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Unklares Ende der RettungsaktionWo ist der Wal?

Die privat finanzierte Rettungsaktion von „Timmy“ endet im Eklat: Es ist unklar, ob das Tier in Freiheit schwimmt – oder schlicht verklappt wurde.

Der Wal wurde zum Opfer bester Absichten. Ein Lastschiff als Transportmittel in die Freiheit oder den Tod Foto: Philip Dulian/dpa

Nun ist er also weg. Exakt zwei Monate lang hat der gestrandete Buckelwal, der von den Boulevardmedien „Timmy“, von Tierschutzaktivisten „Hope“ und von den meisten schlicht „der Wal“ genannt wurde, das Land in einem Ausmaß in Atem gehalten, das viel über die aktuelle Verfassung seiner Bewohnenden sagt – und leider viel zu wenig über Wale.

Seit seinem ersten wortwörtlichen Auftauchen vor exakt zwei Monaten im Hafen von Wismar ist der mehrfach gestrandete Wal im Laufe diverser Befreiungsaktionen, Influencer-Auftritte, weinender Landespolitiker und Internet-Shitstorms von der Randnotiz zum popkulturellen Phänomen geworden. Entgegen den Stellungnahmen der zuständigen staatlichen Institutionen und etablierten Tier-, Arten- und Meeresschutzorganisationen schleppte ihn schließlich ein schillerndes privates Konsortium aus Multimillionären und vermeintlichen oder tatsächlichen Experten, die extra aus Hawaii und Südamerika eingeflogen wurden, in einer spektakulären Aktion in Richtung Nordsee.

Dort ist er am Samstag schließlich unter noch ungeklärten Umständen entweder freigekommen oder schlicht verklappt worden – was zu erheblichem Zwist unter den Beteiligten geführt hat, aber auch zu scharfer Kritik von unter anderem Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) und Greenpeace, weil offenbar Absprachen zur Überwachung und Dokumentation des Vorgehens nicht eingehalten wurden und der Ort der Freisetzung im Skagerrak, einer der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten Europas, wenig walgerecht erscheint.

Timmy ist frei – oder tot

Schon der Transport in schwerer See, bis zur Nordspitze Dänemarks, dürfte das Leiden des moribunden Meeressäugers vermutlich eher noch einmal gesteigert haben. Nachdem er schon die Tage zuvor dem Dauergedröhne von Motoren und permanentem Menschenkontakt ausgesetzt war, wurde er nun auch noch gegen die Wände der Barge geschleudert und offenbar in Seilen verstrickt, bis die Bildübertragung womöglich aus guten Gründen aussetzte und sich die Besatzung der Schiffe der lästigen Fracht offenbar einfach entledigte. „Timmy ist frei!“ – so kann man es natürlich auch nennen, zumindest wenn man die Bild-Zeitung ist. Zwar stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt, aber am Ende eben doch, und im Fall von „Hope“ steht zu befürchten, dass dieser Zeitpunkt nah ist oder womöglich auch schon vorbei. Ob wir je davon erfahren, ist allerdings unklar, denn ob der am Wal installierte Sender sendet und unter welchen Umständen, ist ebenfalls ungewiss.

Mit den Ressourcen, die die Rettungsaktion kostete, hätte man viel für den Schutz von Meeressäugern tun können

Die zahlreichen Facetten des ganzen Falls ziehen mindestens ebenso viele Fragen nach sich. Dass die vermeintliche Rettungsaktion eher eine walgroß angelegte Tierquälerei war, ist das eine. Dass dafür absurd viele Ressourcen verbraucht wurden, mit denen man, richtig eingesetzt, eine ganze Menge für Wale, Delfine oder andere Tierarten hätte bewegen können, das andere.

Bedenklicher ist aber vielleicht noch, wie sehr der gesellschaftliche Diskurs sich von jeder Rationalität verabschiedet hat. Symbolisch dafür steht, dass Minister Backhaus irgendwann auf die Gutachten seiner landeseigenen Fachleute pfiff und statt zu einem anberaumten Expertentreffen zum Schutz von Meeressäugern in der Ostsee lieber selbst in die Ostsee zum Wal ging, um dem wehrlosen Tier in die Augen zu schauen.

