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Fischsterben im Kleinen Jasmunder Bodden 2022 Foto: Stefan Sauer/dpa/picture alliance

Umweltschäden durch ÜberdüngungDein Billigbrötchen killt Fische in der Ostsee

In der Ostsee sterben immer wieder massenhaft Fische, weil verwesende Algen den Sauerstoff rauben. Ein Grund: Düngemittel aus der Landwirtschaft.

Aus Kiel und Dersau

Jost Maurin

T ausende tote Fische liegen auf dem feinen Sand des Ostseestrands von Rostock-Warnemünde. Silberne, weiße und bräunliche Fischkörper glänzen im Sonnenlicht mit leeren Augen und oft weit geöffneten Mäulern, als hätten sie nach Luft geschnappt. Das war Ende September. Ein ähnliches Bild hatte sich wenige Tage zuvor am schleswig-holsteinischen Timmendorfer Strand geboten.

Wenn Laboranten das Grundwasser in Deutschland untersuchen, zeigen die Messgeräte oft beunruhigende Zahlen an: Mehr als 50 Milligramm der Stickstoffverbindung Nitrat pro Liter können im Trinkwasser die Gesundheit gefährden. Aber fast 26 Prozent aller untersuchten deutschen Grundwassermessstellen des EU-Nitratmessnetzes überschritten laut Bundesregierung 2020 bis 2022 im Mittel diesen Schwellenwert. Dabei wird das meiste Trinkwasser in Deutschland aus Grundwasser gewonnen. Manche Wasserwerke können die Grenzwerte nur noch einhalten, indem sie belastetes Wasser mit unbelastetem mischen.

Sowohl das Fischsterben in der Ostsee als auch das verschmutzte Grundwasser haben gemeinsame Ursachen. Eine davon ist, dass die Landwirtschaft insgesamt mehr Dünger auf die Felder ausbringt, als die Pflanzen aufnehmen können. Ein Teil des Überschusses an Pflanzennährstoffen versickert ins Grundwasser oder gelangt über Flüsse ins Meer.

Die Politik ermöglicht die Überdüngung durch laxe Regeln, die CSU-Bundesagrarminister Alois Rainer sogar noch weiter schwächen will. Verantwortlich sind aber auch Verbraucher. Zumindest die, die Industriebrot, Fleisch und Lebensmittel aus konventioneller Landwirtschaft essen.

Mehrfach im Jahr fehlt der Sauerstoff

Helmke Hepach steht in der Bibliothek des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel. Die 41 Jahre alte Umweltwissenschaftlerin zeigt durch das Fenster auf die „Littorina“, ein 30 Meter langes Schiff am Kai des Flusses Schwentine, der hier in die Ostsee mündet. Von dem blau-weißen Forschungskutter aus ziehen Kollegen von Hepach einmal im Monat in der Eckernförder Bucht Wasserproben aus der Ostsee. Sie werden in den Geomar-Labors analysiert, die Ergebnisse landen dann auf dem Bildschirm der Wissenschaftlerin. Aus den Daten folgert sie: „Die Ostsee enthält zu viel Nitrat und Phosphat, unter anderem aus Düngern.“

Wegen der vielen Nährstoffe wüchsen auch Algen stärker, sagt Hepach. Falls es giftige Blaualgen sind, ist das ein unmittelbares Gesundheitsrisiko für Badegäste. Für die Natur ist vor allem problematisch, was passiert, wenn die Algen absterben. Denn dann sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser. Normalerweise können Fische einfach in andere Zonen des Meers schwimmen, wo genügend Sauerstoff vorhanden ist. Aber manchmal wirbeln Wind und Wellen alle Schichten durcheinander, sodass die Fische überall in Atemnot geraten. Das ist der Grund für das Fischsterben. Die Tiere ersticken und werden dann an Land gespült.

Hepach nennt es „Sauerstoffminimumereignis“, wenn der Sauerstoffgehalt so stark sinkt, dass Fische oder andere Meereslebewesen gefährdet sind. „Die Frequenz, mit der diese Sauerstoffminimumereignisse auftauchen, die wird auf jeden Fall deutlich größer. Wir können die jetzt eigentlich jährlich beobachten und teilweise sogar mehrfach im Jahr“, sagt sie.

Der Wissenschaftlerin fällt auch auf, wann die Fischsterben passieren. Früher seien sie im August und September aufgetreten, weil da durch die hohen Temperaturen im Sommer besonders viele Algen gewachsen seien. Gerade im Spätsommer und Herbst gelange dann sauerstoffarmes Wasser in Tiefen, wo Fische leben. „Mittlerweile nehmen wir das teilweise auch schon zum Beispiel im Frühsommer wahr. Das ist definitiv schlimmer geworden.“

Land­wirt­schafts­minister Alois Rainer Foto: Hannibal Hanschke/epa

80 Prozent des Stickstoffs aus Agrarbranche

Hepach hält jetzt eine weiße Scheibe mit 50 Zentimetern Durchmesser in der Hand, an der ein langes orangefarbenes Seil und an der Unterseite kleine Gewichte befestigt sind. „Diese Secchi-Scheibe schmeißt man ins Wasser und guckt, wie lange man sie sehen kann“, sagt die Wissenschaftlerin. Je tiefer und länger, desto weniger Algen und Plankton enthält das Wasser. Die Scheibe, erzählt Hepach, sei heutzutage zum Beispiel nur sechs bis sieben Meter sichtbar, früher seien es zehn bis zwölf Meter gewesen.

Zwar fließe inzwischen 40 Prozent weniger Nitrat und 50 Prozent weniger Phosphor als 1995 über Flüsse in die Ostsee. Das liege vor allem an modernen Kläranlagen und Maßnahmen gegen Überdüngung. „Aber das reicht nicht, um den Effekt des Klimawandels zu kompensieren. Deshalb müssen wir die Nährstoffeinträge in die Ostsee noch stärker reduzieren.“

Die Agrarbranche war 2016 bis 2018 für 80 Prozent des Stickstoffs und 45 Prozent des Phosphors verantwortlich, die in die deutsche Ostsee gelangten. Das steht im neusten Bericht des Bundesumweltministeriums über den Zustand des Meers. Deswegen müssten jetzt vor allem die Bauern handeln, sagt Hepach. Ähnlich stark ist der Beitrag der Bauern in der Nordsee, allerdings verdünnen sich die Nährstoffe dort schneller und können leichter in den Atlantik abfließen, zu dem die Ostsee nur schmale Zugänge hat.

Jochen Flessner ist Landwirt. Er steht gerade auf seinem Hof, kaum 40 Kilometer von Kiel entfernt in der Nähe des Plöner Sees. Flessner – Typ gemütlicher Bär, groß, Lockenkopf – zeigt nach rechts über leicht hügelige grüne Felder, die von Erdwällen mit Hecken begrenzt sind. „Da hinter dem Knick ist Kulisse“, sagt er. „Kulisse“, damit sind die besonders stark mit Nitrat belasteten Felder und Wiesen gemeint. Man nennt sie auch „Rote Gebiete“, weil sie mit dieser Farbe auf speziellen Karten markiert sind. Hier ist mehr Nitrat im Grundwasser als zulässig.

Weniger Protein im Weizen

Deswegen müssen hier Landwirte laut Düngeverordnung 20 Prozent weniger Stickstoffdünger benutzen, als die Pflanzen offiziell benötigen. „Das ist das, was uns schmerzt“, sagt Flessner. „Wir ernten irgendwas zwischen 10 und 15 Prozent weniger an Menge, weil wir 20 Prozent weniger gedüngt haben.“ Hinzu komme, dass der Weizen ungefähr ein Zehntel weniger Protein enthalte. Deshalb könne er ihn nicht mehr als Brotweizen, sondern nur noch als billigeren Futterweizen verkaufen.

Hier schließt sich der Kreis zum Brötchen der Verbraucher: Die hier angebauten Weizensorten haben einen hohen Proteingehalt, sodass der Teig etwas leichter zu verarbeiten ist und stärker aufgeht. Das ist vor allem für große Industriebäckereien wichtig, die ihre Knetung und Wasserzugabe nicht für jede Mehllieferung anpassen wollen.

