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Krise der DemokratieAfD-Wählen als Triebabfuhr

Kolumne
von Georg Seeßlen

Egal, was passiert, es spielt den Rechtsextremen in die Hände. Warum? Weil es nicht um die Sache geht, sondern um einen Bruch, der Macht verleiht.

E s sieht so aus, als könne die AfD derzeit machen, was sie will, es ändert nichts an ihren Zustimmungswerten. Man kann Nazi-Parolen wiedergeben, sich in Korruptionsfälle verwickeln, auf Parteitagen in die Wolle kriegen, man kann Schlägertrupps anheuern, sich gegenseitig Posten zuschieben, gegen Queerness hetzen, während man selbst in einer lesbischen Beziehung lebt, man kann so dreist lügen, dass es jedem Kind auffallen müsste.

Umgekehrt kann die Gegenseite machen, was sie will oder auch nicht will, selbst über ein Verbotsverfahren nachdenken. Am Ende steht immer der Satz: Das nutzt nur der AfD. Kommen die Rechten den Ganz-Rechten in Rhetorik und politischer Aktion entgegen, steigen die Zustimmungswerte der AfD, formulieren die Linken Widerstand, nutzt das der AfD.

Donald Trump hat einmal behauptet, er könne auf die Straße gehen und irgendjemanden erschießen, einfach so aus Spaß, und die Leute würden ihn trotzdem lieben. Marine Le Pen kann EU-Gelder veruntreuen und wird doch geliebt; Xavier Milei kann einen diplomatischen Eklat mit dem wichtigsten Handelspartner seines Landes auslösen. Im Umfeld von Giorgia Meloni häufen sich Korruptions- und andere Skandale. Ihre Mehrheit im Wahlvolk bleibt bestehen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Die Demokratie wird nicht mehr gebraucht

Warum können sich die Rechten alles erlauben, warum können sie dem demokratischen Staat und der liberalen Zivilgesellschaft alles, wirklich alles zumuten? Ganz einfach, weil sie selbst die Zumutung sind. Sie können jede Regel brechen, logisch, moralisch, juristisch, weil sie der Regelbruch sind. Sie können lügen, weil sie die Alternative zum Realismus sind.

Deswegen kann man einem AfD-Wähler oder einer AfD-Wählerin auch noch so schlüssig erklären, dass sie gegen ihre eigenen Interessen handeln, man muss sich nur die wirtschafts- und sozialpolitischen Programmpunkte „ihrer“ Partei ansehen oder das, was unter antidemokratischen, rechten Regierungen mit dem Lebensstandard der Mehrheit geschieht. Es wird nicht ankommen.

Georg Seeßlen

ist freier Autor und hat zahlreiche Bücher zum Thema Film veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm „Trump & Co.“ beim Bertz Verlag, Januar 2025.

Es mag einst demokratische Regierungen gegeben haben, die es sich zur Aufgabe machten, die ökonomische Organisation nach den Bedürfnissen ihrer Gesellschaft auszurichten. Eine Regierung à la Merz, Reiche & Co sieht ihre Aufgabe darin, die Gesellschaft nach den Bedürfnissen der Wirtschaftsbosse auszurichten. Das kann nicht gutgehen: Der Neoliberalismus braucht die Demokratie nicht mehr.

„Der Faschismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern die logische Weiterentwicklung des liberalen Kapitalismus im Monopolstadium“, erkannte Max Horkheimer. Was erklärt, warum eine Fraktion der ökonomischen Elite so tatkräftig die rechtsextremen Parteien unterstützt, und was auch erklärt, woher das Geld kommt, das sie und ihre Entourage zur Verfügung haben.