Wenn Fakten zu Meinungen werden

Deutlicher kann man kaum zeigen, was man von Wissenschaft hält. Wenn aber begründete Fakten am Ende nur noch Meinungen sind, die gleichberechtigt neben den Äußerungen von „Free Willy“-Aktivisten und Selfie-Stick-Tierfilmern stehen, darf man sich vielleicht auch nicht wundern, wenn Maßnahmen zur Eingrenzung einer Pandemie ganze Bevölkerungsteile in die Staatsfeindlichkeit treiben oder der menschgemachte Klimawandel nur noch als Gruselgeschichte wahrgenommen wird, mit der man jetzt aber bitte auch mal wieder Schluss machen kann, weil wir weiter Verbrennermotoren verkaufen wollen.

Der Walfall zeigt, dass wir offenbar bereit sind, sobald der mediale Lärm nur groß genug ist, fachfremde Vermögende entscheiden lassen, wie mit einem gestrandeten Wal zu verfahren ist. Um gleichzeitig zu betonen, die Verantwortung dafür liege ganz allein bei ihnen und nicht etwa bei der Regierung und ihren staatlichen Einrichtungen. Und um hinterher zu beklagen, man sei hinters Licht geführt worden, wenn diese unkontrollierten Akteure unkontrolliert agieren. So wurde wahrscheinlich auch noch die Chance vertan, wissenschaftliche Daten zu sammeln, damit das Schicksal des Wals wenigstens für irgendetwas zunutze gewesen wäre.

Die Anteilnahme war nicht rational

Zu Recht wurde vielfach darauf hingewiesen, dass die große Anteilnahme am Schicksal des Wals ebenfalls nicht rational sei. So viele Tiere leiden in Schlachthöfen und Fangnetzen, und manch Wismarer Walfreund dürfte sich dennoch nach einem Blick auf den gestrandeten Meeressäuger zur Stärkung eine Bratwurst oder ein Fischbrötchen gegönnt haben.

Aber Rationalität ist nicht alles. Überschaubare Einzelschicksale erlauben uns, Anteil zu nehmen und Mitgefühl zu entwickeln, letztlich also: Menschlichkeit zu zeigen. Sie könnten uns helfen, vom individuellen Schicksal den Blick zu weiten auf größere Zusammenhänge. Wale sind uns erkennbar nicht egal. Wenn die Empathie für Timmy/Hope/den Wal dazu führte, dass wir uns stärker bemühen, die eigentlichen Gefährdungsfaktoren für Wale und Delfine zu reduzieren, statt einen einzelnen, todkranken Wal zurück ins Meer zu schubsen, hätte das ganze Spektakel auch etwas Gutes gehabt. Der Punkt dafür ist im populistischen Getümmel aber am Ende wohl so sang- und klanglos untergegangen wie womöglich der Wal.

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24 Kommentare

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  • Der Wal wurde nicht "verklappt" - es gibt Live-Drohnenaufnahmen von NEW5Live wie er von der Barge wegschwimmt. Es gibt auch Signale vom GPS-Sender. Hätte man rausfinden können, vor oder bei Schreiben des Artikels.

    Und darüber hinaus: Man kann anhand dieses Wales viel lernen über guten Journalismus, Hin- und Wegschauen.



    NEWS5 hat 44 Tage 24/7 live draufgehalten und dadurch bewiesen, dass im Totgesagten viel Lebenswillen und Kraft steckte.



    NEWS5 war auch mit gecharterten Booten - alles durch seine Community finanziert - bei der Rettungsaktion dabei und hat durch Drohnenaufnahmen für Klarheit gesorgt.



    Ohne diese Live-Übertragungen - die auch die Retterinitiative gesehen hat - würde das Tier jetzt noch in seiner 50-cm-Brackwasser-Pfütze vor Poel leiden.

    Dieser Wal hat ein Recht auf Leben und Nicht-Leiden wie jedes andere Lebewesen. Man kann ein einzelnes Leben retten und gleichzeitig für die Bewahrung des Großen Ganzen sorgen. Das ist kein Entweder Oder.

    Andere Wildtiere - kleinere - werden selbstverständlich gerettet, aufgepäppelt und wieder in die Freiheit entlassen. Jetzt war es eben ein Wal.

  • Der bisher beste Artikel, den ich über dieses Thema insgesamt gelesen habe. Ich muss gestehen, dass ich mich zeitweise aus der Berichterstattung ausgeklingt habe, da ich dieses Thema einfach nicht mehr ertragen konnte und von Natur aus eher pessimistisch bin. Erst als der Wal erfolgreich in die Barge schwamm, habe ich mich wieder zugeschaltet und war zunächst zutiefst beeindruckt. Das Ende der Geschichte ist dann leider sehr unprofessionell verlaufen, wenn man sich die Pressekonferenz mit Frau. Dr. Tönnies ansieht, weshalb ich meine, dass dies Konsequenzen haben sollte - in welcher Form auch immer. Aber das ist im Nachhinein eigentlich auch keine große Überraschung - leider. Ich habe aber - trotz Pessimismus - die Hoffnung, dass man aus der ganzen Aktion etwas für die Zukunft lernen kann. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nochmals: Danke für den Artikel!!!

