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In den Tod gerissenU-Bahn-Mord heizt Migrationsdebatte an

Nachdem ein Geflüchteter eine junge Frau mit sich vor eine U-Bahn gezerrt hat, diskutiert Hamburgs Bürgerschaft den Umgang mit gefährlichen Migranten.

Eine U-Bahn fährt in die Hamburger Station Wandsbek-Markt ein Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Zwei Wochen nach dem gewaltsamen Tod einer 18-Jährigen und dem Suizid eines 25-Jährigen in einem U-Bahnhof in Hamburg-Wandsbek debattiert die Hamburger Bürgerschaft am Mittwoch über den Vorfall – auf Antrag der AfD-Fraktion. Titel: „Die tödlichen Folgen verfehlter Migrationspolitik“.

Nicht nur die AfD behauptet, die junge Frau könnte noch leben, wenn der Täter Ariop A., der sie mit sich vor eine einfahrende U-Bahn gerissen hatte, gar nicht ins Land gelassen worden wäre. Als „politische Fehlentscheidung“ der Ampelkoalition hatte vergangene Woche der Hamburger CDU-Fraktionsvorsitzende Dennis Thering das mittlerweile ausgesetzte Resettlement-Programm des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) bezeichnet.

Mit diesem Programm, das besonders schutzbedürftigen ausgewählten Geflüchteten eine Perspektive in einem sicheren Land bieten soll, war der Täter 2024 aus Südsudan nach Deutschland gekommen. Als eine von nur 5.553 Personen. Diese Menschen waren zuvor aus ihrem Land in einen Nachbarstaat geflohen und hatten dort in einem Lager des UNHCR gelebt.

Die Hälfte von ihnen seien Frauen gewesen, heißt es in einer Auswertung des Bundesamts für Migration (Bamf). Das seien 13,1 Prozentpunkte mehr als in der Gruppe derjenigen, die auf eigene Faust nach Deutschland fliehen und hier Asyl beantragen. Und: 96,4 Prozent seien mit Familienangehörigen eingereist.

Als Zehnjähriger auf der Flucht

Ariop A. war eine Ausnahme. Er hatte sich mit zehn Jahren mit einem minderjährigen Cousin 700 Kilometer nach Kenia durchgeschlagen. Vater und Onkel waren ermordet worden, seine Mutter eines natürlichen Todes gestorben. So zitiert es der Spiegel aus der Ausländerakte des Mannes.

Was der Junge ohne erwachsene Be­schüt­ze­r:in­nen damals auf der Flucht und in dem Lager, in dem er zwölf Jahre lebte, erlebt hat: Das steht nach Angaben des Spiegels nicht in der Akte. Nach allem, was über solche Zeltstädte, in denen Hunderttausende nach eigenen Regeln zusammenleben, bekannt ist: Er wird viel Gewalt, auch sexuelle, erlebt haben, am eigenen Leib und als Augenzeuge.

In Deutschland musste er offenbar allein damit fertigwerden. Da er nach Kenntnis der Behörden vor der Tat weder sich noch andere aufgrund einer psychischen Erkrankung gefährdet hatte, hatte er keinen Kontakt etwa zum sozialpsychiatrischen Dienst, schreibt ein Sprecher von Sozial- und Integrationssenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) der taz.

Um psychotherapeutische Hilfe oder Ähnliches hätte er sich also selbst kümmern müssen. Durch verschiedene Studien ist belegt, wie schwer der Zugang zu solchen Angeboten gerade für Geflüchtete ist.

Es spricht wenig dafür, dass es sich bei ihm um eine psychisch gesunde Person gehandelt hat

Allerdings lägen im Fall von Ariop A. „keine medizinischen Befunde für psychiatrische Auffälligkeiten vor“, schreibt der Sprecher der taz. „Auch die bei der Polizei bekannt gewordenen Sachverhalte lassen keinen Zusammenhang mit der Tat oder Hinweise auf eine psychische Beeinträchtigung erkennen.“

Tatsächlich lässt sich im Nachhinein ohne Gerichtsverhandlung und psychiatrisches Gutachten nicht aufklären, ob eine psychische Erkrankung ein Faktor war, der zum Suizid des jungen Mannes sowie der Tötung einer Unbeteiligten beitrug.