Wider besseres Wissen

Aber es erklärt nicht, warum Onkel Ernst mit so grimmiger Entschlossenheit sein Kreuz bei den „gesichert Rechtsextremen“ macht, obwohl er doch eigentlich wissen müsste, dass es ihm nach einer Machtübernahme schlechter gehen wird, und obwohl er doch so lange die bürgerlichen Tugenden gepredigt hat, die Ehrlichkeit, die Verlässlichkeit, den Anstand, die gepflegten Umgangsformen, die persönliche Integrität. Nichts davon in der Partei, die er nun als die „seine“ ansieht.

Wer wird die Bettpfannen holen, wer wird die Darmspiegelung durchführen, wer wird ihm das Grab ausheben, wenn „seine“ Partei ihre eigene Terror-ICE zur „Remigration“ einsetzt? Wird Onkel Ernst etwa sich selber operieren, sich selber das Grab schaufeln?

Und was wird er tun, wenn ihm die Hitze zusetzt, die es nach den Ideen seiner Partei gar nicht gibt, weil der Klimawandel nur eine „grüne Spinnerei“ ist? Was wird Onkel Ernst tun, wenn Nazi-Banden Jagd auf sein nonbinäres Kind machen? Was hat er davon, wenn Theater, Kinos, Bibliotheken oder Museen schließen oder in nationale Propaganda-Institute umgewandelt werden, was, wenn die Universitäten, Schulen, Kitas keine Chancen für morgen mehr eröffnen?

Das Kreuz bei der AfD aber, das tut denen weh, das bringt sie aus der Ruhe


Das alles interessiert ihn nicht, den Onkel Ernst. Er fühlt sich beleidigt, gekränkt, missachtet, und er will es „denen“ heimzahlen. Er will, dass etwas kaputt gemacht wird, woran er nicht genügend Anteil bekommen hat. Dafür haben ihm ja die AfDler die Augen geöffnet, und dafür spürt er noch einmal so etwas wie Macht. Das Kreuz, das er irgendwo anders machen würde, das wäre mehr oder weniger egal. Es ginge doch nur immer so weiter. Das Kreuz bei der AfD aber, das tut „denen“ weh, das bringt sie aus der Ruhe. Nein, er ist kein „Protestwähler“, der Onkel Ernst, er will, dass „alles in Trümmer fällt“, wie es in einem Lied heißt, das er schon beinahe vergessen hatte.

Etwas hat sich befreit

Mit Onkel Ernst vernünftig reden zu wollen, ist vollkommen aussichtslos. Jedes Argument bestätigt ihn. Er trifft keine Wahlentscheidung mehr; vielmehr ist das Antidemokratische und Völkische Teil seiner Person geworden. Er wählt nicht die AfD, er ist die AfD, dazu muss er weder Mitglied noch Aktivist werden. Es ist jetzt in ihm drin, und er empfindet Genugtuung bei jeder Pöbelei, bei jeder Hassrede, bei jedem „Danebenbenehmen“ seiner Leute. Irgendetwas hat sich in Onkel Ernst befreit, lange genug hat er es zurückgehalten.

Als er noch die Sozialdemokraten gewählt hat, da meinte Onkel Ernst noch, er müsste seine Stimme „abgeben“ für die richtige Sache, für seine eigenen Interessen. Aber davon ist nichts geblieben. Jetzt fühlt er sich durch seine Stimme für die AfD mit anderen verbunden, mit dem Volk, zu dem er gehört. Die Hilflosigkeit, mit der die anderen auf ihre Macht reagieren, freut ihn ungemein. Er spürt sie, die Angst der anderen. Er hat einen Bruch vollzogen, wenn auch vorerst nur in der Wahlkabine, einen Bruch mit diesem Staat, mit dieser Gesellschaft, mit dieser Kultur, mit dieser Zivilisation.

Hinterher, da ist sich Onkel Ernst jetzt schon sicher, wird er von allem nichts gewusst haben. Er wird sagen, dass man ihn nicht genug gewarnt habe, dass die anderen schließlich auch, und überhaupt kann man ihm ja nichts nachweisen. Onkel Ernst hat sich einfach nur ein bisschen Triebabfuhr gegönnt. Dazu sind Wahlen doch da, oder?

