piwik no script img

Wehrhafte Demokratie und AfD-VerbotUmgang mit identifizierten Gefährdern​

Niemand kommt auf die Idee, man müsse den radikalen Islamismus „politisch stellen“ – was beim Umgang mit der AfD noch immer empfohlen wird. Wie absurd.

D ie Gefahr für die Demokratie, für die freiheitliche Grundordnung und insbesondere für Minderheiten war bekannt. Mehrere Landes- und Bundesbehörden hatten deutlich gewarnt. Wissenschaftliche Gutachten hatten klar formuliert, dass hier höchste Risiken vorlagen. Und dennoch geschah nichts.

Es ist auch eine Machtfrage, ob dieser Eingangsabsatz als Nacherzählung des Umgangs der deutschen Justiz mit dem CSD-Attentäter Abdul B. gelesen wird oder als Zustandsbeschreibung des Wegduckens aller zu einer solchen Initiative berechtigten Institutionen zur Prüfung eines AfD-Verbotsfahrens. Es sind sogar oft die gleichen, die empört auf das Versagen der Justiz im Fall Abdul B. schimpfen, die Prüfung eines Parteiverbots der AfD aber mit den willkürlichsten Argumenten ablehnen.

Als ob die mögliche Regierungsübernahme einer rechtsextremistischen Partei mit völkischer Ideologie nicht das Zusammenleben aller in diesem Land viel mehr und viel nachhaltiger erschüttern könnte als ein islamistischer Terrorist es vermag.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Warum nur kommt niemand auf den Gedanken, man müsse den radikalen Islamismus „politisch stellen“ – während genau das noch immer komplett hilflos als richtige Methode gegen den Aufstieg der Rechtsextremisten in den Parlamenten angesehen wird?

Warum gibt es denn die Möglichkeit eines Parteiverbots?

Aber man kann doch nicht eine Partei verbieten, die von so vielen Menschen gewählt wird, heißt es dann. Das ist absurder Unsinn. Die verfassungsmäßige Möglichkeit eines Parteiverbots besteht doch gerade deswegen, um zu verhindern, dass erneut eine Partei in die Position gewählt wird, die Demokratie von innen heraus abzuschaffen.

Bewaffneter Umsturz braucht kein Prüfverfahren des Bundesverfassungsgerichts, der ist eh verboten. Und eine Partei, die niemand wählt, so hat es auch das Bundesverfassungsgericht im zweiten NPD-Verbotsverfahren klargestellt, müsste nicht verboten werden, denn sie könnte ihre verfassungsfeindlichen Ziele nicht erreichen.

Es liegt also an Bundesrat, Bundesregierung oder Bundestag, weiter darauf zu hoffen, dass schon nichts schlimmes passiert – nur um dann wie die Berliner Justizbehörden rund um das Amtsgericht Tiergarten die Frage beantworten zu müssen, warum man das zugelassen hat. Oder aber endlich ernstzunehmen, was so offen daliegt, dass es dazu überhaupt keine Ergebnisse verdeckter Ermittlungen oder sonstige nachrichtendienstliche Erkenntnisse braucht: Die AfD ist eine extremistische Partei, die die Grundlagen bundesrepublikanischer Demokratie abschaffen will. Das ist mindestens so deutlich wie die Radikalisierung von Abdul B.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Bernd Pickert

Bernd Pickert Auslandsredakteur

Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!