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Rot-grün-rote Sondierungen in Berlin Palästinasolidarische Linke sollten Ja sagen

Jonas Wahmkow

Kommentar von

Jonas Wahmkow

Der Kompromiss zum Thema Antisemitismus schmeckt einem Teil der Berliner Linkspartei nicht. Dabei ermöglicht er Kritik an Israel und bietet eine riesige Chance.

N ach tagelangen Verhandlungen haben sich Spit­zen­ver­tre­te­r:in­nen der Linken, der Grünen und der SPD in Berlin auf einen gemeinsamen Umgang mit Antisemitismus geeinigt. Der Weg ist frei zu echten Sondierungen – und somit das vorläufige Scheitern einer links geführten Koalition zunächst abgewendet. Doch die Zugeständnisse, die dem palästinasolidarischen Teil der Linken in dem dreiseitigen Dokument abverlangt werden, sind groß. Zugleich bietet die Erklärung die Chance, Palästinasolidarität aus dem Schatten des Antisemitismusvorwurfs in den politischen Mainstream zu bringen.

Blickt man auf die acht Punkte genauer, wird schnell klar, dass es SPD und Grüne um weit mehr geht als um die Bekämpfung von Antisemitismus. Vielmehr ist das Dokument eine umfassende Positionierung, wie sich ein möglicher Berliner Senat im Israel-Palästina-Konflikt verhalten soll.

So steht nicht nur die Unverhandelbarkeit des Existenzrechts Israels in dem Papier, sondern auch die Ablehnung eines Boykotts israelischer Hochschulen: einer Forderung, der sich – angesichts der systematischen Verstrickungen israelischer Hochschulen in den Genozid in Gaza – viele Berliner Pro­fes­so­r:in­nen angeschlossen hatten.

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Zusätzlich sieht die Vereinbarung einen Ausbau von Polizei und Verfassungsschutz vor, was nicht anders als ein Festhalten am repressiven Vorgehen des derzeitigen schwarz-roten Senats zu deuten ist.

Mit den vereinbarten Punkten wollen SPD und Grüne die palästinasolidarischen Kräfte in der Linken möglichst konkret einhegen. Diese sehen das Papier als weiteren Versuch, Kritik an Israel zu unterdrücken.

Der Kompromiss bietet die Chance, endlich konstruktiv über Gaza und Israel zu reden

Doch der Kompromiss bietet auch eine große Chance, endlich konstruktiv über Israel und Palästina zu sprechen, ohne dass die Debatte von Antisemitismusvorwürfen erstickt wird. Die im Beschluss vorgesehene Abgrenzung von der Hamas und anderen Gruppen, die Terrorismus als legitimen Widerstand gegen die israelische Besatzung ansehen, ist dafür eine dringend notwendige Voraussetzung.

Raum für Kritik

Die Vereinbarung lässt dabei noch genügend Raum für Kritik an Israel. „Eine Zusammenarbeit mit […] Akteuren, die […] die Gewaltspirale weiter antreiben, schließen wir hingegen entschieden aus“, heißt es in dem Dokument. Genau genommen dürfte dieser Passus nicht nur für Hamas und PLFP gelten, sondern auch für Israels Armee und Mitglieder von Netanjahus Regierung. Auch eine Ansiedlung von israelischen Rüstungsunternehmen, wie derzeit in Berlin geplant, scheint fragwürdig, wenn man die Punkte des Papiers ernst nimmt.

Diese klar abgesteckten Rahmenbedingungen könnten zum ersten Mal eine Parlamentsdebatte darüber ermöglichen, ob Berlin politische Konsequenzen aus den systematischen Menschenrechtsverletzungen der israelischen Regierung ziehen will. Daher täte die palästinasolidarische Linke gut daran, sich an diesen Kompromiss zu halten.