Nur spricht wenig dafür, dass es sich bei ihm um eine psychisch gesunde Person gehandelt hat. So schildern Medien Berichte von ehemaligen Mit­be­woh­ne­r:in­nen in Geflüchtetenheimen, nach denen er regelmäßig betrunken war. Alkoholismus fällt nach dem internationalen Code der Krankheiten unter die sogenannten F-Diagnosen, unter denen psychische und Verhaltensstörungen zusammengefasst sind. Belegt ist zudem, dass Suchterkrankungen sehr oft eine Traumafolgestörung zugrunde liegt.

Doch dieser Aspekt blieb in den vergangenen zwei Wochen seltsam unterbelichtet. Selbst die Fraktion der Linken sagte nichts dazu. Stattdessen betonte sie den frauenverachtenden Charakter der Tat. Erst auf Nachfrage der taz erneuerte die migrationspolitische Sprecherin der Linken, Carola Ensslen, ihre oft geäußerte Kritik an der unzureichenden psychosozialen Versorgung der Geflüchteten in Hamburg sowie an der Unterbringung in Massenunterkünften.

Der Täter – auch ein Opfer?

Ob sich jemand traut, in der aktuellen Stunde am Mittwoch danach zu fragen, inwiefern der Täter auch ein Opfer war? Die Regierungsfraktionen SPD und Grüne garantiert nicht. Sie wollen „mit den Angehörigen trauern“ und „der Instrumentalisierung durch AfD und CDU entgegentreten“. So heißt es in ihren Anträgen für die Bürgerschaft.

Dabei hatte der Erste Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Tat selbst für eigene Interessen genutzt. Vier Tage danach veröffentlichte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine kurze Stellungnahme seines Sprechers. „Der Fall verdeutliche aus Sicht Tschentschers ‚die Dringlichkeit rechtlicher Regelungen zur Rückführung von Flüchtlingen, die zu einem Risiko für die Sicherheit werden‘“, heißt es in dem Bericht mit der Überschrift „Tschentscher für Abschiebung gefährlicher Flüchtlinge“.

Die taz fragte den Sprecher zweimal, was das mit Ariop A. zu tun habe, da dieser vor der Tötung der jungen Frau nicht als Sicherheitsrisiko aufgefallen war. Er hatte in Unterkünften randaliert und sich mit einem Mitbewohner geprügelt, wobei er selbst nach Auskunft der Staatsanwaltschaft erheblich verletzt worden ist. In drei Fällen hatte die Staatsanwaltschaft ermittelt, dreimal stellte sie die Verfahren ein.

Zwei Tage vor der Tat griff er Polizisten an, die ihn aus einem Bordell bringen wollten, das er nicht verlassen wollte. Nach Angaben der Polizei schlug er einem Polizisten ein Telefon gegen den Kopf und verletzte ihn leicht. – Ein „gefährlicher Flüchtling“? Es gab kein Urteil gegen Ariop A., keinen Strafbefehl. Soll es in Zukunft möglich sein, Geflüchtete aufgrund einer Anzeige bei der Polizei abzuschieben, will die taz vom Sprecher des Bürgermeisters wissen – und bekommt keine zur Veröffentlichung freigegebene Antwort.

In der Bürgerschaftsdebatte am Mittwoch werden AfD und CDU die fehlende Sicherheitsüberprüfung durch deutsche Behörden von Ariop A. anprangern. Richtig daran ist: In seinem Fall hat das Auswärtige Amt vor seiner Einreise ein Visum erteilt, ohne dass Bundespolizei oder Bundeskriminalamt damit wie üblich befasst waren. Das bestätigt eine an dem Verfahren beteiligte Behörde.