  • Leider bestens auf den Punkt gebracht. Leider, weil ich mir eine andere Welt wünschen würde.

  • Ich bin einfach nur froh, dass sämtliche Influecer und Journalisten, die sich seit zwei Monaten urplötzlich in Meeresbiologen (mit dem Schwerpunkt Walrettung) verwandelt haben, nun ENDLICH aufhören von diesem Schwachsinn zu berichten und wieder ihrer normalen Arbeit nachgehen. Die Berichterstattung war ähnlich unerträglich wie die (versuchten) philosophischen oder bildungspolitischen Reden von R.D. Precht bei Lanz: Fachfremde Selbstdarstellung, dem Internet sei Dank...

  • Militarisierung der Meere durch Sonaranlagen, Müllverklappung, übermäßigen Güterverkehr, Überfischung stoppen.

  • "Die Anteilnahme war nicht rational." Dafür hat die örtliche Fischbrötchenbude ordentlich Kasse gemacht. Kognitive Dissonanz Masterclass.

  • Einen Erfolg hätte man sicher geeignet dokumentiert und anschließend gefeiert - vielleicht sogar zu Recht. Die Abwesenheit von Bildmaterial spricht eine deutliche Sprache - er wird wohl nach einigen Metern schlicht untergegangen und ertrunken sein. Viel Rauch um gar nichts? Würde ich nicht sagen, wenn man betrachtet, wie lächerlich sich einige führende Landespolitiker benommen haben. Ich plädiere für ein Denkmal, gerne einige Millionen Euro teuer, natürlich aus Steuermitteln.

    • @Nachtsonne:

      Die Nordsee bei Sturm ist zuweilen tatsächlich ein ernstzunehmender Gegner für die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten moderner Medienrealität. Deshalb würde ich da nicht so messerscharf rückschließen wollen.



      Aber dass es viel Rauch um relativ wenig war, kann man wohl nicht abstreiten. Es wäre auch nicht die erste Rettungsaktion für gestrandete Wale gewesen, die sich in Sachen Herzblut und öffentlicher Hype in einem eklatanten Missverhältnis zu den absehbaren Erfolgschancen befand. Ob es nun Massenstrandungen auf der Südhalbkugel sind oder einzene veriirte Tiere in unseren Breiten: Überlebt haben es oft genug trotz tage- und wochenlanger, aufopferungsvoller Hilfsaktionen die wenigsten Wale. Effizienter Mitteleinsatz für Tier- und Artenschutz sieht also unstreitig anders aus - das haben auch die entsprechenden NGOs quasi von Tag 1 an betont.



      Auf der anderen Seite werden für sowas eben Mittel mobilisiert, die für die effektivere, aber nicht so "emotional erfahrbare" Arbeit gar nicht erst zur Verfügung stünden. Und vielleicht bleibt auch ein nachhaltiger Rest von Bewusstsein übrig, dass auch Mittel dafür etwas reichhaltiger fließen.

  • "Deutlicher kann man kaum zeigen, was man von Wissenschaft hält": Die Entscheidung, ob der Wal gerettet wird oder nicht, ist eine politische, nicht wissenschaftliche. Wissenschaft liefert nur Fakten, und es konnte, laut Presseberichten, nichts schlüssiges festgestellt werden. Ob und wie die existierenden Vorschriften eingehalten wurden, ist ein anderes Thema.

    • @Abcd E:

      Es ging im wesentlichen ja wohl eher darum, ob eine Rettung überhaupt möglich ist und wie sie zu bewerkstelligen wäre. Das hat ja nichts mit Politik zu tun.

  • Genau.

  • "Deutlicher kann man kaum zeigen, was man von Wissenschaft hält."



    Auf den Punkt gebracht.

    • @Nansen:

      Wissenschaft ist eine Methode, nicht die Inhaberin der absoluten Wahrheit. Greta hat auch in diesem Punkt unrecht.

