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Gewalt bei Schulprotesten Nur ein Symptom

Kommentar von

Lea Fauth

Die heftigen Ausschreitungen sind eine Folge dessen, dass das Leben immer unbezahlbarer wird. Und einer Hilflosigkeit, anders nicht gehört zu werden.

A m Abend vor der Großdemo gingen Emmanuel und Brigitte Macron auf ein Konzert von Céline Dion. Ihre Begleitung: Hélène Arnault, Frau des reichsten Manns Frankreichs. Wäre es nicht die Realität, man könnte es für eine Karikatur halten: hier der Luxus – draußen das wütende, kaputt gesparte Frankreich. Am nächsten Tag zündeten De­mons­tran­t*in­nen Autos und das Rathaus in Limoges an, schlugen Fensterscheiben ein, plünderten Läden.

Man könnte jetzt anbringen, dass die Proteste vielerorts friedlich verliefen. Dass Protestierende eine Barrikade wegräumten, um die Feuerwehr durchzulassen. Dass Teenager den Cafés halfen, Tische reinzustellen. Dass Plünderer geklaute Hygieneartikel verteilten. Dass ein Mann, der Geschosse in die Menge warf und aussah wie ein Demonstrant, als Polizist enttarnt wurde. Man könnte die enorme Polizeigewalt hervorheben – Jugendliche verloren durch Granaten ein Auge, eine Hand.

All das sind wichtige Kontextualisierungen. Und sie zementieren auch eine scheinbare Dichotomie – diese Gewalt entweder „gut“ oder „schlecht“ finden zu müssen. Falsche Frage. Bessere Frage: Wofür steht die Gewalt? Die Ausschreitungen drücken etwas über die Gesellschaft aus, die sie hervorbringt. Sie sind Symptom eines gewaltvollen Spätkapitalismus, der uns allen die Lebensgrundlagen entzieht. Sie sind Produkt eines undemokratischen Parlamentarismus, in dem man ein Schild hochhalten oder ein Kreuz machen darf, was aber nichts bewirkt.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Macron regiert per Dekret und hat den linken Sieg der letzten Legislativwahlen übergangen, eine Premierministerin der Umverteilung verhindert. Die Gewalt ist auch Ausdruck einer extremen Marginalisierung etwa in Pariser Vorstädten. Kimberly Jones brachte es bei den Black-Lives-Matter-Protesten auf den Punkt. „Ihr fragt: Warum brennt ihr eure eigene Nachbarschaft nieder? Es ist nicht unsere! Wir besitzen nichts!“ Und: Wem das brennende Rathaus in Limoges mehr wehtut als die Lage der Menschen in den Banlieues, der sollte mal kurz innehalten.

Lea Fauth Redakteurin taz1

Hat Philosophie und Literatur in Frankreich, Brasilien und Portugal studiert und bei der Deutschen Welle volontiert.
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18 Kommentare

  • llorenzo

    Danke, ein guter Artikel. Ich verstehe manche der Kommentaren nicht. Was hier vermittelt wird ist Fragen zu stellen. Es ist absurd, sich über den Ausbruch von Gewalt zu wundern. Natürlich sind diese Menschen verarmt und unterdrückt. Die machen das ja nicht aus Spaß am Krawall. Jede einzelne dieser Menschen möchte vermutlich einen sicheren und warmen Ort unter Freunden. Kultur genießen und ein entspanntes Leben führen. Für ihre Familien da sein und natürlich, so platt es klingt, genügend Geld und Arbeit für einen Lebensunterhalt mit Zukunft.

  • Unternehmer

    Jeder ist seine Glückes Schmied. Wer will, der findet in unserer sozialen Marktwirtschaft ein wirtschaftliches Auskommen, wenn nicht sogar Wohlstand. Ich habe es geschafft: von der unteren Mittelschicht kommend, bin ich heute Top-Verdiener.

    Das fliegt einem nicht zu, das erfordert Ausdauer, Fleiß und Disziplin. Und Frustrationstoleranz. Gewaltsame Demonstrationen zeigen nur, warum jene, die sie begehen, es nicht schaffen. Ihnen fehlen genau diese Erfolgsskills. Nur Loser plündern Geschäfte und fühlen sich dabei noch wie Robin Hood.

  • Wombat

    Tja das ist jetzt das Resultat der Schuldenpolitik und Anleihenkaufprogramme. Hohe Inflation.

  • Kasimir_Affe

    Da es sich augenscheinlich nicht um Selbstverteidigung handelt, wenn man in Horden einen einzelnen Videospiel-Verkäufer zu Boden schlägt, demütigt und ausraubt oder einen Supermarkt plündert, verstehe ich nicht, wie man überhaupt die Frage nach gut oder schlecht stellen kann.



    Sehr geehrte Frau Fauth, ich finde es tragisch, dass Ihr moralischer Kompass verloren gegangen ist, aber diese Gewalt ist in keiner Weise zu ertragen oder zu relativieren. Es ist Gewalt. Es ist Zerstörung. Es trifft die Falschen. Es ist sinnlos. Es vernichtet die Freiheit.

    Ich empfinde größten Abscheu zu wissen, dass diese Menschen die gleiche Schulbildung erfuhren wie ich.

    • Unternehmer

      @Kasimir_Affe:

      Da kann ich nur zu 100% zustimmen!

  • rero

    Berechtigte Frage:

    Wofür steht die Gewalt?



    Was drückt sie über die Gesellschaft aus?

    Einen undemokratischen Parlamentarismus, in dem Proteste und Wahlen nichts nützen?

    Dann müssten die Proteste erst recht in Anscheinsdemokratien und Diktaturen stattfinden.

