Abtritt von Carola Rackete: Ende eines Missverständnisses
Die Aktivistin Carola Rackete zieht sich nach nur einem Jahr aus dem Europaparlament zurück. Das zeigt: Politikmachen will gelernt sein.
D er Unternehmer Jost Stollmann, der Jurist Paul Kirchhof, die Journalistin Susanne Gaschke und die Aktivistin Carola Rackete haben etwas gemeinsam. Sie sollten als Quereinsteiger eine Art Sauerstoffzufuhr für stagnierende Parteien sein – und scheiterten. Die Seiteneinsteiger wirken attraktiv, weil sie ein Defizit auszugleichen versprechen. Parteien sind oft nach außen abgedichtet und sozial homogen. Die Quereinsteiger sollen frischen Wind bringen. Das geht allerdings oft schief, weil Politik auch ein Handwerk ist, das man können muss.
Dass Rackete nach einem Jahr ihr Mandat im Europaparlament niederlegt, ist keine große Überraschung. Die 2023 noch kriselnde Linkspartei erhoffte sich von der Kandidatur der früheren Sea-Watch-Kapitänin für die Europawahl Anschluss an soziale Bewegungen. Das war ein ziemlich durchsichtiger Tausch – Mandat gegen Image.
Dass Rackete eine Fehlbesetzung war, dämmerte schnell auch manchen ihrer Unterstützer in der Linkspartei. In einem Interview empfahl die Aktivistin der Linkspartei in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Arroganz, sich mal mit ihrer SED-Geschichte zu beschäftigen und einen neuen Namen zuzulegen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Für ihren Rückzug aus dem Europaparlament führte sie nun bemerkenswerte Gründe an. Die Erneuerung der Linkspartei sei gelungen. Jetzt wolle sie sich nicht mehr um „Mietendeckel oder ein paar Prozent mehr“ für die Linkspartei kümmern, sondern um die Rettung von Klima und Menschheit.
Nun, bedeutende Beiträge von Rackete zur Erneuerung der Linkspartei oder zur Mietenpolitik sind nicht recht erinnerlich. Für „ein paar Prozent“ für die Linkspartei ist sie allerdings mitverantwortlich. Mit ihr als Spitzenkandidatin halbierte die Linkspartei bei der Europawahl 2024 ihr Ergebnis und landete bei 2,7 Prozent.
Dieser Rückzug ist das Ende eines Missverständnisses. Der Fall Rackete zeigt deutlich, dass Bewegungs- und Parteilogiken nicht deckungsgleich sind. Zu lernen wäre, dass Parteien, die Prominenz einkaufen wollen, solche Tauschgeschäfte vorsichtiger und skeptischer angehen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert