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Al-Schaara kommt nach BerlinDeutsch-syrische Partnerschaft für Frieden

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Syriens Präsident nimmt im aktuellen Iran-Krieg eine neutrale Haltung ein. Das ist eine Chance für die Region, für Deutschland und die EU.

Wird in Berlin erwartet: der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa Foto: Francisco Seco/ap/dpa

W elch glücklicher Zufall, dass gerade in der bisher kritischsten Phase des Irankrieges Syriens Präsident Ahmed al-Scharaa Berlin und London besucht. Der Krieg spitzt sich zu. Die Angriffe zwischen Iran und Israel werden intensiver, Jemens Huthis schalten sich auf iranischer Seite ein, ein Ende der Blockade der Straße von Hormus ist nicht in Sicht und Tausende US-Marines sind in der Golfregion für eine mögliche Bodenoperation eingetroffen.

Ausgerechnet Syrien steht jetzt plötzlich als Insel der Stabilität im Nahen Osten da. Al-Scharaa lässt Neutralität walten und widersteht allen Versuchen beider Seiten, sich in den Krieg hineinziehen zu lassen. Das eint Syrien und Deutschland – und das sollte die Regierung in Berlin nutzen.

Wäre der syrische Präsident wirklich der blutrünstige, Minderheiten massakrierende Dschihadist, als den ihn eine gewisse Propaganda von Rojava-sympathisierenden Linken und christlichen Rechten darstellt, würde er selbst lustvoll an der Destabilisierung des Nahen Ostens mitwirken. Tatsächlich aber betreibt al-Scharaa, der erst im Dezember 2024 als Rebellenchef eine der brutalsten Diktaturen der Welt stürzte, eine Politik des Ausgleichs. Und sie funktioniert gemessen am kurzen Zeitraum bemerkenswert gut in einem Land, in dem nach Jahrzehnten Staatsterror und Bürgerkrieg die gesamte Bevölkerung unzählige Rechnungen offen hat.

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Die Integration der kurdischen Streitkräfte läuft ohne größere Probleme, und gegen Übergriffe aus dem eigenen Lager geht die Regierung zunehmend effektiv vor. Der März 2026 war laut Beobachtern der friedlichste Monat in Syrien seit 15 Jahren, also seit den ersten Massenprotesten gegen die Assad-Diktatur, deren Niederschlagung damals das Land in die Hölle führte.

Mehr Investitionen und Austausch

Jetzt wäre der rechte Moment für Deutschland, die Zusammenarbeit mit Syrien zu vertiefen, um das Land weiter zu stabilisieren. Investitionen und Austausch müssen gefördert werden, nicht zuletzt um Saudi-Arabien und der Türkei nicht das Feld zu überlassen. Und anstatt zu überlegen, wie Deutschland seine Exilsyrer möglichst schnell wieder loswird, sollte es sie als Brückenbauer begreifen.

Auf Basis einer solchen Partnerschaft und politischer Weitsicht könnte Berlin mit Damaskus eine aktive Iran-Krisendiplomatie aufbauen. Um sich nicht nur von dem Irrsinn des US-Präsidenten abzugrenzen, sondern eigenständig diplomatisch mitzuwirken, braucht Europa Partner, die nicht selbst Kriegspartei sind. Oder überlässt man die Diplomatie lieber Pakistan und Oman? Dann darf man sich nicht beklagen, wenn europäische Perspektiven unberücksichtigt bleiben.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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25 Kommentare

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  • "Stabilität" bringt das neue Regime nur für die angrenzenden Staaten, weil das neue syrische Regime unter dem islamistischen Terroristen Al-Sharaa sich auf die Innenpolitik konzentriert, um seine Herrschaft zu sichern. Wie die "Stabilität" in Syrien selbst aussieht, kann man in der taz selbst lesen: taz.de/Staatsbesuc...-Scharaa/!6166814/

    Für diejenigen unter den sunnitischen Muslimen, die bereit sind, sich an die vom Regime erlassenen islamischen Regeln zu halten (mit einem partiellen Alkohol- und Schminkverbot fängt es an), mag die Bewertung des Autors zutreffen, für die anderen Syrer aber nicht. Und zu insinuieren, dass die Angriffe auf Kurden und Christen nur Propaganda seien, ist infam.