Viele handwerkliche und Biobäcker dagegen stellen auch aus Weizen mit weniger Protein hervorragende Backwaren her. Bioweizen hat in der Regel weniger Eiweiß, weil Ökobauern nicht so viel düngen dürfen. Aber Flessner verkauft sein Getreide an Händler, die das nicht interessiert. Das Ergebnis: „Es sind zwischen 25.000 und 30.000 Euro bei meinem Anteil in der Kulisse, die ich jährlich weniger erlöse.“

Messpunkt eines Wasserverbands in Schleswig-Holstein Foto: imago

Das ärgert den Agrarunternehmer umso mehr, weil er die 20 Prozent weniger Dünger auch nicht als Vorteil für die Umwelt sieht. Im Wohnzimmer seines Hauses aus dem 19. Jahrhundert liegt ein DIN-A4-Ringbuch auf der weißen Tischdecke. „Düngeplanung“ steht auf der Titelseite. Für jedes Feld hat ihm ein Ingenieurbüro ausgerechnet, wie viel Nährstoffe seine Pflanzen brauchen und wie viel er düngen muss. Und nur diese Menge Dünger wolle er ausbringen, sagt Flessner. Es könne also kaum etwas in den Gewässern landen.

Unterschätzte Nährstoffmengen

In einer Zeile der Tabellen steht: „Abschlag Rotes Gebiet“ und dahinter die Menge Stickstoff, die er vom errechneten Bedarf abziehen muss. Am Ende müsse er den Pflanzen weniger Dünger geben, als sie bräuchten, argumentiert Jochen Flessner.

Diese Wahrnehmung macht viele Landwirte regelrecht wütend. Sie ist ein wesentlicher Grund für das Gefühl mancher Bauern, dass der Staat sie ungerecht behandele. Wenn er wieder nach Bedarf düngen würde, wäre es Flessner zufolge so: „Ich würde der Umwelt damit nicht schaden, aber meinem Portemonnaie nutzen.“

Doch renommierte Wissenschaftler halten die Bedarfsberechnungen für fehlerhaft. Die Düngeverordnung erlaube oft höhere Stickstoff- und Phosphormengen als für die Pflanzen nötig, sagt zum Beispiel der Kieler Agrarprofessor Friedhelm Taube, der seit Jahrzehnten zu dem Thema forscht. Er beruft sich auf mehrere experimentelle Studien, unter anderem seine eigenen. „Vor allem unterschätzen die Berechnungen gemäß Düngeverordnung massiv die Nährstoffmengen aus den Ernteresten der Pflanzen, die vorher auf dem Feld standen.“ Unter anderem deshalb ergäben sie, dass die Bauern mehr düngen als notwendig.

So könnte das auch bei der Kalkulation für eines von Flessners Feldern sein. In der Tabellenzeile „Vorfrucht/Nachlieferung aus Ernteresten“ steht: 0,00 Stickstoff und Phosphor. So als ob der Raps und der Weizen, die vor der Gerste auf dem Acker wuchsen, komplett inklusive Wurzeln und Stoppeln aus dem Boden gerissen worden wären. „Das ist unrealistisch“, urteilt Agrarprofessor Taube.

Druck des Bauernverbands nachgegeben

Die sogenannte Stoffstrombilanz hingegen, die Bauern wie Flessner bis vor Kurzem noch erstellen lassen mussten, kommt Taube zufolge der Wahrheit näher. Denn sie habe gezeigt, wie viel Stickstoff und Phosphor durch Dünger auf den Hof gekommen und wie viel in Form von Produkten abgeflossen sei. Die Differenz landet langfristig in der Umwelt.

Bundesagrarminister Rainer aber strich in einer seiner ersten Amtshandlungen im Juni 2025 die Pflicht, diese Bilanz zu berechnen. Damit gab der CSU-Politiker dem Druck des Bauernverbands nach. Dabei hätte man mit der Bilanz sehr einfach ermitteln können, welche Höfe wirklich zu viel düngen, sagt Friedhelm Taube. Das wollte der Verband offenbar verhindern.

Jochen Flessner weist das zurück. Die Landwirtschaftskammer, eine öffentlich-rechtliche Institution, überprüfe die Zahlen zum Düngebedarf mithilfe von Versuchen regelmäßig.

Taube aber gibt nicht viel auf diese Untersuchungen. „Sie erfassen zum Beispiel nicht, wie viel Nährstoffe tatsächlich von den Feldern ausgewaschen werden“, sagt der Wissenschaftler. Er habe in eigenen Versuchen diese Verlustmengen gemessen – bei Stickstoff hätten sie oft über den akzeptablen Werten gelegen.

Bund-Länder-Arbeitsgruppe statt wissenschaftlicher Studie

Die Agrarbehörden hätten die Regelungen mit dem Ziel formuliert, dass die Bauern möglichst viel düngen und ernten können, sagt Taube. Seiner Meinung nach wollten sie gar nicht Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie möglich vermeiden, obwohl das Düngegesetz das verlangt. Außer ihm und einem Kollegen habe niemand die Düngeverordnung „systematisch wissenschaftlich überprüft“.

Auf Anfrage der taz nannte das Bundeslandwirtschaftsministerium tatsächlich keine einzige wissenschaftliche Studie, die ausdrücklich die Bedarfswerte der Düngeverordnung kontrolliert hätte. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern habe die Zahlen festgelegt, schrieb das Ministerium.

Obwohl die Zahlen vom bauernfreundlichen Ministerium stammten, zweifelt Flessner an, dass die Landwirtschaft immer noch rund 70 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr mehr ausbringt, als sie durch pflanzliche oder tierische Produkte bindet. „Tja, das sind Statistiken, die ich nicht geführt habe“, sagt er, räumt allerdings ein, dass der Grundwasserkörper in seiner Region zu viel Nitrat habe.

Wenn er alles richtig macht, wer ist dann dafür verantwortlich? „Ich will jetzt nicht meinen Vater in die Pfanne hauen“, sagt Flessner, dessen Familie den Hof bereits in der vierten Generation bewirtschafte, und lacht. Aber er glaube sehr wohl, „dass wir vor 30 Jahren in Relation zu dem heutigen Wissen zu viel gedüngt haben.“ Das Nitrat aus der Zeit sei noch im Boden, es dauere Jahre, bis es im Grundwasser ankomme.

Doch auch hier widerspricht Agrarprofessor Taube: „Ein Nitrat-Ion, das in Dersau den Wurzelhorizont verlassen hat und über Entwässerungsrohre in die Flüsse gelangt, ist spätestens nach zwei Jahren in der Ostsee.“ Diese Geschwindigkeiten hätten Untersuchungen in Dänemark gezeigt, wo Böden und Klima sehr ähnlich wie im Schleswig-Holsteinischen Hügelland sind.

wochentaz

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Jochen Flessner muss nicht nur düngen, um seine Pflanzen zu ernähren. Hinter seinem Kuhstall liegt eine vier Meter tiefe Grube mit Betonwänden und 23 Meter Durchmesser, gefüllt mit der Gülle seiner Kühe. Damit sie nicht überläuft, müssen die Fäkalien regelmäßig als Dünger auf die Felder ausgebracht werden. Flessner, so sagt er, habe so wenig Vieh, dass er sogar Gülle vom Nachbar auf seinen Äckern ausbringen kann. Aber in Regionen mit sehr vielen Schweinen, etwa in Niedersachsen, sieht die Lage dramatisch aus.

Flessner räumt durchaus ein, dass die Landwirtschaft für die größten Stickstoff- und Phosphoreinträge in die Ostsee verantwortlich sei. „Das will ich nicht infrage stellen“, sagt der Bauer. Er weist auch Unterstellungen mancher Lautsprecher in der Agrarbranche zurück, die Kläranlagen und undichte Abwasserrohre als Hauptschuldige darstellen.