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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35 Kommentare

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  • Bedauerlicherweise charakterisiert der Artikel eine erschreckend große Wählergruppe bestens...



    "...warum eine Fraktion der ökonomischen Elite so tatkräftig die rechtsextremen Parteien unterstützt, und was auch erklärt, woher das Geld kommt," - Das sei all jenen ins "Stammbuch" geschrieben, die immer noch glauben, dass in AfD-regierten Ländern zwangsläufig niemand mehr investieren werde...

  • Da stimme ich mit überein ! Doch leider muss man viele der aktuellen Politiker*innen der Beihilfe schuldig sprechen. Was da verzapft und wie mit Menschen umgegangen wird, unglaublich.



    Ic bin ja immer noch der Meinung, dass auf den Wahlzettel auch die Rubrik "keine der vorgeschlagenen Parteien" fehlt, damit die Wähler nicht als uninteressiert diffamiert werden und man mal genau sieht, wieviele Wähler*innen sich nicht mehr vertreten fühlen.

  • Gedankenspiel direkte Demokratie/Volksabstimmung:

    Ich wette, es gäbe keine Mehrheit für "alle mit Migrationshintergrund remigrieren." Auch Onkel Ernst aus dem Text wäre nicht dafür.

    Es gäbe aber auch garantiert keine Mehrheit für "Open borders".

    Es gäbe eine für "alle kriminellen Ausländer abschieben, auch nach Afghanistan."

    Scholz und Merz haben großspurig mehr Abschiebung versprochen und nicht geliefert. Was macht das mit den Wähler:innen?

    Die "Politik-Elite" ist für höhere CO2-Preise + Russland-Sanktionen + Ukraine-Hilfe + Radwege in Peru. Was wäre mit den Projekten, wenn darüber das Volk direkt abstimmen dürfe? Gäbe es dafür Mehrheiten?

    Schuldenbremse? Nach guter Erklärung, könnte ich mir eine Mehrheit vorstellen. Aber wenn die CDU erst verspricht und dann bricht, schreckt das Wähler und auch Onkel Ernst ab.

  • Ein wunderschöner und klarer Artikel. Danke

  • That’s true • Seeßlen - still going strong.

    Na Mahlzeit

  • Eine harte, aber durchaus passende Kolumne. Dass der Neoliberalismus die Demokratie nicht mehr braucht, ist eine schlüssige Erklärung für das was gerade passiert. Und genau hier könnten wir ansetzen und eine andere, gerechte, nachhaltigere Wirtschaft zur Grundlage machen.

  • Den gleichen Frust gibt es auch auf der linken Seite, daher auch der kurze Höhenflug des BSW. Im Augenblick profitiert hier die Linke davon, auch weil die parlamentarische Demokratie nicht nur im Osten nicht mehr funktioniert.



    Das Hauptproblem sind die Parteien prinzipiell, sie hängen an ihrer Macht, anstatt sich um die Wähler zu kümmern, dies wäre ja sonst auch böser Populismus.



    Und einfach nur seine Stimme abgeben, reicht dem Wähler nicht mehr, da viel zu oft seine Meinung und seine Wünsche übergangen werden.



    Man sieht es an den Umfragen, sei es Waffenlieferungen an die Ukraine oder die Rentenreform, die Mehrheit zumindest im Osten sieht vieles anders, wie es von den Regierenden beschlossen wird.



    Und dieses Vorbeiregieren macht wütend und stärkt die Ränder, egal ob links oder rechts.



    Es gibt nur eine Lösung, mehr direkte Demokratie und damit mehr Macht für die Wähler und dies auf allen Ebenen, die Mittel sprich das Internet wären dafür längst vorhanden.

