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Berlinale-LeitungZu viel Schlagseite

Kommentar von

Tim Caspar Boehme

Kulturstaatsminister Weimer plante, Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle zu entassen. Nicht nur in politisch heiklen Fragen ließ sie die nötige Haltung vermissen.

Tricia Tuttle hier bei der Eröffnung der 76. Berlinale Foto: IMAGO/Eventpress Fuhr

A nmerkung der Redaktion: Die Trägergesellschaft der Berlinale hat am Donnerstag über Konsequenzen aus israelfeindlichen Äußerungen bei der Filmpreis-Verleihung am Sonntag beraten. Zu einer Ablösung der Intendantin, über die im Vorfeld spekuliert worden war, kam es nach heftigen Protesten nicht. (afp)

Zwei Jahre. Das ist ein Rekord. Die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle wird bis auf Weiteres als die Leiterin mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte des Filmfestivals eingehen. Tuttle war 2024 als Nachfolgerin von Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, der ersten Doppelspitze der Berlinale, angetreten. Schon unter den beiden hatte es am Rande von Berlinale-Galas politische Statements zu Gaza gegeben, abgesetzt wurden sie von der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth aber aus internen Gründen. Dass Roths Amtsnachfolger Wolfram Weimer jetzt seinerseits Tricia Tuttle entlassen will, liegt an ihrem Agieren zum Abschluss der 76. Berlinale.

Der vom Festival für sein Spielfilmdebüt „Chronicles From the Siege“ ausgezeichnete palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte in seiner Dankesrede am Samstag der Regierung Deutschlands vorgeworfen, „Partner des Völkermords in Gaza“ zu sein, und angekündigt: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Auch würde man sich an jeden erinnern, „der geschwiegen hat“. Die wenig verhohlene Drohung haben einzelne Kommentatoren ohne nähere Angabe von Gründen als Übertreibung wegzuwischen versucht. In der Politik sah man das anders.

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Israel, das mit bloß einem Film vertreten war, wurde an dem Abend von Rednern zudem in rein kritischer Absicht erwähnt. Bei alledem blieb Tuttle auf der Bühne eine Reaktion schuldig. Eine Woche zuvor hatte sie zur Premiere von Alkhatibs Film für ein Foto inmitten seiner Crew mit vielen Kufiyas und neben einer palästinensischen Flagge posiert.

Dass sie bei dem Termin zugegen war, mag zu ihrem Job gehören. Dass ihrerseits ein Kommentar zu Alkhatibs Worten ausblieb, kann man jedoch kaum als ausgleichende Vermittlung bezeichnen. Eine solche politische Schlagseite, die schon während der Berlinale zu beobachten war, steht dem Festival nicht gut zu Gesicht. Weimer ist ausnahmsweise zuzustimmen.

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Kulturredakteur
Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
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54 Kommentare

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  • Gideon , Moderator*in

    Vielen Dank für eure Beiträge, wir haben die Kommentarfunktion geschlossen. Die Moderation

  • das ist ja ein veritables journalistisches desaster und ein bärendienst für die "rohe bürgerlichkeit" in antisemitismuskritischem gewande, den ein offensichtlich überforderter kommentator da heute vormittag für die taz produziert hat: da werden entlassungen gemeldet, wo noch keine sind, und zugunsten einer unverhohlen rechtsoffenen und autoritären kulturpolitik die dünnsten bretter gebohrt um daraus schlagzeilen über vermeintliche "schlagseiten" zu zimmern.

  • Die Berlinale erhält Steuermittel im zweistelligen Bereich. Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson. Israel Völkermord zu unterstellen wäre nicht meine Meinung, aber Ok, für kontroverse Positionen sind solche Festivals der richtige Ort. Wenn man aber offene Drohungen ausspricht, dann ist der Rubikon klar überschritten. Hier hätte die Leitung einschreiten müssen. Wem das nicht gefällt, der möge sich demnächst auf selbst finanzierten Festivals tummeln - viel Vergnügen dabei.

  • Guter Beitrag!



    Derlei "Dankesrede" hat mit Kunstfreiheit aber mal gar nix zu tun.



