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Wohnraumkrise in DeutschlandEnger wohnen

In den Großstädten sind viele Wohnungen überbelegt. Auch die Familie von Jenny und Dustin Wrembel lebt auf wenig Raum. Doch sie weiß sich zu helfen.

D ustin Wrembel öffnet die Wohnungstür. „Hi“, sagt er und schüttelt Alex Pavicic die Hand. Er bittet den Tischler hinein. Von links ragt ein bunter Wust aus Jacken in den kleinen Flur, an der gegenüberliegenden Wand steht ein Schuhschrank im Skandi-Design, an dem Einkaufsbeutel und ein winziger Fuchs-Rucksack hängen.

Dustin und seine Partnerin Jenny Wrembel rücken noch mal dichter zusammen, damit auch Alex Pavicic in den Flur passt. Sie sind mit ihm verabredet, weil er Maß nehmen will für zwei Hochbetten, die in ihre Mietwohnung eingebaut werden sollen. Denn spätestens seit der Geburt ihres zweiten Kindes haben die Wrembels ein Problem: Sie leiden unter Platzmangel.

In den vergangenen Jahren hat sich die Wohnsituation für viele Familien in den deutschen Großstädten dramatisch verschlechtert. Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2023 rund 17 Prozent der Stadt­be­woh­ne­r*in­nen in einer zu kleinen Wohnung, das entspricht in etwa je­de*m sechsten.

Besonders unter Wohnraummangel leiden der Erhebung zufolge armutsgefährdete Personen, Alleinerziehende und Menschen mit ausländischem Pass – zunehmend aber auch Familien aus der Mittelschicht, wie der Deutsche Mieterbund, das Verbändebündnis Wohnungsbau und die Diakonie Deutschland sagen.

Dass auch sie einmal davon betroffen sein würden, hätten die Wrembels nie gedacht. Immerhin arbeitet Jenny Wrembel, 34, als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem großen Krankenhaus und Dustin Wrembel, 37, als Erzieher in einer Kita.

Beides relativ krisensichere Jobs, die ihnen ein regelmäßiges Einkommen sichern. Doch selbst das ist in einer Stadt wie Berlin schon lange keine Garantie mehr, eine angemessene Wohnung zu finden – oder gar noch mal umzuziehen.

In ihrem Wohnzimmer erzählen die Wrembels ihre Wohnbiografie, die den Erfahrungen vieler Millennials ähneln dürfte. Jenny Wrembel, eine Frau mit jugendlichem Gesicht und braunem Pferdeschwanz, kommt ursprünglich aus der Kleinstadt Erkner in Brandenburg; Dustin Wrembel, ein Mann mit abrasierten Schläfen und einem kleinen blonden Zopf am Hinterkopf, ist in den Achtzigern im selben Stadtteil aufgewachsen, in dem sie heute wieder wohnen – im ehemaligen Arbeiterbezirk Berlin-Wedding. „Ich bin so ein richtiges Ghettokind“, sagt er.

Die Kindheit verbrachte er in einer geräumigen Altbauwohnung, an die er wehmütig zurückdenkt. „Ich hatte ein Kinderzimmer, das war größer als unser jetziges Wohnzimmer, bei einer Miete, die nur etwa halb so hoch war wie unsere Miete heute.“ Dieser Teil des Wedding sei jedoch unbezahlbar für Leute wie sie geworden. „Wir werden zunehmend an den Rand gedrängt.“

Kennengelernt haben sie sich im Fitnessstudio. Er ging dort fünf Mal die Woche trainieren, sie ab und zu. Die beiden verliebten sich, er zog bei ihr ein: in ihr kleines Einzimmerapartment nahe S-Bahnhof Wedding. Eine schöne, aber anstrengende Zeit folgte: Denn nun musste Jenny Wrembel, die damals schon im Schichtdienst arbeitete, nicht nur mit dem Gepiepe ihrer Wellensittiche klarkommen, sondern auch mit seinem Gedaddel, weshalb sie ihn zum Computerspielen in die Küche komplimentierte.

