Antisemitismus auf der Documenta: Hört Jüdinnen und Juden zu!

Jüdinnen und Juden werden, wenn sie Kritik üben, gern als emotional abgetan. Das hat Tradition. So werden ihnen rationale Argumente abgesprochen.

Eine Frau mit einer Israel-Flagge steht vor dem teilweise verhüllten, großflächigen Banner, eine Figurendarstellung "People·s Justice" (2002) des Kollektivs Taring Padi

Auf die Kritik von Jü­d:in­nen im Vorfeld wurde nicht reagiert Foto: Swen Pförtner/dpa

Das antisemitische Wimmelbild des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi stand am Eröffnungswochenende der Documenta aufgebaut in Kassel. Drum herum feierten die Gäste fröhlich, Bands spielten, es wurde getanzt. Niemand schien sich daran zu stören, dass auf dem Bild Juden als Blutsauger und mit SS-Runen am Hut gezeigt wurden und ein Schwein mit Davidstern auf dem Revers und der Aufschrift „Mossad“ auf dem Helm. Erst als die Kritik daran kurz darauf so laut wurde, dass sie nicht mehr ignoriert werden konnte, wollte niemand mehr hinsehen. Das Wandbild wurde in einem peinlichen öffentlichkeitswirksamen Akt erst mit einem schwarzen Tuch verhüllt und später abgebaut. Als wäre nie etwas gewesen.

Das sind diese Momente, in denen man als Jüdin in Deutschland von einem Zustand der Aufregung, der Wut kurz in den Wahnsinn abrutscht. Weil nicht mehr zu fassen ist, warum eine solche Katastrophe mit Ansage, wie die Documenta eine war, nicht vermieden wurde.

Stattdessen müssen sich Jüdinnen und Juden nun auch noch anhören, dass ihre „Gefühle verletzt“ worden seien, wie es die Leitung der Documenta verlauten ließ. Wenn’s nur das wäre. Um Gefühle geht es aber nicht, sondern um Antisemitismus. Um die Tatsache, dass Judenhass Teil einer staatlich finanzierten Kunstausstellung sein kann und sich Aufgeklärte, Bürgerliche, sich als „progressiv“ verstehende Linke nicht daran stören. Es geht auch um die wochenlange systematische Abwertung jüdischer Stimmen, die davor gewarnt haben, was nun eingetreten ist.

Noch schwerer zu ertragen als der Kommentar der Documenta-Leitung ist das Statement des Künstlerkollektivs selbst. Das geht nämlich so weit zu behaupten, dass seine Arbeit wegen eines speziellen deutschen Kontextes als beleidigend empfunden werde. Ach so. Mein Fehler. Ich dachte, auch außerhalb der Grenzen Deutschlands, egal wo, egal wann, ist Antisemitismus immer Antisemitismus. Weil er universal ist.

Es geht um Antisemitismus, nicht um Gefühle

Die Subjektivierung von Kritik, sie zu reduzieren auf irgendetwas Gefühliges und Jüdinnen und Juden als emotional abzutun, das hat ja Tradition. Wer emotional ist, kann nicht gleichzeitig rationale Argumente vorbringen oder gar recht haben mit seiner Kritik. Sich für verletzte Gefühle zu entschuldigen taugt hier nur als eine billige Ausrede. Lieber arbeitet man mit großen, selbstgefälligen Gesten, als sich dem Problem wirklich anzunehmen. Die Entschuldigung ist wie ein Lolli, den man einem Kind in den Mund stopft, damit es vergisst, dass es hingefallen ist. Ganz nach dem Motto: War was?

Wenn es in antirassistischen Kontexten immer so schön heißt, man solle Betroffenen zuhören, frage ich mich, warum Jüdinnen und Juden gerade bei der Documenta übergangen wurden. Bleibt im antihegemonialen Kampf vieler progressiver, postkolonialer Linker einfach keine Zeit mehr, sich mit den Positionen von Jüdinnen und Juden zu beschäftigen? Weil man in Juden einfach keine Opfer sehen will?

Mindestens von politischen Verantwortlichen hätte man erwarten können, dass sie bereits im Vorfeld der Documenta Hinweise jüdischer Organisationen ernst nehmen. Apropos, was sagt eigentlich die Kulturpolizei, Verzeihung, die Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu all dem? Ach ja, die sieht die „antisemitische Bildsprache“ nun endlich auch und fordert Konsequenzen. Hat ja lange genug gedauert. Fragt sich nur: Konsequenzen für wen eigentlich? Für sich selbst?

Das größte antisemitische Werk wurde abgehängt. Auf der Documenta hängen aber noch immer weitere, die antisemitische Motive beinhalten. Ob die Verantwortlichen dazugelernt haben, wird sich daran zeigen, wie sie damit umgehen.

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Redakteurin für Gesellschaft und Medien im Ressort taz zwei. Studierte Ethnologie, Gender Studies sowie Osteuropastudien in Berlin und Hamburg. Schreibt über Diversitätsfragen, russisch-jüdische Migration, Pressefreiheit in Osteuropa. Freie Podcasterin.

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