Stattdessen ergänzt er, es sei ja „nicht so, dass wir nichts tun“, um die Nährstoffeinträge zu senken. Zum Beispiel hat er, teils mithilfe staatlicher Zuschüsse, für 100.000 Euro neues Gerät gekauft, um sparsamer und damit umweltfreundlicher düngen zu können. In einer Halle seines Hofs stehen drei Traktoren mit Hinterreifen größer als ein Mensch. Sie lassen sich mit Satelliten so genau steuern, dass sie den ebenfalls GPS-überwachten Düngerstreuer nur dorthin ziehen, wo wirklich Nährstoffe ausgebracht werden sollen. „Da fährt man nicht aus Versehen irgendwo doppelt hin.“

Aber muss die Menge Dünger, die ins Meer fließt, nicht noch weiter gesenkt werden? „Wir arbeiten daran“, beteuert Flessner. Der Bauernverband Schleswig-Holstein, in dem er aktiv ist, habe sich bereit erklärt, in den Ostseebeiräten mitzuarbeiten. Das sind von der Landesregierung einberufene Gremien, in denen Vertreter etwa von Bauern-, Wasser- und Bodenverbänden in fünf Küstenregionen Pläne entwickeln sollen, damit die Landwirtschaft weniger Nährstoffe direkt oder indirekt in die Ostsee abgibt.

Bei Überdüngung bleibt der Staat passiv

Jochen Flessner findet die Beiräte auch gut, weil die nur freiwillige Schritte vereinbaren sollen. Die Zielvereinbarung der schleswig-holsteinischen Landesregierung mit den Bauernverbänden enthält zum Beispiel nur nichtobligatorische, zehn Meter breite Sicherheitsabstände von Äckern zu Gewässern. In diesen Pufferzonen soll nicht gedüngt werden. Gesetzlich vorgeschrieben sind in ebenem Gebiet in der Regel lediglich drei Meter.

„Es ist immer gut, wenn Landwirte sich in Ostseebeiräten um das Problem kümmern“, sagt Professor Taube. „Aber ansonsten ist diese Selbstverpflichtung nicht belastbar. Was passiert denn, wenn sie sie nicht einhalten? Gar nichts.“ Mecklenburg-Vorpommern etwa hat keine Ostseebeiräte. Besser wäre es nach Meinung Taubes, die Düngeverordnung so zu ändern, dass die Nährstoffbedarfe realistisch berechnet werden müssten. Oberstes Ziel solle sein, die Belastung der Umwelt zu reduzieren. Taube ist es wichtig zu betonen: „Engagierte Landwirte, die mitdenken, sind nicht das Problem, sondern das schätzungsweise eine Drittel der Betriebe, das man nur über Ordnungsrecht erreicht.“

Obwohl es die Roten Gebiete seit 2022 gibt, seien weder die Erträge noch die Qualitäten des Getreides eingebrochen, sagt Taube. Untersuchungen des Max Rubner-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, zeigen tatsächlich, dass beispielsweise 2025 die Winterweizenernte im Durchschnitt aller untersuchten Proben einen Rohproteingehalt von 12,2 Prozent hatte. Das reicht in der Regel als Backweizen. Das Bundesagrarministerium berichtete von überdurchschnittlichen Erträgen.

Doch die Politik scheint Taube im Moment nicht folgen zu wollen. Agrarminister Rainer hat sich bisher vor allem durch einen Schmusekurs mit dem Bauernverband hervorgetan, der Verschärfungen der Düngeverordnung stets ablehnt.

Effizientes Düngen im Gesetzentwurf nicht mehr vorgesehen

Sein Ministerium will einem Referentenentwurf zufolge sogar aus dem Düngegesetz das Ziel streichen, dass die Bauern effizient düngen und „Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie möglich zu vermeiden“ haben. Der Entwurf „gefährdet in seinem aktuellen Zustand die wichtigste Grundlage für die Wasserversorgung sowie für die Gesundheit der Bevölkerung: sauberes Grundwasser“, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe.

Und nachdem das Bundesverwaltungsgericht im Oktober die Roten Gebiete in Bayern unter anderem wegen für die Landwirtschaft irrelevanter Messstellen aufgehoben hatte, bestrafen alle Bundesländer bis auf Weiteres keine neuen Verstöße gegen die Düngeeinschränkungen.

Der Staat bleibt also passiv. Können wenigstens die Verbraucher durch ihre Kaufentscheidungen helfen, die Überdüngung, das Fischsterben und die Grundwasserverschmutzung zu reduzieren? „Vielleicht ist es besser, wenn wir alle mehr Bio kaufen und solche Sachen“, antwortet Umweltwissenschaftlerin Helmke Hepach. „Da kann man auch von der Konsumentenseite ein bisschen mitsteuern.“ Also besser ein Brötchen vom Biobäcker kaufen als aus der konventionellen Backfabrik.

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78 Kommentare

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  • Danke für den informativen Artikel! Ich finde es gut, wie die Perspektive der Landwirte mit gehört wird.



    Ein Vorschlag: vielleicht ein Artikel über die Backindustrie und was die machen/nicht machen, um mit umweltfreundlicher hergestellten Rohwaren auch im industriellen Maßstab umgehen zu können (variabler Proteingehalt etc., es gibt ja auch Bio-Aufbackbrötchen bei Lidl z.B.). Scheint mir ein wichtiger Akteur zu sein.

  • Ich würde mal behaupten, dass die meisten Bäckereien mit Fertigbackmischungen arbeiten. Würden die die Teige selber machen, dann würden sie das zeitlich überhaupt nicht schaffen. Dann dürften die nur wenige Sorten im Angebot haben. Es gibt solche Bäcker, aber ich glaube die kann man an einer Hand abzählen. Da ist vermutlich sogar die industrieware besser, weil die riesen Mengen kaufen, und die Zusammensetzung dann exakt abstimmen können.

    • @Horst Sörens:

      Sicher ist die industrielle Produktion effizienter und verlässlicher, hat dafür aber auch eine viel engere „Qualitätstoleranz“ bei den benötigten Vorprodukten, braucht oftmals zusätzliche „Prozessstabilisatoren“ und produziert prinzipiell eher über den Bedarf, um immer lieferfähig zu bleiben. Wir haben uns an einen sehr hohen permanent verfügbaren Versorgungsgrad zu unschlagbar günstigen Preisen gewöhnt und wundern uns nun gerade über die lange externalisierten Kosten des Systems. Das gilt für Bauern, Produzenten, Händler und Verbraucher gleichermaßen. Irgendwer meckert halt immer, wenn mal einer die Vollkosten addiert.

  • Umgerechnet vom Getreidepreis den ein Landwirt erhält, macht das bei Konventioneller Erzeugung 2,5 Cent je Semmel aus, bei Bio wird das 100 % höher sein, also sind wir bei 5 Cent je Semmel.



    WARUM sind jetzt die Landwirte schuld das Bio Semmel ein Luxusprodukt sind ??

    • @Günter Witte:

      Nach aktuellen Preisen müssten Ihre Semmeln über 100 Gramm wiegen, Wassergehalt noch nicht mitgerechnet. :-)

      • @Jörg Schubert:

        Und wie der kleine Nachbarjunge treffend inne Köök zu meiner Großmutter sagte:



        “Frau K..ein Semmel - sind zwei“

      • @Jörg Schubert:

        Ja, Entschuldigung, die Preise waren nicht die aktuellsten, was aber die Rechnung zu Ungunsten der Landwirte nochmals verschlechtert. Mir ging es aber darum das der Kostenanteil von Getreide in einer Semmel so marginal ist das es sc..... egal ist ob das Getreide Bio oder Konventionell ist.

    • @Günter Witte:

      An welcher Stelle im Artikel kann man dann erkennen, dass die Landwirte Schuld haben?

  • Naja, "unser" Billigbrötchen ist es eher nicht. Wie auch die vergangene Berichterstattung z.B. zum Fischsterben in der Oder gezeigt hat, muss man wohl mehr Richtung Osten schauen...

  • Wenn trotz einer Halbierung des Nährstoffeintrags seit 1995 die lage wegen dem Klimawandel schlimmer ist als 1995, dann liegt es primär am Klimawandel und nicht am Nährstoffeintrag. Der ganze Aufhänger des Artikels ist damit unsachlich.