    Und wenn jetzt aus gleicher Ecke getönt wird, wenn Tuttle abgesetzt wird, dann werden keine Filme mehr eingereicht....



    Jomei, dann halt nicht. Teil der Kunstfreiheit würde ich das mal nennen.

  • Schön eindeutig ist hier die Haltung derjenigen, die bisher kommentiert haben. Ich - und bestimmt einige andere - warten noch auf die Pro-Israel-Fraktion. Aber vielleicht ist dieser Fraktion das Thema auch zu "heiß", weil es derart offensichtlich ist, wie hier politisch in die Kulturfreiheit eines internationalen festivals eingeharkt wird. Und auch die ca. 700 Kulturmenschen, die sofort einen Brief gegen die geplante Absetzung unterschrieben haben - auch wieder viele Internationale - die sind nicht so einfach bei Seite zu wischen.

  • Wenn jemand unverhohlen auf der Bühne droht und die Menschen unter Druck setzen möchte sich auf die Seite der Palästinenser zu schlagen, dann muss dagegen vorgegangen werden. So etwas hat dort nichts zu suchen.



    Man stelle sich einen rechten Regisseur vor, der auf der Bühne meint, "Wir werden nicht vergessen wer für und wer gegen und war!".



    Wenn da keine Widerwort kommen, dann weiß ich auch nicht. Daher kann es mit der Berlinale nicht so weitergehen.



    Kultur sollte nicht missbraucht werden.

    • @si tacuisses:

      Die Drohung hat nicht stattgefunden. Stattgefunden hat eine moralische Geißelung, die man denen, die geschwiegen oder beschwichtigt haben, für die Zukunft in Aussicht stellt.

      "Kultur soll nicht mißbraucht werden." Dieser Satz ist natürlich eine schöne Aussage und geradezu floskelhaft, aber wer legt denn nun fest wann Kultur missbraucht wird? Und es gibt ja auch den gegenseitigen weitgeteilten Vorwurf: Kunst und Kultur darf zu Mißständen nicht schweigen, sonst ist sie auch kollaborativ!

      Und wenn wir schon mal beim Thema sind: Wer denkt, Kultur sei nicht exklusiv? Kultur ist nichts anderes als eine Setzung, die logisch notwendig viel anderes kennt z.B. andere Kulturen. Insofern ist Kultur immer notwendig Standpunktnahme. Eine unpolitische Kultur ist Fiktion. Denn unpolitische Kultur ist dennoch Bestätigung des Status Quo!

      Ich schreibe das in den Äther um vielleicht einen Denkprozess in Gang zu setzen.

    • @si tacuisses:

      Ich stelle mir einen rechten Regisseur vor, der auf der Bühne zugibt, daß die große Mehrheit gegen Rechts war.



      Vorstellbar ist für mich auch, daß eines Tages ein israelischer Regisseur zugeben könnte, daß der größere Teil der Menschheit zu Recht gegen den Genozid war.



      Und vorstellbar ist für mich sogar, daß Israelis und Palästinenser als das erkennen und anerkennen, was sie tatsächlich sind: Semiten und als solche Brüder und Schwestern des selben Stammvaters - und sich in vielem soo ähnlich!

  • Ernsthaft? Ist die korrekte politische Haltung zu fachfremden Themen Einstellungsvoraussetzung? Dann dürfte eigentlich niemand geeignet sein.

    • @nutzer:

      Die Antwort ist leider: ja



      Aber da finden sich welche mit einem Fokus auf der "Haltung".

      Und das wird in Zukunft das Problem der Kultur insgesamt werden.



      Wir sind damit auf dem direkten Weg nach Moskau.



      Putin wird einen Krim-Sekt aufgemacht haben, falls ihn das überhaupt interessiert.

  • Es wurde auch höchste Zeit, daß diesem Treiben ein Ende gesetzt wird. Während in der ganzen Welt die Filmfestspiele ein Ort der Kultur sind, ist die Berlinale zu einem politischen Propagandainstrument mit antisemitischen Charakter verkommen. Und ganz sicher bedarf es keiner Belehrungen von Seiten der Partei, die den Krieg ausgelöst hat. Seltsamerweise reisen israelische Politiker nicht durch die Welt und verkünden, dass alle Welt die palästinensischen Terroristen bezahlt und aufgerüstet hat.