Jonas Wahmkow

Jonas Wahmkow

Schreibt Geschichten aus dem Spätkapitalismus. Redakteur für Arbeit, Wirtschaft und Care im Berlin Ressort.
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12 Kommentare

  • Fran Zose

    Warum werden Terrorverherrlicher immer noch als palästinasolidarisch geframed? Niemand hat ein Problem damit, wenn Menschen ihre Solidarität mit Palästina ausdrücken, nur muss dass doch bitte möglich sein ohne Terror zu verherrlichen, die Existenz Israels in Frage zu stellen oder hiesige Juden zu bedrohen. Ich möchte meinen, das sollte an sich nicht so schwer sein aber offensichtlich überfordert es dann doch mehr Menschen als man denkt. Auch die ständige Wiederholung des Genozidvorwurfs gegenüber Israel macht diesen dadurch nicht wahrer.

  • Philippo1000

    Real existierende Demokratie



    Nun wird sich zeigen, ob "die Linke" regierungsfähig ist.



    Die Parteispitzen haben ein schlüssiges Konzept gegen Antisemitismus erarbeitet.



    Falls die Partei "die Linke" dem nicht zustimmen sollte, würde sie schlicht unter Beweis stellen, dass sie nicht regieren möchte.



    Eine bequeme Vorstellung für Jene, die immer gerne die Schuld bei Anderen suchen.



    Wer allerdings gestalten möchte, muss sich mit der real existierenden Demokratie in Deutschland zufrieden geben.



    Außenpolitik ist kaum die Aufgabe des Berliner Senats.



    Nachdem nun grundsätzlich die Möglichkeit zur Zusammenarbeit geschaffen wurde, müssen noch dicke Bretter gebohrt werden.



    Anspruch, Kompetenz und Pleite sind so einige Problemchen, die eine mögliche Koalition bearbeiten muss.



    Dass MV bei einer möglichen Koalition der gleichen Parteien deutlich weiter ist, sollte Berlin Ansporn sein.



    Dabei plant MV deutlich mehr Bürgerbeteiligung, Sozialstaat und Wirtschaftsförderung.



    Dinge, die für die Berliner Verhandlung noch in weiter Ferne liegen.



    Ich wünsche Berlin ein demokratisches Bündnis.



    Die Beteiligten stehen in der Verantwortung unsere Hauptstadt als demokratische Alternative zu regieren.

  • Sikasuu

    Der Kompromiss zum Thema Antisemitismus schmeckt einem Teil der Berliner Linkspartei nicht. Dabei ermöglicht er Kritik an Israel und bietet eine riesige Chance.



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    Wie viel Einfluss hat eine Landesregierung auf Außen- & Verteidigungspolitik des Bundes? NULL!



    Also, was sollen diese "Scheindebatten" um dieses Thema.



    Es gibt eine Partei, bei der das wirklich notwendig diskutiert werden muss! Siehe SA, uva. Bundesländer!



    Kritik an dem Staat & der Regierung "Israels" & Antisemitismus sind 2 paar Schuhe!



    Mein Fazit: Ich finde es lächerlich, wie sich in Berlin die Parteien an einem "Scheinproblem" aufzureiben scheinen, aber das "Grundlegende" dabei aus dem Auge verlieren!



    Brummt Sikasuu



    Ps. Berlin braucht eine solidarische, soziale, umweltfreundliche, nachhaltige Politik!



    Ist DAS den Beteiligten nicht klar? Wollen die Berlin der CDU oder den Alternaiven überlassen?

  • Janix

    Auch von der jetzigen israelischen Regierung dabei mal den Verzicht auf ihren Terrorismus gegen Zivilisten zu fordern wäre folgerichtig, das sehe ich.



    Und dass, wer universal denkt, Palästina und Palästinensern natürlich entsprechend Rechte zugestehen wird und sich nicht von Springer auf Israels Netanyahu allein einkasten lässt

    Die auf Landesebene wirklich herzlich gerinrelevante Frage wurde jetzt hochgekocht und darf ab jetzt auf kleinerer Flamme laufen. Das ist eher etwas für den Bund, wo aber eine universal orientierte Betrachtung ebenfalls ausreichen wird.

  • Thomas O´Connolly

    Ich mag ja nicht orakeln, aber wenn es nicht klappt die Linkspartei Basis wieder auf demokratisch verträglich und koalitionsfähig einzunorden, dann ist vermutlich die einzige Chance dahin den Durchmarsch reaktionärer Kräfte im Bund zu stoppen.

