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Grüne gewinnen Baden-WürttembergIst die Union eine Heulsusen-Truppe?

Peter Unfried
Kolumne
von Peter Unfried

CDU und CSU schwächeln im Opfermodus herum, weinen und klappern mit den Milchzähnchen. Dabei hat Cem Özdemir stets respektvoll über sie gesprochen.

Ist Schwabe durch und durch und gleichzeitig in der großen Welt angekommen: Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) Foto: Marijan Murat/dpa

D ie CDU und die CSU waren die Meister erfolgreicher Schmutzkampagnen. Ich sage nur: Robert Habeck. Unvergessen auch, wie die Baden-Württemberger Annette Schavan als Ministerpräsidentin verhinderten mittels Gerüchten über ihre sexuelle Orientierung.

Und heute? Schwächeln sie im Opfermodus herum, weinen und klappern mit den Milchzähnchen. Es ist aber auch hundsgemein, wenn man einen miserablen Wahlkampf macht wie in Baden-Württemberg und dann auch noch verliert. Und es ist auch menschlich, die Schuld auf keinen Fall bei sich zu suchen, sondern bei anderen. In diesem Fall beim historischen Wahlsieger Cem Özdemir, da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, man blendet das eigene Versagen aus und unterstellt dem Sieger unlautere Methoden. Es ist aus Sicht der CDU nämlich unlauter, wenn Leute vor der Wahl den Eindruck bekommen können, ihr Spitzenkandidat stehe auf minderjährige Schülerinnen und wisse nicht, wie die Erderhitzung zustande kommt.

Nun gehört dieses Opfer-Rumgeheule offenbar in Baden-Württemberg zum Machtinstrumentarium des Juniorpartners CDU. Man muss ihnen aber auch zugute halten, dass sie wirklich geschockt sind von dieser Niederlage gegen die Grünen, auch wenn es die vierte in Folge ist. Es ist aber wohl so, dass sie sich seit 15 Jahren eingeredet hatten, das liege alles nur an der solitären Figur Winfried Kretschmann, und wenn der endlich weg sei, dann kehre von selbst die gottgegebene Ordnung zurück, nach der in Baden-Württemberg die CDU den Ministerpräsidenten stellt, egal ob sie ein wettbewerbsfähiges Konzept oder Personal hat. Manche pflegten auch hartnäckig die Illusion, dass Kretschmann im Grunde einer von ihnen sei.

wochentaz

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Cem Özdemir, das ist die Dialektik der gesellschaftlichen Realität, wird von Teilen der eigenen Partei nicht als „richtiger Grüner“ verstanden, in Teilen der CDU-Baden-Württemberg dagegen wird er als Knallgrüner rezipiert, er triggert sie fast so, wie er die Grüne Jugend und den Stamm der linksemanzipatorischen Postkolonialisten triggert. Vermutlich schüchtert er sie auch ein. Kretschmann verbrachte sein politisches Leben im Landtag von Baden-Württemberg wie die meisten in der CDU, da wusste man, was man hatte.

Özdemir ist zwar ein schwäbisches Arbeiterkind aus Bad Urach (mit türkischen Wurzeln), aber er war im EU-Parlament, er war Bundesvorsitzender, er war in der Bundesregierung „Doppelminischter“, wie er zu sagen pflegt. Er ist neuerdings mit einer kanadischen Juristin verheiratet (deren Familie aus Albanien kommt). Kurz: Er ist Schwabe durch und durch und gleichzeitig in der großen Welt angekommen. So was geht!

In der Woche vor der Wahl saß ich bei Özdemir im Kabuff der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle, und er sagte: „Die Leute wollen mich und die CDU.“ Genau so ist es. Die Erststimmen gewann meist die CDU, bei den Zweitstimmen gewann Özdemir. Es war knapp, aber der Auftrag an ihn ist klar: eine Koalition „auf Augenhöhe“ zwischen den gleichstarken Fraktionen von CDU und den Grünen anführen und moderieren und das Beste aus ihr herausholen. Beide Parteien brauchen einander, das transformationsbedürftige Land braucht beide als sich ergänzende und nicht gegenseitig lähmende und damit die AfD stärkende Kräfte.