    • @Puky:

      Propagandainstrument, antisemitischer Charakter, verkommen, ...?



      So erfolgreich verdrängt, daß auch Palästinenser Semiten sind?



      Was wäre das Judentum ohne Erinnerungskultur? Wie kann man die Ankündigung, man werde sich erinnern, als Drohung deuten? Oder als Belehrung?

    • @Puky:

      Sehr interessanter Aspekt und absolut zutreffen, was Sie schreiben. Das wird scheinbar konsequent ausgeklammert, dass die Hamas ohne Geld aus dem Westen kaum finanziert werden könnte. Ich verstehe ja, dass das schwer zu benennen ist, weil die Konsequenz wäre: Kein Geld für Gaza. Aber das sollten die, die meinen, Deutschland eine "Komplizenschaft bei einem Völkermord" unterstellen zu müssen, bedenken.

  • Es wird nichts helfen. Auch die einberufene Krisensitzung nicht.



    In der Kunst müssen unterschiedliche Deutungen von Politik möglich sein und bleiben.

    • @Kay Brockmann:

      Die künstlerische Tätigkeit eines Regisseurs besteht darin, bei der Produktion von Filmen Regie zu führen, aber nicht darin, politische Reden zu schwingen.

    • @Kay Brockmann:

      Und eine Festivalleitung ist keine Gesinnungspolizei.

      • @Sonntagssegler:

        Gegen Antisemitismus die Stimme zu erheben bedarf keiner Gesinnungspolizei.

  • Guten Morgen :)



    Verstehe ich das richtig: Die Kündigung wird hier als Fakt dargestellt? Als wäre sie schon erfolgt? Die außerordentliche Sitzung wird doch erst noch stattfinden, noch wurde keine Ergebnis dieser Sitzung bekanntgegeben. Sollte man das nicht erst abwarten? Oder im Text deutlich machen, wie die konkrete Sachlage vor der Sitzung ist?

  • Weimer zustimmen?? Und das in der taz. Man glaubt, nicht richtig zu lesen. Wo sieht Herr Boehme denn die Aufgabe einer internationalen Festivalleitung? In der Vertretung von Regierungspositionen und der "Staatsräson"? In "Ausgeglichenheit" – was immer das sein mag? Die Absetzung von Tuttle dient wie die Kampagne gegen Francesca Albanese doch vor allem darum, von dem anzulenken, was tagtäglich in Gaza und im Westjordanland mit Unterstützung der Bundesregierung passiert. Wie kann man das ausblenden?

    • @HRMe:

      Welche Kampagne gegen Frau Albanese meinen Sie?



      Etwa, dass die Kritik an ihrer Haltung und ihren Worten immer größer wird? Das ist wohl kaum eine Kampagne, es ist vielmehr zwingend notwendig.

    • @HRMe:

      Sie meinen das dort immer noch eine Mehrheit der Menschen die Hamas unterstützt? Und Israel am liebsten von der Bildfläche tilgen wollen?

  • wem derart leichtes spiel gemacht wird, der sich als rechter kulturstaatsminnister um seine identitätspolitische agenda keine sorgen machen – weder regelmäßig noch ausnahmsweise.

  • Zu viel Schlagseite. Bestimmt.



    Bloß denke ich ich, dass die offizielle Meinung der Regierung doch keine pro-palestinensische Schlagseite hat?

    • @EffeJoSiebenZwo:

      "...doch keine pro-palestinensische Schlagseite hat?"

      Warum sollte sie das auch?

  • Herr Boehme, Weimer zustimmen? Als Kulturredakteur? Was konnte Kant, was ich nicht kann?

  • Wäre interessant zu wissen, warum es dem Festival nicht gut steht und wieso Weimer mit der Kündigung Recht hat. Zu glauben man könne alle Redebeiträge überwachen ist eine Illusion. Die Bilder einer Pressekonzferenz zu zensieren finde ich viel schwieriger, wird aber gar nicht mehr erwähnt.