  • Ich erinnere mich noch daran, dass ich in den Achtzigern auf Sportwagen häufiger einen Aufkleber mit dem Spruch "Eure Armut kotzt mich an" gesehen habe.

    Der Titel dieses Artikels verströmt einen ähnlichen Vibe.

  • Das Handwerk stirbt aus, weil es gegen die Konkurrenz aus industriell in Polen oder China hergestellten Teiglingen nicht ankommt. Nachdem in meinem Kiez Melzer keine Nachfolge fand und die Filiale schloss, gibt es keinen Bäcker mehr, der traditionell Backwaren herstellt, sondern nur "Aufbäcker".



    Das diese Gesellschaft in Form ihrer Wahlentscheidungen Umweltschutz und Klimaschutz verweigert, spült solche Ewiggestrigen, wie den Bundeslandwirtschaftsminister in Entscheider-Positionen. Weder Tierwohl, noch nachhaltige Bewirtschaftung und Herstellung von Lebensmitteln steht im Vordergrund, sondern nur noch die vollen Taschen der Agrar-Lobby, vorzugsweise gefüllt von Deutschen und Europäischen Steuerzahlern. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Nitrat? Gülle ohne Ende? Uninteressant.

    • @Hatespeech_is_not_an_opinion:

      Ich würde meinen, dass die ehemaligen Bäcker die Sache selber verschuldet haben. Die haben versucht einen preislich und vom Umfang des Angebotes her mit dem Supermarkt und großen Ketten mitzuhalten. Dadurch waren sie gezwungen, fertigmischungen zu kaufen. Für mich als Verbraucher gab es dann geschmacklich überhaupt keinen Unterschied mehr zwischen dem billigen und dem teuren Produkt. Einige Bäcker haben es schlau gemacht und sich auf die neue Situation eingestellt, das Angebot reduziert, und hervorragende Backwaren erzeugt. Vor diesen Geschäften sieht man riesige Schlangen.

    • @Hatespeech_is_not_an_opinion:

      Es gibt in D keine chinesischen Teiglinge (und sehr warscheinlich auch keine polnischen). Der Teigling selbst kostet in der Herstellung in D nur einen niedrigen einstelligen Centbetrag (teuer sind die Energie- und Personalkosten beim Backen). Der gekühlte Transport aus China kostet ein vielfaches und die durchgehende Kühlung kann keiner kontrollieren. Bitte nicht dieses Märchen multiplizieren.

      • @Samvim:

        Mindestens ein Discounter bezieht seine Rohlinge aus Polen.

      • @Samvim:

        Z.b inter europol aus der Nähe von Warschau liefert riesige Mengen an aufbackware für "Bäckereien" und Supermärkte

      • @Samvim:

        Ich würde mal behaupten, dass 80 % der Teiglinge aus Polen bekommen. Eine riesen Fabrik wurde von einem deutschen Bäcker dort aufgebaut. Und das nicht wegen der personalkosten sondern wegen eines der Wirtschaft gegenüber freundlicheren Umfeldes

  • Also die armen Haushalte, die sich Bio-Essen nicht leisten können gehören jetzt zu den Hauptschuldigen der Umweltprobleme.



    Das ist nicht nur eine analytische Bankrotterklärung, sondern auch ein Angriff auf die potentielle Wirksamkeit, die die Umweltbewegung in Zeiten von 'Zeitenwende', also dem Doppelpack aus Militarisierung und Rechtsdrift, noch entfalten könnte.



    Soziale Ungleichheit gehört zu den Treibern von Klima- und Umweltkatastrophe, in einer solchen Konstellation dann noch victim-blaming zu betreiben ist nicht nur eine Verhöhnung finanziell diskriminierter Menschen, sondern zugleich einer der Faktoren, die den Rechtsdrift weiter befördern.



    Die Umwelt/Klima-bewegung sollte sich mit den Ausgegrenzten solidarisieren, statt sie fälschlich an den Pranger zu stellen.

    • @Anne in Pink:

      Ich habe diese Aussage im Artikel nicht gefunden. Es wurde dagegen die Backindustrie kritisiert, die auf einheitlich hohem Proteingehalt besteht. Einheitliche, Skalierbare Prozesse wären ja wohl auch mit weniger Protein möglich. Smarte, flexible Prozesse, die mit variablem proteingehalt umgehen können, sind auch denkbar. Billig mit armenfreundlich gleichzusetzen, schützt nur die Industrie davor, ihren Teil beizutragen. Lasst uns gemeinsam gegen die kämpfen, die uns vor vollendete Tatsachen stellen und uns dann mit höheren Preisen bedrohen, sollten sie was ändern müssen. Dann sollen die Milliardär-Eigentümer von Lidl und Aldi halt auf ein bisschen Gewinn verzichten.

    • @Anne in Pink:

      Lebensmittel sind heutzutage relativ gesehen viel günstiger als vor 50 Jahren. Nur meint heute jeder transferleistungsempfänger, dass er einen Anspruch hätte, jedes Jahr in den Urlaub zu fliegen

      • @Horst Sörens:

        Und mancher Horst hetzt sogar gegen sozial Schwächere

  • Ob die Erben der heutigen Bauern dann auch so locker in ein paar Jahren über die „Unwissenheiten“ der aktuellen Düngerstreuer schmunzeln werden? Man darf gespannt sein.

    • @vieldenker:

      Im Wassereinzugsgebiet der Ostsee sind in der Landwirtschaft schon heute die "Bauern" in der absoluten Minderheit - Tendenz weiter schnell fallend. In der Erbengeneration werden es nochmal erheblich weniger sein.



      Und die Anteilseigner der Betreibergesellschaften von Ex-LPGen und sonstigen Großbetrieben mit Sitz irgendwo in der Welt (Niederlande, Polen, Schweiz, Australien, ...) können schon heute über die Ertragsnebeneffekte des nahezu halbierten Nährstoffeintrags nicht mehr schmunzeln.

  • Die Überschrift suggeriert, das ökologische Desaster sei eine Frage individueller Kaufentscheidungen. Als würde der durchschnittliche Verbraucher aus Ignoranz oder Bosheit zu Billigware greifen und nicht aus ökonomischem Zwang.

    Niemand kauft Billigware aus Freude an Umweltzerstörung. Menschen kaufen dort ein, weil Mieten explodieren, Löhne stagnieren und politische Rahmenbedingungen seit Jahrzehnten systematisch große Agrar- und Lebensmittelkonzerne begünstigen.

    Die Verantwortung für Nitratbelastung, Überdüngung und industrielle Massentierhaltung liegt nicht beim Käufer eines Brötchens, sondern bei milliardenschweren Konzernen und einer Agrarpolitik, die genau dieses System ermöglicht, subventioniert und absichert.

    Wer den „kleinen Mann“ moralisch belehrt, statt Machtstrukturen zu benennen, betreibt keine Aufklärung, sondern Schuldverschiebung nach unten. Das ist bequem und zutiefst arrogant.

    Umweltzerstörung ist kein Konsumproblem, sondern ein politisches und wirtschaftliches. Wer das ausblendet, hilft nicht den Fischen, sondern denen, die seit Jahrzehnten an diesem System verdienen.

  • Die Überschrift suggeriert, das ökologische Desaster sei eine Frage individueller Kaufentscheidungen. Als würde der durchschnittliche Verbraucher aus Ignoranz oder Bosheit zu Billigware greifen und nicht aus ökonomischem Zwang.

    Niemand kauft Billigware aus Freude an Umweltzerstörung. Menschen kaufen dort ein, weil Mieten explodieren, Löhne stagnieren und politische Rahmenbedingungen seit Jahrzehnten systematisch große Agrar- und Lebensmittelkonzerne begünstigen.

    Die Verantwortung für Nitratbelastung, Überdüngung und industrielle Massentierhaltung liegt nicht beim Käufer eines Brötchens, sondern bei milliardenschweren Konzernen und einer Agrarpolitik, die genau dieses System ermöglicht, subventioniert und absichert.

    Wer den „kleinen Mann“ moralisch belehrt, statt Machtstrukturen zu benennen, betreibt keine Aufklärung, sondern Schuldverschiebung nach unten. Das ist bequem und zutiefst arrogant.

