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Expertin über Gefahr einer Finanzkrise„Es droht massiver Wertverlust durch Energie- und Klimakrise“

Ökokatastrophen, Kriege, eine mögliche KI-Blase: Isabelle Buscke von Finance Watch warnt vor dem Risiko einer globalen Finanzkrise.

Eric Bonse

Interview von

Eric Bonse

taz: Frau Buscke, vor 15 Jahren wurde Finance Watch als Antwort auf die globale Finanzkrise gegründet. Heute häufen sich Warnungen vor einem neuen Crash. Geht es wieder los?

Isabelle Buscke: Wir können es nicht ausschließen. Rein statistisch gesehen ist bald wieder eine Krise fällig. Und wenn man in die Märkte schaut, dann gibt es mehrere Aspekte, die uns Bauchschmerzen bereiten. Und es gibt Risiken, die werden systematisch von den Banken ignoriert.

Im Interview: Isabelle Buscke

ist seit Januar 2026 Chefin von Finance Watch, einer Brüsseler NGO, die für die Gestaltung des Finanzwesens im Sinne der Bür­ge­r*in­nen kämpft. Vorher hat sie das EU-Büro des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in der belgischen Hauptstadt geleitet.

taz: Woran denken Sie?

Buscke: Nun, vor allem droht ein massiver Wertverlust durch die Energie- und Klimakrise. Viele Banken finanzieren weiterhin fossile Energieprojekte. Wenn wir uns radikal auf den Weg des Pariser Abkommens zur Klimaneutralität bis 2050 begeben, werden diese Investitionen irgendwann den Wert null haben. Sie werden wie von einem Tornado weggefegt. Und das ist natürlich ein großes Problem für die Bankbilanzen und kann zum systemischen Problem werden.

taz: Wie sieht es mit der KI-Blase aus, vor der viele warnen?

Buscke: Es kann durchaus sein, dass wir einen Blaseneffekt haben. Denken Sie an die Kursgewinne an den Börsen der letzten Jahre. Die werden durch KI-Werte oder Technologiewerte in den USA getrieben. Diese Bewertungen entstehen an den Börsen. Aber ein großer Teil der Hebelung und des Risikos rund um diesen Boom liegt im Schattenbankensystem.

taz: Schattenbanken oder Nichtbanken nennt man etwa Hedgefonds oder Vermögensverwalter wie Blackrock, die bankähnlich arbeiten, aber nicht den strengen gesetzlichen Regulierungen klassischer Geschäftsbanken unterliegen.

Buscke: Gleichzeitig steht diese Börseneuphorie einer schwachen realwirtschaftlichen Entwicklung gegenüber. Entscheidend ist, ob Anleger weiter daran glauben, dass die erwarteten Gewinne und Produktivitätsfortschritte durch KI die heutigen Bewertungen rechtfertigen. Wenn dieses Vertrauen kippt, könnten die Märkte stark korrigieren und Investitionen müssten teilweise abgeschrieben werden. Ob solche Verluste dann einfach aufgefangen werden können, das ist für uns schon ein sehr großes Fragezeichen – vor allem im Nichtbankensystem, wo Risiken schwerer zu erkennen sind und viel weniger Puffer bestehen als im regulierten Bankensystem.

taz: Wie sieht es mit den geopolitischen Risiken aus?

Buscke: Die Geopolitik nimmt an Bedeutung zu. Wir haben das Zeitalter einer stabilen internationalen Handelsordnung hinter uns gelassen. Und die Märkte leben von Vertrauen, insbesondere die Finanzmärkte. Da ist es schon ein Problem, wenn man Wertschöpfungsketten unterbricht wie im Irankrieg und mit der Blockade der Straße von Hormus. Dies gilt insbesondere für die Energiewertschöpfungskette.

taz: Was meinen Sie damit?

Buscke: Staaten und Unternehmen werden durch die Krise bei den fossilen Energien und Konflikte wie in Iran gezwungen, schnell auf neue Energieträger umzuschalten. Wir würden das als eine ungeordnete Transition bezeichnen – im Gegensatz zu einer planvollen Wirtschaftstransition zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

taz: Ist die EU auf eine ungeordnete Transition vorbereitet, hat sie die Lektionen aus der Finanzkrise gelernt?

Buscke: Teilweise. Die Regulierung der Banken ist deutlich besser geworden. Die Möglichkeit, Verluste aus dem Kreditgeschäft zu absorbieren und sich aus eigenen Mitteln zu stabilisieren, ist deutlich besser als früher. Aber es gibt weiterhin Lücken. Die Frage nach der Abwicklung, insbesondere bei Bankengruppen oder Banken, die über einen Mitgliedsstaat hinaus operieren, ist noch nicht befriedigend gelöst. Und all das, was über den Bankensektor hinausgeht, ist weiterhin viel weniger transparent und deutlich schwächer reguliert. Die internationalen Bemühungen, ein internationales Regelwerk für Nichtbanken zu vereinbaren, sind schon 2014 gescheitert und seitdem hat man das nicht mehr angepackt.

taz: Die EU galt mit ihrem Green Deal lange als Vorreiter beim Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft, doch nun sieht es so aus, als würden viele Klimagesetze aufgeweicht und abgewickelt. Versagt die EU?