    Tun sie aber nicht

    Für einen gewaltvollen Spätkapitalismus?

    Die Proteste finden nicht in China oder Bangladesh statt.

    Selbst innerhalb der EU sind es nur westeuropäische Staaten, die betroffen sind.

    Weil der Spätkapitalismus in Osteuropa weniger gewaltvoll wäre?

    Was Frau Fauth darstellt, erklärt nicht, warum nur Westeuropa betroffen ist.

    Aber offensichtlich ist, dass wir dort eine starke gesellschaftliche Instabilität erleben, womöglich gar einen Zerfall.

    Vielleicht kündigt sich hier gerade das Ende eines Weges an.

    Viele Länder jedenfalls erleben Westeuropa gerade nicht als Vorbild.

  • Newjoerg

    „Indem sie zur Gewalt aufriefen, könnten Jean-Luc Mélenchons Anhänger Marine Le Pen den Weg zur Machtergreifung geebnet haben“. Eine Analyse, die sich immer mehr verbreitet: Christophe Barbier fragte am 19. Oktober auf LCI Regierungssprecherin Maud Bergeon: „Ist das alles Marine Le Pen in die Hände gespielt?“

  • Tom Farmer

    Wer wird denn zu Klimawandel gehört? Zur Erinnerung: Aktivisten erhielten Strafbefehle und Androhung von Knast!



    Wer wird zum Thema Artensterben gehört?



    Wer wird zum Thema zukünftige Rentenkürzungen gehört??



    Usw?



    Und wo brennen jetzt Geschäfte und Autos und Rathäuser weil niemand zuhört?



    Nur weil das Thema auf der linken Gerechtigkeitsagenda und Reich-Arm Thema steht wird das so diskutiert. Ich finde das vollkommen unausgewogen!

  • Ta Tsu

    Haben Sie alle Maßstäbe verloren? In Frankreich werden 57% des Sozialprodukts staatlich umverteilt, sozusagen solidarisiert. Das ist das Problem. Mangelnder Raum für Individualität und Selbstverwirklichung. Nicht wenige reiche Menschen, die Reichendinge tun.

  • Hans Dampf

    Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt es, Rathäuser anzuzünden, Geschäfte zu plündern und Polizisten Krankenhausreif zu schlagen.



    Oder darf jetzt jeder, der meint nicht gehört zu werden Rathäuser anzünden?

  • Sabine Hofmann-Stadtländer

    Ich bin sehr zwiespältig: Einerseits stimme ich den Kommentaren von "kiwitt" und "gyakusou" durchaus zu, andererseits erinnern die Auseinandersetzungen in gewisser Weise an die Bauernkriege im 16. Jahrhundert und die Französische Revolution im 18. Jahrhundert. Auch damals war es die pure Not, die zu den Revolutionen führte. Ich wünsche mir nur eines, dass sich nicht die Falschen draufsetzen oder ihren Nutzen daraus ziehen: die Rechtsextremen.



    Wie jedoch bei dem Be- und Verharrungsvermögen der Regierungen und der EU die Konflikte gelöst werden können, weiß ich beim besten Willen nicht.

  • DiMa

    "Bessere Frage: Wofür steht die Gewalt?"

    Genau das ist die falsche Frage, den damit fängt man an, Gewalt eine Akzeptanz zu geben. Gewalt ist eine rote Linie, die hier überschritten worden ist und dafür gibt es keine Kontextuisierung. Diese Form der Gewalt hat nichts mit friedlichen Demonstrationen zu tun!

  • Frauke Z

    So so, "kaputt gespart".



    Mit einem durchschnittlichen Renteneintritt rund fünf Jahre früher als in Deutschland, und zwar auf deutlich höherem Versorgungsniveau.



    Von den besonderen Privilegien einzelner Berufsgruppen wie der Eisenbahner, die beim Kapern der Schüler- und Stundentendemos für die eigenen Belange ganz früh dran waren, ganz zu schweigen.

  • kiwitt

    Schulproteste?



    Ich glaube nicht, dass da gerade noch viele Schüler und Studenten auf der Straße sind.



    Das ist schon eine andere Klientel.



    Und Plünderer, die Hygieneartikel verteilen, bleiben trotzdem Plünderer.

    • Auweiowei

      @kiwitt:

      Und Polizisten, die als maskierte Plünderer decouvriert werden, bleiben trotzdem Polizisten.



      Und jene, die so etwas nicht wahrhaben wollen, bleiben blind.

  • Apfelesser

    Sehr angenehmer Artikel, der darauf hinweist, wer tatsächlich die Politik in seinem Sinne beeinflusst: Der Geldadel.



    Egal ob Griechenland (einst) oder Berlin (aktuell), werden Menschen gewählt, die das stetige Umverteilen von unten nach oben gefährden, dann schlägt die ausbeutende Seite gnadenlos zu. Es entsteht dadurch eine Ohnmacht gegenüber der Macht des Geldes.

  • gyakusou

    Ich habe ganz sicher kein Mitgefühl mit Menschen in den Banlieues, die plündern und Gebäude in Brand setzen.

    • JK83

      @gyakusou:

      Verstehe ich, ich auch nicht. Aber ich habe etwas anderes: Verständnis. Und wenn man das nicht hat, dann kann man nur mit Law und Order reagieren. Und wenn das alles ist, was einem einfällt, ohne dass die Ursachen wirklich verändert werden, dann kann das ganze Staatswesen kippen. Man sollte also - das will ich damit sagen - aus Eigeninteresse sich für die Belange dieser Menschen interessieren, denn unser gutes Leben hängt auch von deren Bereitschaft "mitzuspielen" ab.