Antisemitismusvorwurf von Gil Ofarim: Komplett überflüssig

Zweifel an den Aussagen des Musikers Gil Ofarim lösen einen Shitstorm gegen ihn aus. Für den Kampf gegen Antisemitismus wäre eine Falschaussage Gift.

Der Sänger Gil Ofarim mit langen blonden Haaren, Hut und einer Gitarre

Bekannter geworden ist er durch die Affäre allemal: Der Musiker Gil Ofarim Foto: Jens Krick/igamo-images

Wurde der Musiker Gil Ofarim nun antisemitisch beleidigt oder nicht? Zwei Wochen nachdem der jüdische Künstler gegen einen Mitarbeiter eines Leipziger Hotels diesen Vorwurf erhoben hatte, weil dieser ihn dazu aufgefordert habe, seine Kette mit Davidstern einzupacken, scheint sich die Geschichte anders darzustellen. Medien berichten von Videoaufnahmen aus der Lobby, die zwar Ofarim zeigen – aber ohne besagte Kette mit Davidstern.

Die ermittelnde Leipziger Polizei hat mittlerweile „ernstzunehmende Zweifel“ an den Schilderungen. Die Zeit berichtet, dass sich keine Zeugen für Ofarims Vorwurf der Diskriminierung finden lassen. Stattdessen habe sich eher der von Ofarim beschuldigte Hotelangestellte in einem Wortwechsel mit Ofarim, bei dem es offenbar nicht um die Kette ging, durch den Musiker beleidigt gefühlt und ihm deshalb Hausverbot erteilt.

Die gesamte Affäre ist zutiefst verstörend. Was ist wahr, was gelogen? Was wird verzerrt dargestellt? Letztlich entscheidend ist aber: Hat der Fall Einfluss auf die Antisemitismusdebatte hierzulande? Ist er kontraproduktiv, weil er rechte Kräfte mobilisiert, die sich durch den möglicherweise unberechtigten schweren Vorwurf bestätigt fühlen?

Schaut man in die sozialen Netzwerke, wo aktuell eine heftige Welle der Entrüstung wegen der „niederträchtigen Lüge“ und „böswilligen Unterstellungen“ gegen den Musiker läuft, erhärtet sich dieser Verdacht. Sollte es sich tatsächlich bewahrheiten, dass Ofarim die Vorwürfe erfunden hat, war sein Instagram-Video nicht nur ein fettes Eigentor, sondern vor allem ein Bärendienst im Kampf gegen Antisemitismus, Hetze, Hass.

Der Skandal lässt Assoziationen an das Model Gina-Lisa Lohfink aufkommen, die 2012 zwei Männer beschuldigt hatte, sie vergewaltigt zu haben, was sich im Laufe des Prozesses als Lüge entpuppte. Für den Feminismus ging das damals nach hinten los. Frauen, die Sexismus anprangerten, wurde die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Opfern von Antisemitismus könnte es ähnlich ergehen. Zum aktuellen Stand der Ermittlungen erscheint die Causa Ofarim als komplett überflüssig.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ressortleiterin taz.de / Regie. Zuvor Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Journalistin, Germanistin, Slawistin. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es immer tun" über Partnerschaftsgewalt.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de