Damit ziehen wir verlässlich Haushaltsdisziplin ein und gewährleisten die Einhaltung der Schuldenbremse ohne Ausnahmen oder kreative Umwege.



    =



    Klartext:



    Die agd Propaganda -- trickreiche Haushaltsführung, kreative Umwege, transparente Budgets und ehrliche Finanzierung sind zumindest als Versuch des Anspruchs auf vorgeschobene Ehrlichkeit zu werten.



    =



    Noch nie etwas mit öffentlicher Haushaltsführung zu tun gehabt? -- darüber hinaus kollidiert eklatant selbst der verlogene Anspruch der agd mit der Wirklichkeit - nämlich den Staat als Selbstbedienungsladen umbauen zu wollen.

  • Schlimm diese Vetternwirtschaft bei der AfD. Schlimm dieser überall wuchernde Filz. In den Gremien diese Sitzeblockierer, z.B. drei Abgeordnete der CDU seit 1994 ununterbrochen im Bundestag. Dann noch diese Bildung von politischen Mikro-Dynastien. Die agnatisch, affinal oder anders verbandelten Seilschaften und Amigos. Die Harmonie zwischen Politik und Lobbyisten. Die familiäre Deutschland AG mit Fäden der Macht in ihren Händen. Die Verflechtungsstrukturen in den Medien.

    „Echte Demokraten“ regeln das lautlos unter sich. Schlimm, dass die AfD da noch auffällig werden kann. Vitamin B, also die Liebschaften in einem Feld komplementärer Interessen, kennt man aus herzigen Arztromanen als keusches Kopulationsbegehren. Wer da mit dem Finger auf lüsterne Oberärzte zeigt, zeigt mit drei von fünf nackten Fingern auf sich selbst und gefährdet die demokratische Romantik zwischen republikanischer Führung und republikanisch Geführten.

    Jenseits von Recht und Scheinheiligkeit: 2026 stehen fünf Wahlen an und nach jeder davon könnte eine Regierungsbildung ohne AfD schwierig werden. Das erklärt auch die Entrüstung über treulose Läuse, die ins Fell der anderen wandern.

  • Da nimmt eine Partei den Begriff "Familienbetrieb" mal ernst und dann ist es auch nicht recht.

  • Solange die einschlägigen Medien Springer, FAZ, Nius, RTL, RP etc. nicht mindestens den gleichen Shitstorm entfachen wie sie es bei dem Trauzeugen (das war nur EINER und der war fähig) bei dem GRÜNEN Habeck gemacht haben, solange wird sich die Wählerschaft der Faschos kaum über solche Skandale aufregen. Auch ein paar deutliche Worte aus der csdU und der sPD -permanent vorgetragen- wären nützlich.

  • Nicht nur das Gerede seitens der AfD über Korruption bei anderen Parteien, auch deren Äußerungen über Faulheit/Fleiß der arbeitenden oder arbeitslosen Leute dürfte sich doch völlig blamieren angesichts dieser Selbstbereicherung.



    Es sei denn natürlich, dass die AfD-Wählerschaft dies für irgendeinen aus ihrer Sicht "guten Zweck" dennoch bewusst hinnimmt.

  • Hoffentlich finden die verwirrten AfD Wähler jetzt wieder auf den Boden der Rechtsstaatlichkeit zurück.

  • Wahrscheinlich ist auch das den alternativen Wähler*innen egal. Hauptsache sie können es den Demokraten da oben mal so richtig zeigen.

    • @vieldenker:

      Ich denke, dass sie der AFD bzw. ihren Mitgliedern sehr vieles durchgehen lassen werden und würden:



      "Die da oben machen einen noch viel größeren Schaden.... Mrd. in Masken, Migranten, Rundfunk... bla... besser paar gute deutsche und die werden Illegal bezahlt als Linke und Ausländer..."

      Ich denke, dass wegen solchen Geschacher kaum einer sagen, dass er die AFD nicht mehr wählen wird.

  • Auch anderweitig sind sie gegen vieles, was den kleinen Leuten direkt oder indirekt zugutekommt. Gegen (Ausweitung) Mindestlohn, Bürgergeld, Tarifbindung, gegen Mehrbelastung der Reichen.

  • Die AfD ist eine ganz normale rechtsextreme Partei: Jeder ist sich selbst am nächsten und man greifft zu, solange die Partei noch nicht verboten ist - es wird ein Selbstbedienungsladen.



    Mich wundert es überhaupt nicht, denn die AfD ist in vielen Parteien extrem schwach, manchmal wissen die Parlamentarier nicht mal, wo sie ihr Auto parken sollen und verlassen fluchtartig einen Ausschuss.



    Dass solche Leute in ihrer gebalten Anfängermentalität nicht schlaue Leute einstellen, sondern die Familienmitglieder ihrer Kollegen und vice versa, zeigt ein Mal mehr, wie dämmlich das Führungspersonal dieser Partei ist.



    Ein anderer Teil der Mitarbeiter ist manchmal rechtsextrem so vorbelastet, das gleich sieben davon keinen Zutritt zum Bundestag hatten, beschäftigt wurden sie trotzdem.



    Das Verrückteste an dieser Vetternwirtschaft ist aber /wird aber sein: Es stört den Wähler der AfD gar nicht.



    In Hamburg hätten die Wähler jeden Grund, ihrer Partei abtrünig zu werden, schwache Anfrage, rechtsextremes Gehube ohne Substand, und die Abgeordneten schaffen es kaum in die richtigen Räume, aber siehe da, die Partei bleibt.



    Weil es deren Mitgliedern und Anhängern einfach egal ist, wie das da abläuft.

  • Was sind den das für Jobs bei denen man so viel Geld verdient?