    Umweltzerstörung ist kein Konsumproblem, sondern ein politisches und wirtschaftliches. Wer das ausblendet, hilft nicht den Fischen, sondern denen, die seit Jahrzehnten an diesem System verdienen.

    • @Jan T:

      Und das hindert den Konsumenten wie genau an veganer Ernährung? Echt das Geld? Wenn ich mir für 5€ nen vollwertigen Salat zubereiten kann, während ein McDonalds-Menü schon das doppelte kostet? Oder ein simples Fischbrötchen 3-4€, und ich habe immernoch Hunger?

      Wenn ich mir die Mittelschicht zunächst angucke, die wie Preisfüchse das Billigste vom Billigsten nehmen, weil es ja ein Angebot oder ein Schnäppchen war, gehe ich davon aus, dass Geld weniger eine Rolle spielt, sondern weil der Mensch sich über dem Tier erhaben fühlen will. Er will boshaft sein. In den USA und besonders in China gilt, je qualvoller das Tier gelitten habe, desto besser schmecke das Fleisch. Und wenn einmal mehr Geld übrig ist, wird die arme Schicht nicht zwangsweise vegan essen, sondern nimmt das teurere Fleisch.

      Natürlich finde ich es besser, wenn veganer Alternativen billiger sind, aber der Konsument will auch Billigfleisch, völlig unabhängig vom sozialen Status.

    • @Jan T:

      top

  • Insgesamt ein ausgewogener Artikel, der verschiedene Perspektiven darstellt. Danke dafür!



    Einige Aspekte bleiben m.E. nach allerdings unterbeleuchtet:



    - Deutschland hat einen eher geringeren Anteil an Stickstoffemissionen in die Ostsee. Stickstoffemissionen kommen nicht nur durch Grundwasser, sondern auch durch Flusswasser zustande, d.h. auch entfernter liegende Emittenten verschmutzen die Ostsee (oder alternativ halt das schwarze Meer...)



    - Bio-Landwirtschaft bedeutet nicht weniger Stickstoffemissionen (!) Das kann man nicht genug herausstellen - Bio kann sogar höhere Stickstoffemissionen verursachen. Organischer Dünger setzt Stickstoff nicht zielgerichtet frei, sondern wetterabhängig. D.h. nicht immer kann 100% des freigesetzten Stickstoffs von den Pflanzen aufgenommen werden.



    - Nachfrage nach Weizen mit hohem Proteinanteil: hier greift der Marktmechanismus. Die Vorstellung, man könne in einem globalen Markt durch die Verknappung des Angebots in Deutschland (oder der EU) die Nachfrage verändern ist etwas naiv. Solange proteinreicher Weizen aus D oder EU nicht verfügbar ist, wird er importiert. Und zwar gerne aus Nicht-EU-Ländern (die auch zu den Verschmutzern der Ostsee gehören)

    • @Ringsle:

      "Bio-Landwirtschaft bedeutet nicht weniger Stickstoffemissionen (!)"

      DOCH! Im Mittel rund 50% weniger!

      Biolandwirtschaft maximale Menge Gülle: 110 kg N/ha/Jahr



      Konventionelle Landwirtschaft: 170 kg N/ha/Jahr .

      Das führt zu einem durchaus erwartbaren Endergebnis.

      • @sociajizzm:

        Sie sprechen von Ausbringungsmengen, ich sprach von Emissionen ins Grundwasser.



        Es spielt auch keine Rolle, ob Bio oder Nicht Bio, wenn es um Gülle geht. Es geht um organischen Dünger vs. "Kunstdünger". Und in Bio ist halt nur organischer Dünger zugelassen.

      • @sociajizzm:

        Weder sind 110 die Hälfte von 170 noch ist Gülle der einzige im Bio-Landbau zugelassene Dünger...

  • Die Moral endet am Regal, oder am Geldbeutel



    Und nun erklären Sie bitte einem Niedriglohnempfänger, wie er/sie Bioware und nachhaltige Erzeugung oder Zucht bezahlen soll. Man sollte niemandem Vorwürfe machen, der sich Nachhaltigkeit gar nicht leisten kann. Insofern ist die Überschrift "Dein Billigbrötchen killt Fische in der Ostsee" zwar faktisch richtig, zeigt aber keine JETZT und HIER machbare Alternative auf.

    • Jost Maurin , Autor des Artikels, Redakteur für Wirtschaft und Umwelt

      @Hans Dampf:

      Die meisten Menschen in Deutschland sind keine Niedriglohnempfänger. Viele könnten durchaus mehr für Lebensmittel ausgeben, wenn sie denn wollten. Allzuoft werden die Armen vorgeschoben, um zum Schluss zu kommen, nichts zu tun.

      • @Jost Maurin:

        Ich grüße mal aus einer Region in der 48% der Arbeitnehmer Mindestlohnempfänger sind. Bei uns hat die AfD eine absolute Mehrheit und die Grünen liegen bei unter 2%. Wie das bloß kommt? Über eine Erhöhung des Brotpreises zu fabulieren ist so dermaßen empathiebefreit. Wirklich ganz gruselig besonders für vorgebliche Linke.

      • @Jost Maurin:

        Das Problem liegt trotzdem bei den omnipräsenten Lebensmittelkonzernen und des politischen Unwillens, deren tatsächliche Macht zu beschränken.



        Da können WIR gemeinsam etwas m a c h e n und nicht nur KleinFritzchen am BrötchenRegal. (Punkt)

      • @Jost Maurin:

        Das kommt darauf an wie man "Niedriglohn" definiert. Wenn man sich nicht nur an Mindestlohngrenzen brutto orientiert, sondern daran, wer netto und nach Abzug der wesentlichen Fixkosten wie Miete, Heizkosten, Kleidung, wichtigste Versicherungen usw. an der Armutsgrenze herumkrebst betrifft es viele: Neben Geringverdienern auch Alleinerziehende, Bürgergeldempfänger, der Großteil der Rentner (zumindest die, die nicht eine zusätzliche Betriebsrente beziehen) uvm. Das geht sogar bis weit in den Mittelstand hinein. Nicht jeder zählt Leute mit einem Jahreseinkommen von einer Million Euro zum Mittelstand, so wie Merz das tut.

      • @Jost Maurin:

        Mal doof gefragt: Was ist schwerer eine Kilo Phosphor in der Biolandwirschaft oder eine Kilo Phosphor in der traditionellen Landwirtschaft, bzw. entsprechend ein Kilo Weizen hier oder dort.

        Der Phosphoranteil im Weizen dürfte immer der Gleiche sein. Also auch theoretisch der Phosphorbedarf Kilo Weizen.

        Es könnte sogar sein, dass der Phosphorbedarf in der Biolandwirschaft wegen den geringeren Erträgen (der Phosphor geht vermehrt in andere Pflanzenteile) sogar leicht höher ist.

        Für die Ostsee dürfte es also wumpe sein, ob man Billigbrötchen ist. Da ist das Thema Artenschutz in der Landwirtschaft mehr ein Thema. Aber das ist ein anderen Thema

      • @Jost Maurin:

        Vor zwei Jahren hätten ca. 10 Millionen Arbeitnehmer von einer Erhöhung auf15 Euro Stundenlohn profitiert. Das waren ca 25 Prozent aller Arbeitnehmer. Dazu kommen noch die Kinder. Dazu kommen noch Millionen,welche Bürgergeod oder sozialhilfe bekommen.dazu Millionen Rentner die auch nicht im Überfluss Leben. Es mögen nicht die meisten sein,aber es sind sicherlich nicht wenige,welche wirklich auf das Geld achten müssen.



        Aber Sie haben Recht,die meisten könnten wirklich mehr tun.

        Wie ist das eigentlich mit Ihnen, tuen Sie genug?

    • @Hans Dampf:

      > JETZT und HIER machbare Alternative

      Als Bewohner der Ostseeregion und damit betroffene Person wäre die einzig sinnvolle Lösung ein Nationalpark Ostsee, Dieser wurde allerdings von Lobbyisten der Agrar- und Tourismusindustrie massiv bekämpft.