  • Wieder so eine steile These, die einfach nichts mit der Realität des Normalbürgers zu tun hat. Aus einem sehr überzeugenden Beitrag von Martin Schröder in der Zeit:



    "Die Ablehnung von Zuwanderung erklärt die Wahl der AfD fast zehnmal stärker als ökonomische Not oder auch nur die Angst davor. Wer also wegen der Zuwanderung nach Deutschland besorgt ist, hat eine etwa zehnfach erhöhte Chance, die AfD gut zu finden, unabhängig davon, wie zufrieden, reich, gebildet oder zuversichtlich diese Person ist."



    Ein weiterer Artikel in der Welt:



    "Ausländeranteil in Brandenburg in zehn Jahren verdreifacht".



    Die Menschen erkennen ihr Land nicht wieder. Merz hat es sehr ungeschickt als "Stadtbild" bezeichnet.



    So lange diese Realität nicht anerkannt und ständig über andere Gründe lamentiert wird, sehe ich das Potential der AfD bei früher oder später über 50 %.

  • Eine Kolumne als Triebabfuhr. Dazu sind Kolumnen doch da, oder?



    Auszusprechen was die anderen alles falsch machen und das sie von A bis Z auf dem Holzweg sind, mag die eigene Seele - und vielleicht auch die der geneigten Leserschaft - befrieden, allein was ändert es an der Situation?



    Welchen Lösungsweg zeigt es auf?



    Dem Fatslismus im Artikel folgend sind bereits alle Messen gesungen. AfD Wähler lassen sich nicht mehr zurückgewinnen, es gibt keine politische Lösung mehr.



    Und nun?



    Was ist die Quintessenz?



    Die Kommunikationspsychologie lehrt: Du-Botschaften sind bequem (was die anderen alles falsch machen) - ich-Botschaften sind besser.



    Oder sollen wir den ganzen Laden jetzt einfach zusperren?



    Macht ja alles eh kein Sinn mehr, oder?

  • AFD Wähler:innen sind überdurchschnittlich unzufrieden mit der eignen wirtschaftlichen Situation und mit der Ungleichheit im Land. Man ist gegen Migration, überdurchschnittlich russlandfreundlich, Nato und EU skeptisch.



    .



    Rein rational wäre somit BSW die ideale Partei für diese Wähler:innengruppe.



    .



    Aber AFD Wähler:innen sind zur gleichen Zeit gegen alle wirksamen Maßnahmen, welche die Vermögensungleichheit verringern könnte. Man glaubt das eine Abschaffung der Erbschaftssteuer, Steuersenkungen, Abschaffung Mindestlohn, Bürokratieabbau helfen würden.



    .



    Schuld an allem ist die Migration. Ein zentraler Sündenbock, der an allem Übel im Land schuld ist, das gab es in Deutschland schon einmal. Und genau aus dem Grund sind die Vergleiche mit der NSDAP bei allen gravierenden Unterschieden leider so treffend.



    .



    Die Partei wird nicht für ihre Lösungskonzepte gewählt, sondern für ihre antidemokratischen Tendenzen und ihren Hass. "Die AFD ist eine Gefahr für unsere Demokratie" ist daher leider Wahlwerbung für deren Fans. Auch hier wieder eine Parallele zu dunklen Zeiten.

  • Und wieder ein Artikel, der nichts verändert und nur der Selbstvergewisserung der linken Bubble dient.



    Er ist aber Teil des Problems: Wir hier, Ihr da. Wir sind die allwissende Elite, Ihr seid die dumpfdeutschen Deppen. Aber in dieser 'Elite' verfolgt niemand mehr Werte, kämpft niemand mehr für Interessen. Es geht nur noch darum, dass es uns materiell allerbestens geht und wir uns im Glanz unserer intellektuellen Erhabenheit einig sonnen können.



    Beispiel gefällig? Als Friedays for Future ein Kind der Offizierskaste des Kapitals, also der sich als Elite vorstehende Teil des Kapitals, an der Spitze zuließ, war das Schicksal dieser Millionen-Bewegung besiegelt. Heute gibt es sie nicht mehr.