    Reden sind nur erwünscht, wenn sie den Interessen der Deutschen Politik wiedergeben. Bei den Oscars hat man sich an unliebsame Reden gewöhnt ubd dreht dann dem Mikro den Strom ab, aber niemand käme auf die Idee das Festivak für einen Redebeitrag eines Preisträgers verantwortlich zu machen. Die Angst vor dem Kontrollverlust über die Kulturbranche?!? In welche Richtung bewegen wir uns gerade?

    • @Moritz Pierwoss:

      Den Redebeitrag eines Preisträgers einfach abzudrehen, grenzt schon an Unterdrückung der Meinungsfreiheit, außer bei einem deutlichen Überschreiten der vereinbarten Redezeit. M. E. ist es besser, die Leute reden zu lassen, aber deutlich klarzustellen, dass das die persönliche Haltung des Redners, nicht jedoch die des Festivals ist.

  • Sehr geehrter Herr Boehme,

    was hätte Frau Tuttle Herrn Alkhatib entgegnen sollen? Dass die BRD keine Mitverantwortung am Genozid im Gaza Streifen trägt? Trotz Waffenlieferungen, die sogar nach einer Pause im November 2025 wieder von der BRD aufgenommen wurde, nachdem am 16. September die UNHRC feststellte, dass der israelische Staat im Gaza Streifen Völkermord begeht?

    • @Wilfried Wang:

      Nein -- dass er sich seine Drohungen bitte sparen möchte.

    • @Wilfried Wang:

      Die Hauptverantwortung für all das Leid in Gaza trägt die Hamas. Die hat die Bevölkerung in diesen Krieg hineingezogen und noch dazu als menschliche Schutzschilde missbraucht. Solange das nicht in jeder Diskussion als Erstes benannt wird, braucht man von "Mitverantwortung" in Europa oder sonstwo gar nicht reden, weil das extrem unehrlich ist.

    • @Wilfried Wang:

      Vielleicht auf die Verantwortung der Hamas für das Geschehen in Gaza hinweisen?

  • Wenn selbst die taz einmal Herrn Weimer zustimmt, dann muss ja Frau Tuttle betreffend einiges im Argen liegen.

    Ich habe das Abwiegeln des Statements von Herrn Alkhatib tatsächlich auch nicht verstanden. Klarer kann eine Drohung im Sinne von "wir wissen was ihr getan habt und ihr werdet dafür bezahlen" nicht formuliert sein, wenn man es nicht ganz offen sagen möchte. Allein sein hasserfüllter Blick auf dem vielfach gezeigten Bild kann schon Sorgen bereiten.

    Auch eine Leiterin eines Festivals wie der Berlinale muss die Verantwortung übernehmen, welche Botschaft von ihrem Festival ausgeht. Solidarität mit den Palästinensern ist das Eine, keine Reaktion auf offene, aggressive Drohungen ist das Andere.

    • @Katharina Reichenhall:

      1. Bilder sind immer eine Auswahl.



      Wenn man hundert Fotos von Ihnen schießt, wird man eines finden, auf dem Sie mit etwas bösem Willen hasserfüllt schauen.



      2. Man sollte schon zwischen Zorn, Wut und Hass unterscheiden. die ersten beiden sind durchaus angebracht.



      3. Herr Alkhatib ist nicht Bernd Höcke und hat auch keine Schlägertruppe im Hintergrund. Was für eine Drohung soll das dann konkret sein?



      4. Ich beziehe seinen Satz auf die Geschichte. Die Geschichte wird sich daran erinnern und eventuell werden sich unsere Enkel für unsere Haltung entschuldigen müssen.



      Daran ist jetzt sachlich nicht so ungeheuer viel auszusetzen, außer das Sie es vielleicht nicht hören möchten.

      • @Sonntagssegler:

        Sie mögen seinen Satz auf Geschichte beziehen, ich sehe darin eine unverhohlene Drohung. Sie interpretieren, ich interpretiere, dass man da zu unterschiedlichen Schlüssen kommt, erscheint mir nicht außergewöhnlich.