Cem Özdemir hat im Wahlkampf seine Methode offengelegt, wie er die Gegensätze fruchtbar machen will, jenseits des antiquierten Links-rechts-Ideologie-Gequatsches. Er hat stets behutsam und respektvoll über die CDU gesprochen. Nun muss er sehen, wie er sie aus dem Wut- und Heulmodus herauskriegt und ihnen gleichzeitig klarmacht, dass Baden-Württemberg nur eine Zukunft hat mit einer erwachsenen Regierung.

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Peter Unfried
Chefreporter der taz
Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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41 Kommentare

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  • Heulsusen und Heulpeter:



    In Zeiten, in denen eine große Stimme der Philosophie verstummt ist, die herrschaftsfreie Diskurse und gewaltfreie Kommunikation in viele dunkle Ecken einer ehemals sehr gewalttätigen Gesellschaft (unter der Nazi-Herrschaft) gebracht hat, der Tipp an d. Opfer mit ihrer "Kultivierung eigener Verletztheit", die im Geschichtsbuch der Politik schon auch den Gegenpart professionalisieren konnten:



    Maria-Sibylla Lotter



    "Schwäche zu zeigen galt lange als Tabu. Heute kann, wer sich als Opfer sieht, mit Aufmerksamkeit und Empathie rechnen. Sieger und Helden taugen nicht mehr selbstverständlich als Vorbilder. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erklärt diesen Wandel mit der weiten Verbreitung psychotherapeutischen Denkens und den vielfältigen Formen der Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt. Damit wird die Gesellschaft menschlicher, geht aber das Risiko ein, dass Menschen in der Opferrolle Handlungsfähigkeit und Autonomie einbüßen. Reden wir allzu schnell von Opfern? Müssen wir uns darin üben, Konflikte und Verletzungen als unvermeidliche Erfahrungen zu akzeptieren? Maria-Sibylla Lotter wirft einen kühlen Blick auf eine aufgeregte Debatte."



    pe.ruhr-uni-bochum.de

  • „Er hat stets behutsam und respektvoll über die CDU gesprochen. Nun muss er sehen, wie er sie aus dem Wut- und Heulmodus herauskriegt"



    Mal Tucholsky fragen. Der hätte ihnen „Rosen auf den Weg gestreut“.



    www.gedichte7.de/r...-weg-gestreut.html

    • @Mondschaf26:

      "wie er sie aus dem Wut- und Heulmodus herauskriegt"



      (bloß nicht durch "Wahl-Geschenke")



      Aus "Suse, liebe Suse"



      -Letzte Strophe-



      "Eia popeia, das ist eine Not,



      Wer schenkt mir ein Heller,



      Zu Zucker und Brot?



      Verkauf ich mein Bettlein,



      Und leg mich aufs Stroh,



      Sticht mich keine Feder,



      Und beißt mich kein Floh."



      /



      "Erstmalig aufgezeichnet wurde der Text 1808 von Clemens Brentano, im selben Jahr erfolgte die erste Publikation in Des Knaben Wunderhorn."



      Quelle deutschland-lese.de

  • „Es ist aus Sicht der CDU nämlich unlauter, wenn Leute vor der Wahl den Eindruck bekommen können, ihr Spitzenkandidat stehe auf minderjährige Schülerinnen und wisse nicht, wie die Erderhitzung zustande kommt.“

    Ganz groß. Das rahme ich mir ein.

  • Man sollte sich einfach mal ansehen, von wem das Mimimi kommt, wenn ich mir den komplett nach recht abgekippten Spahn ansehe, weiß ich, dass das kein Geheule ist sondern höchsten die Vorstufe zu Hasstiraden.

  • Wenn ich hier manche Kommentare lese, sollten sich die Grünen doch einfach einen anderen Koalitionspartner suchen.

  • Um die Frage des Titels zu beantworten

    Ja.

  • CDU hat ziemlich stark an stimmen gewonnen



    Wenn ihnen schwarz grün nicht passt, warum hat's die letzten Jahre immer gut geklappt?

