Antisemitismus auf der Documenta: Waterloo der Postkolonialen

Kulturfunktionäre aus aller Welt begleiteten den Entstehungsprozess der Documenta. Kaum zu fassen, wie der offene Antisemitismus durchgehen konnte.

Komplettverhülltes Kunstwerk in Kassel Foto: Swen Pförtner/dpa

Sehenden Auges haben documenta-Beirat und Geschäftsführung, Kommunal-, Landes- und Bundespolitik die angeblich wichtigste Kunstschau der Welt krachend gegen die Wand gefahren. Beim Auftakt der documenta 15 konnte man letzte Woche noch die feste Entschlossenheit spüren, die Kasseler Veranstaltung gegen alle Kritik stoisch durchzuziehen. Doch nun: Entsetzen. Offen zur Schau gestellter Antisemitismus – Uniformierte mit Davidstern und Schweinsköpfen, auf dem Helm die Aufschrift „Mossad“ – ein Werk von Taring Padi wurde erst abgedeckt und nun abgebaut.

Als Mahnmal gegen Naivität und Unwissenheit wäre das Verhüllte da weiter ganz gut gestanden, mitten auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel bei der documenta-Halle. Noch bei der Pressekonferenz beklagte Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) unter dem Applaus von Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn (Grüne) eine „medial aufoktroyierte“ Antisemitismusdebatte.

Jetzt müssen sie sich wohl eher fragen lassen, wie sie es mit ihrer Aufsichtspflicht hielten: Wie konnte es zu diesem Versagen bei den documenta-Gremien unter Leitung von Sabine Schormann kommen, wie die so eindeutig antisemitische Symbolsprache des indonesischen Kollektivs Taring Padi übersehen werden?

Macht die wirtschaftliche Bedeutung von (erwartet einer halben Million) documenta-Besucher:innen immun gegen Kritik? Vor der Instrumentalisierung der documenta durch Juden- und Israelfeinde, der BDS-Bewegung, haben verschiedene Stimmen seit Monaten gewarnt. Doch diese ist nun tatsächlich an mehreren Stellen in Kassel zu besichtigen, etwa im Raum der palästinensischen Kuratoren von The Question of Funding.

Propagandistisch schlicht werden hier israelische Sicherheitskräfte motivisch in die Nähe von Hitlers Wehrmacht gerückt. Bundespräsident Steinmeier hat derlei in seiner documenta-Rede bereits kritisch angesprochen. Im documenta-Beirat sitzen hochdekorierte und vernetzte Kulturfunktionäre wie Frances Morris, Amar Kanwar, Philippe Pirotte, Elvira Dyangani Ose, Ute Meta Bauer, Jochen Volz, Charles Esche oder Gabi Ngcobo.

„Als documenta Kommission benennt der Beirat nicht lediglich die jeweilige Künstlerische Leitung (wie im Februar 2019 mit ruangrupa geschehen), sondern begleitet darüber hinaus auch den weiteren Projektprozess“, heißt es auf der Homepage. Genau das haben sie wohl nicht getan. Internationale Gruppen, die in Kassel weniger schablonenhaft und ideologisch auftreten, werden hingegen nun übersehen.

Vor lauter Gerede über Postkolonialismus und einen angeblich einheitlichen „Globalen Süden“ ist der Blick für Differenzen und Positionen verlorengegangen. Ein Bärendienst für die Kunst. Und ein Waterloo für die postkoloniale Bewegung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Andreas Fanizadeh, geb. 1963 in St.Johann i.Pg. (Österreich). Leitet seit 2007 das Kulturressort der taz. War von 2000 bis 2007 Auslandsredakteur von „Die Wochenzeitung“ in Zürich. Arbeitete in den 1990ern in Berlin für den ID Verlag und die Edition ID-Archiv, gab dort u.a. die Zeitschrift "Die Beute" mit heraus. Studierte in Frankfurt/M. Germanistik und Politikwissenschaften.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de