    Die Spaltung in Elite und Volk ist der totsichere Weg in den faschistischen Untergang.

  • dem ganzen Text kann man kaum noch etwas hinzufügen.

    Nur: hilflos zuzugucken bringt nix.

    Was wir brauchen sind positive Bilder, die sich Onkel Ernst und Tante Rita festsetzen und ihnen eine eigene Perspektive wiedergeben.

    Die abgehalftete SPD hat da ausgedient.



    Und im Merzen wird der Bauer auch keine Rösslein mehr anspannen...

  • Die "Ökonomiesierung der Gesellschaft" beruht aber auf Gegenseitigkeit. Geld ist in Deutschland ein großes Thema und in jeder Gesprächsrunde anzutreffen. Ich hatte oftmals den Eindruck, das in Deutschland die Lebensqualität ausschließlich nach Geld und Status bemessen wird.

    Als Norweger war mir das Gebaren hierzulande in dieser Hinsicht fremd. Denn wer seine Denkweise ausschließlich monetär ausrichtet, bewertet natürlich auch Politik rein unter diesen Gesichtspunkten, da sind dann Enttäuschungen vorprogrammiert.

    Es verwundert mich daher auch nicht, das die Mehrheit der Deutschen keiner Partei die Lösung der Probleme im Lande zutraut, nach der neusten Umfrage trauen selbst nur 14% der AfD Wähler es dieser Partei zu Deutschland voranzubringen.

    Deutschland lebt schon lange von seiner Substanz und es ist von außen traurig mit anzusehen, wie es sich Jahr für Jahr immer weiter selbstzerlegt. Wenn sich in großen Teilen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in naher Zukunft nichts grundsätzliches bewegt, könnte es in ferner Zukunft ein böses Erwachen für die Bevölkerung geben.

  • Saubere Analyse, der liebermannsche Fress- und Brechreiz, den sie auslöst bestätigt mir ihre Richtigkeit.

    Und NEIN, nicht jeder Kommentar muss eine Lösung anbieten, manchmal muss man sich einfach nur aufregen dürfen.

  • Ich bin mir sicher, es gibt etwas, was der AfD nicht nützt.



    Nämlich: Probleme zu lösen.



    Könnte das mal jemand ausprobieren?



    Den Artikel könnte weitergehen: Wie schlecht muss eigentlich die aktuelle Politik aus Sicht von Onkel Ernst - und der steht für rund 10 Millionen mit wohl sehr diversen Vornamentypen - sein, dass er nur Kontra und Trotz wählt?



    Denn die Sache hat mehrere Haken. Zum einen müssten es Probleme der Wähler sein, nicht Probleme aus Sicht der politischen Klasse. Da fehlt es schon oft am Verständnis und Einfühlungsvermögen.



    Und dann sollte man ja auch zumindest die Möglichkeit sehen, überhaupt etwas bewirken zu können. Das scheinen viele Politiker nicht mehr zu glauben; und vielleicht haben sie damit auch teilweise Recht: Wie oft verhindern Urteile, wie oft internationale Verträge oder "Sachzwänge", was die Mehrheit wählt? Solche Situationen produzieren unbegrenzt Wählerfrust, mit den bekannten Folgen. Geschäftiger Aktionismus, um davon abzulenken, funktioniert heute viel schlechter als vor zehn oder zwanzig Jahren - der Trick ist überreizt.



    Die Lösung heißt: Probleme der Wähler lösen wollen und können. Das "Die anderen dürft ihr sowieso nicht wählen" zieht nicht mehr

  • Vielleicht ist die Sache auch so, dass die anderen Parteien jetzt ihre Chancen hatten und nun ist der Wähler neugierig: Kann die Afd ihre Versprechungen halten? Oder wenigstens ein paar. Geht die CDU doch mit ihnen zusammen, wie auch immer, wo es schon viele Übereinstimmungen gibt?

    Vielleicht denken manche, dass man das ja alles auch bei der nächsten Wahl anders entscheiden kann???

