Antisemitismusvorwürfe von Gil Ofarim: Wider die Schlammschlacht

Egal ob Sänger Gil Ofarim beleidigt worden ist oder nicht: Antisemitismus zeigt sich aktuell deutlich demaskierter.

Menschen mit Israel-Fahne vor einem Hotel

Demonstration gegen Antisemitismus vor dem Leipziger Hotel „Westin“ Anfang Oktober Foto: Dirk Knofe/dpa

Es steht Aussage gegen Aussage. Der Sänger Gil Ofarim bleibt dabei, dass ihn ein Leipziger Hotelmitarbeiter antisemitisch beleidigt habe. Ofarim hat eine Strafanzeige gestellt. Der Hotelmitarbeiter erklärt Ofarims Erklärung für falsch und hat seinerseits eine Anzeige gegen den Sänger gestellt. Eine von dem Hotel beauftragte Kanzlei kommt nach Zeugenbefragungen zu dem Schluss, dass niemand Ofarims Darstellung bestätigen kann. Die Videoaufnahmen sind uneindeutig. Sie sind ohne Ton, und es ist nicht genau zu erkennen, ob Ofarim eine Kette mit Davidstern trug, mit der er als jüdisch zu erkennen gewesen sein soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und äußert sich zum Stand ihrer Erkenntnisse vorläufig nicht.

Ist Ofarim Opfer eines Antisemiten? Oder hat der Sänger die Geschichte erfunden? Es wäre weise, wenn die Öffentlichkeit sich nun gedulden würde, bis sie zu einer Bewertung des Vorfalls kommt. Doch in Zeiten der sozialen Medien ist so ein Ratschlag wohl weltfremd. Allein der Verdacht – und mehr ist es bisher eben nicht –, dass Ofarim eine judenfeindlichen Angriff erfunden haben könnte, reicht aus, damit Twitter, Facebook & Co überschäumen.

Zunächst einmal gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung. In Anbetracht der divergierenden Darstellungen ist es richtig, dass die Staatsanwaltschaft den Vorfall prüft. Es ist allerdings angesichts der Indizienlage durchaus vorstellbar, dass sie zu keiner eindeutigen Beweislage kommt. Das hat in solchen Fällen meist eine Einstellung des Verfahrens zur Folge.

Viele der fasziniert gaffenden Zuschauer der nun aufgeführten veritablen Schlammschlacht meinen, allein die Vorstellung, dass Ofarim Antisemitismus herbeifantasiert haben könnte, sei eine Ungeheuerlichkeit. Die einen kommen zu dem Schluss, dass dies der Sache, also dem Kampf gegen den Judenhass, wenig dienlich sei, sollte dies stimmen. Die anderen konstruieren, dass der Antisemitismus in Deutschland ja gar nicht so schlimm sein könne, wenn er schon erfunden werden müsste.

Täter- und Opfertausch

Dazu ist zu sagen: Die Imagination judenfeindlicher Attacken oder verwandter Behauptungen kommt vor, selten immerhin, aber so etwas gibt es. Vor Jahren machte eine Jugendliche mit der Geschichte auf sich aufmerksam, Neonazis hätte ihr ein Hakenkreuz in die Haut eingeritzt. Die Story war gelogen, sie hatte es selbst geritzt. Von einem ganz anderen Kaliber ist die Geschichte eines Schweizer Autors, der sich als Holocaust-Überlebender tarnte und damit Bekanntheit gewann. Und erst im letzten Jahr behauptete ein Nebenkläger in einem Prozess gegen den NS-Wachmann D. in Hamburg, er sei als Jude im KZ Stutthof gefoltert worden. Nichts davon entsprach der Wahrheit.

All diese Imaginationen folgen der Logik, dass der Antisemitismus – glücklicherweise – so stark tabuisiert ist, dass sich daraus Aufmerksamkeit generieren lässt. Die Täter wollen Opfer sein, um ihre gesellschaftliche Aufwertung zu erreichen, und sei es, indem man sich als Verfolgter von judenfeindlichen Nazis präsentiert.

Die Vorfälle unterscheiden sich prinzipiell aber nicht von anderen Vorkommnissen der Selbstsucht, etwa, in dem man sich als Opfer einer schwer kriminellen Tat präsentiert, die es nicht gegeben hat, oder wenn man mit intimen Beziehungen zu Prominenten prahlt, die nicht vorhanden sind.

Solche Erfindungen vertauschen Täter und Opfer. Sie lassen daher den Beobachter zweifelnd zurück. In diesem Fall heißt das: Sind die Juden ehrlich? Ist der Judenhass wirklich so schlimm?

Man kommt immer raus beim Ressentiment

Diese Legenden setzen sich gerade in vielen Köpfen fest, obwohl keineswegs bewiesen ist, dass Ofarim nicht die Wahrheit sagt. Die erste Frage impliziert, dass Juden in irgendeiner Weise „anders“ sind. Das entspricht einem antisemitischen Ressentiment. Womit wir beim zweiten Punkt sind, nämlich der Leugnung eines weit verbreiteten Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft.

Hier ist es freilich nur zu offensichtlich, dass den Protagonisten dieser Erzählung Vorfälle wie die genannten nur allzu willkommen sind, um etwas zu leugnen, was angesichts der Statistiken von Polizei und Opferverbänden offensichtlich ist: Antisemitismus ist ein Alltagsphänomen, das sich in jüngster Zeit deutlich demaskierter zeigt. Vertreter diese These stehen daher in dem begründeten Verdacht, selbst Antisemiten zu sein.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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