      • @Grenzgänger:

        Vollkommen richtig. Leider mit der CDU und SH nicht zu machen.

        • @Hatespeech_is_not_an_opinion:

          Das ist echt billig , abladen auf die Union. Schließlich ist sie nicht alleine, sondern ihr Partner ist eine der hier viel geliebten und wenig kritisierten Parteien. In Mecklenburg Vorpommern ist es nicht anders. Die respektierte SPD mit der Partei die hier im Forum noch mehr gefeierten Partei. Der einzige Ausweg aus dieser Misere wäre Bioprodukte zum konventionellen Preis. Und eigentlich fordert der Autor genau das. Nicht umsonst versucht er Neid und Missgunst zu wecken, indem er auf die großen Traktoren hinweist. Aber die sind kein Luxus sondern Werkzeug. Das verstehen nur wenige.

  • Ich finde den Bericht sehr gut strukturiert alle Seiten beleuchtet und detailreich. Der Schlusssatz ärgert mich aber denn er impliziert, als ob es lediglich eine Entscheidung der eigenen Haltung wäre, wird man ein Bio Brötchen kauft oder nicht und ignoriert die Lebensrealität Millionen von Menschen, die einfach das Bio Brötchen sich nicht leisten können. Ein normales Brötchen kostet schon 20-0,25 € bei einem Bio Brötchen. Je nach Sorte ist man mit einem Euro gut dabei. Auch wenn man sie gerne bei allen Forderungen an Verbraucher und reflektiertes Kaufverhalten ausblendet: es gibt sie, die Menschen, die sich kaum ein normales Brötchen leisten können und auch kein Frisch Brot, sondern regelmäßig zur instruiere hergestellt und greifen müssen. Bürgergeld, Empfänger und deren Kinder, Millionen Rentner, allein erziehende, geflüchtete Menschen und Menschen im Niedriglohnsektor.

    Es sollte ein Anbetracht der ökonomischen Realität all dieser Menschen bitte nicht so ignorant und leicht die Forderung über die Lippen kommen, dass man halt mehr Bio kaufen soll. Das Problem ist strukturell und politisch, es ist vor allem ein Problem des Kapitalismus u. der Gier: wir müssen weniger konsumieren!

    • @Edda:

      Guter Kommentar, kleine Ergänzung.

      Aktuelle Preise aus einer norddeutschen Großsstadt:

      Ein Weizenbrötchen, aufgebacken, Supermarkt: 0,29€



      Ein Dinkelbrötchen, aufgebacken, "Bäcker": 0,95€



      Ein Dinkebrötchen, Demeter-Bio, vor Ort gebacken: 0,95€



      8 Weizenbrötchen zum selber aufbacken, Supermarkt: 1,69€



      4 Vollkornbrötchen zum selber aufbacken, Bio, Supermarkt: 1,79€

      Diese Preise haben sich seit 2020 in etwa VERDOPPELT, während die durchschnittlichen Reallöhne im gleichen Zeitraum inflationsbereinigt nicht mal um 1% gestiegen sind.

      Die Überschrift "Dein Billigbrötchen" mutet an wie feinste neokonservative Propaganda, schade.

      Treffender wäre "Eure Untätigkeit, liebe Politiker:innen, …" gewesen.

      NATÜRLICH kaufen die Leute die günstigsten Produkte, gerade wenn seit Corona und Ukraine-Überfall alles deutlich teurer geworden ist.

      Ärmere Menschen können sich Brötchen halt gar nicht mehr leisten, ob Bio oder nicht. Und auch diejenigen, die relativ gut verdienen, sparen natürlich ihr Geld lieber, als absurde Summen auszugeben. Frage: wo bleibt das Geld? Vielleicht doch bei den Kapitalist:innen?

      Der Artikel bietet eine lesenswerte Analyse, warum diese absurde Überschrift?

    • @Edda:

      Es gibt sie tatsächlich, die Menschen, die sich kein Bio leisten können in Deutschland. Aber keinesfalls sind es Millionen, wie Sie schreiben. Am Ende ist es bei der übergroßen Mehrheit der Menschen eine Frage der Prioritäten. Und die fällt eben meist gegen Bio und für konventionelle Erzeugnisse aus.

  • Ja und mein Billig Lohn und Horror Miete verhindern leider das ich mir einen Bäcker leisten kann. Ich darf daher von Knäckebrot und Discounter Brot leben.

    Ich könnte natürlich auch den Autoren zu liebe nichts essen.

    • @Welt Bürger:

      Oder eine Fortbildung machen, sich woanders bewerben, oderoderoder. Es ist ja nicht in Stein gemeißelt, dass man ein Leben lang im Niedriglohnsektor bleiben muss. Und bevor jetzt wieder hundert Gründe kommen, warum es nicht geht: Alleinerziehend, vier Kinder, Selbstständig. Es geht alles. Außer jammern.

      • @ToMuch:

        Genau, Elon Musk hats auch von ganz unten geschafft. Gürtel enger! Lächeln! /s

  • Jeder der sich schon mal mehr als fünf Minuten mit dem Thema Nitrat befasst hat weis wie bewusst Manipulativ die Ergebnisse nach den EU-Messnetz sind. Deutschland musste erst durch ein Klageverfahren der EU dazu gezwungen werden von damals 160 Messtellen diese auf 700 auszuweiten, was immer noch keine 25 % des EU-Durchschnitt sind, wodurch sich der Anteil der Messtellen mit erhöhten Nitrat fast halbiert hat. Immer noch wird nur ausschließlich nur auf Landwirtschaftlichen Flächen gemessen, welche Überraschung das nur auf Landwirtschaftlichen Flächen dann auch was gefunden wird ! So gibt es in Deutschland das Wasserrahmenrichtlinienmessnetz mit 7300 Messtellen, flächendeckend über das ganze Bundesgebiet, dieses wird bewusst nicht herangezogen damit nicht andere Quellen von Nitrat Eintragungen wie marode Kanalnetze, Kläranlagen, Industrie, Verkehr hier erscheinen.



    Was Düngung betrifft wurden früher sicherlich Fehler von Seiten der Landwirte gemacht, nur ist es einfach nur unredlich von Staatlichen Stellen jetzt alle anderen Verursacher auszublenden und nur die Landwirte als Haupttäter zu brandmarken !!

  • Wir sehen hier im Artikel das klassische linksliberale Problem im Journalismus: aus der gefühlten Ohnmacht des Autors wird eine Konsumentenverantwortung propagiert. Die Leser werden nur als Verbraucher angesprochen, das dafür dann aber ausdrücklich.



    Eigentlich sollte sich eine dezidiert linke Zeitung wie die taz aber bewusst sein, dass nicht jeder Verbraucher die finanziellen Ressourcen hat, hochpreisige Feel-Good-Alternativen zu kaufen, wie dies auch von anderen Kommentatoren bereits beschrieben wurde.



    Zudem obliegt der Autor hier dem Fehler, zu denken, dass jeder Konsument seinen Artikel beherzigt oder gar kennt. Das veränderte Konsumverhalten der taz Leserschaft wird die Landwirtschaft, insbesondere das Problem der Überdüngung nicht verändern. Gleichzeitig wird im Artikel die Verantwortung als Wähler*in vollkommen verschwiegen. Die eigene Wahlentscheidung zu reflektieren und Anzupassen ist finanziell deutlich günstiger als sich nur noch Bio zu ernähren, hat aber vergleichsweise große Auswirkungen auf Klima und Umwelt. Auch das Sichtbarwerden im politischen Raum (z.B. durch einen Brief an den Minister oder Abgeordnete) bewegt mehr als die Kaufempfehlung des Autor hier .

    • Jost Maurin , Autor des Artikels, Redakteur für Wirtschaft und Umwelt

      @Erik Butter:

      Der Artikel thematisiert die politischen Handlungsmöglichkeiten ausführlich (Düngeveordnung etc.). Aber es ist nun mal Fakt, dass auch die "Billigbrötchen" verantwortlich sind. Darauf hinzuweisen, schließt nicht aus, andere Rahmenbedingungen von der Politik zu fordern.