    Das kann dann aber auch ganz anders ausgehen.

  • Das ist jetzt aber schon ein bißchen arg dünn, oder?

    Dezent provokativ:

    War es nicht ein gewisser Bakunin, der meinte, dass die Lust an der Zerstörung zugleich eine schaffende Lust sei?

    Gab es da nicht vor langer langer Zeit den legendären Slogan "Macht kaputt was Euch kaputt macht"?

    Und kann Onkel Ernst (warum, warum eigentlich nie Tante Erna?) nicht mit Fug und Recht behaupten, dass die Regierungen der letzten Jahrzehnte ihn kaputt gemacht haben?

    Jetzt betrachten sie doch einmal die Auswahl der diesjährigen Wahl in Berlin:

    - CDU, egal ob Wegner, Evers oder sonstewen? (Aber immerhin halten die noch die sogenannte Brandmauer [wahnsinnig blöder Begriff, wer es nicht glaubt, erkundige sich über die Definition einer Brandmauer] zu den Afdern.)

    - Oder eine selbsternannte Linke, die mehr oder weniger offen Antisemitismus nicht nur duldet?

    - Oder eine SPD, oder Grüne? Auf Grund der Zeichenbeschränkung: Beide schließen eine Koalition mit den Antisemiten nicht aus.

    Mit Verlaub, das kann einen schon verdammt kaputt machen (aber keineswegs rechtfertigen die Afder zu wählen).

  • Großartiger Artikel! Danke!!!!

  • Gute soziologische/ psychologische Analyse, danke.



    Diese Trotzkind Haltung ist nur mit intelekt und Vertrauens/ Liebeszuwendung aufzuweichen.



    Und von Beidem hat der Buerger zu wenig.



    Ich moechte auch meine Bierdose in Protest aus dem Fenster werfen wenn ich beim schnellfahren gestopt werde

  • Ich finde, ein AfD-Verbot ist als Notbremse notwendig. So kann man Zeit gewinnen. Aber ich denke auch, der einzige Weg gegen sie wäre eine Politik für die Menschen. Und alle Parteien außer der Linken haben inzwischen nachhaltig in der Regierung bewiesen, dass sie das nicht tun. cdU/csU/sPD, fDP, Grüne waren alle in den letzten 40 Jahren an der Macht und haben sich als Hohepriester des Neoliberalismus bewiesen. Ob denen noch einer glaubt, dass sie eine andere Politik machen würden? Wenn die Grünen alleinregierend an die Macht kämen, könnte ich mir das entfernt vorstellen. Sicher wäre ich nicht. Die Linke als Alleinregierung wäre die einzige Hoffnung. Aber:



    www.zeit.de/politi...-neuwahl-wahltrend

    • @Jalella:

      "Ich finde, ein AfD-Verbot ist als Notbremse notwendig."



      Eigentlich würde ich mich Ihnen da sehr gern anschließen. Aber dann stelle ich mir immer die Frage wie lange es dauern würde bis eine noch radikalere Gruppierung aus den nur für kurze Zeit versprengten Resten entstehen würde, mit noch wütenderem Wählerpotential. Ich fürchte: Das ist kein echter dauerhafter Ausweg.



      Davon abgesehen: Für Sachsen-Anhalt käme das bereits zu spät, für andere Landstriche vielleicht auch.

  • Warum sollte es ausgerechnet der AfD gelingen, ihr Parteiprogramm ohne Mehrheiten durchsetzen? Bisher ist das selbst den Regierungsparteien nie gelungen.

  • Die ökonomische Basis des ganzen Spektakels ist klar. Und erstaunlicherweise hatten die marxistischen Philosophen der 68er (und frühere) immer Recht:

    Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise wird sich das Kapital der Faschisten bedienen.

    Dort sind wir gerade.

    Die interessante Frage: Was kommt diesmal danach? Sollten wir noch dankbar sein, dass es zumindest verschiedene Kapitalistenfraktionen gibt?