  • Seit es die Grünen gibt, ließen sie sich - auch wenn das vielen nicht klar war - ganz und gar nicht in das Links-Rechts-Schema einordnen: links Arbeiter mit Lohntüte und Mietwohnung, rechts Angestellte und Beamte mit Gehalt, Weihnachts- und Urlaubsgeld und Reihenhäuschen im Grünen, darüber die Oberschicht mit Kapitalerträgen und Familienstiftungen, denen die einfacheren, aber "besseren" Leut' die Stange hielten - ganz nach dem Bonmot: Wes Brot ich ess', des Lied ich sing.

    Ja, und dann kamen die Grünen, die eigentlich eine urkonservative Idee vor sich hertrugen, nämlich den Erhalt des Weltfriedens und der Umwelt, damit auch unsere Enkel und Urenkel noch etwas davon haben und bei Rotwein und Pfälzer Saumagen über die gute alte Zeit lachen konnten, als das Bier noch dunkel ... nee, das ist aus einem anderen Film - aber naja, so ähnlich.

    Die Grundidee der Grünen ist der schönste und angenehmste Konservatismus, den ich persönlich kenne. Enttäuscht bin ich jedoch von den Wortführern der CDU, die sich - wieder einmal - als schlechte Verlierer präsentieren. Dieses Verhalten, aus purem Egoismus damit zu kokettieren, eine künftige Regierung unmöglich zu machen, ist einfach nur jämmerlich.

  • ..„jenseits des antiquierten Links-rechts-Ideologie-Gequatsches“…



    Absolut! Das ist die Zukunft in Deutschland an die wir dringend ran müssen. Ich bin viel international unterwegs und muss dabei klar anerkennen, dass die Musik gerne auch woanders und anders spielt. Links/rechts interessiert da nur marginale. Sollte auch die taz erkennen, die sehr gerne in diesem Stereotyp des letzen Jahrhunderts ihren Nektar sucht…und nur noch gelegentlich findet.

    • @Flocke:

      & try it - a 🥱

      “Aber das Gespräch enthält auch entscheidende Differenzen. Erstens gibt Habermas die zögerliche Frage, was denn heute links sei, umstandslos an die Fragesteller zurück: „Wenn ich mich an dem Spiel ‚Was ist links‘ beteiligen wollte, wäre ich viel verzweifelter, als ich es bin. Das weiß doch jeder, was links ist. Sagen Sie mir doch mal, warum Sie das nicht mehr wissen.“



      taz.de/Zum-Tod-von...162605&s=Habermas/



      …anschließe mich



      &



      Das wird frauman ja nochmal fragen dürfen -



      auch in der taz dem selbsternannten -



      “Linken Portal“ Gellewelle&Wollnichwoll •

    • @Flocke:

      Völlige Zustimmung. Vor der letzten Bundetagswahl wurde hier erstanulicher Weise sogar darüber fabuliert, dass es für RRG reichen könnten. Die Realität lautet, dass die Parteien "links der Mitte" zusammen im Besten Falle irgendwo um die 35% haben. Und wenn man dann das Interview Schwerdtner/Dröge hier ließt, weiß man, dass die Gräben da zum Teil größer sind, als zwischen anderen Parteien.



      Die Stärke der AfD zwingt die Parteien pragmatisch und über Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Die alten Koalitionen sind nahezu immer hinfällig. Und damit muss nicht nur die Union klarkommen, auch links muss man erkennen, dass Lagerdenken und Parteitaktik nicht zu einer Politik führen, die das Land voran bringt und damit den rechten den Wind aus den Segeln nimmt. Die Ampel ist genau daran zerbrochen und die FDP wurde dafür ins Nivana geschickt.

  • Korrekt, Cem Özdemir hat einen fairen Wahlkampf geführt und Manuel Hagel hat sich selbst und ganz alleine um Kopf und Kragen geredet. Der Vorgang erinnerte mich stark an den Bundestagswahlkampf 1994 als Rudolf Scharping monatelang in Führung lag. Bis zu dem Tag, an dem er in einem TV Interview vor einem Millionenpublikum offenbarte, dass er den Unterschied zwischen Brutto- und Nettolöhnen nicht kennt. Kohl plakatierte zwar noch 'Politik ohne Bart', aber die Sache war auch so gelaufen. Damals im Bund und jetzt in Ba-Wü. Schmutzkampagnen lagen nicht vor.

