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Beharren auf der Opferrolle

Israel ist eine Demokratie und kein Apartheidstaat, arabische Bürger könnten ihre und die Situation des Landes verbessern. Einwurf eines arabischen Israelis

Foto: Heike Steinweg

Ahmad Mansour

ist Psychologe, Autor („Generation Allah“, S. Fischer, 2015) und Programmdirektor bei der European Foundation for Democracy. Er wuchs als Araber in Israel auf und wäre als Jugendlicher beinahe selbst Islamist geworden. Nachdem er 2004 einen Anschlag in Tel Aviv miterlebt hat, emigrierte er nach Deutschland. Bis 2016 war er Gruppenleiter des Antigewaltprojekts Heroes, das sich gegen „Unterdrückung im Namen der Ehre“ wendet.

Wenn ich mit Jugendlichen in Deutschland diskutiere, wundern sie sich oft über mich. Staunend, ungläubig fragen sie mich, wie das sein kann: Ich, ein deutscher und israelischer Araber, geboren in einem kleinen Ort nahe Tel Aviv, bin in Israel zur Schule gegangen, habe mit staatlichem Stipendium Psychologie in Tel Aviv studiert. Meine jüdischen Professoren haben meine Arbeit geschätzt und gefördert. „Was, Sie konnten in Israel zur Schule gehen?“ Viele schütteln dann den Kopf. Die Vorurteile gegen und Verschwörungstheorien zu Israel sind auch in Deutschland und unter Migranten immens. Oft muss ich alles von vorn erklären.

Heute leben fast 1,8 Millionen Araber in Israel. Bei einer Einwohnerzahl von insgesamt rund 9 Millionen ist damit jeder fünfte Israeli arabisch-palästinensischer Herkunft, wie ich. Auch die übrigen 1,8 Millionen Araber können in Israel die Schule besuchen, studieren, protestieren, Ausbildungen machen, wählen. Sie können sich für die Rechte der Palästinenser engagieren, arbeiten und dabei meist besser verdienen als in den meisten angrenzenden arabischen Ländern. Ob Juden oder Araber, alle haben Rechte in Israel – wie in jeder anderen Demokratie.

Täglich sieht man in Israel Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen arbeiten, manchmal auch gemeinsam feiern, sie besuchen dieselben Diskotheken und dieselben Strände. Araber arbeiten gemeinsam mit Juden in Hightech-Unternehmen, als Ärzte, Schwestern und Pfleger in Krankenhäusern oder bei der Polizei. Und gerade eben hat mit Samer Haj-Jehia zum ersten Mal ein Araber die Leitung einer größeren Bank des Landes übernommen. Und das, man höre und staune, ist sogar unter Netanjahu möglich.

Dabei ist unser Land zweifellos alles andere als perfekt. Ich erkenne durchaus viele Benachteiligungen von Arabern in Israel. Doch Israels Araber könnten, wenn sie nur ihre demokratischen Optionen sinnvoll nutzen würden, weitaus mehr politische und produktive Macht gewinnen. Sie müssten dazu nur demokratische Parteien gründen oder sich überhaupt endlich mehrheitlich an den Wahlen beteiligen. Längst wäre Netanjahu abgewählt. Längst hätten wir bessere, politische Verhältnisse, weniger provokante Siedler, eine Regierung, die die Gleichberechtigung aller mehr achtet und umsetzt.

Doch leider entscheiden sich die arabischen Parteien und Splitterparteien Israels seit Jahrzehnten eher dafür, untereinander zu streiten und die Bedürfnisse ihrer Wählerschaft komplett zu ignorieren. Ihr Einsatz gilt nicht den Arabern in Israel, sondern vor allem der Bevölkerung in Gaza. Mit ihr handeln sie wie mit einem Unterpfand, wie mit einer Geisel, deren zerlumpte Kinder sie zur Schau stellen, um Israel zu diskreditieren. Dabei könnte sich am meisten verändern, wenn sie ihre real existente Macht in Israel selbst nutzen würden – demokratisch, pragmatisch, sozial und konstruktiv. Und nicht wie jetzt: religiös sektiererisch, hochideologisch, zerstritten und verbissen. Denn mit der aktuellen Strategie verlieren arabische Politiker konstant an Vertrauen und Einfluss, nur wenige sitzen in der Knesset.

Mir ist es ein Bedürfnis, allen „Israelkritikern“ und Sympathisanten der Boykottaufrufe gegen mein Land zuzurufen: Israel ist weder ein „Unrechtsstaat“ noch ein „Apartheidstaat“. Es herrschen weder Rassentrennung noch systematische Unterdrückung. Vergleiche mit dem früheren Apartheidregime in Südafrika oder kolonialen Systemen der Vergangenheit gehen fehl. Sie sind absurd. Hier pflichten mir übrigens die meisten arabischen Israelis, die ich kenne, bei. Sicher, wie jede Demokratie hat Israel Stärken und Schwächen, das Land befindet sich in einer prekären, häufig von den nichtdemokratischen Nachbarn bedrohten Lage. Mit Diktaturen ist es aber nicht zu vergleichen.

Zweifellos entstehen in dem oft gewaltsam ausgetragenen Konflikt immer wieder Situationen, in denen Rache und Hass eine Rolle spielen. Der entscheidende Punkt ist jedoch: In Israel wird, auch unter Juden und Arabern, darüber gesprochen und gestritten, jeder darf seine Meinung äußern und für bessere Verhältnisse eintreten.

Der Nahostkonflikt ist komplex, deshalb gibt es für ihn auch keine einfache Lösung. Aber: Die entscheidenden Impulse müssten aus der Region kommen, europäische oder amerikanische Akteure können nicht nachhaltig für Frieden sorgen, wir Israelis müssen das selber tun. Nur dann kann an einer dauerhaften Zwei-Staaten-Lösung gearbeitet werden. Warum? Der Teilungsplan wurde 1947 von der UN-Generalversammlung verabschiedet. Er sah die Aufteilung des Gebietes in einen Staat für Juden und einen für Araber vor. Israel akzeptierte den Beschluss. Nicht so die Araber.

Israels Araber könnten viel mehr politische Macht gewinnen, sie müssten sich nur an den Wahlen beteiligen

Aber Frieden bedeutet eben, Kompromisse einzugehen. Nicht jedes Enkelkind von Vertriebenen wird nach Haifa ins Haus der Großeltern zurückkehren können. Ebenso wenig übrigens, wie alle Enkel der 1948 aus arabischen Staaten und dem Iran vertriebenen Juden dorthin zurückkehren könnten. Ehud Olmert versprach den Palästinensern 2006 und 2007, man werde 98 Prozent ihrer territorialen Forderungen akzeptieren. Trotzdem lehnten sie ab. Aktuell arbeiten die USA an einem neuen Friedensplan, und Frieden ist es immer wert, Gesprächsbereitschaft zu zeigen. Doch viel Hoffnung gibt es nicht, denn die palästinensische Seite zeigt sich kompromisslos wie eh und je und beharrt auf ihrem Geschäft rund um die palästinensische Opferrolle.

Und übrigens: Wenn es den Akteuren von außen um Gleichberechtigung und Menschenrechte geht, weshalb fehlen dann Forderungen nach einem Boykott der radikal-islamistischen Hamas, die immerhin bei der EU und den USA auf der Terror-Liste steht?