Ende der Corona-Quarantäne: Das Doppelleben des Karl Lauterbach

Es gibt zwei Gesundheitsminister: der „alte“ warnte vor Leichtsinnigkeit, der „neue“ verkündet FDP-Politik.

Lauterbach vor rotem Hintergrund

Wenn er doch bloß auf sich selbst hören würde: Karl Lauterbach mit Mundschutz, hier im November 2020 Foto: Anja WEber

Heraus zum 1. Mai! Karl Lauterbach gibt dieser alten Parole der Arbeiterbewegung eine ganz neue Bedeutung. In diesem Jahr bedeutet sie: Ab diesem Tag kann jeder und jede ganz alleine entscheiden, ob er oder sie sich mit einer Corona-Infektion unter Menschen begibt und andere ansteckt. Denn dann gibt es nach der Abschaffung der Maskenpflicht auch keine staatlich verordnete Coronaquarantäne mehr. Was für eine Freiheit!

Die Quarantäne würde von den Gesundheitsämtern ohnehin kaum mehr kontrolliert, hat Lauterbach verkündet: „Daher reicht hier Eigenverantwortung.“ Mit solch einer Begründung ließen sich auch die Ampeln abschaffen. Ob jemand über Rot fährt oder geht, wird ja auch kaum kontrolliert.

Erschreckend ist der Zynismus, der hier zutage tritt. Denn ein Großteil der Ar­beit­neh­me­r:in­nen wird gar nicht die Wahl haben, Lauterbachs „dringender Empfehlung“ zu folgen, sich freiwillig im Fall einer Infektion in Isolation zu begeben und nach Ablauf von fünf Tagen freizutesten.

Und das ist auch gar nicht intendiert. Schließlich zielt die Aufhebung der Quarantäne gerade darauf ab, massenhafte Personalausfälle bei hohen Infektionszahlen zu vermeiden. Es geht also genau darum, dass Infizierte wieder zur Arbeit gehen und eben nicht zu Hause bleiben. Ob sie dabei andere anstecken? Schnurz. Der Schutz von Risikogruppen? Wen interessiert das noch. Das, was Lauterbach da macht, ist unverantwortlich.

Der Gesundheitsminister ist eine Fehlbesetzung

Bei seinem Amtsantritt waren die Erwartungen an Lauterbach hoch. Doch von Anfang an hat er die Pandemiebekämpfung der Koalitionsräson geopfert, also seinem Opportunismus gegenüber der FDP.

Auf Twitter gibt es bis heute noch den „alten“ Lauterbach: Jenen, der warnt und mahnt, dass jeder versuchen sollte, eine Infektion zu vermeiden, weil selbst bei mildem Verlauf „eine Veränderung des weiteren Lebens“ drohe. Dass jede Ansteckung das Risiko von Long Covid bringe. Dass aus epidemiologischer Sicht das Festhalten an der Maskenpflicht richtig wäre. Dass zu viele sich an den Tod so vieler Menschen gewöhnt hätten.

Noch am 14. März twitterte Lauterbach: „Wenn 200 zusätzliche Tote pro Tag mit vorübergehenden minimalen Begrenzungen der Grundrechte wie Masken oder Testpflichten verhindert werden können, müssen wir das tun.“ Wenn er doch bloß auf sich selbst hören würde.

Vom Talkshowhelden, der sich auf die Wissenschaft beruft, zum Gesundheitsminister, der nicht auf die Wissenschaft hört: Karl Lauterbach ist eine Fehlbesetzung. Da hätte man auch gleich Wolfgang Kubicki das Ministerium überlassen können. Es wäre an der Zeit, dieses Missverständnis zu korrigieren.

In diesem Sinne: Heraus zum 1. Mai!

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Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort der taz. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Buchveröffentlichungen (u.a. „Endstation Rücktritt!? Warum deutsche Politiker einpacken“, Bouvier Verlag, 2011). Seit 2018 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft.

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