Siemens und die Kohlemine Adani: Kaeser verarscht Neubauer

Siemens-Chef Joe Kaeser hat die Klimaaktivistin Luisa Neubauer über den Tisch gezogen. In der Logik des Konzerns lohnt sich das.

Joe Kaeser steht hinter einer Reihe von Mikrofonen

Nach dem Gespräch mit Luisa Neubauer: Joe Kaeser beantwortet Fragen von Journalist:innen Foto: Soeren Stache/dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser hat die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die Fridays-for-Future-Bewegung maximal geschickt für seine Zwecke instrumentalisiert: Am Freitag noch traf er sich mit Neubauer, bot ihr gar einen Job im Aufsichtsrat des künftigen Unternehmens Siemens Energy, redete übers Klima. Das alles, um am Sonntag zu verkünden: Siemens wird sich nicht aus seinem Geschäft um die australische Kohlemine Adani zurückziehen.

Die Klimabewegung schäumt. „Joe Kaeser macht einen unentschuldbaren Fehler“, sagte Neubauer. Warum um alles in der Welt erweckt Kaeser mit dem Treffen mit Neubauer erst die Erwartung, dass sein Konzern aus dem Projekt aussteigt – um dann genau das Gegenteil zu tun? Also, wie vorgesehen, Signaltechnik für eine 200 Kilometer lange Eisenbahnstrecke zu liefern, über die bald 60 Millionen Tonnen Kohle jährlich rollen sollen. Das entspricht dem jährlichen Verbrauch Deutschlands im Jahr 2016.

Aus Sicht von Siemens macht das alles sehr viel Sinn. Kaeser hat Neubauers Renommee als Klimaschützerin schlichtweg instrumentalisiert. Für ein Signal an Investor*innen und Auftragnehmer*innen. Die Rage des klimabewegten Teils der deutschen Öffentlichkeit nimmt er in Kauf. Weil er Siemens egal ist.

Ein paar Konsument*innen mögen vielleicht denken: Dann kaufe ich den nächsten Herd, den nächsten Staubsauger, den nächsten Kühlschrank aus Strafe eben nicht von Siemens. Aber damit strafen sie nur das Stuttgarter Unternehmen Bosch. Das verwendet den Markennamen Siemens für Konsumgüter, Kaeser hat damit nichts mehr zu tun. Den Leuchtmittelhersteller Osram hat Siemens auch längst verkauft. Kaeser muss also keine sinkenden Umsätze aufgrund von Boykottaufrufen fürchten.

Privatkonsument*innen sind nicht gemeint

Im Gegenteil, Siemens verkauft Software für Gebäude oder Fabrikautomatisierung, Schienenfahrzeuge, Kraftwerke, Windräder und liefert vor allem die Infrastruktur für Öl- und Gasfirmen. Nicht eben Dinge, die man als Privatkonsument*in kauft.

Das Kraftwerksgeschäft soll zudem ausgegliedert werden und im Herbst an die Börse. Siemens wird weiter Anteile daran halten und kann deshalb vor allem eines nicht brauchen: Aufträge aus der Öl- und Gasindustrie verlieren, weil Geschäftspartner weltweit das Signal erhalten, der Konzern werde wegen ein paar wütender Schüler*innen vertragsbrüchig. Der Imageschaden bei potenziellen Kund*innen aus der fossilen Industrie ist für Siemens viel teurer als der Imageschaden daheim. Der kostet vorerst überhaupt nichts.

All das ist so offensichtlich, es ist Kaeser sicher nicht erst am Sonntag beim Frühstückskaffee aufgefallen. All das wusste er bereits, als er sich zum Treffen mit Neubauer verabredete. Kaeser hat die Klimaaktivistin auf gut Deutsch nach Strich und Faden verarscht.

Das Treffen mit Neubauer diente nur einem einzigen Zweck: Den Investoren zeigen, dass das Thema Klima Chefsache bei Siemens ist. Dass der Chef sich sorgt. Und künftig Besserung gelobt. Die Investoren, von denen hier die Rede ist, sind mächtige institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Kirchenfonds oder Versicherungsunternehmen. Weil sie langfristig denken, ist der Klimawandel für sie ein finanzielles Risiko – also pochen sie darauf, dass sich Unternehmen wie Siemens allmählich wandeln.

Zirkus für die Investoren

Einige von ihnen, etwa Axa, Union Investment, der Pensionsfonds der Church of England oder der Caritas haben sich beispielsweise zur Allianz „ClimateAction 100“ zusammengeschlossen. Sie verwalten insgesamt 35 Billionen Dollar und halten in Deutschland Anteile an Siemens, BASF, HeidelbergCement, Daimler, BMW, Eon, RWE, VW und Thyssenkrupp.

Für solche Investoren veranstaltet Kaeser den ganzen Zirkus. Ob sie sich damit zufrieden geben werden, ist noch offen. Würden sie ihr Kapital abziehen, wäre das zwar ein klares öffentliches Signal, auch an andere Unternehmen, die Klimasauereien im Portfolio haben. Allerdings ist die Idee solcher Investoren eben gerade die, im Unternehmen zu bleiben, um ein Mitspracherecht zu haben. Ob sie es nutzen, wird sich bald zeigen: Am 5. Februar ist Hauptversammlung bei Siemens. Wird Kaeser dort wegen des Adani-Geschäftes gegrillt, wäre es doch noch ein Sieg für Neubauer und die Klimabewegung.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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