      • @Jost Maurin:

        Ich möchte nicht stänkern - definitiv empfinde ich den Begriff "linker Journalismus" als Beleidigung - jedoch ist das Thema (Verantwortungsketten) durchaus komplexer. D. h. die 'Angebotsseite' kommt im Artikel zu kurz - was tut der Zweig "Erzeugung und Verarbeitung" für die Umwelt.

      • @Jost Maurin:

        Das die politischen Handlungsmöglichkeiten ausführlich thematisiert wurden kann ich nicht erkennen. Der politische Aspekt, dass es an der Ostsee noch diverse Anrainerstaaten gibt mit oftmals einem Vielfachen an Einleitungen in die Ostsee wird gar nicht thematisiert.

        Da zwischenstaatliche Lösungen zu finden ist der größte politische Hebel. Über Deutschland alleine mit seinem Anteil unter 5% wird man die Ostsee nicht weniger nährstoffreich bekommen.

        Auch die politische Handlungsmöglichkeiten beim Thema Abwasser (mit hauptverantwortlich bei Phosphoreinträgen) in Deutschland werden garnicht angesprochen

      • @Jost Maurin:

        Da steht aber nicht, dass "auch die Billigbrötchen" mit verantwortlich sind, das steht explizit "DEIN Billiogbrötchen killt die Fische in der Ostseee". Wenn ihr wirklich differenziert daraufhinweisen wollt, wo und was in der Nahrungsmittelproduktion alles falsch läuft, wozu dann so eine plumpe Headline?



        Niemand zweifelt daran, dass gerade bei Massenprodukten nicht nach ökologisch nachhaltigen Standards gearbeitet wird. Aber hier wird ausdrücklich der Konsument von billgen Nahrungsmittelmitteln als Verursacher adressiert. Die meisten Menschen, die billige Brötchen im Supermarkt kaufen, machen das, weil sie sich Grundnahrungsmittel vom Bäcker oder aus dem Bioladen nicht leisten können. Und wenn ich jeden Cent umdrehen muss und keine Wahl habe, dann ließt sich so eine Headline schlicht und ergreifend überheblich.

        • @Deep South:

          Ich kaufe nur handwerklich hergestelltes Brot. Davon gibt es leider nur sehr wenig im dem Supermarkt, in dem ich Einkaufe. Bleibt noch als weitere Einkaufsquelle der Wochenmarkt mit drei Biobäckern zwei Mal pro Woche. Da habe ich mich heute Brot gekauft.



          Wenn ich in Einkaufskörbe der Menschen sehe, die billige Brötchen im Supermarkt kaufen, sehen die in der Regel nicht nach Geldmangel aus...



          Die wirklich armen Leute sind nicht das Problem, sondern die vielen, die sich vernünftige Nahrungsmittel leisten können, es aber nicht tun.

  • "Die Agrarbranche war 2016 bis 2018 für 80 Prozent des Stickstoffs und 45 Prozent des Phosphors verantwortlich, die in die deutsche Ostsee gelangten. "

    Bei einem Anteil von 45% beim Phosphor sollte schon deutlicher die hohe Belastung durch kommunale Abwässer herausgestellt werden. Weitere 45 % der Phosphoreinträge stammten aus der Abwasserwirtschaft.

    Da ist noch eine Menge Luft drin, diese zu reduzieren und den wertvollen Dünger nicht einfach über die Flüsse den Meeren zuzuführen.

  • Was Überdüngung anlangt, haben wir ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Die Äcker in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg werden überwiegend von Agrarkonzernen bewirtschaftet, die mit landläufigem Verständnis vom bäuerlichen Familienbetrieb nichts mehr zu tun haben. Oft stehen niederländische Agrarkonzerne dahinter, die nicht nur die meisten EU-Subventionen abgreifen, sondern auch ihr holländisches Emmissionsproblem externalisieren.



    Der vormalige Landwirtschaftsminister der Grünen, Cem Özdemir, wollte dieses Problem angehen und die Förderung umstellen, scheiterte aber an der FDP.



    Hinzu kommt, dass andere Länder, vor allem im Baltikum, noch stärker emmittieren. Lettland ist da ein unrühmlicher Kandidat. Das Problem kann nur über die Ostseeanrainer gelöst werden. Deutschland mit seiner geringen Küste kann da nur im Verbund etwas ausrichten. Auf Alleingänge zu drängen, wie der Artikel nahelegt, ist Aktionismus, aber keine Erfolgsformel.

    • @rakader:

      Familienbetriebe sind familiär und grundsätzlich besser, weil schon seit der Steinzeit da.

      • @doofi:

        Aber leider auch in Sachen Effizienz und Leistungsfähigkeit noch nicht weit weg von der Steinzeit.



        Weswegen schon in der Frühzeit des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden die Landwirtschaft "kollektiviert" wurde - nachdem man noch kurz vorher unter der Parole "Junkerland in Bauernhand" solche kleinteiligen Familienbetriebe geschaffen hatte...

  • In Dänemark wird die Gülle beim Einbringen in den Boden mit Säure behandelt damit sich stabilere besser als Pflanzennahrung geeignete Stoffe entstehen die auch nicht so schnell ins Grundwasser gelangen. Das nennt sich SyreN Verfahren. Wäre ja hier vielleicht auch eine Option.

    • @Axel Schäfer:

      Nein. Das ist hier keine Option. Der derzeitige csU-Lobby-Landwirtschaftsminister wird den Teufel tun und seiner Klientel etwa Mehrkosten oder (Achtung: Modetrend!!) Bürokratie zumuten. Der ist nicht für das ganze Volk zuständig und Schaden wendet er demgemäß auch nur von seiner Klientel ab - die anderen sollen sehen wo sie bleiben, die Natur sowieso...

      • @Perkele:

        Ja, ich vergaß, was im Rest der Welt funktioniert kann ja dank unserer Lobbyisten, Bauern und Beamten hier ja nie nie nie funktionieren.

        • @Axel Schäfer:

          ...nicht ganz falsch!

  • Die Aussagen von Landwirten und Forschern scheinen sich zu widersprechen.



    Der Landwirt sagt, seine Ertragsqualität sinkt bei weniger Dünger.



    Der Forscher sagt, die Pflanzen können mehr gar nicht aufnehmen, weswegen es ja überhaupt problematisch wird.



    Da scheint mir ein großes Kommunikationsproblem vorzuliegen, das dringend gelöst werden muss.



    Solange die Landwirte im eigenen Betrieb mit eigenen Augen sehen, dass die Qualität leidet, kann man hundertmal sagen, dass das theoretisch gar nicht sein dürfte. Kein verünftiger Mensch würde eigene Anschauung ignorieren, weil das Modell nicht dazu passt. Selbst Wissenschaftler würden eher das Modell reparieren, als die Anschauung für falsch zu halten.



    Wenn also die Statistik aller Gebiete zeigt, dass die Qualität nicht leidet, einzelne Landwirte aber von signifikanten Einbrüchen berichten, dann muss man herausfinden, woran das liegt.



    Sonst glauben am Ende alle, dass die anderen pfuschen und wollen nicht der ehrliche Dumme sein.

    • @Herma Huhn:

      Beide haben Recht. Das Problem ist, dass die Stickstoffaufnahme von Pflanzen an vielen Faktoren hängt, die nicht immer vorhersagbar sind, z.B. dem Wetter.



      Das tritt insbesondere bei organischer Düngung (also z.B. Gülle) auf, da die Freisetzung des mineralischen (pflanzenverfügbaren) Stickstoffs aus der organisch gebundenen Masse von der Aktivität des mikrobiologischen Lebens im Boden abhängt. Die ist temperaturabhängig und von der Verfügbarkeit von Wasser und Luft im Boden.

      Durch hohe Niederschläge wird freigesetzter Stickstoff schnell ausgewaschen und geht in tiefere Schichten oder ins Grundwasser, wo er nicht mehr für die Pflanzen verfügbar ist.