Nur: Diese Überprüfung soll laut Bamf potenzielle Ter­ro­ris­t:in­nen aufspüren oder Menschen, die aktenkundig schwere Straftaten begangen haben. Zumindest Letzteres hätte dem UNHCR auffallen müssen, das ihn im Lager in Kenia für das Programm ausgewählt hat. Und das Bamf hat ihm nach einer Befragung eine Integrationsbereitschaft bescheinigt.

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6 Kommentare

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  • "Ob sich jemand traut, in der aktuellen Stunde am Mittwoch danach zu fragen, inwiefern der Täter auch ein Opfer war?"

    Wo soll diese Relativierung denn hinführen, bitte sehr? Dass das Opfer ein Kollateralschaden der Einwanderungspolitik ist? Den man akzeptieren muss wenn man menschenfreundlich sein will? Das wäre zutiefst menschenverachtend.

  • Da hat Hamburgs Oberlehrer Tschentscher aber mal ein Fass aufgemacht, und nützen wird es nur der AfD und den CDUlern aus den Walddörfern...

  • Es gibt nach solch schrecklichen Taten, die uns allen so unverständlich erscheinen, immer so viele Mutmaßungen über die zugrundeliegenden Ursachen, dass es der Diskussion definitiv nicht guttut, wenn man wieder nur versucht den Täter zu entlasten, anstatt das Argument zu entkräften, dass man den Mord hätte verhindern können, wenn solche Personen gar nicht mehr hier wären. Wäre dass denn so? Seht ihr das also nicht anders?

    Die Überschrift "Der Täter – auch ein Opfer?" wirkt entlarvend, plump und inflationär missbraucht. Warum macht ihr das und geht so gar nicht auf die Argumente der Brandstifter an, sondern spielt selbst mit dem Feuer? Kein guter Beitrag – Alles irgendwie polemisch und geradezu agitierend.

  • Ariop A wird viel Gewalt, auch sexuelle, erlebt haben, wie die taz schreibt, am eigenen Leib und als Augenzeuge. Um psychotherapeutische Hilfe oder Ähnliches hätte er sich selbst kümmern müssen. Das ist einem so jungen Menschen natürlich sofort klar. Auch weiß er sofort, an wen er sich wenden muss, in welcher Sprache und wie er dahin kommt. Durch verschiedene Studien ist belegt, wie schwer der Zugang zu solchen Angeboten gerade für Geflüchtete ist? Als 10jähriger 700 km durch Kenia, dann 12 Jahre Lagererfahrung ohne Schutz? Da hat er bestimmt ein beachtliches IQ entwickelt, das ihm das alles hätte möglich machen müssen. Schwer traumatisiert? Iwo!



    Tschentscher diskutiert den Umgang mit gefährlichen Migranten? Die Bürgerschaft müsste den Umgang mit gefährlichen MÄNNERN diskutieren, egal welcher Couleur.

  • Diese ganze Diskussion ist mal wieder unsäglich: Was ist denn mit dem Mann, der in Grenchen (Schweiz) einen Rentner nach Geld fragt und diesen dann vor einen einfahrenden Zug stößt. Nach der Beschreibung des Täters war das kein Asylant. Solche psychisch auffälligen Personen wird es immer wieder geben. Ich schütze mich so gut ich kann - indem ich z.B. erst zur Bahnsteigkante gehe, wenn der Zug bereits eingefahren ist.

  • Was für ein Wahnsinn- und da stellt sich natürlich auch noch eine bisher ungestellte Frage: Inwieweit weiß das UNO Hilfswerk wirklich , wen sie ohne Vorbereitung in unsere freiheitliche Gesellschaft entlassen? Müsste es die psychologische Betreuung und Begutachtung nicht schon vorher im Lager geben?