    Das im Artikel zu Recht als eine der brutalsten Diktaturen der Welt bezeichnete Assad-Regime wurde in der taz übrigens früher auch schon wegen der von ihm angeblich garantierten "Stabilität" verharmlost: taz.de/Assad-hat-g...2Bstabilit%C3%A4t/

  • Die deutsche Tradition des "den Islamisten Geld Hinterherwerfens" wird fortgesetzt. Wer glaubt, daß diese Regierung gemäßigt, tolerant oder friedliebend sei, glaubt wahrscheinlich auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten.

  • Bin ebenfalls pessimistisch. Solange, egal ob in Syrien oder Iran, keine Trennung von Religion und Politik glaubhaft als Ziel vertreten wird sehe ich schwarz für jegliche Minderheitenrechte oder Nachbarschaftsfrieden länderübergreifend.

  • Und wenn er einfach nur Realpolitiker genug ist, um den Ball flachzuhalten, Minderheiten unter der Schwelle der westlichen Intervention einzuschüchtern und töten zu lassen?



    U.a. Frau Othman hat da ein klares Plädoyer gehalten, den Herrn nicht zu unterschätzen.



    Ja, wir brauchen Vermittler, auch wenn Netanyahu und Salman nur Krieg wollen derzeit und wie bei Gaza bereits alle Vermittler der Gegenseite als erste umbringen.



    Nein, das darf nicht zum Freifahrtschein für diesen Autokraten werden, der ja nicht einmal "unser" Autokrat wäre, sondern nah an der Türkei wie am IS segelt.

  • Selten einen Artikel von Herrn Johnson gelesen, dem ich in Gaenze zustimmen kann. Deutschland muss Stabilitaet in den Nahen Osten bringen und an seine alten diplomatischen Erfolge anschliessen. Es muss sich rumsprechen, dass Deutschland zwar Israel nie aufgeben wird, dass dies aber kein Hinderungsgrund fuer gute Beziehungen zu anderen Laendern in der Region ist. Dazu bedarf es eines Vertrauensvorschusses, Hilfe fuer Syrien in Form von diplomatischen Druck auch die Tuerkei und den erwaehnten Einsatz von Fluechtlichen als Brueckbauer.



    Danke.

    • @elektrozwerg:

      "Deutschland muss Stabilitaet in den Nahen Osten bringen..."

      Da überschätzt jemand D aber gewaltig. D ist in der Nahostpolitik ein ganz kleines Licht. Nur als Geldquelle ist es gern gesehen.

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Geld-haben und Macht-ausüben-können sind ja bekanntermaßen zwei voneinander völlig unabhängige Paar Schuhe... Merken Sie selbst, oder?

        • @MeinerHeiner:

          Mit Geld kann man Macht ausüben. Allerdings nur, wenn gesichert ist, dass der Geldnehmer auch dazu gezwungen werden kann, sich an Bedingungen zu halten. Schon lange läuft es so, dass alle möglich Gauner zwar Geld aus D nehmen, aber den Götz von Berlichingen zitieren, wenn sie an die Bedingungen erinnert werden. Und das können sie, weil erstens deutsche Politiker in solchen Dingen naiv sind und zweitens D nicht über nennenswerte andere Druckmittel verfügt.

          • @warum_denkt_keiner_nach?:

            Das würde so nur gelten, wenn der Nehmer nicht auf das Geld des Gebers angewiesen ist. Und egal wie: wenn sich der Invest des Gebers nicht auszahlt, war‘s das mit dem Geben.

            • @MeinerHeiner:

              Das reicht den Herrn in Damaskus. Er braucht nur eine Anschubfinanzierung.

  • "Der März 2026 war laut Beobachtern der friedlichste Monat in Syrien seit 15 Jahren [...]" - hm, der März 2026 folgte auf Januar 2026 und Februar 2026, die von massiver Gewalt und militärischer Auseinandersetzung in den zuvor (vergleichsweise) friedlichen kurdischen Gebieten geprägt waren. Hat der Autor das vergessen, oder meint er das, wenn er sagt "die Integration der kurdischen Streitkräfte läuft ohne große Probleme"?



    Naja, aber vielleicht liegt es auch an mir, weil ich lieber "Propaganda von Rojava-sympathisierenden Linken" lese als irgendwelche Realo-Takes, die die Herrschaft eines Ex(?)-Islamisten versuchen schönzureden.



    Von der Bundesregierung erwartet man ja außenpolitisch keinen moralischen Kompass mehr, aber von einem taz-Artikel hätte ich mir mehr gewünscht als naives Legitimieren vom ehemaligen HTS-Anführer. Hört euch doch mal die Berichte von Frauen und Oppositionellen aus Syrien an ...