      • @Nachtsonne:

        Und die wissenschaftliche Methode ist ein systematischer Prozess, der zu neuen Erkenntnissen führt, die auf Basis von Beobachtungen, Experimenten, Analysen und Kritik entstehen. (www.science.lu/de/...haftliche-methode)



        Auf Basis von was hingegen erfolgte diese FreeWillyShow?

      • @Nachtsonne:

        Wenn man sich aber medienwirksam der Einzelfallbetrachtung samt Herzschmerz-Publicityfaktor widmet und um dessentwillen (so steht es im Artikel) eine Konferenz sausenlässt, auf der man alternativ zu grundsätzlichen Lösungen für die Probleme der Meerestiere hätte beitragen können, dann ist dieser Satz völlig gerechtfertigt.



        Wissenschaft ist eine Methode und nicht weiß der Kuckuck was. Aber sie ist mehr als eine Meinung, und vor allem eher das, womit sich ein Politiker Einfluss verschaffen sollte anstatt mit Insta-Pics.

      • @Nachtsonne:

        und wer hat dann die absolute Wahrheit. Sicher nicht die mit dem meißten Gelde und auch nicht die die am lautesten schreien.



        Wissenschaft ist immer noch näher an der Wahrheit als alle andere. (wenn es freie Wissenschaft ist)

  • Danke für den Kommentar. Jetzt wo der Wal verschwunden ist...bitte



    die deutsche Marine mit einem U-Boot danach suchen lassen.

  • Erfahrungsgemäß ist die Hoffnung, dass das mediale Ausschlachten des Leidens des Wales irgendeine Änderung im Denken und Verhalten von Menschen bewirken könnte, völlig naiv.



    Nächste Woche wird eine neue (Erregungs-) Geschichte durch elektronische Dorf getrieben und in drei Wochen erinnert sich niemand der empörten und weinenden „Naturliebhaber“ mehr, das es „Timmy“ gegeben hat.



    So funktionieren heute Medien…

  • Es scheint vielleicht zu abwegig, selbst den Machern von Star Treck IV: Zurück in die Gegenwart ist es nicht eingefallen, mit dem Wal zu sprechen. Es ist zwar immer von Wal-Gesängen die Rede, doch wie sie kommunizieren, wissen wir nicht. Wenn der berühmte Graupapagei Alex Farben und Formen unterscheiden und benennen kann, sollte ein Wal mit einem etwas größeren Gehirn zu ähnlichen kognitiven Leistungen fähig sein. Angesichts der Absprachen unter Schwertwalen sollten auch komplexere Zusammenhänge verstanden werden. Dabei gibt es schon so lange Aufzeichnungen von Wal-Gesängen. Mit KI ausgewertet sollte sich doch da etwas finden. Sicher, es fehlt noch ein Stein von Rosetta, wo anhand von Beispielen ein erster Einblick geschaffen wird. Mit Tieren, die man kennt gelingt meist eine nonverbale Kommunikation.

    • @mdarge:

      Es gibt keine "KI". Das was du meinst sind LLMs. Die können natürlich nur irgendwas ausspucken, auf das sie trainiert wurden. Wenn keine entschlüsselte Wal-Kommunikation vorliegt, kann ein LLM rein gar nichts diesbezüglich.

  • Die Hoffnung stirbt zuletzt?



    Dann stirbt der Wal ja schon mal davor.

    Anderthalb Millionen für emotionale Befindlichkeitsentlastung und dann immer noch nicht im eigentlichen Habitat rausgesetzt (das wäre laut einem Biologen das Nordmeer gewesen). Wir spinnen, wir Menschlichen, wie Obelix schon wusste.

  • Homo sapiens hat Ratiowalität komplett verloren.

  • Laut meiner jugendlichen Nachbarin erkennt man am Namen die Sprecherin oder den Sprecher: Timmy sagen alte Leute; alle anderen nennen ihn Hope.

  • Hat der Irrsinn nun endlich ein Ende?



    Während in Japan 2025 im kommerziellen Walfang 326 Wale erlegt wurden, also fast jeden Tag einer, und niemand darüber berichtete, wurde um EINEN vermutlich schwerkranken Wal ein irrer Medienhyphe veranstaltet. Selbst T-Shirt und Taschen mit Aufschrift "Free Timmy" und "go Timy go" kann man kaufen, alleine in Temu über 100 Artikel - Irrsinn.



    All denjenigen die nun von Empathie für Timmy reden empfehle ich nur noch Fische mit dem Mindestsiegel MSC zu kaufen, das rettet hundertfach mehr Wale und Delfine, wenn auch ohne mediales Spektakel.