1930er-Jahre-Mietskaserne

Sie hätten schnell realisiert, dass das auf Dauer nicht die Lösung sein konnte, zu zweit auf engstem Raum. Aber Umziehen war auch 2017 schon schwierig. Für ihre jetzige Wohnung habe es etliche Mit­be­wer­be­r*in­nen gegeben, sagen die Wrembels.

Unverhofft bekamen dann aber ausgerechnet sie die Zusage für die 65-Quadratmeter-Wohnung mit zweieinhalb Zimmern, Küche, Bad und einer kleinen Loggia, in der seither ihre mittlerweile zehn Jahre alten Wellensittiche, „die Rentner“, leben.

Wenn die Wrembels aus dem Küchenfenster blicken, sehen sie auf dürre Birken und parkende Kleinwagen, wenn sie hintenraus blicken, auf einen Innenhof mit dem Charme eines Nullachtfuffzehn-Bolzplatzes. Trotzdem freuten sie sich, als sie vor rund sieben Jahren in den ersten Stock der 1930er-Jahre-Mietskaserne im Afrikanischen Viertel ziehen konnten.

Okay, die herumlungernden Menschen vor dem nächstgelegenen Späti bereiteten ihnen etwas Unbehagen, dafür lag das neue Zuhause genau zwischen ihren beiden Arbeitsstätten und bot ihnen genügend Raum für ihre Vorstellung von einem guten Leben. Ein Zimmer bauten sie zum Fitnessraum aus, das andere nutzten sie zum Fernsehen, Zocken und Freun­d*in­nen-Empfangen, das Schlafzimmer legten sie in die 10 Quadratmeter kleine Kammer.

Erst flogen die Sportsachen raus, dann wanderte ihre Britney-Spears-Sammlung in den Keller

Doch dann kam das erste Kind, und sie mussten näher zusammenrücken, drei Jahre später kam das zweite – und es wurde eng. Zuerst flog das Sport­equipment raus, dann wanderten seine Lego- und ihre Britney-Spears-Sammlung in den Keller.

wochentaz

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Die beiden zogen aus der kleinen Kammer, die sie zum Wickel- und Spieleraum umfunktionierten, in eines der beiden größeren Zimmer – und wieder zurück, wo sie momentan auf einer Matratze am Boden schlafen. Den großen Raum gleich gegenüber haben sie ihrer vierjährigen Tochter und dem einjährigen Sohn überlassen – unverkennbar das Kinderzimmer mit jeder Menge Spielzeug und einem Wandtattoo in verschnörkelter Schrift.

„Aber jetzt ist der Kleine in so einem Alter, wo er der Großen immer alles kaputt macht“, sagt Jenny Wrembel. Ihre Tochter bastele etwas, und der kleine Bruder schneide rein, sie male ein Bild und er male drüber.

Der Tischler Alex Pavicic steht nun mit einem Lasermessgerät in der kleinen Kammer und misst sie aus. Er ist Mitgeschäftsführer von „Hardys Hochbetten“. Die kleine Tischlerei gibt es seit etwa 50 Jahren in Berlin, und sie hat fast schon Kultstatus.

Kaum eine Kreuzberger WG kam im damals noch geteilten Berlin ohne eines von Hardys Hochbetten aus. Heute reicht das Angebot von einfachen Holzkonstruktionen bis hin zu aufwendigen Spezialbauten, die so wirken, als würden sie schweben. Bei rund 2.500 Euro pro Hochbett fange es an, nach oben hin sei die Grenze offen.

„Deshalb werden wir auch meistens von Familien beauftragt, die mit ihrem Budget zwar keine neue Wohnung finden, die aber zumindest ein wenig finanziellen Spielraum haben“, sagt der Tischler, der als Praktikant im Betrieb anfing, Gefallen an der Arbeit fand und blieb. Und die Geschäfte liefen gut, erzählt er. Aufträge würden sie aus fast allen Stadtteilen Berlins erreichen. Für ein Hochbett nähmen die Familien oft mehrere Monate Wartezeit in Kauf.

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