  • Kraftwort für Schwächlichkeit oder Empfindsamkeit "Heulsuse": Mehrheitlich sind es doch wohl Männer der üblichen Provenienz, also ugs. dann "Heulpeter".



    Meiner Meinung nach sind sie eher schlechte Verlierer*innen, dafür gibt es aber kein Eponym, noch nicht.



    Vielleicht geht's neutral mit einem Wort.



    Sie arbeiten offensichtlich dran.

  • Es geht bei aber nicht nur um Cem Özdemir, sondern um eine Koalition zwischen den Parteien Bündnis90/dieGrünen und CDU.



    Vielleicht hätte man die widerliche Schmutzkampagne gegen den Spitzenkandidaten der CDU einfach lassen sollen, wenn man mit der CDU koalieren will.

    • @J. G.:

      Wenn Sie das einfache, offenbar auch faktisch korrekt kommentierte Posten einer Videos in einem sozialen Netzwerk schon vollkommen fiktiv als "widerliche Schmutzkampagne" bezeichnen, würde ich gerne mal wissen, wie Sie dann tatsächliche widerliche Schmutzkampagnen bezeichnen.



      Das ist wirklich schon fast irreal. Hier versuchen sich Teile der CDU, ganz dem aktuellen, von Trump, AfD und Konsorten gesetzten Trend folgend, als arme Opfer hinzustellen, die sie hier schlicht und einfach nicht sind.



      Ist das Internet etwa immer noch Neuland? Wahrscheinlicher ist, dass so mancher CDUler glaubt, uns für dumm verkaufen zu können.



      Klappt ja leider auch bei einigen.

    • @J. G.:

      Sehen sie genau hier liegt das Problem.



      Es wurde ein Video gepostet, indem ein Politiker freiwillig seine Eindrücke über den Besuch einer Schule kundgetan hat !



      Und für sie und die Mimimi CDU ist das eine „widerliche Schmutzkampagne“ - interessante Wahrnehmung :)

      • @M_Kli:

        Wie würden Sie es denn bewerten, würde ein AfDler zwei Wochen vor einer Wahl acht Jahre altes Videomaterial, das den Linken-Spitzenkandidaten sehr schlecht aussehen lässt, "zufällig" veröffentlichen?



        Natürlich ist das eine Schmutzkampagne. Das ist ein politischer Stil, den ich persönlich nicht haben oder sehen möchte. Von keiner Partei.

        • @Katharina Reichenhall:

          Sicherlich hätte die CDU nur allzu gern solches Material von Cem Özdemir wunderbar breitgetreten - so es denn solches gegeben hätte. Gab es aber nicht, so ein Pech aber auch für die Schmutzkampagnen-starke CDU.

          • @mwanamke:

            Man hätte z. B. die Bonusmeilenaffäre wieder aus der Mottenkiste holen können. Ich weiß, diese Affäre hat so einen Bart und ich hätte es peinlich gefunden, hätte man das getan, aber man hätte sicher etwas daraus stricken können.



            Ich verstehe nicht, warum man nicht ein gewisses Störgefühl hat, wenn ein acht Jahre altes Video zwei Wochen vor der Wahl lanciert wird. Da ist Herr Özdemir weiter als so mancher Forist hier.

    • @J. G.:

      Welche Schmutzkampagne? Widerlich sind die Aussagen Hagels im Video. Im Gegensatz zu dem, was die Union und ihre Helfer bei Springer und Co. in der Vergangenheit veranstaltet haben, war da nichts verfälscht, verzerrt oder irgendwie manipuliert.

      • @Flix:

        Nur war der Zeitpunkt der Veröffentlichung halt falsch. Wenn beide Seiten auf persönliche Angriffe des jeweils anderen Kandidaten verzichten, dann sollte man halt auch auf persönliche Angriffe des jeweils anderen Kandidaten verzichten.

