Spahn und die Leihmutterschaft : Warum denn keine Pflegekinder?
Leihmutterschaft ist für Kinderlose nicht alternativlos. Nur wollen gerade konservative Reiche die Herausforderungen einer Pflegeelternschaft nicht in Kauf nehmen.
Foto: Winfried Rothermel/apn
Ü ber Jens Spahns dubiose neue Elternschaft ist schon fast alles gesagt und geschrieben worden. Skandalisiert wurde zurecht vor allem die unglaubliche Bigotterie des Superkonservativen. Sein Verhältnis zu den zu konservierenden Werten, die er und seine Partei so hervorheben, ist so libertär, wie es schon immer bei den Reichen war: Wer sich einen Umweg ums Gesetz leisten kann, macht es. Gehorsamspflicht und ihre Durchsetzung gelten am Ende eben vor allem für die Schwachen.
Es ist durchaus zu begrüßen, dass der Fall eine Diskussion über die Ambivalenzen des Themas angestoßen hat. Und dabei ist vieles zu besprechen: von unerfüllten Kinderwünschen nicht nur homosexueller Paare bis hin zu der Frage, in welcher Gesellschaft Frauen eigentlich gezwungen sind, nicht altruistische Leihmutterschaft am Markt anzubieten.
Ein Fall in Kanada zeigt weitere dramatische Implikationen auf: Was ist, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass das erwartete Kind womöglich nicht perfekt den Ansprüchen der reichen zukünftigen Eltern entspricht und wenn dann die Leihmutter und die „Kindskäufer“ uneins über die Frage des Umgangs damit sind – ja gar eine Abtreibung von der Mutter gegen deren Willen verlangt wird? Behinderungen oder Beeinträchtigungen will man bitteschön nicht haben – schließlich hat man ja bezahlt und ist es gewohnt, für sein Geld zu bekommen, was man bestellt hat!
Auffällig in der ganzen Debatte ist aber eine Leerstelle. Da war doch tatsächlich immer wieder von der Alternativlosigkeit der Leihmutterschaft für einige Kinderlose zu lesen. Dabei gibt es beispielsweise auch die Möglichkeit der Adoption. Okay, sie ist langwierig, je nach Weg unter Umständen auch teuer und kompliziert. In Berlin beispielsweise müssen Paare, die ein Kind adoptieren wollen, verheiratet sein – warum auch immer.
Alle können Pflegeeltern werden
Aber es gibt noch mindestens eine weitere relevante Alternative: die Pflegeelternschaft. Sie ist in der breiten Bevölkerung wenig bekannt und verdient – gerade jetzt – deutlich mehr Aufmerksamkeit. Denn Pflegeelternschaft ist ein guter Weg, zwei Bedürfnisse und Interessen zusammenzubringen: das der Pflegeeltern nach Elternschaft und das der Pflegekinder nach einer Familie, um die Alternative der Heimunterbringung zu vermeiden.
Über 200.000 Kinder leben in Deutschland nicht in ihrer (biologischen) Herkunftsfamilie. Die Ursachen sind vielfältig, doch meist ist es die Unmöglichkeit oder Unfähigkeit der biologischen Eltern, die eben aufgezählten Grundbedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen. Deswegen geben sie ihr Kind ab oder es wird ihnen beispielsweise aufgrund von Vernachlässigung von den Jugendämtern entzogen.
Prinzipiell können alle Pflegeltern werden, Paare ebenso wie einzelne Pflegeväter und Pflegemütter. Das gilt übrigens auch für Menschen ohne hohes Einkommen, denn es gibt einige Hundert Euro Pflegegeld sowie Zahlungen für Anschaffungen und besondere Anlässe (Urlaubszuschuss, Zuschüsse zu Kita- und Schulfahrten sowie Feiern), was sämtliche Kosten eines normalen Lebenswandels deckt. Voraussetzung sind lediglich grundsätzlich stabile psychosoziale Verhältnisse.
Wer sich für Pflegeelternschaft interessiert, muss einen Kurs besuchen und einen – zumindest in Berlin – „Überprüfung“ genannten Vorbereitungsprozess durchlaufen. In diesem lernt man die zukünftigen Aufgaben noch besser kennen und gewinnt genauere Klarheit darüber, ob man der Aufgabe gewachsen ist und unter welchen Bedingungen.
Die Herausforderungen
Das heißt, dass man sich über viele Fragen klar werden muss: Welches Alter ist für mich in Ordnung? Muss es für eine möglichst langfristige Bindung ein Baby sein oder sollte das Kind doch lieber schon aus den Windeln heraus sein? Spielen religiöse, kulturelle, ethnische oder andere Kriterien für mich eine Rolle? Wie kann ich mögliche besondere Herausforderungen zeitlich und kräftemäßig stemmen, und wo liegen meine Grenzen?
Apropos Herausforderungen: Pflegekinder bringen oft solche mit. Alkoholismus der Eltern, Missbrauch oder Vernachlässigung gehören bei vielen zu ihrem Gepäck, und nicht wenige tragen schwer daran. Wenn man aber davon ausgeht, dass das gegenwärtige Umfeld ebenso relevant für die Entwicklung eines Kindes ist wie das mitgebrachte psychische, soziale und biologische Erbe, dann wird man deswegen nicht den Kopf in den Sand stecken.
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Außerdem haben zukünftige Pflegeeltern – anders als im moralisch problematischen Kontext der Leihmutterschaft – das Recht, sich zu entscheiden, welche Belastungen (nach allem, was man über das Pflegekind bisher weiß) sie zu schultern bereit sind und welche nicht.
Und dann, wenn das Kind da ist und man sich in einer nachgeholten Schwangerschaftszeit aneinander gewöhnt hat, ist da ein Kind, das lebt und lernt und lacht und ebenso zu kurz schläft, nervt und Unordnung macht wie andere Kinder auch; ein Kind, das man liebt, das Mama und Papa (oder häufig auch Papa und Papi) sagt und in der Regel bis zum Erwachsenenalter bei einem bleibt.
Ausnahmen davon sind die kurzzeitige Krisenpflege oder die wenigen, aber vorkommenden Fälle, in denen Pflegekinder wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können. Mit diesen Ambivalenzen und Unsicherheiten müssen Pflegeeltern sich auseinandersetzen, ebenso mit einigen Aufgaben wie jährlichen Berichten, Kontakten zu verschiedenen Institutionen und möglicherweise dem Umgang mit den Herkunftseltern, die zur täglichen Sorge nicht in der Lage sind, aber eben doch manchmal präsent bleiben.
Eine Klassenfrage
Warum Jens Spahn und sein Partner nicht Pflegeeltern geworden sind? Wahrscheinlich ist das eine ideologische und letztlich eine Klassenfrage.
Wer von Menschen am Existenzminimum jeden einzelnen Krankheitstag minutiös überprüfen, jeden Euro oberhalb der absoluten Mindestgrenze einkassieren möchte und zugleich von sich selbst glaubt, über dem Gesetz zu stehen, das für alle anderen aber möglichst strikt gelten soll – der tendiert wahrscheinlich dazu, es sich leichter zu machen als andere.
Mittels sehr viel Geld und bis ins Kleinste regelnder Verträge das perfekte Kind bestellen! Pflegeeltern hingegen bekommen – nach dieser Logik – keine perfekten Kinder. Trotzdem: Vielleicht führt die Causa Spahn doch dazu, dass diese Institution bekannter wird und mehr Menschen sich überlegen, auf diesem Weg jungen Menschen ein Zuhause und sich selbst eine Familie zu schaffen.
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