        Was ich hören will oder nicht spielt keine Rolle. Und wahrscheinlich wird man immer etwas in der Geschichte finden, für das manche meinen, sich bei den Enkeln entschuldigen zu müssen. Im Bezug auf Gaza sehe ich das allerdings eher nicht. Aber auch das ist subjektiv.

  • Weimer, der selbst die politische Schlagseite arg als sein Geschäftsmodell hat, da 'beizupflichten', ergibt keinen Sinn.

    Die Frage ist doch: Macht sie ein gutes Festival, von den Filmen, Gästen und schafft sie eine Deeskalierung vor dem Hintergrund, dass ja für eine kurze Phase Palästina-Demonstrationen arg unter dem Daumen waren hierzulande. Weil die Weimers dieser Republik womöglich Angst für dem israelischen Botschafter hatten.



    Über das Programm will ich mir kein Urteil erlauben, ich war da nie selbst.

    • @Janix:

      Die Vorstellung, politische Entscheidungen deutscher Bundesminister würden von "Angst vor dem israelischen Botschafter" bestimmt, ist die moderne Fassung der Diffamierung des demokratischen Staates als "Judenrepublik" in der Zeit der Weimarer Republik.

  • Moment. Es ist doch Völkermord oder nicht ? Und die deutschen Politiker ließen sich Waffenlieferungen zu? Ich finde die Kritik an Israel berechtigt und die Absetzung unberechtigt.



    Erst ist die Berlinale zu unpolitisch. Dann zu politisch?



    Ps. Ich habe viele jüdische Freunde und bin kein Israelhasser, Antisemit oä. Im Gegenteil.

  • Ich frage mich, woher eigentlich der Anspruch kommt, die Berlinale-Leitung habe zwingend ausgleichend zu wirken oder müsse entlassen werden.

    Man stelle sich vor, der Regisseur eines Films im Kontext des deutschen Kolonialismus in Namibia weist in seiner Dankesrede darauf hin, das Deutschland weiterhin seine Rolle im Kolonialismus verleugnet aber das man sich daran erinnern werde, wer sich jahrzehntelang vor seiner Verantwortung gedrückt habe.

    Hätte es da auch so einen Aufschrei gegeben und hätte man von der Berlinale Leitung "ausgleichendes Verhalten" verlangt?



    Und wenn ja, welches bitte?

    Das Problem ist ja: Der Mann hat leider völlig recht. Die offizielle Staatsräson der Bundesrepublik stützt in Gaza einen mutmaßlichen aber ehrlicherweise kaum noch zu verleugnenden Völkermord (oder mindestens den Versuch eines solchen).



    Das muss man benennen und kritisieren dürfen.



    Und ja, die Geschichte wird sich auch daran erinnern.

  • Interessant, dass die Taz sich die "deutsche Staatsräson" Weimers zu eigen macht. Dagegen zeigt "der Spiegel" eine sehr viel kritischer Haltung zur politischen Gängelung der Kultur: "...Sollte Tuttle von Weimer zum Abtritt gedrängt werden, dürften es hingegen Hunderte, wenn nicht Tausende sein, die ihre Filme nicht mehr nach Berlin geben – aus Solidarität für eine beliebte Festivalchefin, die viel Kraft und Zeit darauf verwendet hat, zwischen deutschen und internationalen Befindlichkeiten zu vermitteln. Und aus Protest gegen einen Kulturstaatsminister, der sich die politische Gängelung der Kultur zum Programm gemacht hat.



    Sollte sich Weimer durchsetzen, wäre das Ansehen der Berlinale zerstört – und das Schaufenster der freien Welt zum Guckloch in die Dunkelheit geschrumpft."

    • @Rinaldo:

      Um ehrlich zu sein, fand ich das gestern abend nicht interessant sondern bedenklich.

      Immerhin kommen mittlerweile auch die anderen Positionen in die taz. Das diese Meinung aber implizit die Meinung der taz hätte widerspiegeln könnte hat mich ziemlich erschreckt.