        Dabei ist es vollkommen unerheblich, dass Herr Özdemir von der Aktion einer Einzelperson im Vorfeld vermutlich nichts wusste.

  • Gerade die "volkstümliche" Südwest-CDU müsste doch wissen: der Schwabe wird erst mit 40 Gscheit (und mancher nimmer mehr). Und trotzdem haben sie diesen fleischgewordenen Kommunionsanzug aufgestellt. Die Larmoyanz dieser Heuchlertruppe ist nicht nur peinlich, sie ist erbärmlich! Selbst wenn der eine oder andere reaktionäre Stratege damit nur dem Wahlsieger ein schlechtes Gewissen machen will um eine bessere Verhandlungsposition für die GroKo zu erträumen. Es ist nicht mehr ertragbar.

  • An die "Antiquiertheit" des "Links-rechts-Ideologie-Gequatsches" glaube ich überhaupt nicht, man lese nur Nobberto Bobbio.

    Allerdings ist Politik immer die Kunst des Möglichen, und hierin haben sich Özdemir, Kretschmann und die übrigen Ländle-Grünen als meisterhafte Strateg:innen erwiesen.

  • Özdemir hat sich als kompetenter, sympathischer und nachdenklich-abwägender Politiker mit tiefen Wurzeln in der Region präsentiert. Dieses Image verfing auch deshalb, weil es meiner Meinung nach schlicht der Wahrheit entspricht - während Herr Hagel mit seiner Dünnhäutigkeit nicht überzeugen konnte. Ich habe dieses Mal zum ersten Mal überhaupt die Grünen gewählt, weil Herr Özdemir mich einfach überzeugt hat. Und ich glaube, er wird aus dieser aktuellen Krise am Ende so oder so auch gestärkt hervorgehen - die CDU weiß auch, dass ein patziges "Platzen lassen" der Koalitionsgespräche am Ende ihnen selbst schaden und den Grünen nützen würde, weil sich erneut Herr Özdemir als der sachlichere Gesprächspartner profiliert hätte.

  • Beide Bewerber sind sehr fair miteinander umgegangen und haben von persönlichen Angriffen abgesehen. Insoweit wird Herrn Özdemir auch kein persönlicher Vorwurf gemacht. Problematisch (und wohl auch wahlentscheidend) war jedoch das Verhalten von Frau Mayer. Insoweit sollte sich Herr Özdemir einfach öffentlich entschuldigen und Koalitionsgesprächen dürfte nix mehr im Wege stehen.

    • @DiMa:

      „Problematisch (und wohl auch wahlentscheidend) war jedoch das Verhalten von Frau Mayer. "



      Problematisch (sehr problematisch) und wohl auch wahlentscheidend war die Politik von Friedrich Merz und Katherina Reiche, die in schrecklicher Naivität kurz vor der Wahl in BaWü ihre (Nicht-)Pläne für die Energiewende veröffentlicht hatten.



      Zoe Mayer hatte als Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg auf das zweifelhafte Weltbild eines ehemals 29jährigen CDU-Abgeordneten hingewiesen. Wegen der Eindeutigkeit war es für Manuel Hagel dann „Mist". Aiwangern war nicht möglich.

    • @DiMa:

      Was bitte war am Verhalten von Frau Mayer problematisch? Sie hat nur den Job gemacht, den normalerweise Journalisten übernehmen sollten, und auf ein Video aufmerksam gemacht, das den Charakter von Herrn Hagel offenbarte. Herr Özdemir sollte sich dafür in keiner Weise entschuldigen.

      • @Aurego:

        Es handelt sich schlichtweg um Schmähkritik.

        Wie Sie selbst sagen geht es dann halt um die Person und nicht wie vorgegeben um die Sache selbst. Nur wenn die beiden Parteien bewusst einen fairen Wahlkampf veranstalten und von Angriffen auf die Person absehen, dann sollte man halt auch von Angriffen auf die Person absehen.

        Und ob ein acht Jahre altes Video noch irgendwas über den heutigen Charaker aussagt bei einem Thema, welches einem starken Wandel unterliegt, steht in den Sternen.

