Attacke vor Synagoge in Hamburg: Hass trifft nicht willkürlich

Dass die Hamburger Staatsanwaltschaft das politische Motiv bei der Attacke vor der Synagoge beiseite schiebt ist bedenklich – aber nicht überraschend.

Hinter dem Flatterband stehen mehrere Polizeibeamte im abgesperrten Bereich vor der Hamburger Synagoge

Nach der Tat: Mehrere Polizeibeamte stehen im abgesperrten Bereich vor der Hamburger Synagoge Foto: Jonas Walzberg/dpa

Der Abschluss der Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft zur Attacke vor der Synagoge im vorigen Oktober ist ernüchternd. Dass ein politisches Tatmotiv, ein antisemitisches nämlich, beiseite gerückt wird, ist nicht verständlich.

Der Tatverdächtige mag krank sein, ja. Aber der Judenhass, der sich in der Tat manifestierte, entsteht nicht aus einer Erkrankung heraus, sondern aus gesellschaftlichen Diskursen. Die finden in den Medien, im persönlichen Austausch statt – und im Internet. Dort ist der Diskurs über Jüd:innen als Feindbild virulent. Er wird von Menschen aufgegriffen und daraus folgen Taten – ob in Halle, Hamburg oder Wien.

Der mutmaßliche Täter hat nicht Hass auf eine willkürlich gewählte Menschengruppe entwickelt. Dieser Hass verteilt sich nicht gleichmäßig über die sozialen Gruppen, er ist nicht zufällig. Es ist deshalb fragwürdig, dass die Staatsanwaltschaft – die psychische Erkrankung hin oder her – diesen Umstand ignoriert.

Wenn man aber den gesellschaftlichen Hintergrund einer solchen Tat ignoriert, ist das Signal aus dem Ermittlungsergebnis: Es hätte Jüd:innen treffen können oder auch alte, weiße Männer – je nachdem eben, was eine individuelle psychische Erkrankung so verursacht.

Wie auch bei vorhergehenden Prozessen wegen antisemitischer Taten ist deshalb nicht zu erwarten, dass beim anstehenden Prozess die politische Sozialisierung des Täters breit erörtert werden wird. Dabei wäre gerade das ein sichtbares, konkretes Signal des Staates, dass er es mit Antisemitismus wirklich ernst meint.

Hinzu kommt: Das Ermittlungsergebnis stellt, ob gewollt oder nicht, Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden, als besonders gefährlich dar und stigmatisiert sie auf diese Weise. Aber warum sollte das Vorliegen einer psychischen Erkrankung – die haben Millionen andere Menschen auch – erklären, warum es jemand gerade auf Jüd:innen abgesehen hat? Nur um über Antisemitismus nicht reden zu müssen? Das wäre nichts Neues.

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Jahrgang 1991, hat Politik und Geschichte in Göttingen, Bologna und Hamburg studiert. Seit 2020 Volontär der taz nord in Hamburg. Schreibt meist über Politik und Soziales in Hamburg und Norddeutschland.

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