      Deswegen "überdüngt" der Bauer, damit seine Pflanzen immer genug haben. Der Forscher meint, das wäre nicht nötig, aber dafür müsste der Bauer quasi täglich nach Bedarf düngen können. Ähnlich Hydroponik. Schwierig.

    • @Herma Huhn:

      Natürlich widersprechen sie sich, es jemals anders, dass sich umweltschützende Vernunft und Kapitalismus nicht widersprochen haben? Solange Menschheit und Politik sich weigern begreifen zu wollen, das Kapitalismus und ständigesWachstum absolut im Widerspruch zum Schutz unseres Planeten und gegen katastrophale Klimaveränderungen stehen, bleibt das auch so. Da liegt kein Kommunikationsproblem vor, sondern ein Interessenkonflikt: der Landwirt will Profit machen. Der Wissenschaftler forscht und ist dabei von derlei Belastung wie Profitorientierung erst mal in dem Augenblick frei. Abgesehen davon ist der Wissenschaftler, der Mann vom Fach und nicht der Landwirt. Leider ist die Sicht des hier zitierten Landwirts extrem einseitig und egoistisch. Er hat lediglich sein Unternehmen und seinen Profit im Auge und rückt sich dazu die wissenschaftlichen Fakten halt selektiv zurecht, so wie sie ihm bequem sind, ohne die Bereitschaft gesamtgesellschaftliche Verantwortung für unsere Umwelt und unsere Ressourcen übernehmen zu wollen.



      Selbstverständlich steht der Forscher auf verlorenem Posten. Da der keine Lobby hat in diesem Land, Umweltschutz ist halt nicht profitabel.

      • @Edda:

        Ob Ihr Blick auf das Thema aber jetzt weniger einseitig und polemisch ist, als die Aussage des Bauern? Wage ich stark zu bezweifeln.

  • Brötchen vom Biobäcker muss ich aber auch erstmal leisten können.

    Biomehl und Brötchen selber backen dann schon eher.

  • Diese armen Tiere.

  • als auch das verschmutzte Grundwasser haben gemeinsame Ursachen. Eine davon ist, dass die Landwirtschaft insgesamt mehr Dünger auf die Felder ausbringt, als die Pflanzen aufnehmen können.

    Und warum? Weil wir uns vermehren wie die Karnickel.



    Bevölkerung D. 1950 rd. 59 Millionen



    1990 80 Millionen



    2025 84 Millionen

    Und es ist völlig egal, wie es dazu kommt, alle wollen essen.

    • @Donni:

      Dass alle essen wollen, ist weniger das Problem, sondern das Problem ist, dass alle unnötiger Vielfalt wollen und sich niemand mehr auf das Wesentliche besinnen möchte, sondern unser ganzes kapitalistische System darauf ausgelegt ist, Menschen dazu zu bringen, immer mehr zu konsumieren, um immer mehr Profit zu generieren. Kurz gesagt, im wahrsten Sinne des Wortes kriegt der europäische bzw der westliche Mensch wieder mal den Hals, nicht voll auf Kosten von Umwelt und dem Großteil der nicht-westlichen Menschheit. Es ist nicht so, dass Essen nicht mehr ausreicht, sondern Essen in 1000 verschiedenen Variationen auswählbar sein soll. Wenn es lediglich um gesundes satt werden gehen würde, brauche ich keine 30 verschiedenen Brötchensorten. Im Grunde braucht es dafür gar keine Brötchen. Brot reicht aus! Brötchen sind eine ernährungbezogene Dekadenz unserer Überfluss-Gesellschaft.



      Wenn ich dran denke, wie viele Tonnen Brötchen jeden Tag entsorgt werden aus den Dienstleister betrieben, weil sie nur täglich verkaufbar sind, wird mir schlecht. Es ist das Gegenteil von dem, was sie behaupten, wir produzieren viel mehr, als wir verzehren. Und das nur um die tägliche Angebotsvielfalt zu sichen

      • @Edda:

        "Brötchen sind eine ernährungbezogene Dekadenz unserer Überfluss-Gesellschaft."

        Vieles was Sie sagen, ist richtig. Aber obiger Satz ist Quatsch. Brötchen im Prinzip nur kleine Portionen Brotteig. Und natürlich muss man davon nicht immer neue, unsinnigere Sorten erfinden...

      • @Edda:

        Wobei "Vielfalt" noch in Anführungsstrichen gesetzt werden muss.

        Überall gibt es das selbe Gemüse, das selbe Obst.

        Backwaren unterscheiden sich hauptsächlich im äußeren Erscheinungsbild.

        Fast nichts wird mehr mit natürlich gegehrtem Teig hergestellt und vom dem ganzen biligen Chemiebrot bekommen die Menschen häufig Darmprobleme.

        Und wenn der Darm das zweite Gehirn nicht im Gleichgewicht ist, gibt es Probleme bei der gesammten Verdauung und aufnahme von Nährstoffen.

        Das kann dann auch zu Depressionen und anderen eher unerwarteten Konsequenzen führen.

        Brokoli, Blumenkohl, Kohl. Alles die selbe Pflanze. Von vielen hunderten unterschiedlichen Kartoffelsorten gibt es im Supermarkt nur weich / mehlig kochend.



        Von anderem Wurzelgemüse mal ganz zu schweigen.

        Der größte Teil der Auswahl im Supermarkt sind Süßwahren, Fertiggerichte, Chips.

        Fleisch, Käse, Milchprodukte nehmen jeweils mehr Platz ein als Obst/Gemüse.

        Daran sieht man schon was bei der Ernährung schief läuft.

  • Mein Billigbrötchen also...



    Ich bin gerade in der spannenden Situation einer sich abzeichnenden Firmeninsolvenz (es gab kein Weihnachtsgeld, keinen Januarlohn und Sozialabgaben sind wohl auch nicht bezahlt worden) und lebe aktuell von der Hand in den Mund, wie es so schön heißt. Ergänzend möchte ich sagen, dass ich das persönliche Glück habe in einer festen Beziehung zu sein und auch der familiäre Background ist willens und in der Lage zu helfen, ich komme also klar.



    Nur geht das bei weitem nicht jedem so.



    Und jemandem zu erzählen, dass sein Industriebrot am Fischsterben schuld ist und im selbem Atemzug dann den Gang zum Biobäcker zu empfehlen, wo du für das Geld für ein Industriebrot vielleicht gerade mal so ein einziges Brötchen kriegst ist anmaßend und weltfremd!

    • @Görk74:

      Spannend, oder, wie es immer die ärmsten sind, denen die Schuld zugeschoben wird.

    • @Görk74:

      Davon mal ab kann man auch im Biolandbau überdüngen.

      • @Axel Schäfer:

        "Davon mal ab kann man auch im Biolandbau überdüngen."



        Ne, kann man eigentlich nicht. Biolandbau ist Raubbau am Boden. Die Nährstoffe gehen mit der Ernte der Pflanze vom Betrieb, von da zum Verbraucher, von da zum Klärwerk und dann irgendwann in die Ostsee.

        Nachschub ist beim Biolandbau schwierig.

        Die konventionelle Landwirtschaft gewinnt den Stickstoff über das Haber-Bosch-Verfahren aus der Luft (Energie aus Öl, Kohle,...Solar- und Windstrom), der Rest der Nährstoffe kommt aus dem Bergwerk.

        Beim Biolandbau sind diese Wege nicht möglich. Deshalb wird der Boden ausgelaugt und schlechter. Die einzige Möglichkeit den Prozess zu verlangsamen ist es und wird auch angewandt, durch Kleegrasanbau mit Hilfe der Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft zu binden und durch Bodenaktivität Nährstoffe zu mineralisieren.

        • @Otto Mohl:

          Wie schon andere angemerkt haben kann man das durchaus.

          Die Werte sind laut Studien um rund 50% geringer, aber eben auch bei weitem nicht 0%.

  • Spannend, wie hier wieder alle Verantwortung verteilt wird – Politik, Bauern, Verbraucher. Am Ende bleibt aber das gleiche Muster: zu viel Dünger, zu wenig Konsequenzen. Solange Regeln aufgeweicht werden, wird sich an Nitrat im Grundwasser und Fischsterben kaum etwas ändern.