Antifaschismus in rechtsfreien Räumen: Schweres Erbe, raue Gegenwart
Deutsche Nazis töten. Doch auch in der Linken lassen sich autoritäre Tendenzen beobachten. Antifaschist*innen sollten sich nicht von Islamisten kapern lassen.
Foto: Kai Horstmann/imago
Amadeu Antonio kam 1987 mit 103 anderen angolanischen Vertragsarbeitern in die DDR. Im „sozialistischen Bruderland“ arbeitete er im VEB Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde. Nach der „Wende“ war Antonio eines der ersten überregional bekannt gewordenen Mordopfer rechtsextremistischer Gewalt im vereinigten Deutschland.
Ein von lokalen Neonazis angeführter Mob junger Männer schlug Amadeu Antonio im November 1990 auf offener Straße in Eberswalde brutal zusammen. Er verstarb an den Kopfverletzungen. Seine zwei mosambikanischen Begleiter überlebten den Angriff knapp.
Der Überfall auf die Vertragsarbeiter im November 1990 geschah willkürlich. Drei bewaffnete Zivilfahnder beobachteten das Geschehen. Sie griffen nicht ein. Ebenso wenig polizeiliche Einsatzkräfte, die in kurzer Entfernung abrufbar gewesen wären. Gegen die Zivilfahnder wurde später ermittelt, das Verfahren jedoch eingestellt. Sechs der beteiligten Nazischläger wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt – nicht wegen Mordes. Das Gericht verurteilte einzelne von ihnen zu einer Höchststrafe von vier Jahren Gefängnis.
Kunst, Antifaschismus, Autonomie und die Tour der Wohlfahrtsausschüsse. Diskussionen und Musik mit Isabelle Graw, Schorsch Kamerun, Masha Qrella, Ilko-Sascha Kowalczuk, Andreas Fanizadeh sowie Vertretern der Clubs Conne Island und About Blank in der taz-Kantine, Berlin.
Do, 1.10.2026, Beginn 19 Uhr
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem n.b.k. und der Ausstellung "Projektionen auf den Osten"
„Als der N*** dann am Boden lag, da ist ihm einer auf’n Kopf gesprungen“, so schilderte einer der Angeklagten den Tathergang vor dem Gericht in Frankfurt/Oder: „Also drei, vier Schritte Anlauf und dann volle Pulle druff.“
Straßengewalt und NSU
Amadeu Antonio, als Gastarbeiter von der DDR angeworben, wurde 28 Jahre alt. Sein Tod markierte den Auftakt einer Serie rassistischer Morde, Überfälle und Brandstiftungen nach der Wiedervereinigung. Ihren Höhepunkt fanden sie im Terrorismus des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Das bundesweit agierende völkische Netzwerk, aus der Thüringer Neonazi-Szene entstanden, erschoss zwischen 2000 und 2006 neun Zivilisten und eine Polizistin an verschiedenen Orten der Bundesrepublik. Ihre Opfer waren Kleinunternehmer mit einem türkischen oder kurdischen Hintergrund und ein griechischer Staatsbürger.
Ebenso verübte der NSU 2004 auch das Nagelbombenattentat mit Schwerverletzten in der Keupstraße in Köln-Mülheim sowie weitere Anschläge und bewaffnete Raubüberfälle. Doch die Ermittler konnten jahrelang den NSU als solchen nicht erkennen. Die Mordserie von 2000 bis 2006 ordneten sie dem Milieu der Migranten selbst zu.
Eine These, die erst in sich zusammenbrach, als am 4. November 2011 die Hauptkiller der terroristischen Vereinigung, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, nach einem Banküberfall in Eisenach gestellt wurden. Laut Behörden sollen sie Suizid begangen haben. Ihre Mittäterin Beate Zschäpe befindet sich bis heute in Haft.
Aus der „Hundeheimat“
Böhnhardt und Mundlos waren in den 1990ern bereits durch das Basteln von Bomben und das Sprühen von Hakenkreuzen aufgefallen. Sie wurden in ihrer Thüringer Heimat einmal von der Polizei im Auto gestoppt. Ausgerüstet mit Äxten, Wurfsternen, Gaspistolen und Messern waren sie da unterwegs. In dem autobiografischen Bericht „Hundeheimat“ erzählt Don Pablo Mulemba, 1995 in Eberswalde geboren, wie ihn rechtsextremistische Gewalttäter völlig anlasslos im Auto oder Bus in Cottbus als Jugendlichen jagten (Verlag Rowohlt Berlin, 2026).
Don Pablo Mulemba besuchte in Cottbus seit seinem zwölften Lebensjahr das dortige Sportinternat. Sein Vater war in Eberswalde mit Amadeu Antonio befreundet gewesen. Auch er arbeitete als angolanischer Vertragsarbeiter im Schlacht- und Verarbeitungskombinat. Dort lernte dieser auch Don Pablos ostdeutsche Mutter Jana kennen.
In „Hundeheimat“ erzählt der Autor in einer Szene davon, wie seine Eltern mit Freunden und seiner Schwester in ihrer eigenen Wohnung in Eberswalde angegriffen wurden. Das war 1991, ein Jahr nach der Ermordung von Amadeu Antonio, Don Pablo selber noch nicht geboren.