      Wer wenn nicht die taz kann (und muss) den unfairen proisraelischen Narrativen noch konsequent etwas entgegensetzen.

  • Und wer übernimmt und was wird aus der Berlinale, wenn Leiterinnen politische Verantwortung für freie Meinungsäußerungen (wie kritiserenwert auch immer) übernehmen müssen? Muss die Berlinale-Leitung als Wächter der deutschen Staasträson fungieren? Kulturpolitisch kündigt sich hier doch ein Desaster an. Niemand von Format wird sich dieses Postens annehmen wollen. Als Leiter kommt nun vermutlich ein starker Mann à la Joe Chialo, der uns weismachen wird, dass Heimatfilme weltweit die wahre Filmkust darstellen.

    • @Anton Linea:

      Festivalleitung ist ein Management-Job und da gehört es dazu, dass man geistesgegenwärtig auf alles Mögliche reagiert.



      Kulturmanager gibt es auch deutlich mehr als offene Stellen, insbesondere solche mit fett Subventionen und Budget. An Bewerbern für den Job dürfte es nicht mangeln.

  • „Gelbe Briefe“ also auch hier! Daniel Brax Kommentar, dass deutsche Politiker die Berlinale schädigen, ist absolut zuzustimmen!

  • "Die wenig verhohlene Drohung haben einzelne Kommentatoren ohne nähere Angabe von Gründen als Übertreibung wegzuwischen versucht".

    Wie schön, nicht einmal Roß und Reiter nennt Herr Boehme in einem hochpolitischen globalen Diskurs zu einem Film, dessen Filmemacher ein unangenehmes kritikwürdiges politisches Statement zum Krieg in Gaza abgaben.

    Wenn die taz den Rauschmiß von Tuttle abnickt, die sehr differenziert versuchte, den Diskurs um das Thema Gaza, Israel und damit verbundende Zensurvorwürfe zu entschärfen, kann ihr das gar nicht hoch genug angerechnet werden. Auch Wenders versuchte, den Diskurs darum zu entschärfen.

    Sollte Tuttle den Filmemachern über den Mund fahren, obwohl viele internationale Filmemacher deren Kritik im Festsaal teilten?

    Die taz macht sich mit diesem Kommentar zum Anwalt der Büchsenspanner, die die Berlinale entpolitisieren und der Kunst Daumschrauben anlegen wollen.

    Der Schaden für den politischen und künstlerischen Diskurs der Berlinale ist enorm, weil Kunst auf der Berlinale mit der Entscheidung von Weimer nicht mehr frei ist!

  • Ja Mensch, Politik kennt keinen archimedischen Standpunkt, aber wohl kennt sie Leugnung, Lüge und Vereinfachung.

    Ich bin fein mit Tuttle und ich bin fein damit wenn Weimer und das Gremium sie entlassen sollten. Ich bin fein mit dem palästinensischen Regisseur und seiner Kritik an der Politik der BRD und ich bin fein mit der Kritik an ihm. Ich bin fein mit der Staatsräson.

    Aber ich werde auch fein damit sein, wenn es irgendwann juristisch und historisch nicht mehr fraglich wäre, dass es in GAZA einen Genozid gab. Und ich werde auch fein damit sein, wenn das in der BRD politische Konsequenzen nach sich ziehen sollte.

    So ist das mit der Politik.

  • Vielleicht war dem Kulturminister auch das Programm zu „woke“, Gaza nur ein willkommener Anlass, um die Intendantin loszuwerden und jemand gewünschtes ins Amt zu heben. Es ist doch bekannt, welche konservative Position der Kulturminister vertritt. Auch wenn das hier nur ein Kommentar ist, hätte ich mir von der taz einen kritischen Standpunkt gewünscht, statt dass zu wiederholen, was alle Medien von sich geben.

  • Bemerkenswert, wie sich die Medien- und Kunstschaffenden so hartnäckig an Israel/Gaza festbeißen. Haben Israelis und Palästinenser dieses selbstgefällige Kasperletheater verdient? Hängt das Schicksal Gazas ab von Sprücheklopferei im Festsaal und derm tapfereen Unterschreiben harscher Aufrufe?