        • @DiMa:

          Quatsch! Wenn jemand auf ein Video aufmerksam mache, das ja vorhanden war, ist das keine Schmähkritik, sondern eine wichtige Information.



          Ja, auch ein acht Jahre altes Video sagt durchaus etwas über den Charakter des Protagonisten aus. Der Charakter eines Menschen ändert sich im Verlauf seines Lebens nach dem Erwachsenwerden nur unwesentlich.

          • @Aurego:

            Na das ist doch mal ein sehr pessimistisch Ansatz. Aus meiner Sicht hat sich hat die Gesellschaft in den vergangenen acht Jahren gerade in diesem Bereich einen starken Wandel erfahren (insbesondere durch Epstein & Co.) und dieser Wandel ist in diesem Umfang nur durch eine Änderung auch der Charaktere der Erwachsenen möglich.

      • @Aurego:

        Na ja, das ist aber auch ein bisserl wohlfeil. Natürlich war es kein Zufall, ein 8 jahre altes Video ein paar Tage vor einer Wahl herauszuholen. Dass sich die Parteien bei solchen Spielchen nichts nehmen und das Gejammer der Union auch nur peinlich ist, macht das nicht besser. Ich brauch keine amerikanischen Wahlkampfverhältnisse, wo nur noch empört über irgendwelche randläufigen Verfehlungen geredet wird und nicht über politische Inhalte.

        • @Deep South:

          Ein Zufall war es nicht. Das tut jedoch nichts zur Sache. Das Netz vergisst nichts. Das war auch vor acht Jahren schon bekannt.



          Die Union hätte es ganz genauso gemacht, wahrscheinlich sogar noch schlimmer.

    • @DiMa:

      Problematisch (und wohl auch Wahlentscheidend) waren wohl eher die Aussagen und die Inkompetenz von Hagel in den Videos.



      Wer den Klimawandel damit erklärt, dass die Atmosphäre durch Treibhausgase immer dünner wird und dadurch mehr Sonnenstrahlen auf die Erde treffen sollte sich erstmal ein bisschen bilden, sonst kann man ihm nicht zutrauen ein wichtiges Amt zu übernehmen.

      • @esgibtnureinengott:

        Nur war die Berichterstattung und die Reaktion in der Paradozialen Medien über diesen inkompetenten Auftritt ungleich kleiner als die Reaugen-Geschichte; gerade in Bezug auf die parallel verlaufende Epsteinberichterstattung.

    • @DiMa:

      Also in den Nachwahlbetrachtungen in unserer Firma spielte das Video keine Rolle. Es bestand allerdings trotz unterschiedlicher Parteipräferenzen Einigkeit, dass Hagel gegenüber Özdemir nicht reif genug wirkte, um Ministerpräsident zu werden. Das war wohl entscheidend.

      Übrigens. Zum peinlichen Auftritt in einer Schule hat Hagel selbst das Fernsehen mitgenommen...

    • @DiMa:

      Klingt so einfach, aber Özdemir hat am Wahlabend schon klargestellt, dass er das "Foul" von Frau Mayer eher handballerisch sieht ("geht halt schonmal hoch her gegen Ende..."), und die CDU tönt, als glaube sie, dass das nach dem Foul erzielte "Tor" zurückgepfiffen werden könne. An der Stelle sehe ich wenig Näherungspotenzial.

      Aber warum auch auf Deibel komm raus hier eine öffentliche Befassung der direkt Beteiligten mit dem Streit erwarten? Weder Özdemir noch Hagel haben mit dem Thema einen Blumentopf zu gewinnen, und die Musik spielt eh in den Koalitionsverhandlungen (die es SELBSTVERSTÄNDLICH geben wird). Da wird dann wahrscheinlich wieder Jovialität regieren und Özdemir das schwarzgrün-schwarze Programm und Kabinett, über das er präsidieren darf, als die versprochene Augenhöhe verkaufen, während Hagel Minister mit dem Portfolio seiner Wahl werden und sich in der MP-Frage an Spahns Geschwätz von gestern nicht mehr erinnern wird.