„Plötzlich frisst sich ein Baseballschläger durch die dünne Wohnungstür. Die Tür bricht. Einer stellt seinen Fuß in die Tür (…). Jetzt stehen sie im Flur. Drei maskierte Männer mit ihren Springerstiefeln. Zwei mit Baseballschläger, ein anderer mit einem Messer bewaffnet. Aus der unteren Etage hört man die Stimme eines stark alkoholisierten Nachbarn, der manisch ‚Ausländer raus, Deutschland den Deutschen!‘ durchs Treppenhaus krakeelt und die Ausnahmesituation noch unübersichtlicher macht.“
Antifaschistische Aktion
Don Pablos Vater und die anwesenden Freunde hatten im angolanischen Bürgerkrieg gekämpft. Sie waren militärisch ausgebildet und schafften es, sich gegen die Angreifer zu verteidigen. Die Ermordung Antonios hatte ihnen bereits zuvor deutlich gemacht, dass sie sich im Zweifelsfall selbst würden schützen müssen.
Nach dem in Eberswalde ermordeten Amadeu Antonio ist seit 1998 eine antirassistische Stiftung benannt. Auch sie steht immer wieder im Fokus gewaltbereiter Rechtsextremisten. Eine ihrer freien Mitarbeiterinnen, Heike Kleffner, Geschäftsführerin des Verbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e. V., sprach bei einer Rede im Berliner Columbia-Theater Ende Juli von Zivilcourage und der Notwendigkeit, einer von staatlichen Organen unabhängigen antifaschistischen Haltung.
Der Anlass war ein (Konzert-)Abend mit Danger Dan und Igor Levit, bei dem es um die Solidarität mit den vom ZDF gecancelten Musikern und das Lied „Keine Angst“ ging.
Kritiker von rechts, aber auch aus der autoritären Linken, wollten eine neue RAF am Mikro singen gehört haben. Dabei geht es in dem Song von Danger Dan vor allen darum, was zu tun wäre, so man mit Ereignissen konfrontiert ist, von denen Don Pablo Mulemba in „Hundeheimat“ so souverän erzählt.
Kamel- und Ziegenvideos
Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin kursieren in rechtsextremen, die AfD unterstützenden Chats KI-generierte Videos. Sie hetzen gegen die Wahlsiegerin Elif Eralp und entwerfen ein Bild von Berlin, in dem Kamele und Ziegen vor dem Brandenburger Tor oder Fernsehturm weiden. Zelte, fliegende Händler und eine Menge dicht verhüllter orientalischer Menschen bevölkern Straßen und öffentliche Plätze, dazu ertönt der Ruf des Muezzin.
Die Hetze der Putin-nahen Rechtsextremisten ist krass – und gefährlich. Denn sie erreicht über sich organisierende Chatgruppen hinaus digital und rasend schnell große Bevölkerungsgruppen. Darunter viele vereinzelte Bürger, die die widerspruchsfreie Propaganda frei Haus in ihren Smartphones zugestellt bekommen. Und für die polarisierende Hetze oftmals Teil ihres Alltags geworden ist.
Ähnliches ist auch auf Seite der autoritären Linken zu beobachten, wo die Rhetorik ihrer Social-Media-Unterstützer ebenfalls immer formelhafter das Lagerdenken bedient.
Neuköllner Partycrasher
Den Auftritt des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak aus Berlin-Neukölln auf der Wahlparty der Linken, Seite an Seite mit Issa und Firas Remmo sowie Ibrahim Ibrahim sollte man von daher keineswegs bagatellisieren. Die einen gelten als führende Köpfe der arabisch-libanesischen Mafia in Berlin, der andere soll Unterstützer des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees in Deutschland sein, einer Dachorganisation, in die terroristische Organisationen wie Hamas und PFLP eingebunden sind.
Also Organisationen, die führend am Überfall auf Israel am 7.10.2023 beteiligt waren. Deren Anhänger sich unter anderem dabei lustvoll filmten, wie sie allein auf dem Gelände des Supernova-Festivals 378 Menschen abschlachteten, diese teilweise vergewaltigten, 44 Besucher als Geiseln verschleppten, um so den umfassenden Gazakrieg auszulösen. Massaker wie das vom 7.10., das meint in den Augen dieser Leute die Parole „Free Palestine“.
Eine Hamas-Zelle, die Anschläge gegen jüdische, israelische und proisraelische Menschen und Einrichtungen in Deutschland geplant haben soll, steht derzeit in Berlin vor Gericht. Und ein Extremist wie Ibrahim brüstet sich öffentlich, durch seine Unterstützung in entsprechenden Milieus zum Wahlsieg der Linken in Berlin beigetragen zu haben.
Gemeinsam unausstehlich
Das Beispiel Ferat Koçak macht es deutlich: Es gibt im autoritären Flügel der Linken Kräfte, die über ihre Kritik am Vorgehen Israels im Gazakrieg zur Verallgemeinerung von Israelhass und Antisemitismus beitragen wollen, um diese als dauerhafte Faktoren in der deutschen Innenpolitik zu etablieren.
Die mangelnde Abgrenzung der Linken zu notorisch antisemitischen, panislamischen und panarabischen Szenen ist auch eine Steilvorlage für den völkisch-deutschen Rechtsextremismus. Diese kosten Ferat Koçaks Verbindungen zu den von ihm mit „Bruder“ angesprochenen Kriminellen und Extremisten für die Verbreitung ihrer Umvolkungsfantasien derzeit voll aus.
Man könnte auch sagen: Gemeinsam sind beide Lager unausstehlich. Für die von ihnen Markierten sind sie zudem gemeingefährlich.
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