  • Die Formulierung "Die Integration der kurdischen Streitkräfte läuft ohne größere Probleme" ist dreist. Für wen ohne Probleme? Die kurdische (tatsächlich demokratische) Selbstverwaltung wird (im Konsens mit Türkischen Rechten) erstickt, Angriffe auf Frauen und Minderheiten und selbst ein Freikommen/Erstarken ehemaliger IS-Terroristen werden dafür in Kauf genommen (oder sogar als Kriegsmethode gewollt?).



    Die Zusammenarbeit mit al-Dschaulani (wie er sich bei Al-Qaida nannte), der sehr wohl ein Dschihadist war und ist erfolgt nur dem Remigrations-populismus zuliebe. Wo ist das "Propaganda von Linken und Christen" und nicht erneut westliche Doppelmoral, um Unterdrückung von Frauen im Nahen Osten ausblenden zu können?

  • Mutmachen gute Politik zu tun- ich bin dabei.



    Allerdings, als Pessimist, lasse ich mich gerne positiv überraschen. Allein, mir fehlt der Glaube, dass es der dt. Regierung sowie al-Scharaa zuzutrauen ist.



    Beurteilen kann und will ich dies überhaupt nicht.

    • @So,so:

      Was ist ein Pessimist?



      Ein Optimist mit Erfahrung.

  • Herr Johnson, Sie zeigen sehr viel Vertrauen in Al-Scharaa. Ich bin gespannt, ob es sich als berechtigt herausstellen wird.

  • Widerspruch: Nicht nur fremde Freiheitskämpfe romantisierende Linke und rechte Christen misstrauen dem neuen Präsidenten - auch viele Syrer*innen misstrauen ihm; nicht nur Drusen, Christen und Alawiten, auch Sunniten, die sich an den Terror der Islamisten (egal welche Gruppe) erinnern, sind zögerlich und vorsichtig - zu tief sitzt ihrer Erfahrung nach der Islamismus bei jetziger Regierung und ihrer Gefolgschaft.

    Zustimmung:



    Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb - und weil hier ca. 1 Million Syrer und Deutschsyrer leben - sollte Deutschland eine stabile Partnerschaft mit Syrien aufbauen, wirtschaftlich unterstützen und die vielen persönlichen Beziehungen der hiesigen Syrer zu denen in Syrien als Chance begreifen.

  • "Die Integration der kurdischen Streitkräfte läuft ohne größere Probleme."



    Verstehe ich nicht. Es gab doch massive Kämpfe gegen die SDF, das "autonome" Kurdengebiet wurde deutlich verkleinert.



    Aussenpolitisch scheinen die "Post"- Islamisten tatsächlich eine "ausgleichende Rolle" zu spielen - müssen sie auch, um ihre Herrschaft nach innen zu stabilisieren.



    Was die Demokratisierung betrifft, höre ich von Syrer:innen eher weniger optimistische Einschätzungen.

  • Wäre die Politik logisch und faktenorientiert, wäre dies wohl tatsächlich eine Option. Nur leider fehlt der Glaube, dass es die hiesige Politik auch so sieht.

  • Der neue syrische Diktator hat etwas Kreide gefressen, um Geld für sein Regime zu besorgen.

    Offenbar fallen einige Leute drauf rein...

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Rein informationshalber: worauf stützen Sie Ihre Behauptung? Woran erkennen Sie, dass er Kreide gefressen hat und es nicht ehrlich meint?

      • @Stechpalme:

        Schauen Sie auf seine Politik. Er unterdrückt Minderheiten, hält Scheinwahlen ab und und und...

        Dabei achtet er nur darauf, dass die Weltöffentlichkeit nicht zu sehr hinschaut.

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Man muss nehmen was kommt, und wie man an Israel sehen kann, sind auch Demokratien nicht immer das Gelbe vom Ei.

      • @elektrozwerg:

        "Man muss nehmen was kommt..."

        Nein. Man kann solche Leute auch links liegen lassen, statt sie zu empfangen.



        In Merz's Fall ist das Motiv besonders ekelig. Er will Menschen loswerden...

  • Weniger Merz und mehr Wadephul wagen? Klingt gut.

    • @Wondraschek:

      Noch besser wäre

      Weniger Merz, Wadephul, Reiche, Söder, Spahn etc.



      Mehr LINKS und GRÜN wagen!!