    Auffällig zudem, der Iran, Syrien, Sudan, Nigeria, Myanmar und wo auch immer seit langem in Massen gemordet wird, sind für sie von keinem Interesse.

    • @Michael Andreas:

      Da haben Sie leider recht. Hängt aber vielleicht zumindest auf der einen Seite damit zusammen, dass Antisemitismus eben doch ein global verbreitetes Phänomen ist, auch in der Linken. Und die gegnerische Seite kann dann immer zeigen, dass sie die Lehrer aus der Geschichte gezogen habe.



      Was Europa angeht, habe ich zudem das Gefühl, dass Anti-Antisemitismus gerade eine gute Waffe im rechten, antimuslimischen Kulturkampf ist. Und da sind wir dann wieder bei Herrn Weimer

  • "Israel... wurde an dem Abend von Rednern zudem in rein kritischer Absicht erwähnt"

    Das dürfte doch niemanden der das aktuelle Zeitgeschehen verfolgt hat ernsthaft verwundern.

    Verbrecher gegen die Menschlichkeit und Landräuber nimmt in Europa nur noch ein Land in Schutz.

    Die Worte von Alkhatib waren nicht sehr sorgsam abgewogen oder wie es in Deutschland oftmals heisst, politisch nicht korrekt. Die Emotionen sind aber nachvollziehbar und die Aussage hinsichtlich des "Partner des Völkermords" würden sehr viele Menschen in dutzenden Ländern wahrscheinlich zustimmen, wenn Israel wegen eines solchen Vergehens irgendwann einmal verurteilt würde.

    Für das Ergebnis von Staatsräson und Antisemitismusresolution ist Deutschland selbst verantwortlich und dementsprechend ist derzeit auch sein Image.

    Ich habe jedenfalls keinen Respekt vor einer Bundesregierung, die sich als Verteidiger von Kriegsverbrechern erweist, einen mit Haftbefehl gesuchten Staatsmann unbehelligt einreisen lassen würde und sogar noch das Staatsoberhaupt zum Tee nach Jerusalem endsendet.

    Warum sollte Frau Tuttle sich daher anders positionieren? Und was ist gegen ein Foto von ihr mit Palästinenserflagge einzuwenden?

    • @Sam Spade:

      👍



      Hier gibt es so viele verkorkste Kommentare. Es fehlt die nötige Empathie für die Reaktionen auf Verbrechen der Menschlichkeit, die aktuell fortbestehen.



      Wegschauen war "damals" auch schon ein verheerender Akt.

  • Herr Weimer zeigt das Rückgrat, welches ich bei Frau Roth stets vermisst habe.

    • @DiMa:

      Die Komplizenschaft in einem Völkermord und der Versuch, die Kritik daran zum Verstummen zu bringen, ist kein Zeichen von Rückgrat, sondern autoritär und rassistisch.

      • @O.F.:

        Zum Glück entscheiden Gerichte über den Tatbestand des Völkermords und nicht der Volksmund.

        Israel wird von einigen Seiten des Völkermords bezichtigt, daraus lassen sich jedoch noch keine Rückschlüsse über eine "Komplizenschaft" Deutschlands ziehen.

        Erst wenn Israel vor dem IGH wegen Völkermord verurteilt wird, kann auch juristisch geklärt werden, ob die Waffenlieferungen oder die mit EU Veto blockierten, unterlassenen Präventivmassnahmen den Tatbestand der Beihilfe erfüllen.

        Das die Haltung der Berlinale Leitung nicht konform geht mit der deutschen Staatsräson hat weniger mit Rassismus, als mit den politischen Interessen der Bundesrepublik zu tun. Die zu wahren ist auch nicht autoritär sondern das gute Recht einer jeden Regierung. Diese zu kritisieren das gute Recht eines jeden Bürgers, aber mit Augenmaß und nicht mit Vorverurteilungen.

      • @O.F.:

        Außerdem ist es nach deutschem Recht eine Straftat.