Terror und die Mitte der Gesellschaft

Kollektiver Einzeltäter

Der antisemitische Anschlag in Halle kam nicht von ungefähr. Das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft ermutigt rechtsextreme Gewalttäter.

Eine Demonstration mit vielen Deutschlandfahnen

Ermutigung für Einzeltäter – nationalistischer Aufmarsch 2018 in Berlin Foto: Christian Jungeblodt

Als die Polizei am Mittwoch nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle ermittelte, fahndete sie zunächst nach mehreren Tatbeteiligten. Lange nachdem der Täter Stephan Balliet gefasst war, kamen dann die Meldungen über den Ermittlungsstand: Es sei doch ein Einzeltäter gewesen. Das bedeutet in der Sprache von Ermittlern zunächst lediglich, dass man davon ausgeht, dass es einen einzelnen Tatbeteiligten gegeben hat. Auch jetzt ist das noch der Stand der Ermittlungen.

Der zunächst auch als Einzeltäter geltende Stephan Ernst, der im Juni den Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben soll, stellte sich innerhalb von wenigen Wochen als ein in rechtsextremen Strukturen gut eingebundener Neonazi heraus, der nicht nur Demonstrationen der AfD besuchte, sondern auch mindestens einen ganz konkreten Helfer bei seiner Tat hatte. Auch von der lange als „NSU-Trio“ bezeichneten rechtsextremen Terrorgruppe kennt man mittlerweile ein Unterstützerumfeld mit vielen Dutzend Helfenden.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch bei dem rechtsextremen Täter von Halle noch Unterstützer, Helfer oder Mitwisser ermittelt werden. Doch selbst wenn er sich als Täter ohne ein entsprechendes Umfeld herausstellt, war er nicht allein. Der Begriff Einzeltäter suggeriert immer genau das: Ein Einzelner, der irgendwo in seinem stillen Kämmerlein durchdreht, vermutlich verrückt ist, schreitet unabhängig vom Rest der Welt zu einer grausamen, einzelnen Tat. Das klingt so wunderbar entlastend in unseren Ohren. Es klingt, als hätten wir alle nichts mit dem Mörder zu tun, als gäbe es kein größeres, strukturelles Problem. Und gerade deshalb ist es so falsch.

In dem Livevideo, das der Täter Stephan Balliet von seiner Tat ins Internet und damit an die internationale Rechtsterrorismus-Community übertrug, wird seine Ideologie deutlich. Stephan Balliet ist ein Antisemit und Verschwörungsideologe. Er glaubt, dass die Juden schuld an allen Übeln dieser Welt sind. Für ihn sind diese Übel: Die Migration, der Feminismus, die Geburtenraten. Er glaubt an eine Erzählung, die die rechtsextreme Identitäre Bewegung den „großen Austausch“ nennt. Demnach würde die Bevölkerung in Staaten des Westens planvoll ersetzt und ausgetauscht werden, nach Balliets Lesart eben kon­trol­liert durch die Juden. Mit dieser Erzählung ist er nicht allein, auch wenn nicht jeder so deutlich sagt, wen er für verantwortlich hält.

Einzeltäter. Das klingt so wunderbar entlastend in unseren Ohren

Im Bundestag und allen Landtagen und so mancher Talkshow sitzt eine Partei, deren Funk­tio­nä­re auch schon vom „großen Austausch“ gesprochen haben. Die Ideologen, Politiker und Anhänger der AfD sind gegen den Feminismus und die Mi­gra­tion, viele glauben an Geheimpläne eines Bevölkerungsaustauschs. Der ein oder andere AfD-Vertreter hat offen ausgesprochen, wer dahinter vermutet wird: Mal soll es die jüdische Bankiers­familie Rothschild, mal der jüdische Investor Georg Soros sein. Die meisten Funktionäre der rechtsextremen Partei verzichten darauf, „die Juden“ für alles verantwortlich zu machen. Wer als bürgerlich und konservativ gelten will, überlässt den offenen Anti­semitismus lieber seinen radikalen Anhängern und Bündnispartnern. Zum Beispiel einem Typen wie Stephan Balliet.

Der Begriff Einzeltäter verstellt den Blick auf die global vernetzte rechtsextreme Szene, ihre Strukturen, ihre gemeinsamen Erzählungen und Narrative, ihre Ideologie. In Internetforen versammeln sich unzählige Anhänger der rechtsextremen Terroristen von Utøya, Charlottesville, Christchurch, Pittsburgh, El Paso. Das, was der Terrorist aus Halle in seinem Video sagt, ist in dieser Szene, die auch in Deutschland viele Anhänger hat, mehrheitsfähig. Einzeltäter, das klingt wie: „Es gibt nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.“

Es gibt aber was zu sehen. Die Liste der Verfahren wegen Rechtsterrrorismus beim Generalbundesanwalt wird immer länger. Alle paar Wochen werden gigantische, illegale Waffenlager gefunden. In Chatgruppen tauschen sich unzählige Terrorfans aus, jeder von ihnen ist eine potenzielle, tickende Zeitbombe. Einige bereiten sich auf den „Tag X“ vor. Am 2. Oktober wurde einer Jüdin im niederbayerischen Massing ein Stein an den Kopf geworfen, am 4. Oktober wurde ein Mann mit einem Messer vor einer Syna­goge in Berlin festgenommen, am 9. Oktober wurde die Synagoge in Halle angegriffen.

Und weil es so viel zu sehen gibt, hat das auch mit uns allen zu tun. In einer Gesellschaft, in der Antisemitismus überall, wo er sich zeigt – sei es im Ingame-Chat eines Computerspiels, in einer Zeitungsredaktion, in einer Kneipe, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in sozialen Netzwerken, auf der Fanmeile, in der Moschee oder am Familientisch— vehementen Widerspruch und konsequente Ächtung erfahren würde, hätten es die viel beschworenen „verwirrten Einzeltäter“ schwerer, sich zu verwirren.

Jede einzelne Tat belegt, wie oft in dieser Gesellschaft vorher weggeschaut werden musste, damit der jeweilige Täter sich zur Tat ermutigt fühlen konnte. Jede Tat zeigt, wie wenig diese Gesellschaft als Ganze noch immer, trotz aller Sonntagsreden, gegen Antisemitismus tut. Mit unserem Schweigen, unserem Nichtstun, unserem Wegschauen machen wir uns mitschuldig – als kollektiver Einzeltäter.

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