    Wählende zu psychoanalysieren, finde ich immer etwas müßig. Zunächst mal ist die Boomer-Generation bisher erstaunlich immun gegen die faschistische Versuchung.

    Wie alt ist Onkel Ernst?

    Es ist wahrscheinlich interessanter zu fragen, warum früher mehr nach Programmen und Interessen gewählt wurde und heute immer weniger.

    Social Media?

    Oder vielleicht einfach die Wahrnehmung von politischen Vertretern als, nunja, ineffektiven Interessen-Vertretern?

    Das würde die weitere Frage aufwerfen, warum das politische System so erodiert ist, das politische Prozesse nicht mehr bei den Wählern ankommen.

  • Eigentlich ein guter Bericht, sieht man von dieser ziemlich dreisten Behauptung ab.



    "Eine Regierung à la Merz, Reiche & Co sieht ihre Aufgabe darin, die Gesellschaft nach den Bedürfnissen der Wirtschaftsbosse auszurichten. "



    Ich bin weder CDU noch AfD Wähler, empfinde diese Aussage jedoch trotzdem als dreist falsch. Dann müsste sie es der SPD auch vorwerfen, denn die winkt ja all die Gesetze mit ab.

    • @Hans Dampf:

      "Dann müsste sie es der SPD auch vorwerfen, denn die winkt ja all die Gesetze mit ab."



      Ohne mich dieser Einschätzung vollends anschließen zu wollen: Viele Menschen werfen das auch der SPD inzwischen vor. Liest man schließlich oft genug in den Kommentaren.

  • Es ist zu spät. Wenn man Leuten, die sich Sorgen machen, über Jahrzehnte in wachsender Lautstärke immer nur zur Anwort gibt:



    1. Ihr habt keine Sorgen.



    2. Ihr seid dumm, weil ihr euch welche macht.



    3. Ihr seid amoralisch, weil ihr euch Sorgen macht,



    dann ist die Antwort noch sehr verhalten. Die Lautstärke wird übrigens nur noch übertönt über durch das Mittelschichtsgeblöke von "Achtsamkeit" und Empathie.



    Irgendwann haben die Leute die Schnauze so voll vom "System" (eine Nazivokabel, die nur zu gern vom anderen Rand des Hufeisens nachgebetet wird), dass sie den wählen, der verspricht "das System kaputtzuschlagen". Glaubt mir, die AfD würde das kaputtkriegen. Dass es dann alles viel schlechter wird, besonders für die, die jetzt schon Sorgen haben, steht auf einem anderen Blatt. Vor den Merkel-Jahren wäre man mit dieser Argumentation vielleicht auch noch durchgedrungen. Aber jetzt hört der akademisierten Mittelschicht außerhalb der Blase niemand mehr beim Gendern zu. Auch wenn ihr es nicht mitgekriegt habt, da läuft ein Klassenkampf, der richtige, nicht der in eurem Salon, und mit echten Proletariern. Enjoy!

  • Ich verstehe den Erklärungsversuch und er ist auch in sich schlüssig. Leider dennoch falsch.



    Gehen sie mal raus und fragen einfach die Leute, warum sie AFD wählen. Ohne die vorher zu beschimpfen.



    Die Antwort ist oft: Aus Notwehr. So heißt es "Die andern Parteien sind wechselseitig dran und machen das Gegenteil von dem was sie versprechen und ebenso das Gegenteil von dem, was die Leute erwarten. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Lieber ein bisschen Queerfeindlichkeit als die vielen Messerdelikte jeden Tag. Lieber mehr Kindergeld und dafür weniger Leistungen für Asylbewerber. Lieber weniger Geld für die Ukraine und dafür neue Schulen." Usw usw..

    Und dann ist die Diskussion schnell an dem Punkt, wo man selbst ins Stocken kommt. Für das Geld, was wir der Ukraine jährlich schenken, könnten wir jede Schule im Land neu bauen. Jedes Jahr. Was antwortet man denn dann?

