Grüne gewinnen Baden-Württemberg: Ist die Union eine Heulsusen-Truppe?
CDU und CSU schwächeln im Opfermodus herum, weinen und klappern mit den Milchzähnchen. Dabei hat Cem Özdemir stets respektvoll über sie gesprochen.
D ie CDU und die CSU waren die Meister erfolgreicher Schmutzkampagnen. Ich sage nur: Robert Habeck. Unvergessen auch, wie die Baden-Württemberger Annette Schavan als Ministerpräsidentin verhinderten mittels Gerüchten über ihre sexuelle Orientierung.
Und heute? Schwächeln sie im Opfermodus herum, weinen und klappern mit den Milchzähnchen. Es ist aber auch hundsgemein, wenn man einen miserablen Wahlkampf macht wie in Baden-Württemberg und dann auch noch verliert. Und es ist auch menschlich, die Schuld auf keinen Fall bei sich zu suchen, sondern bei anderen. In diesem Fall beim historischen Wahlsieger Cem Özdemir, da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, man blendet das eigene Versagen aus und unterstellt dem Sieger unlautere Methoden. Es ist aus Sicht der CDU nämlich unlauter, wenn Leute vor der Wahl den Eindruck bekommen können, ihr Spitzenkandidat stehe auf minderjährige Schülerinnen und wisse nicht, wie die Erderhitzung zustande kommt.
Nun gehört dieses Opfer-Rumgeheule offenbar in Baden-Württemberg zum Machtinstrumentarium des Juniorpartners CDU. Man muss ihnen aber auch zugute halten, dass sie wirklich geschockt sind von dieser Niederlage gegen die Grünen, auch wenn es die vierte in Folge ist. Es ist aber wohl so, dass sie sich seit 15 Jahren eingeredet hatten, das liege alles nur an der solitären Figur Winfried Kretschmann, und wenn der endlich weg sei, dann kehre von selbst die gottgegebene Ordnung zurück, nach der in Baden-Württemberg die CDU den Ministerpräsidenten stellt, egal ob sie ein wettbewerbsfähiges Konzept oder Personal hat. Manche pflegten auch hartnäckig die Illusion, dass Kretschmann im Grunde einer von ihnen sei.
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Cem Özdemir, das ist die Dialektik der gesellschaftlichen Realität, wird von Teilen der eigenen Partei nicht als „richtiger Grüner“ verstanden, in Teilen der CDU-Baden-Württemberg dagegen wird er als Knallgrüner rezipiert, er triggert sie fast so, wie er die Grüne Jugend und den Stamm der linksemanzipatorischen Postkolonialisten triggert. Vermutlich schüchtert er sie auch ein. Kretschmann verbrachte sein politisches Leben im Landtag von Baden-Württemberg wie die meisten in der CDU, da wusste man, was man hatte.
Jenseits des Links-rechts-Gequatsches
Özdemir ist zwar ein schwäbisches Arbeiterkind aus Bad Urach (mit türkischen Wurzeln), aber er war im EU-Parlament, er war Bundesvorsitzender, er war in der Bundesregierung „Doppelminischter“, wie er zu sagen pflegt. Er ist neuerdings mit einer kanadischen Juristin verheiratet (deren Familie aus Albanien kommt). Kurz: Er ist Schwabe durch und durch und gleichzeitig in der großen Welt angekommen. So was geht!
In der Woche vor der Wahl saß ich bei Özdemir im Kabuff der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle, und er sagte: „Die Leute wollen mich und die CDU.“ Genau so ist es. Die Erststimmen gewann meist die CDU, bei den Zweitstimmen gewann Özdemir. Es war knapp, aber der Auftrag an ihn ist klar: eine Koalition „auf Augenhöhe“ zwischen den gleichstarken Fraktionen von CDU und den Grünen anführen und moderieren und das Beste aus ihr herausholen. Beide Parteien brauchen einander, das transformationsbedürftige Land braucht beide als sich ergänzende und nicht gegenseitig lähmende und damit die AfD stärkende Kräfte.
Cem Özdemir hat im Wahlkampf seine Methode offengelegt, wie er die Gegensätze fruchtbar machen will, jenseits des antiquierten Links-rechts-Ideologie-Gequatsches. Er hat stets behutsam und respektvoll über die CDU gesprochen. Nun muss er sehen, wie er sie aus dem Wut- und Heulmodus herauskriegt und ihnen gleichzeitig klarmacht, dass Baden-Württemberg nur eine Zukunft hat mit einer erwachsenen Regierung.
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