Buscke: Es ist bedauerlich, dass die Europäische Union vor ihrer eigenen Weitsicht zurückgeschreckt ist. Der Green Deal wird gerne als politisches Zugeständnis an Fridays for Future und grüne Wähler gelesen. Aber eigentlich war es ein visionärer Plan, um die europäische, etwas alternde Wirtschaft Schritt für Schritt und planvoll auf veränderte Rahmenbedingungen vorzubereiten und umzubauen. Dass man diesen Plan infrage stellt und zum Teil rückabwickelt, ist Gift für die Wirtschaft. Alle, die frühzeitig investiert haben und die ja auch die Investitionssicherheit brauchen, die werden jetzt im Stich gelassen.

taz: Als eine mögliche Antwort auf die Finanzkrise wurde in den Nullerjahren eine Finanztransaktionssteuer diskutiert. Heute redet keiner mehr davon, den Kauf und Verkauf von Aktien, Anleihen und Derivaten speziell zu besteuern, um Spekulation unattraktiver zu machen und die Staatseinnahmen zu erhöhen. Ist das endgültig vom Tisch?

Buscke: Zumindest ist es de facto vom Tisch. Die Europäische Kommission hat ihren Vorschlag zurückgezogen. Das Europaparlament redet zwar gelegentlich noch davon, etwa in der Debatte über Eigenmittel für das nächste EU-Budget. Aber der politische Wind weht aus einer ganz anderen Richtung.

taz: Müssten Sie da nicht mehr Druck machen?

Buscke: Unsere Prioritäten liegen gerade woanders. Im Moment ist ja die Gefahr größer, dass man das, was man nach 2008 eingeführt hat, wieder auseinandernimmt. Das gilt zum Beispiel für die Regelungen zu den Verbriefungen. Verbriefungen waren einer der Gründe, warum man die Risiken im Markt 2008 nicht gesehen hat. Und wir machen da jetzt wirklich Rückschritte. In den regulierten Fondsmärkten, also den sogenannten UCITS-Fonds, wo auch Kleinanleger investieren können, möchte man einen sehr hohen Anteil von Verbriefungen zulassen. Das wird dann auch für die Verbraucher gefährlich.

taz: Wird also der Großteil der vor 15 Jahren eingeführten Schutzmechanismen wieder abgewickelt?

Buscke: Ob es ein Großteil wird, bleibt abzuwarten. Aber definitiv ein kritischer Teil. Wir haben 2023 in den USA den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank erlebt. Auch in Europa haben wir einen Kollaps gesehen – bei Credit Suisse. Wir sind nicht davor gefeit, dass so etwas eine neue Finanzkrise auslöst. Dass es nicht passiert ist, ist ein Erfolg der Regulierung. Diesen Erfolgsfaktor ausgerechnet jetzt zu schmälern, ist schon ziemlich blöd.

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5 Kommentare

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  • Isabelle Buscke sagt zunächst:



    "Viele Banken finanzieren weiterhin fossile Energieprojekte. Wenn wir uns radikal auf den Weg des Pariser Abkommens zur Klimaneutralität bis 2050 begeben, werden diese Investitionen irgendwann den Wert null haben."

    Später sagt sie hingegen zu den bisherigen Klimaplänen der EU:



    "Dass man diesen Plan infrage stellt und zum Teil rückabwickelt, ist Gift für die Wirtschaft. Alle, die frühzeitig investiert haben und die ja auch die Investitionssicherheit brauchen, die werden jetzt im Stich gelassen."

    Fazit also: Pläne zur sog. Klimaneutralität umzusetzen, vernichtet Investitionen; sie nicht umzusetzen, sondern rückabzuwickeln, macht die Wirtschaft aber auch kaputt. Das ist ein Widerspruch, der sich aber schlicht dadurch erklärt, dass konkurrierende Kapitaleigner in gegensätzliche Entwicklungen investiert, vulgo: auf gegensätzliche Entwicklungen gewettet haben. Also eigentlich: Alles wie gehabt. Wer mit seinen Prognosen bzw. Hoffnungen richtig liegt, gewinnt, wer falsch liegt, verliert.

  • "Wenn wir uns radikal auf den Weg des Pariser Abkommens zur Klimaneutralität bis 2050 begeben...". Genau das wird nicht geschehen. In die Richtung ja, aber sicher nicht "radikal". Je näher der Termin kommt, desto stärker wird aufgeweicht.

  • Interessant wäre die Frage gewesen, warum die EU diese Rückschritte bei der Klimawende und der Regulierung des Finanzsektors macht. Die handelnden Personen sind ja nicht dumm oder machen es aus Boshaftigkeit. Sie bedienen die Interessen von Menschen - Kapitalisten / Milliardärskaste -, die sich durch diese Deregulierung mehr Profit versprechen und diesen Profit ja auch tatsächlich realisiert haben in den letzten Jahrzehnten.



    Es macht also keinen Sinn, den EU-Politikern "schlechte Politik" vorzuwerfen, denn sie machen ja "gute Politik"; halt nur nicht für die 99,99% der Menschen in der EU, sondern für ein paar Milliardäre weltweit.

  • Manche würden sagen, dass es sogar ein Ziel sein muss, den Börsen-Wert der obsoleten Fossil-/Verbrennerauto-etc.-Firmen auf Null zu bringen, wenn sie nicht einmal die volkswirtschaftlichen Kosten ihrer Aktivität tragen oder sich komplett neu erfinden. (Dann können sie übrigens auch keine schädliche PR mehr aus der Portokasse betreiben)

  • Hmhm und in diesen unregulierten Dreck will Merz jetzt unsere Renten anlegen.



    Alles klar.



    Wann wird endlich verstanden das Aktienmärkte und AGs das Problem sind. Nicht die Lösung.



    Die Lösung nennt sich Genossenschaften und Kooperativen...



    Durch die Demokratisierung der Wirtschaft ließe sich auch die Wertschöpfung der Wirtschaft fair verteilen. Und plötzlich wäre die reine Umlagerente kein Thema mehr.