    Es hilft gegen die AFD nur eine Politik, die wieder das einlöst, was die Leute erwarten: Jedes Jahr etwas mehr Wohlstand, mehr Sicherheit und die Gewissheit, dass es den eigenen Kindern und Enkeln besser gehen wird als einem selbst.

    Keine Partei verspricht dasbaucu nur ansatzweise, außer die AFD.

  • "AfD-Wählen als Triebabfuhr"



    Wenn man Menschen erstmal erklärt, sie handelten aus Triebabfuhr, dann wird es die Sache sicher ungemein erleichtern, sie davon zu überzeugen, "dass sie gegen ihre eigenen Interessen handeln".

  • Ja, den Onkel Ernst - den ‚ewigen‘ Onkel Ernst, möchte ich meinen, der Heinrich Manns ‚Untertan‘ und auch Adolf Eichmann so sehr nahe kommt - eigentlich müsste ihn jede/r kennen, im Kreis seiner/ihrer Arbeitskollegen, im Bekannten- und Freundeskreis, ja, sogar in der eigenen Verwandtschaft. Bei 28% Wählerzustimmung wäre alles andere kaum denkbar oder schlicht gelogen. Oder man lebt ziemlich extrem in seiner eigenen, linken Blase.



    Da wundert‘s, dass wir hier immer noch über die Motive von AfD-Wählenden diskutieren. Wir kennen sie doch. Geht es uns manchmal nicht genauso wie dem Onkel Ernst, nur dass wir nicht unseren politischen Trieben - darf man auch sagen: unseren niederen Instinkten? - folgen, sondern versuchen, rational zu bleiben in einer zunehmend irrationalen Welt?



    Danke, Georg Seeßlen, für die aufklärenden Worte.

  • Der Todestrieb (Thanatos) ist nach Freud der innere Drang zu Zerstörung, Aggression und Rückkehr ins Unbelebte, der dem Lebenstrieb (Eros) gegenübersteht.

  • Die CDU bricht alle Wahlkampfversprechen. Die SPD ist von der Arbeiter- zur Nichtarbeiter-Partei geworden. Grün können sich viele nicht leisten und wer mindestens ein kleines Häuschen hat, vererben möchte oder erben könnte, darf nicht die Linke wählen, weil Jan van Aken dich dann schon für überreich hält.

    Wenn die demokratischen Parteien so handeln, bleibt nicht mehr viel übrig. Hoffen wir auf Kubicki!

    • @Otto Mohl:

      "Hoffen wir auf Kubicki!"



      Au ja! Da wird sich Onkel Ernst ganz sicher freuen...

  • Und genau das ist es, was mir solche Angst macht. Ich will nicht, dass Onkel Ernst und Cousine Petra mit ihrer unerwachsenen Weidelschen Fußaufstampferei und ihrem gebrüllten blanken Hass bei gleichzeitigem Ohrenzuhalten hier - mir, uns - alles kaputttreten. Und ich merke, wie aus meiner gefühlten Ohnmacht ihrer nicht mehr eingehegten, von jeder Reflektion und Empathie unbefleckten Emotion gegenüber eine dieser gar nicht unähnliche, verzweifelte Wut wächst. Ich will nicht so sein wie sie und ich will mich den Strippenziehern, Nutznießern, Brandstiftern nicht ergeben.

  • Schöner Text, beschreibt die Sachlage ganz gut. Die AFD-Wähler wissen, was sie tun, aber sie wollen "denen" mal so richtig einen einschenken.

  • Die Zerstörung der Demokratie durch die Dummheit der Wähler scheint nicht nur in den USA zu funktionieren. Das AfD-Verbot ist dringender geboten denn je, dabei spielt es keine Rolle, was aus deren Wählern wird, wer Nazis wählt, hat keine Repräsentanz im Parlament verdient.