    Mir schwahnt Böses, und mir ist zum Kotzen, weil in der Partei scheinbar sehr viele absolut gewillt sind alles, aber auch wirklich alles ihrer subjektiv erlebten Ohnmacht, ihrer Wut und den damit verbundenen persönlichen Interessen zu opfern.

    Das hat mit Sozialismus NICHTS zutun!

  • Jalella

    Sich von Vernunft und Menschenrecht zu verabschieden, um sich der rechten Hetze zu beugen, ist/wäre ein zu großer Preis. Es wird sich erweisen, dass Wahrheit und Nachdenken wieder mal den Kürzeren ziehen werden.



    Entweder hilft Aussitzen der rechten Hetzkampagne, oder wir sind alle verloren und die Rechten gewinnen auch hier wieder.



    Sonst könnten wir in Berlin den Präzendenzfall erleben, den die Immobilienlobby und andere so sehr fürchten, dass sie diese Scheiße angeworfen haben. Es hängt von der Denkfähigkeit der Menschen ab => wir sind vermutlich verloren.

  • Kommen Tier

    Die Unterstellung hier ist, daß die humanistische Linke nicht "palästinasolidarisch" ist. Diese brutale politische Rhetorik gibt einen Vorgeschmack darauf, was für eine Art von Regierung wir nach dem "Spätkapitalismus" zu erwarten haben -- und das hat die Geschichte auch schon oft genug gezeigt.

  • Bürger L.

    Es wäre Fatal, wenn die Chance eines Rot Rot Grünen Politikwechsels für Berlin an der Israel/Palästina Frage scheitern würde.

    Ein Berliner Senat unter Führung der Linken hätte auch eine Signalwirkung für künftige Landtags- oder Bundestagswahlen.

    Eine Partei, die auf Regierungsverantwortung verzichtet, weil sie intern uneinig über ihre Haltung zu Palästina und Israel ist, würde vermutlich bei künftigen Wahlen massiv an Wähler*innen Stimmen verlieren.

    Gerade jetzt, wo der Kampf gegen erstarkende rechte Kräfte in Deutschland dringender gebraucht wird als je zuvor, wird es auch auf die Linke als starke Kraft in den Parlamenten und wenn möglich auch in Regierungsverantwortung ankommen.

    • Strolch

      @Bürger L.:

      Der Streit zeigt eher das an den Vorwürfen gegen die Linke was dran ist.

    • fm817398

      @Bürger L.:

      Wenn die Verhandlungen scheitern, dann doch wohl an den Wahlverlierern Grüne und sPD, die sich der Hetzkampagne von Springer und CDU angeschlossen haben. Wenn es Neuwahlen gibt, kann ich mir durchaus vorstellen, dass grüne und vor allem SPD dafür abgestraft werden und nicht die Linke, wenn diese ihrer Linie treu bleibt. Zu wem sollten die wähler den wandern? Niemand, der die Linke gewählt hat, ist für mehr Polizei. Und ob Kooperationen mit zionistischen Hochschulen beendet werden, sollte der oder die künftige Wissenschaftssenator*in entscheiden.

  • Jonas Baliani

    Eine defakto Fortsetzung der Repression gegen jegliche Palästinasolidarität inkl. Ablehnung von Sanktionsforderungen gegen Israel scheint klar aus dem Papier heraus. Die Linkspartei ist von jungen Leuten und Migranten nicht dafür gewählt worden so Teil der Staatsräson zu werden. Stattdessen sollten sich SPD und Grüne endlich damit auseinander setzen warum ihre Wähler*innen zur Linken übergelaufen sind.

  • Andi S

    Wenn ich schon wieder die Diskussionen sehe, nachdem die Einigung veröffentlicht wurde, ist es wahrscheinlich nicht mal das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde.

    Eine Koalition mit der Linken kann ich in Berlin nicht empfehlen. Es wäre eine bundesweite Belastung für SPD und Grüne…