  • Die CDU kippt beim Bücken mehr mit dem Hintern um, als sie eigentlich aufheben will. - Soll heißen, sie macht die Grünen so schlecht, dass eine Koalition immer schwerer wird, nur um selber gut dazustehen.



    Oder aber sie arbeitet an einem Bündnis mit der AfD und dann wäre der Spin perfekt, dass die Grünen daran Schuld sind. Das haben Ihr nahestehende Medien, wie WELT und Nius, ihr bereits offen empfohlen. Spahn hat sich dann nur getraut das "israelische Modell" ins Gespräch zu bringen, wenn es nicht evtl. dazu dient besagten Spin auszubauen.



    Die Fremdwahrnehmung ist jedenfalls die einer jammernden Laienspieltruppe mit dem Stück "Die Wahl wurde gestohlen! - Schwäbische Version". Seriöse Politiker stelle ich mir anders vor ...

  • " Es war knapp, aber der Auftrag an ihn ist klar: eine Koalition „auf Augenhöhe“ zwischen den gleichstarken Fraktionen von CDU und den Grünen anführen und moderieren und das Beste aus ihr herausholen. Beide Parteien brauchen einander, .... "

    Dass die Grünen den Auftrag (von sich selbst) haben eine Koalition anzuführen und zu moderieren ist ja wohl klar. Dass dabei auch wohl Özdemir bestimmt was "das Beste" ist, scheint auch klar - kann mir nicht vorstellen dass Hagel irgendwas definiert. Allerdings wäre es bei einer machtbewussten CDU kaum so dass beide Parteien einander brauchen - die CDU könnte z.B. eine Koalition mit den Grünen ablehnen und eine von der AfD tolerierte Minderheitsregierung führen. Das heisst, eigentlich brauchten die Grünen eher die CDU als andersrum. Die CDU mit dem Bettvorleger Hagel hat sich allerdings freiwillig dieser Verhandlungsoption beraubt. Das war geschickt gemacht von den Grünen, und mit der Unterstützung von Merz, der Merkel immer ähnlicher wird. Mit so einem geschickten" Verhandlungsführer kann man sich ausrechnen wer in der Koalition "das Beste" für sich herausholt...

    • @Gerald Müller:

      "...die CDU könnte z.B. eine Koalition mit den Grünen ablehnen und eine von der AfD tolerierte Minderheitsregierung führen..."

      Das mag zwar der Traum eines Teils des rechten Flügels der Partei sein, ist aber in den nächsten Monaten nicht machbar. So lange noch etliche Landtagswahlen anstehen, wird die Bundespartei verhindern, dass offen mit der AfD zusammengearbeitet wird. Ob das so bleibt, hängt von den Wahlergebnissen ab.

  • Parteiprogramme sind wichtig und sie erfüllen die Funktion von Leitplanken.



    Wie auch Leitplanken, sind sie mehr oder weniger als Orientierung gedacht, die wenn notwendig, aber auch umfahren werden können.



    Parteiprogramme immer auf Teufel komm raus zu verteidigen, führt oft ins Abseits. Daher sollten diese flexibel sein und den Gegebenheiten angepasst werden können, ohne dabei alles über Bord zu werfen, was diese Partei auszeichnet bzw. ausgezeichnet hat.



    Das Beharren auf ein zu einhundert Prozent umzusetzendes Parteiprogramm, heisst meistens in der Opposition zu verharren. Die Gestaltungsmöglichkeiten bleiben dadurch fast bei Null, aber man kann guten Gewissens viele der eigenen Klientel bedienen, die zufrieden nicken.



    Oder man zeigt sich als MP einer Partei etwas flexibler und hat dadurch eher die Möglichkeit zu regieren oder mindestens mitzuregieren und zu gestalten, und kann dadurch doch die einen oder anderen (Minimal)Ziele seines Parteiprogramms umsetzen, was in der Opposition nicht möglich ist.



    Ergo, ist doch zweiterer Ansatz der bessere, weil erfolgreichere.



    Somit ist Kretschmann der eigentlich wahre Behüter grüner Ideen und Özdemir sein Nachfolger in spe.